Dankbarkeit für die geglückte Halbheit

Beim DiCV – Theologennetzwerk am letzten Dienstag stand noch einmal das Jahresthema des Deutschen Caritasverbands im Mittelpunkt: „Familie schaffen wir nur gemeinsam“. Die soziologischen Analysen zeigen immer wieder aufs Neue, wie stark der Wunsch nach einer guten Familie ist. Quer durch alle Altersstufen und quer durch alle Lebensphasen. Familie scheint so etwas wie eine Ur – Sehnsucht zu sein, eine Sehnsucht mit einer gewaltigen existentiellen Kraft.

Und es geht bei dieser Sehnsucht nach Familie wohl um mehr als um ein bestimmtes Sozialmodell. Es wird in der Tiefe eine Sehnsucht nach der unbedingten – im Wortsinn: un – bedingten – Liebe sein, die sich darin offenbart. Familie spiegelt die Sehnsucht, dass es eine Gemeinschaft gebe, zu der ich gehöre einfach deshalb, weil ich bin. Ohne Leistung, ohne Verdienst. Es ist die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der ich sein kann, wie ich bin und was ich bin, ohne Maske, ohne Schminke. Eine Gemeinschaft, die unverbrüchlich zu mir hält, was immer auch kommt, ein Leben lang. Eine Schicksalsgemeinschaft im vollen Sinne.

Existentielle Sehnsucht hat ihren Preis. Der Mangel tut besonders weh, das Scheitern ist besonders erschütternd. Erfahrungen in und mit der eigenen Familie tragen Menschen oft ein Leben lang mit sich, gute und bittere. Familiäre Beziehungsmuster wirken oft über Generationen weiter, gelungene und zerstörerische. Man kann wachsen in einer Familie, als lebens- und liebesfähige Person. Und man kann Wunden davontragen, auch solche, die lange nicht heilen.

Wir haben überlegt, was ein theologischer Blick auf dieses Thema beitragen kann. Was kann das Evangelium sein und sagen hinsichtlich der Familie? Man kann ja nicht einfach bestimmte Familienbilder aus der Bibel als Modelle für die heutige Lebenspraxis übertragen. Nicht einmal das der „heiligen Familie“, die ja im Übrigen alles andere als eine heile Familie war.

Was also kann der Beitrag sein? Eines vielleicht zuerst, eine Perspektive: Jesus stellt den Menschen immer über die Institution (Stichwort: „der Sabbat ist für den Menschen da…“). Er prüft Institutionen sehr genau, ob sie dem menschlichen Leben wirklich dienlich sind. Ob sie im konkreten Einzelfall – der Mensch lebt ja immer im konkreten Einzelfall – dienlich sind. Und er scheut sich nicht, neue Wege zu gehen, auch ganz neue, und ermutigt Menschen, es mit ihm zu wagen. Vielleicht ist die „klassische“ Ehe, die klassische Familie nicht immer der bestmögliche Weg. Vielleicht gibt es ein Leben, ein Beziehungsgefüge, ein Lebensschicksal, das eine neue Form braucht, damit das Leben und die Liebe nicht erstickt. Am Ende ist das der Maßstab des Christentums: die Liebe und die Fülle des Lebens.

Ein Zweites, eine Entlastung. So wichtig Beziehung, Partnerschaft, Familie sein mag: sie muss nicht alles sein. Sie darf nicht alles sein. Nicht der einzige Maßstab für gelungenes Leben, nicht die einzige Quelle des Glücks. Das wäre eine Vergötzung der Familie. Vergötzung entsteht, wenn etwas – und sei es noch so wichtig – in einem Leben zum „ein und alles“ wird, zum Zentrum, um sich alles andere dreht. Familie ist wichtig, aber sie ist nicht alles.

Und ein Drittes, eine Ermutigung. Familie muss nicht perfekt sein, um etwas zu gelten und zu geben. Der Maßstab der perfekten Partnerschaft, der perfekten Familie, des perfekten Mutter- und Vaterseins, der perfekten Betreuung und Pflege der alten Eltern und noch vieles mehr: dieser Perfektionsanspruch drückt das Leben zu Boden. Dagegen hilft eine Haltung, für die der katholisch-evangelische Theologe Fulbert Steffensky ein schönes Wort geprägt hat: Dankbarkeit für die geglückte Halbheit. Dankbarkeit, für das, was gut ist – auch wenn vieles vielleicht nicht gut ist. Dankbarkeit für das, was gelingt – auch wenn vieles vielleicht scheitert. Gerade bei dieser existentiellen Sehnsucht nach Familie ist das, so glaube ich, eine gute Haltung: Dankbarkeit für die geglückte Halbheit. Ich muss dann nichts schönreden. Das Bittere bleibt bitter. Aber ich muss auch nichts dadurch entwerten lassen, dass es nicht perfekt geworden ist. Es gibt auch die geglückte Halbheit.

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Steh‘ auf und iss! – eine biblische Resilienzgeschichte

Brandung-kleinWie ist das mit dem seelischen Krafthaushalt? Was lässt Menschen Widerstände überwinden, Krisen durchstehen, neue Kraft und neuen Mut finden? Was hilft mir selbst, womit habe ich gute Erfahrungen gemacht?

Solche Fragen werden gestellt in Resilienztrainings oder seelsorglichen Teamgesprächen oder spirituellen Klausurtagungen. Man geht auf die Suche nach den eigenen Quellen. Und man kann oft viel voneinander lernen. Nicht selten hat ein anderer einen guten Weg gefunden, der auch mir einen Schritt weiterhilft.

Eine besondere Perspektive bietet der Glaube an. Ein Mensch, der an Gott glaubt, rechnet damit, dass es mehr gibt als das Eigene.  Der gläubige Mensch rechnet grundsätzlich damit, dass Gott etwas in meinem Leben und für mein Leben bereithält. Das gilt auch für den Krafthaushalt und den Umgang mit Widerständen und Krisen.

Es gibt eine interessante biblische Geschichte, die das in ein existentielles Bild fasst. Sie steht im ersten Königsbuch. Im Mittelpunkt steht der Prophet Elija und er wird betrachtet im Moment einer schweren Lebenskrise. Sie ist so schwer, dass er sich den Tod wünscht. Doch dann passiert etwas:

Elija geriet in große Angst. Da machte er sich auf den Weg. In Beerscheba ließ er seinen Diener zurück. Er selbst ging eine Tagesreise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben. Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh‘ auf und iss! Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Steh‘ auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb.“ (1 Kön 19)

Das Bild vom Engel ist ein Existenzbild. Es geht da nicht um ein wunderliches Flügelwesen. Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ein Bote, der etwas von Gott zeigen, etwas von seiner Kraft bringen kann. Das kann beispielsweise ein Mensch sein, der mir in einer bestimmten Situation zum Engel wird. Ja, wir können einander zum Engel werden. Elija begegnet in dieser Szene einem solchen Engel. Und dieser bringt ihn in Kontakt mit neuen Ressourcen. Der Engel erscheint in dem Moment, wo Elija loszulassen beginnt. Dargestellt wird das durch das Bild des Schlafes. Er hat alles gegeben. Mehr hat er nicht. Nun muss entweder etwas Anderes, Neues kommen – oder er geht zugrunde. Und in diesem Moment, wo er loslässt, sich fallen lässt, kommt das Neue. Der Engel kommt und mit ihm neue – seelische – Nahrung.

Eines allerdings muss Elija dann wieder tun. Er muss aufstehen und essen. „Steh‘ auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für dich.“ Auf unseren Lebensalltag übertragen wird das heißen: Schau‘ dich um, vielleicht begegnet dir gerade ein Engel und hat für dich neue Nahrung dabei, etwas, das deine Lebenkraft, deinen Lebensmut nähren kann. Schau dich um in deinem Leben nach „Brot“ und „Wasser“, nach den großen und kleinen Kraftquellen. Und dann steh‘ auf und iss. Ich – Gott – sorge dafür, dass du nicht seelisch verhungerst. Aber du – Mensch – musst im rechten Augenblick aufstehen und essen, um Kraft zu bekommen für den nächsten Schritt.