Zwischenruf: Islamischer Wohlfahrtsverband?

Gestern wurde vom Bundesinnenminister die neue Runde der deutschen Islamkonferenz eingeleitet. Ein Schwerpunkt der Beratungen soll die Frage nach einem Islamischen Wohlfahrtsverband “nach dem Vorbild von Caritas und Diakonie” sein. In diesem Zusammenhang wurde nun schon mehrfach von führenden Vertretern sowohl der Islamischen Verbände als auch der Politik eine Argumentation vorgetragen, die ein gravierendes Missverständnis enthält. Deswegen dieser Zwischenruf.
Es wird argumentiert, der Islamische Wohlfahrtsverband solle für Muslime soziale Hilfeleistungen organisieren, so wie es Caritas und Diakonie für die evangelischen und katholischen Christen / Kirchenmitglieder täten. Das ist ein gravierender Irrtum. Caritas und Diakonie sind nicht Wohlfahrtsverbände für die Kirchenmitglieder! Sie sind keine Lobbygruppe, die ihre eigenen Leute versorgt. Caritas und Diakonie leisten soziale Arbeit für Menschen in Not, für alle Menschen, die sich in ihrer Not an sie wenden. Für alle Menschen mit ihrer jeweiligen weltanschaulichen und spirituellen Beheimatung.
Sie tun das – das ist ihr christliches Profil – aus christlicher Motivation und auf Grundlage eines christlichen Menschenbildes. Das heißt: sie helfen Menschen in Not, weil es für Christen zur menschlichen Würde gehört, das niemand mit seiner Not allein gelassen wird. Weil es für sie zur menschlichen Verantwortung gehört, nicht vorbeizugehen, wenn jemand am Boden liegt. Weil sie in jedem Menschen, ganz gleich welche Brüche sein Leben hat, ein Ebenbild Gottes sehen. Deshalb machen Caritas und Diakonie soziale Arbeit. Aber sie machen sie für jeden Menschen, nicht für die eigenen Mitglieder.
Wenn der Islam dieses Motiv auch kennt, wenn es für Muslime wichtig ist, aufgrund ihres Menschenbildes und ihres Verantwortungsbewusstseins Menschen in Not zu helfen, dann kann die Gründung eines eigenen Wohlfahrtsverbands ein guter Schritt sein. Oder wenn eine Notlage gesehen wird, auf die muslimische sozial Engagierte mit besonderer Sensibilität reagieren können, auch dann ist ein solcher Wohlfahrtsverband eine Bereicherung.
Wenn es aber vorwiegend darum geht, die soziale Versorgung von Muslimen sicherzustellen, dann ist zumindest der Hinweis, dies geschehe “nach dem Vorbild von Caritas und Diakonie” falsch und irreführend.

Advertisements