Spirituelles Leben: präsent sein

Der Begriffe „Spiritualität“ oder „spirituell“ sind, darauf wurde hingewiesen, recht vieldeutig und unbestimmt. Deshalb wird versucht, sie mit anderen Begriffen in Verbindung zu bringen. Die Hoffnung ist, dass dadurch das, was ein „spirituelles Leben“ sein soll oder sein kann, klarer und deutlicher herauskommt.

Der erste Begriff, der in den Blick genommen wird, ist „Präsenz“. Spirituelles Leben hat etwas mit Präsenz zu tun, damit, in seinem Leben als Person präsent zu sein.

In den Lexika wird Präsenz meist definiert als „räumliches und zeitliches Gegenwärtigsein“ oder „räumliche und zeitliche Anwesenheit“. Ursprünglich kommt das Wort „Präsenz“ aus dem Lateinischen. Darin steckt das Wort „sensus“: Sinn. „Prae-sens“ bedeutet wörtlich: vor dem Sinn. Mit anderen Worten: präsent bin ich dann und dort, wo ich mit allen meinen Sinnen – den äußeren und den inneren – in einer Situation anwesend bin. Das Gegenteil wäre absent – meine Sinne sind anderswo. Oder dissent – meine Sinne sind zerstreut.

Wirklich präsent zu sein, ist für den Menschen eine schwierige Aufgabe. Für ein Tier ist es wohl einfacher. Aufgrund seiner sogenannten „Umweltpassung“ ist immer es selbst und immer in der Gegenwart. Der Mensch hingegen verfügt über eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft. Und er verfügt über eine Vorstellung vom Raum der Möglichkeiten. Wenn ich an einem Ort bin, kann ich immer dazu denken: Wie wäre es, jetzt an einem anderen Ort zu sein? Wenn ich etwas tue, kann ich immer dazu denken: Warum tue ich jetzt nicht etwas anderes? Immer läuft sozusagen ein Hintergrundfilm, der mir all die Möglichkeiten präsentiert (prae-sentiert), die ich jetzt und hier gerade nicht verwirkliche.

Im alltäglichen Leben erzeugt dieser Hintergrundfilm nicht selten einen erheblichen Druck. Ich beginne mit einer Aufgabe – und sofort leuchtet eine Vielzahl von Lämpchen auf, die andere Aufgaben anzeigen, die ich gerade nicht erledige. „Ich müsste auch noch … und dann ja auch noch…“ Nicht nur, dass dadurch das schlechte Gewissen gefüttert wird – es saugt mir auch einen erheblichen Teil der Kraft ab, die ich eigentlich für das, was ich gerade tue, verwenden könnte. Es kann sein, dass der Schwung und die Tatkraft, mit der ich herangegangen bin, binnen kürzester Zeit erlahmen, und die Freude, die ich eigentlich hatte, plötzlich schal und madig wird.

Auch bei schönen Dingen kann dieser Hintergrundfilm Lebensenergie und Lebensfreude kaputt machen. Weil er mir all das präsentiert, was ich gerade verpasse. Das Smartphone auf dem Tisch im Restaurant ist ein Sinnbild dafür. Ich treffe mich mit Freunden – mit genau diesen Freunden genau in dieser Kneipe – und das Smartphone repräsentiert all jene Menschen, bei denen ich jetzt nicht bin. Es träufelt in die Kommunikation hier und jetzt das Gift der Kommunikation, an der ich gerade nicht teilnehme. Es hält mir all die großen und kleinen Feste vor, die jetzt ohne mich gefeiert werden. Und es kann sein, dass sich langsam tief im Innern die Überzeugung breitmacht: „Du bist nicht am richtigen Ort. Das Leben ist anderswo.“

Zwei Beispiele von vielen. Beispiele mangelnder Präsenz. Nicht als moralische Mahnung. Eher als Ausdruck einer Not, als Ausdruck einer Sehnsucht auch. Sehnsucht nach einem Leben ohne dieses latente Gefühl, stets etwas anderes sein oder machen zu müssen als das, was gerade ist.

„Hier bin ich.“ Das ist die Zauberformel der Präsenz. Präsenz beginnt mit diesem Wort. Hier bin ich! Genau hier, genau jetzt. Genau bei dem, was jetzt geschieht. Genau deshalb bin ich jetzt da. „Hier bin ich“ ist eine Bejahung und eine Absage zugleich. Eine Absage an all das, was ich jetzt und hier nicht bin. Ich bin hier – nicht dort. Aber hier – nicht dort – bin ich wirklich gegenwärtig.

Mir hilft es, besonders wenn es mich hin- und hertreibt, meine Situation – nur für mich – kurz zu beschreiben. Ich bin jetzt hier und mache das. Ich sitze jetzt am Schreibtisch und schreibe diesen Text. Genau deshalb bin ich hier. Um diesen Text zu schreiben. Oft wird es dadurch ein wenig ruhiger in mir. Auf jeden Fall gewinne ich einen besseren Stand. Weil ich dem flimmernden Film der tausend Möglichkeiten etwas entgegensetze: die klare Benennung meiner Wirklichkeit.

„Hier bin ich.“ In den biblischen Geschichten antworten Menschen mit dieser Formel auf den Anruf Gottes. Hier bin ich. Dieser Satz hilft ihnen, inmitten der vielen Ansprüche und Erwartungen und Lockrufe den entscheidenden herauszuhören. Oder wenigstens die vielen Stimmen erst einmal zum Schweigen zu bringen. Hier bin ich. An diesem Ort in diesem Augenblick mit all meinen Sinnen. Wahrhaft präsent.

Advertisements

Neue Serie: spirituelles Leben

P1040476Nach längerer Umbaupause startet in diesem Blog eine neue Serie. Etwas ungelenk trägt sie die Überschrift „spirituelles Leben“. In der Vergangenheit gab es schon einige Überlegungen zum Begriff „Spiritualität“ und zu einer Spiritualität (in) der caritativen Arbeit.

Es dürfte deutlich geworden sein, dass ich kein Freund eines „addidiven“ Spiritualitätsverständnisses bin. Es geht, so meine ich, nicht so sehr darum, in oder neben der Arbeit auch noch „etwas Spirituelles“ zu machen, eine Kerze zu entzünden oder sonst ein Ritual zu veranstalten oder einen – nicht selten doch recht isolierten – „spirituellen Impuls“ zu verlesen oder so etwas. Das alles kann natürlich für sich genommen durchaus etwas Sinnvolles sein. Entscheidender scheint mir aber, ob und wie „das Spirituelle“ zum Gesamt der Arbeit und des Lebens passt.

Jeder Mensch hat, darauf wurde immer wieder hingewiesen, Spiritualität. Weil jeder Mensch etwas hat, was ihm wichtig ist. Jede und jeder hat eine Vorstellung vom guten Leben, von dem, was ihr und ihm wertvoll oder gar heilig ist. Jede und jeder hat eine Art, das eigene Leben zu gestalten. Jede und jeder bringt dies auch in seine Arbeit mit, es prägt– bewusst oder unbewusst – die Art, Menschen zu pflegen, zu beraten, zu begleiten, zu führen. Und es ist diese ganz persönliche Spiritualität, durch die unsere Mitarbeitenden und Führungskräfte die „Spiritualität der Caritas“ mitprägen und mitgestalten. „Spirituelles Leben“ in Caritas und Diakonie wird damit beginnen, diese verschiedenen, je eigenen Spiritualitäten in einen fruchtbaren und respektvollen Dialog zu bringen.

Auf der anderen Seite ist „Spiritualität“ aber auch so etwas wie ein Wert- und Sehnsuchtsbegriff. Wenn Menschen auf die Suche gehen nach Spiritualität, wenn sie „spirituelle Übungen“ machen oder „spirituelle Ratgeber“ befragen, dann spiegelt sich darin auch die Suche nach Orientierung, die Suche nach Kraft und Lebendigkeit. Das „spirituelle Leben“ wird als Gegenentwurf gesehen zu einem Leben, das nur von außen gesteuert ist. Wo ich nur damit beschäftigt bin, Anforderungen und Erwartungen anderer zu genügen. Wo ich mit einer inneren To-do-Liste durch die Tage hetze und den Kontakt zu meinem eigenen, meinem inneren Leben verloren habe oder dabei bin, ihn zu verlieren.

Oft werde ich gebeten, bei Klausurtagungen oder Seminaren ein „spirituelles Angebot“ zu machen. Und wenn ich dann frage, was sich denn die Auftraggeber davon versprechen, dann kommen Antworten wie: zur Ruhe kommen, sich sammeln, sich sortieren, Kraft schöpfen, sich selbst wieder spüren, die eigenen Ideale wieder leuchten sehen. Die spirituellen Übungen sind dabei eigentlich nicht das Wichtige. Wichtig ist das, was in ihnen neu in den Blick kommt. Und wichtig ist das, was jemand dabei erfährt – nicht als Fremderfahrung, sondern als Erfahrung aus dem eigenen Inneren.

Ausgehend davon wird es also in nächster Zeit in diesem Blog einige Betrachtungen über „spirituelles Leben“ geben. Eigene Überlegungen und solche aus dem reichen Schatz der verschiedenen spirituellen Traditionen. Es sind Betrachtungen, Beobachtungen, Berichte, keine Abhandlungen oder Patentrezepte. Nehmen Sie sich das heraus, was Ihnen nützlich und hilfreich ist. Und wenn Sie mögen, reichern Sie das Gesagte an durch eigene Gedanken und Geschichten.

Erklärungen oder Beispiele? – Gedanken zur Familiensynode

Gestern ist sie zu Ende gegangen, die außerordentliche Bischofssynode in Rom unter der Überschrift „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“. Nach zwei Wochen der Diskussionen und vermutlich auch der Machtkämpfe wurde eine Schlusserklärung veröffentlicht. Diese wird nun von Teilnehmenden und Beobachtern in den Medien genutzt, um die eigene Position noch einmal, wieder, noch klarer darzustellen.

Deutlich geworden ist, so meine ich, zum einen: die Bischöfe und der Papst möchten gerne einen Beitrag leisten in dieser Frage. Sie möchten etwas beitragen zur Diskussion um das gute und glückliche Leben miteinander, in welchen Formen auch immer. Das gilt, so denke ich, für alle, welche Position sie auch vertreten haben. Zum anderen wurde noch einmal deutlich, was jeder schon wusste: menschliches Leben ist sehr komplex. Die Sehnsucht nach gelingender Liebe ist groß, aber die Wege dazu sind vielfältig, verschlungen, versperrt auch oft durch viele Hindernisse. Gerade weil die Sehnsucht nach der Liebe und nach einer Heimat im Leben so groß ist, tun Brüche und Verletzungen so weh.

Ich bin mir nicht sicher, was eine lehramtliche Erklärung bei diesem Thema überhaupt beitragen kann, gleich, wie sie ausfällt. Mehr als Erklärungen werden wohl Beispiele weiterhelfen. Wenn Menschen erzählen, wie sie es probieren mit Familie, mit Partnerschaft, mit Gemeinschaft zwischen Generationen. Beispiele, wie etwas gelingen kann; als Ermutigung und Inspiration. Beispiele auch, wie etwas nicht gelingt, wie das Feuer erlischt, wie die Hoffnungen schwinden, die Sprache verstummt. Auch das hilft in dieser Frage, wenn jemand den Mut hat, davon zu erzählen – und von dem, was danach kommt. Wie es weitergehen kann, irgendwie. Und dann die vielen Lebensversuche dazwischen, wo Menschen sich mühen, es gut zu machen, es miteinander gut zu machen. Davon zu erzählen, Beispiele zu sammeln, so viele und so vielfältige, wie nur möglich, das scheint mir wichtiger als Erklärungen.

Ganz Jesuanisch ist das, im Übrigen. Jesus ist ein Erzähler, einer, der Beispielgeschichten erzählt. Er ist auch einer, der Lebensgeschichten ernst nimmt. In ihrer Einzigartigkeit, in ihrer eigenen Kompliziertheit, in ihrer komplexen Beziehungsdynamik. Und er ist einer, der selbst ein Beispiel geben möchte.

Eine Erfahrung macht Jesus immer, am Ende zumindest: dass Gott ihn nicht alleine lässt. Diese Erfahrung will er weitergeben, will sie auch anderen spürbar machen. Gott lässt dich nicht alleine. Und diese theologische „Erklärung“ ist tatsächlich wichtig und hilfreich, wenn es um Familie, Partnerschaft, Sexualität, Liebe, Leben geht. Niemand ist bei seiner Suche nach der Liebe ganz alleine.

Dazu siehe auch den Beitrag: Dankbarkeit für die geglückte Halbheit.