Refounding (2): … der werfe als erster den Stein

Wir wollen in unserer kleinen Refounding – Serie Jesus in den Blick nehmen, um von ihm etwas zu lernen für uns selbst und unsere caritative Arbeit. Letzte Woche gab es eine Rede, heute gibt es eine Geschichte. Es geht darin um Schuld, um moralische Empörung, um Richter, Urteile und Strafen. Nein, es geht darin um Menschen. Es geht darin um Menschen und um die Frage: Wer bin ich, dass ich dich und dein Leben verurteilen könnte?

Einmal brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu Jesus: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?(…) Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Schuld ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie? Keiner hat dich verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Darauf zu verzichten, einen anderen zu verurteilen, bedeutet nicht, dass ich alles gutheiße, was jemand tut. Das machen wir in der caritativen Arbeit auch nicht. Wir bewerten Handlungen und Haltungen. Wir bewerten sie, weil wir für ein gutes, menschenwürdiges Leben eintreten und gegen das, was Menschwürde verletzt. Aber wir verurteilen den Menschen nicht. Wir verurteilen den Menschen nicht, ganz gleich, was aus ihm geworden ist.

„Bei euch muss ich mich nicht schämen.“, sagen Klienten oder Bewohner manchmal. „Bei euch kann ich mich zeigen, so wie ich bin, mit meinem Brüchen und Finsternissen“. Das ist mit das Tiefste, was uns jemand an Lob und Dank entgegenbringen kann. Bei uns braucht sich niemand zu schämen, weil wir selbst unsere eigenen Brüche und Finsternisse nicht vergessen. Niemand ist nur stark, niemand ist nur schön, niemand ist nur gut. Ich wäre oft gerne anders. Und habe Angst vor dem Schmutz und der Verachtung und dem Spott. Und bin froh, wenn einer den Stein, mit dem ich so leicht und so schmerzhaft zu treffen wäre, einfach nicht wirft.

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Refounding (1): die Antrittsrede Jesu

Beginnen wollen wir unsere Refounding – Serie mit einer Antrittsrede. Antrittsreden sind beliebte Anlässe für eine Rückbesinnung und Rückversicherung. Der Sprecher stellt sich selbst in eine Tradition und erläutert von hier aus sein Programm für die Zukunft. In manchen gesellschaftlichen Kontexten werden Antrittsreden besonders zelebriert und manche solcher Reden sind berühmt geworden. Die Antrittsrede John F. Kennedys zum Beispiel vom Januar 1961 mit ihrem Kernsatz: Ask not, what your country can do for you – ask, what you can do for your country. 

Auch Jesus hält eine Antrittsrede. Das Lukasevangelium berichtet uns davon, wie Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens (im Alter von etwa 30 Jahren) in der Synagoge seiner Heimatstadt das Wort ergreift und Folgendes sagt:

Der Geist Gottes ist auf mir. Er hat mich gesalbt, um den Armen ein Evangelium – eine gute Kunde – zu bringen; geschickt hat er mich, Gefangenen ihre Freilassung zu verkünden, Blinden eine neue Sicht zu geben, Gebrochene aufzurichten, und auszurufen ein Jahr der Gnade Gottes.

Was Jesus hier sagt, ist selbst schon ein Refounding-Text. Es ist ein freies Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja. Im Original heißt es: Der Geist Gottes ruht auf mir. Gott hat mich gesalbt. Gesandt hat er mich, damit ich den Armen eine frohe Kunde bringe, und alle heile, deren Herz zerbrochen ist. Damit ich den Gefangenen Entlassung verkünde und den Gefesselten Befreiung. Damit ich ein Jahr der Gnade Gottes ausrufe, einen Tag, an dem Gott vergilt. Damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt Verzweiflung.

Im Kern steckt in diesem Text alles drin, was das „Lebensprojekt“ Jesu ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was die Berufung und Verantwortung von Christen ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was den Sinn und die Existenzberechtigung von Kirche ausmacht. Und es steckt in ihm alles drin, was die Caritas zur Caritas macht.

Wozu seid ihr da? Wozu gibt es euch – euren Dienst, eure Organisation, euer Unternehmen, euren Verband? Wozu gibt es euch als Caritas und Diakonie? Um Armen – das heißt: Menschen in Not – ein Evangelium – das heißt: etwas Gutes in Wort und Tat – zu bringen. Es gibt uns, um Menschen, die gefangen sind – in eine Sucht, in ihren kranken oder alten Körper, in ihre Schulden, in ihre zerstörerischen Beziehungen – mehr Freiheit zu verschaffen. Es gibt uns, um Trauernden Trost zu sein. Trost zuallererst dadurch, dass jemand da ist, den dieses Schicksal interessiert. Es gibt uns, um Menschen, denen etwas im Leben zerbrochen ist – eine Beziehung, ein Lebensplan, die Selbstachtung, der Lebensmut – zu heilenden Erfahrungen zu verhelfen. Es gibt uns, um Menschen, die sich wie der letzte Dreck fühlen, spüren zu lassen, dass es in ihnen etwas Schönes, Ganzes, Wertvolles gibt, etwas, das Hochachtung verdient.

Die Liste ließe sich unendlich weiterführen. Jede und jeder, die in Caritas und Diakonie tätig sind – unmittelbar oder mittelbar – kann ihres dazulegen. Ihre Art, „Evangelium“ zu tun und zu sein. In der Beratung, in der Begleitung, am Pflegebett, im Wohnheim, im Jugendhaus und und und… Oder im Hintergrund, in den Meetings, politischen Verhandlungen, Struktur- und Finanzprozessen. Das ist alles ja kein Selbstzweck.

Mir tut es gut, diese Sätze immer wieder einmal zu lesen und auf mich wirken zu lassen. Weil sie eine Dimension in meine Arbeit und mein Leben einspielen, die anders ist als die ganzen selbstbezogenen Fragen, die mich umtreiben und quälen. Solange ich nur für mich selbst – für meinen Erfolg, mein Fortkommen, meinen Ertrag – arbeite und lebe, kann ich eine Erfahrung nicht machen: die Erfahrung von Sinn. Eine Sinnerfahrung mache ich dann, wenn ich spüre: genau dafür lohnt es sich, zu arbeiten. Genau dafür lohnt es sich, etwas von mir zu geben, mich – um das antiquierte Wort zu verwenden – „hinzugeben“. In seiner Antrittsrede sagt Jesus, wofür es sich lohnt. Genau dafür, um Armen – Menschen in Not – etwas Gutes zu bringen und sie nicht allein zu lassen.  

Refounding

Beim diesjährigen Forum Caritas und Theologie in Frankfurt trat ein Begriff in den Blick, der derzeit im Kontext von Organisations- und Unternehmensentwicklung neu entdeckt wird und der auch in der Politik eine wichtige Rolle spielt: REFOUNDING.

Impulsgeber war der Theologe und Unternehmensberater Meinrad Bumiller. Ein Interview mit ihm, worin er auf die Idee des „Refoundings“ eingeht, finden Sie hier .

Der Begriff „refounding“ ist zusammengesetzt aus der Vorsilbe „Re“ und „founding“. „Re“ bedeutet auf Deutsch „zurück“. In „Founding“ steckt „Found“: Grund, Fundament.  Refounding beschreibt einen Prozess der Neuausrichtung und Neuformung durch Bezug auf sein eigenes Fundament. Refoundingprozesse fragen an einer bestimmten Stelle der Entwicklung – eines Unternehmens oder einer Partei zum Beispiel – neu nach dem eigenen Grund. Warum wurden wir eigentlich ge-gründet? Welche Idee hatten unsere Gründer? Und was können wir daraus heute lernen? Was können wir daraus lernen für unser Selbstverständnis, unser Qualitätsverständnis, unsere Unternehmenskultur?

Auch der Caritas und ihren Organisationen und Unternehmen tut ein Refounding von Zeit zu Zeit gut. Oft ist die sozialpolitische und unternehmerische Entwicklung und Differenzierung weit fortgeschritten. Gerade dann ist es wichtig und gut, sich an die Gründungsgestalten und Gründungsideen zu erinnern. Was ist der Grund, weswegen es uns gibt? Was ist der Grund, in dem wir unsere Wurzeln haben? Was können wir lernen von unseren Gründerinnen und Gründern mit ihren Ideen und Wertvorstellungen? Was können wir lernen und wie können wir uns neu verwurzeln? Und wie können wir aus unseren Wurzeln neu Kraft schöpfen? Als Organisation, Unternehmen, als Einrichtung, Abteilung und Team? Und auch ganz persönlich als Mitarbeiterin und Mitarbeiter der Caritas?

Um solche Fragen geht es in der neuen Kategorie „Refounding“ in diesem Blog. Sie finden darin verschiedene Auseinandersetzungen mit unserem biblischen Ursprung, mit unserer Gründungsgestalt Jesus von Nazareth und seiner Art, mit Menschen umzugehen, besonders mit denen, die gebrochen sind und ausgegrenzt. Was können wir lernen daraus, heute, für unsere Arbeit in Caritas und Diakonie?