Beruf und Berufung

Cappuccino - Schweinchen-klein„Im Dienst an einer Sache und in der Liebe zu einem Menschen kommt der Mensch zu sich selbst.“. Der Satz stammt von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie. Durch seine eigenen Lebenserfahrungen und durch die Begleitung von vielen Menschen ist er zu dieser Überzeugung gelangt. Zum gelingenden Leben gehört nicht nur Freiheit, sondern auch Bindung und Hingabe. Mein Leben wird dann und dadurch erfüllend, wenn ich mich – freiwillig und bewusst – für etwas oder jemand entscheide, wenn ich mich im guten Sinne „in Dienst nehmen“ lasse.

Nicht von jedem und allem freilich. Und jetzt blenden wir die Bindung an Personen einmal aus. Das wäre eine eigene Serie wert. Bleiben wir hier in dieser Betrachtung bei der Arbeit. Wie ist das mit der Arbeit – mit meiner beruflichen Aufgabe, meinem „Dienst“?

Meine Arbeit ist dann erfüllend, wenn ich bewusst und frei „ja“ dazu sagen kann. Wenn ich weiß, wofür zu arbeiten lohnt. Wenn ich überzeugt bin, dass es gut ist, genau dafür meine Kraft, Kreativität, Kompetenz einzusetzen. Wenn ich einen Sinn in dem sehe, was ich tue.

Wir gehen bei Teamgesprächen oder Klausurtagen oft auf die Suche nach Kraftquellen in der Arbeit. Eine der wichtigsten Quellen ist die Arbeit selbst, der Sinn, der in dieser Arbeit liegt. Zur Kunst der Arbeit gehört auch dies: immer wieder nach dem Sinn der eigenen Arbeit zu fragen. Die eigenen Ideale – die Gründe, weswegen ich diesen Beruf ergriffen habe – immer wieder zum Leuchten zu bringen. Und sie in Beziehung zu setzen zur Arbeitsrealität. Ist es das, wofür ich angetreten bin? Bin ich noch auf meinem inneren Weg? Kann ich – weiterhin oder wieder neu – auch mit dem Herzen die Aufgabe tun, die ich übernommen habe?

Manchmal verliert man vor lauter Kleinkram, vor lauter Austarieren der Rahmenbedingungen, vor lauter zwischenmenschlichen Stellungskämpfen, den Blick für das große Ganze. Für das, worum es eigentlich bei all dem geht. Dann ist es gut, zu unterbrechen, durchzuatmen, und zu fragen: Warum mache ich das alles hier eigentlich? In wessen Dienst stehe ich denn, bewusst und frei, mit meiner Kompetenz, meiner Persönlichkeit und meiner Lebenskraft?

Christinnen und Christen sehen die Frage nach dem Sinn ihres beruflichen Tuns noch in einem anderen Zusammenhang. Sie rechnen damit, dass es so etwas gibt wie eine persönliche „Berufung“,  für jede und jeden. Dass, einfach gesagt, Gott mit jedem Menschen etwas vorhat. Dass er selbst mich möglicherweise an einen bestimmten Platz gestellt hat und mich dort, für eine bestimmte Aufgabe, vielleicht besonders braucht. Diese Perspektive kann manchmal von allzu menschlichen Bewertungs- und Erfolgskriterien unabhängig oder ihnen gegenüber freier machen. Es kann sein, dass ich dadurch mein eigenes Tun auch dann als sinnvoll ansehen und erleben kann, wenn es vielleicht gesellschaftlich keine Reputation hat und mir niemand dafür auf die Schulter klopft. Weil ich überzeugt bin: für Gott ist es wichtig und wertvoll, dass ich – genau ich – jetzt an dieser Stelle bin und diesen Dienst verrichte.

„Berufung“ ist allerdings auch kein Blankoscheck, der dazu anhält, alles immer klaglos weiterzumachen. Ich möchte Sie ermutigen, das, was Sie tun und wie Sie es tun, von Zeit zu Zeit wirklich ins Gebet zu nehmen. Nicht nur sich selbst, sondern auch Gott zu fragen, ob es noch das ist, was an der Zeit ist. Im Großen – wenn vielleicht berufliche Entscheidungsschritte anstehen – wie im Kleinen, wenn es um den ganz normalen Arbeitsalltag geht. Auch hier gibt es wieder eine schöne Formulierung im Stundengebet, eine kurze Bitte, die man etwa zu Beginn des Tages – vielleicht beim Hochfahren des Rechners oder beim Anziehen der Dienstkleidung – beten kann: „Gott, schenk‘ mir die Gabe der Weisheit, damit ich den Auftrag dieses Tages erkenne.“

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