Viren, Metastasen und Säuberungen – wie Sprache Wirklichkeit schafft

Screenshot br-online

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Die Reaktionen von Staatspräsident Erdogan auf den militärischen Putschversuch lassen das Schlimmste befürchten.

Ich bin kein Experte für türkische Innenpolitik. Auch fehlt mir eine fundierte Kenntnis der einzelnen Lager mit ihren Personen und Positionen. Aber wenn man nur die Sprache anschaut, die nach dem Putsch verwendet worden ist und wird, dann ist das Schlimmste zu befürchten.

Er wolle das Militär und den Staat von „Viren“ und „Metastasen“ befreien. Es sei Zeit für „Säuberungen“. Menschen mit nur ein wenig historischem Erinnerungsvermögen treiben allein diese drei Begriffe den Schauder über den Rücken. Auch in Deutschland war von „Schädlingen“ die Rede, von „Parasiten“, die den Volkskörper befallen hätten. Auch in Deutschland gab es „Säuberungen“. Vor dem Krieg und in einem Teil Deutschlands auch nach dem Krieg.

Sprache schafft Wirklichkeit. Wenn Menschen einmal als „Parasiten“ oder „Viren“, „Metastasen“ benannt sind,  dann wird die Vernichtung zur medizinischen Maßnahme. Wenn das Sprachspiel von Verschmutzung und Vergiftung einmal gesetzt ist, dann werden Massenhinrichtungen und Massaker zu Hygienemaßnahmen.

Es fällt auf, dass so gut wie alle Unrechtssysteme der letzten Jahrzehnte diese Entmenschlichung durch die Sprache betrieben haben. Vielleicht, weil es im tiefsten Herzen ein Zurückweichen gibt vor dem nackten Mord, selbst bei den grausamsten Schergen. Weil sich tief im Innern der Person ein Wissen erhebt, dass massenhaftes Verhaften und Vernichten nicht recht sein kann, niemals. Weil das Gewissen keine Masse kennt, nur Menschen.

Vielleicht wird deshalb mit der Sprache die Wirklichkeit vergewaltigt, verschoben, vertuscht. Um nicht vor Schauder zurückzuweichen vor der eigenen Gewalttat.

Sprache schafft Wirklichkeit. Aber darin zumindest sind wir nicht nur auf die Zuschauerbänke verbannt. Wir müssen die Sprachspiele von Recep Tayyip Erdogan nicht mitspielen. Wir können ansprechen gegen seine Versuche der Entmenschlichung. Wir können weiterhin von Menschen sprechen. Und von Verhaftung und von Vernichtung. Und aufschreien, und widersprechen, und noch einmal widersprechen. Die Benennungen nicht akzeptieren. Niemals kann aus einem Menschen ein „Virus“ werden, niemals eine „Metastase“. Niemals kann man „säubern“ dadurch dass man Menschen verhaftet und vernichtet. 

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Das italienische Wunder

saeco-fineDa soll noch einer sagen, dass es keine Wunder gibt. Alles hängt mit allem zusammen. Das ist sicher. Ich habe es erlebt, am eigenen Leib. Samstagnacht.

Wir haben eine Espressomaschine. Seit zwanzig Jahren läuft dieses Teil jeden Tag. Mehrfach. Ohne Pannen. Ohne Muckser. Ohne Wartung. Die Maschine läuft einfach immer.

Bis Samstag nacht. Am Abend noch hat sie treu ihren Espresso gekocht. Am nächsten Morgen war sie kaputt. Aus. Finito.

Die Pumpe – ihr ferrarirotes Herz – hat ihren Geist aufgegeben. In dieser Nacht. Salto mortale. Exitus.

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Der Grund ist so was von klar. Glasklar. Sonnenklar. Der Zusammenhang springt dem ungläubigsten Menschen sofort ins Auge.

Die Espressomaschine ist ein italienisches Modell.  Solange die Serie der Squadra azzurra anhielt – in EM und WM Spielen gegen Deutschland immer zu gewinnen – solange tat – als kleine Gegenleistung – die Espressomaschine ihren Dienst.

Samstagnacht ist die Fußballserie gerissen. Italien hat verloren. Und die Espressomaschine wurde kaputt. Aus. Finito.

Selber schuld!