Individuelles und gemeinschaftliches Beten

churchyard-smallIn der Theologie unterscheidet man gemeinhin das individuelle und das gemeinschaftliche Beten.

Die Unterscheidung ist keine grundsätzliche. In beiden Fällen treten Menschen in Beziehung zu Gott, kommunizieren, verstehen und gestalten ihre Existenz im Bewusstsein des liebenden Blickes Gottes.

Im einen Fall tue ich das als einzigartige, unverwechselbare Person. Ich – so wie ich bin, mit dem Leben, das ich habe – trete vor meinen Gott. In mir wird darin etwas lebendig, was es so nur in dieser Beziehung gibt. Und auch von Gott wird, wenn man so will, eine „Beziehungsseite“ lebendig, die in dieser Weise nur und allein in der Beziehung zu mir lebendig werden kann.

In allen lebendigen Beziehungen ist das so. Es gehört zum Charakter personaler Existenz, dass ich nicht alles schon habe, aus mir allein heraus schon habe, sondern dass zum gelingenden Ganzen etwas kommen muss, was sich erst im Raum personaler Beziehungen realisieren kann. Etwas, das in diesen Beziehungen gewissermaßen geweckt, zum Leben erweckt wird.

Ich und mein Gott. Ich und Du. Das sind die Pole des individuellen, persönlichen Betens. Im gemeinschaftlichen Beten dagegen geht es nicht um mich, sondern um uns. Nicht ich und mein Gott – sondern wir und unser Gott. Im gemeinschaftlichen Beten tritt der Mensch ein in eine Gebetsgemeinschaft – und in und mit dieser Gebetsgemeinschaft tritt er hin vor Gott. Der theologische Fachbegriff für das gemeinschaftliche Beten – das geformte gemeinschaftliche Beten – ist „Liturgie“.

Das Wort kommt aus dem Griechischen. Das „Lit“  leitet sich vom Begriff „laos“ ab. Laos bedeutet „Volk“. Theologisch: Gottes Volk. Liturgie ist ein Werk – „ourgos“ ist jemand, der etwas macht – des Gottesvolkes. Und „Gottes Volk“ ist aus christlicher Sicht eine besonders treffende Bezeichnung für die Menschheit.

Äußeres Kennzeichen gemeinschaftlicher, liturgischer Gebete ist die „Wir“–Form. Die großen christlichen Gottesdienstformen sind alle in der Wir–Form. Nur ganz selten wird dabei der gemeinschaftliche Charakter durchbrochen und ein persönliches „Ich-Element“ eingesetzt. Interessanterweise ist auch das zentrale Gebet des Christentums – das „Vater unser“ – ein gemeinschaftliches, liturgisches Gebet.

Die Gestaltung und Pflege einer Gebetskultur in Unternehmen und Einrichtungen von Caritas und Diakonie wird beides in den Blick nehmen: individuelles und gemeinschaftliches Beten. Beides hat seine besonderen Herausforderungen. Eine gemeinschaftliche Gebetsform setzt voraus, dass die Mitfeiernden tatsächlich eine Gottesdienstgemeinschaft sind. Sie müssen sich dem liturgischen „Wir“ zugehörig fühlen und zu dem, was gesagt und getan wird, ihr „Amen“ sprechen können. Individuelles, persönliches Beten braucht dagegen einen Schutzraum. Hier geht es darum, das Einzigartige, Unverwechselbare zu kultivieren. Und dieses ganz Persönliche, Private, Intime nicht zwanghaft ans Licht zu zerren und bloßzustellen.

Für beides, die individuelle und die gemeinschaftliche Gebetskultur, braucht es Sensibilität und Sorgfalt. Und sehr viel Zeit, damit etwas so Zartes wie eine Gebetsbeziehung in aller Ruhe wachsen kann.

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Gebet als Existenzhaltung

In unserem Grundkurs Christentum wurde schon ein wenig über das Gebet gesprochen. In der Tiefe bedeutet „Gebet“ mehr als „ein Gebet sprechen“. Beten ist eine Existenzhaltung. Im Gebet setzt sich ein Mensch in Beziehung zu einer Realität, die nicht mehr nur weltlich ist. Er tritt ein in eine Beziehung zu etwas „Höherem“, Überweltlichem, Göttlichem.

Die Christen sind überzeugt, dass diese Realität ein personaler – das heißt: ein liebesfähiger – Gott ist. Sie sind überzeugt, dass es möglich ist, mit Gott eine Beziehung zu haben und zu pflegen von Person zu Person. Dass es eine Form der Kommunikation gibt zwischen Mensch und Gott. Beten heißt aus christlicher Sicht eben dies: in Beziehung sein mit Gott, mit ihm eine liebevolle Kommunikation zu pflegen.

Wenn im Folgenden über Gebetskultur gesprochen wird, dann geht es darum. Das, was bedacht und beschrieben wird, setzt ein bestimmtes Gottesbild voraus und ein bestimmtes Menschenbild. Es setzt, christlich gesprochen, voraus, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist – fähig, mit ihm auf Augenhöhe zu kommunizieren, mit ihm eine Beziehung zu haben, ihn zu lieben. Und es setzt voraus, dass Gott ein personales, das beziehungsfähiges, liebesfähiges Wesen ist. Ein Wesen, das in sich selbst Beziehung lebt – das meint die Rede von der Dreieinigkeit (Trinität) – und ein Wesen, dass zum Menschen – zu jedem einzelnen – eine liebevolle Beziehung eingehen kann und will.

Das Gesagte hat Auswirkungen auf die Frage nach der Gebetsfähigkeit von Menschen:

Ein Mensch, der wirklich davon überzeugt ist, dass es nur das „Weltliche“ gibt, d.h. die Materie und deren Wechselwirkungen, kann nicht beten. Für ihn wäre es völlig unsinnig, sich zu einer überweltlichen Realität in Beziehung zu setzen. Dieser Mensch kann natürlich Gebete sprechen, vielleicht gehört dies irgendeiner Weise zu seinen Berufsanforderungen, beispielsweise als Mitarbeiter in einem Pflegeheim. Aber er wird dadurch nicht beten, sondern besten- (oder schlechtesten-)falls „so tun, als ob“.

Auch ein Mensch, der vielleicht von einer überweltlichen Realität ausgeht, diese aber als etwas Nicht – Personales versteht – als göttliche Energie etwa oder als All-Einende-Natur o.ä. – kann nicht das tun, was ein Christ (oder auch ein Moslem) unter Beten versteht. Eine echte Beziehung, eine Liebesbeziehung setzt ein personales Du voraus. Es setzt ein Wesen voraus, das es wirklich kümmert, wie es mir geht und was aus mir wird. Diese Fähigkeit und diese Haltung – es kümmert mich, wie es dir geht – heißt im Lateinischen „caritas“. Nur zu einem Gott, der „caritas“ hat – mehr: der „caritas“ ist (Deus caritas est) kann man eine Gebetsbeziehung eingehen, in der die „Partner“ aneinander Anteil nehmen.

 

Neue Serie: Gebetskultur

p1060164Auf der Suche nach dem christlichen Profil verweisen nicht wenige caritative Einrichtungen und Unternehmen darauf, dass es bei ihnen so etwas wie eine Gottesdienst- und Gebetskultur gibt. Nicht selten wird darauf sogar als erstes hingewiesen, wenn gefragt wird, worin sich der „christliche Geist“ des Hauses denn zeige.

 

Eine wirkliche Gebetskultur in caritativen Einrichtungen und Unternehmen zu gestalten und zu pflegen ist meiner Erfahrung nach eine komplexe Angelegenheit. Sie ist komplex, will man dabei mehr beschreiben als ein paar „christliche Angebote“, einen Hausgottesdienst vielleicht oder eine Segensfeier. Oder eine Broschüre mit Gebeten und einem Segensspruch, vielleicht auch ein Kreuz an der Wand, und wenn man besonders interreligiös ist noch einen Halbmond dazu. Sicherlich: das alles kann Ausdruck einer Gebetskultur sein, vielleicht, aber die Tatsache allein, dass es so etwas gibt, sagt darüber noch nicht viel aus.

Eine echte und gute Gebetskultur braucht einiges an Sorgfalt und an konzeptioneller Klarheit, besonders, wenn es sich dabei um Gebetskultur in einem pluralen Kontext– d.h. mit weltanschaulich und religiös vielfältigen Bewohner(innen), Klient(inn)en und Mitarbeitenden – handeln soll. Diese Serie will einen Beitrag leisten zur Diskussion um Gebetskultur in caritativen Einrichtungen und Unternehmen. Manches davon kann vielleicht auch ein Impuls sein für die Gestaltung und Pflege einer persönlichen Gebetskultur.

Es werden in den nächsten Wochen einige Überlegungen vorgetragen zu Wesen und Sinn des Gebets, zu privatem und gemeinschaftlichen Beten, zu Liturgie und liturgischer Bildung. Es werden Anregungen gegeben zur Pflege heilsamer Rituale und zur Gestaltung sinn- und stilvoller liturgischer Feiern. Und nicht zuletzt werden einige grundsätzliche Fragen angestoßen: Kann ein Atheist einen Beitrag zu einer Gebetskultur leisten? Gibt es multireligiöse Feiern wirklich? Und welche Theologie setzt eine echte interreligiöse Unternehmenskultur voraus?