Liturgische Feiern gestalten

p1030593-grossVor lauter adventlicher Besinnlichkeit komme ich kaum dazu, den im vorletzten Post angekündigten Abschlussbeitrag zu unserer Serie „Gebetskultur“ einzustellen …
Nun also endlich noch einige Hinweise, worauf zu achten lohnt bei der Gestaltung gemeinschaftlicher liturgischer Feiern im Kontext von Caritas und Diakonie.

Gemeinschaftscharakter
Eine gemeinschaftliche Gebetsform setzt voraus, dass die Mitfeiernden tatsächlich eine Gottesdienstgemeinschaft sind. Sie müssen sich dem liturgischen „Wir“ zugehörig fühlen und zu dem, was gesagt und getan wird, ihr „Amen“ sprechen können. Es lohnt sehr, sich bei der Vorbereitung von Gottesdiensten die möglichen Mitfeiernden vor Augen zu führen und zu fragen, welche Gottesdienstform und welche liturgischen Elemente für die (möglichst viele) Mitfeiernden geeignet sind.
Mitarbeitende der Caritas sind selten uniform katholisch, nicht wenige gehören anderen Konfessionen an und gerade in der Großstadtcaritas ist ein nicht unerheblicher Teil der Mitarbeiter möglicherweise gar nicht christlich. Die Eucharistiefeier als Hochform katholischer Liturgie wird hier nicht die Gottesdienstform erster Wahl sein können. Sinnvoller wird es sein, auf andere, niederschwelligere Feierformen zurückzugreifen oder selbst eine angemessene liturgische Form zu gestalten, die der pluralen Wirklichkeit der Feiernden entspricht. Die Forderung einer differenzierten Liturgie findet sich im Übrigen auch in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils wenn es heißt: „Die Seelsorger sollen eifrig und geduldig bemüht sein um (…) die tätige Teilnahme der Gläubigen, die innere und die äußere, je nach deren Alter, Verhältnissen, Art des Lebens und Grad der religiösen Entwicklung.“ (Sacrosanctum concilium, 19)

Liturgie und Leben
Liturgie ist eine Möglichkeit – aufsteigend – die eigene Situation im Zeichen zu verdichten und vor Gott zu bringen, oder – absteigend – Gottes Beistand im Zeichen zu verdichten und ins Leben zu tragen. Wenn die Vorbereitung mit einer gewissen Sensibilität für existenziell bedeutsame Themen oder sensible Zeiten („heilige Zeiten“) in Organisationen oder Einrichtungen geschieht, können liturgische Feiern für das Leben und Arbeiten bei Diakonie und Caritas eine wirkliche Bereicherung sein, die neue Dimensionen eröffnet. Manche liturgischen Feiern verspielen hier ihre Chance, indem sie etwas ganz anderes als das, was die Mitfeiernden gerade berührt, zum Thema machen. Eine „Mittagsbesinnung“ etwa, die zu den am Vormittag gemachten Erfahrungen nicht anschlussfähig ist, bleibt wahrscheinlich ein Fremdkörper im Tagesablauf der Mitarbeitenden. Vollends korrumpiert wird Liturgie, wenn sie in Widerspruch steht zum Lebens- und Arbeitsalltag.

Heilsame Unterbrechung
Ein Gottesdienst ist eine Form heilsamer Unterbrechung. Er durchbricht das eigene Nachdenken, Planen und Tun. Es geht in den Minuten einmal nicht um die Überlegung: Was kommt als nächstes? Wie ist das zu erledigen? Wer wartet auf meinen Rückruf? Das eigene Sprechen und Handeln wird den Feiernden für ein paar Minuten aus der Hand genommen: man hört zu, spricht vorgegebene Worte, singt, betrachtet.
Vor allem im Hinblick auf Mitarbeitergottesdienste ist darauf zu achten, dass der Unterbrechungscharakter gewahrt und geschützt wird. Dies setzt zuallererst voraus, dass die Mitfeiernden für die Dauer des Gottesdienstes von beruflichen Pflichten entbunden sind. Wenn beispielsweise Mitarbeiter in der Altenpflege die Aufgabe haben, Bewohner oder Klienten in Gottesdienste zu begleiten, oder wenn sie für Angehörige eine Abschiedsfeier gestalten, sind dies für sie selbst keine heilsamen Unterbrechungen. Hier sollte man fair sein und die Dinge beim Namen nennen. Der Hinweis „Bei uns gibt es doch viele Gottesdienste, an denen die Mitarbeiter teilnehmen können.“ alleine ist noch kein Beleg für eine spirituelle Kultur, wenn der Unterbrechungscharakter für die Mitfeiernden nicht gewährleistet ist.

Perspektivenwechsel
Geistlich gesehen wenden sich die Feiernden im Gottesdienst nicht einander zu (auch nicht, wenn sie im Kreis sitzen), sie betrachten auch nicht einfach sich selbst (wie beim persönlichen Nachdenken über das eigene Leben). Im Gottesdienst kann ich mich mit dem, was mich beschäftigt, Gott zuwenden. Ich kehre mein Inneres gewissermaßen gen Himmel, um von dort her geschenkt zu bekommen, was ich selbst nicht machen kann. Dass Gott der Adressat ist, unterscheidet ein Gebet von einem zwischenmenschlichen Gespräch. Es lohnt sich sehr, in Gottesdiensten diesen spezifischen Perspektivwechsel konsequent beizubehalten.
Vor allem Fürbitten bergen hier ein gewisses Risiko. In manchen Caritas-Gottesdiensten werden sie unversehens zu moralischen Appellen umfunktioniert. Sie werden dann formuliert nach Art von: „Lieber Gott, mach‘ dass wir endlich alle einsehen, dass wir mit den Armen teilen müssen…“ Nicht, dass ethische Forderungen oder anwaltschaftliches Eintreten gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit nicht zum Auftrag der Caritas gehören würden. Aber ein Fürbittgebet ist hierfür nicht der richtige Ort. Die Chance des Fürbittgebets ist es, Menschen in Not zu benennen und sie Gott gewissermaßen entgegenzuhalten. Es ist eine Form, das „himmelschreiende“ Leid buchstäblich zum Himmel zu schreien.

Form
Ein technischer Hinweis könnte insbesondere in Feldern sozialer Arbeit, wo ein eher lockerer, zwangloser Umgang gepflegt wird, nicht ganz unnötig sein: Liturgische Feiern unterscheiden sich von spontanen Zusammenkünften durch eine gewisse Form. Ein Gottesdienst – und sei er noch so kurz – ist in irgendeiner Weise gestaltet. Er hat einen Anfang, einen bestimmten Verlauf und ein Ende. Er ist, wenn man so will, eine Inszenierung mit einer inneren Dramaturgie. Ihre Elemente sind so gewählt, dass sie zum Anlass und zu den Mitfeiernden passen. Möglicherweise gibt es verschiedene Rollen im Gottesdienst. Diese sind vor der Feier verteilt. Auf jeden Fall aber gibt es jemand, der die Feier leitet. Das ästhetische Leitbild, der die liturgische Form verpflichtet ist, kann man „schlichte Schönheit“ nennen. Das Zweite Vatikanum formuliert: „Die Riten mögen den Glanz edler Einfachheit an sich tragen und knapp, durchschaubar und frei von unnötigen Wiederholungen sein. Sie seien der Fassungskraft der Gläubigen angepasst und sollen im allgemeinen nicht vieler Erklärungen bedürfen.“ (SC 34) Ich meine, dass dieses ästhetische Ideal der Liturgie in besonderer Weise zum Wesen von Caritas und Diakonie passt.

Feier
Und last but not least: Ein Gottesdienst ist kein Ort der Diskussion, kein Ort der Glaubens- oder Lebensunterweisung, keine Bildungs- oder Informationsveranstaltung. Ein Gottesdienst ist zuallererst eine Form der Feier. Es geht darum, wie es im Hochgebet der Eucharistie heißt, „die Herzen zu erheben“. Der Feiercharakter setzt vor allem voraus, dass jeder Mitfeiernde im Gottesdienst so sein darf, wie er ist. Wenn ich das Gefühl habe, im Gottesdienst ein bestimmtes „Gesicht“ aufsetzen zu müssen – etwa, um mich meinem Vorgesetzten oder dem Aufsichtsrat oder dem Bischof als „kirchentreu“ zu präsentieren – ist es für mich keine Feier mehr. Das bedeutet auch: die Teilnahme an einer liturgischen Feier muss grundsätzlich freiwillig sein. Niemand muss begründen, warum er oder sie kommt oder wegbleibt. Eingeladen sind alle, denen eine solche Feier etwas bedeutet. Jeder darf, niemand muss kommen. Zur Feier gehört weiterhin, dass sie ein Schutzraum ist. Die Gefühle, die eine liturgische Feier möglicherweise in einer Person auslöst, sind unbedingt zu achten und zu schützen (vor, während und nach dem Gottesdienst). Auch gibt es Rückzugsmöglichkeiten. Es ist in Ordnung, wenn jemand nur am Rande dabei sein will oder während der Feier geht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s