Archiv für den Monat Dezember 2018

Im Licht Gottes betrachtet

Vielleicht haben Sie es bemerkt. In der lukanischen Weihnachtsgeschichte kommt ein Detail vor, das wir als adventliches Motiv schon kennen gelernt haben: der Glanz, die Lichtwucht Gottes.

Wir finden das Motiv in der ersten Szene mit den Hirten. Im Text heißt es:

Hirten waren in dieser Gegend auf dem Feld, Wache haltend des Nachts über ihre Schafe. Und ein Engel Gottes trat zu ihnen und der Glanz Gottes umstrahlte sie.

Der Glanz, die Lichtwucht Gottes umstrahlt sie. Von Gott her wird, wenn man so sagen will, ihre Lebenssituation in ein anderes Licht getaucht. Was zunächst einmal eine existentielle Erschütterung auslöst. Sie wurden von einer großen Furcht erfüllt, heißt es. Der Engel reagiert darauf. Fürchtet euch nicht! Der erste Imperativ im neuen Testament. Nicht fürchtet euch! Und weiter: Siehe nämlich: ich verkünde euch – hier haben wir im Text das Verb, von dem „Evangelium“ kommt: ich spreche euch gut zu, ich habe gute Nachricht – eine große Freude, die sein wird dem ganzen Volk.

Literarisch haben wir zwei Paare: die Nacht und die Lichtwucht Gottes; und die große Furcht und die große Freude. Daraus ist die existentielle Botschaft gebaut.

Die Lebenssituation eines Menschen tritt ein in das Licht Gottes. Sie wird dadurch durchsichtig für eine andere Art der Wahrnehmung und Bewertung. Das ist das Grundprinzip der christlichen Weltanschauung. Christliche Weltanschauung rechnet damit, dass ein menschliches Leben – mein Leben – im Licht Gottes anders aussieht. Dass im Licht Gottes noch ganz andere Dimensionen sichtbar werden als die, die ich sehe. Dass sich – hier kommen Furcht und Freude ins Spiel – im Licht Gottes auch bedrohliche und beängstigende Situationen wandeln können. Dass darin etwas zum Vorschein kommen kann, das Entlastung bringt oder Hoffnung macht oder, mit aller Vorsicht gesagt, mit Humor zu nehmen ist.

Die Botschaft des Engels, die die in den Lichtglanz Gottes getauchten Hirten hören, ist aber noch nicht zu Ende. Von einem „Retter“ ist die Rede und von einem „Gesalbten“ (das griechische Wort dafür ist „Christos“, das hebräische „Messias“). Was es damit auf sich hat, dazu mehr im nächsten Beitrag. Bleiben Sie dran.

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Weihnachts Evangelium

Bevor wir uns dem ersten Detail der weihnachtlichen Erzählungen zuwenden ein paar wenige Hintergrundinformationen für diejenigen, die mit den biblischen Texten nicht so vertraut sind.

Jesus selbst hat nichts aufgeschrieben. Schriftliche Zeugnisse über ihn, über das, was er gesagt und getan hat, wurden nach einem längeren mündlichen Überlieferungsprozess schließlich auch in Büchern zusammengetragen. Man nennt sie die Evangelien, vom griechischen eu angellion, zu deutsch so viel wie „gute Nachricht“. Vier davon haben für die Christen eine besondere Bedeutung erlangt. Sie werden nach ihren Autoren oder Redaktoren benannt: Markus, Matthäus, Lukas und Johannes. In Verbindung mit den Namen spricht man vom Markusevangelium oder Lukasevangelium etc.

Über die Geburt Jesu finden sich in zwei Evangelien Notizen: bei Matthäus und bei Lukas. Beide legen auf unterschiedliche Aspekte wert, was wieder mit der Konzeption ihrer Evangelien zusammenhängt. In der spirituellen Tradition des Christentums bilden die unterschiedlichen Aspekte dann eine Gesamterzählung, sie werden Teil des übergreifenden Narrativs.

In der Heiligen Nacht wird der Lukastext gelesen. Er führt uns in eine Stadt Namens Betlehem (dt. Haus des Brotes oder Haus der Nahrung). Genauer: er führt uns in der Nähe dieser Stadt, auf ein Feld. Es ist Nacht.

Was dann geschieht, welche Akteure auftreten, was diese sagen oder tun, was dadurch in Bewegung kommt, all das können Sie selbst hören in den weihnachtlichen Gottesdiensten. Und ich schreibe auch was, nach und nach, wenn mal ein stiller Moment ist.

Erzählungen, Narrative

Der Übergang von der Advents- zur Weihnachtszeit wird liturgisch, wenn man so will, auch durch eine Änderung der existentiellen Resonanzräume markiert. Sind es in der Adventszeit stärker existentielle Bilder – Szenerien, Visionen – so kommen mit Weihnachten Erzählungen, Narrative in den Blick.

Es ist eine gewaltige kulturelle und spirituelle Errungenschaft, wenn es Erzählungen gibt, die durch die Jahrhunderte hinweg in Menschen etwas anrühren. Erzählungen, in die sich Menschen mit ihrem eigenen Leben hineinversetzen können, Jahr um Jahr neu. Jahr um Jahr hören wir die Erzählung von der Geburt eines Kindes in einem Stall in Betlehem. Wir hören von Maria und Josef, von Hirten und Königen, von Engeln und Sternen.

Viele kennen diese Geschichten, zumindest in den Grundzügen. Und warten darauf. Warten darauf, dass sie wieder gelesen werden in der Heiligen Nacht. Es ist nicht der Überraschungseffekt, der die Erwartung nährt. Es geht nicht um Neuigkeiten. Es sind Narrative, in die man sich hineingeben kann. In die man eintreten kann mit seiner Lebenssituation. Wie wird es klingen dieses Mal? Welche Figur rührt mich an? Wem bin ich freund, wem fremd? Welches Wort oder welche Handlung wird mir nahe gehen in dieser Nacht oder am Morgen danach? Wird mir etwas darin Ermutigung sein oder Trost oder Hoffnung oder Freude  zwischen den Jahren und im Blick auf das Neue, das kommt?

Es ist eine große Sache, dass es solche Narrative gibt. Es tut gut, sich damit vertraut zu machen, sie in seine Lebenskultur aufzunehmen und zu pflegen. Aber auch wenn Menschen die Erzählungen nicht kennen oder sie vergessen haben, ist es eine Chance. Dann können sie diese Erzählungen neu kennenlernen, sie mit wachen Ohren anhören und einfach auf sich wirken lassen.

Man muss bei den Weihnachtserzählungen, das vielleicht noch als Hinweis, gar nicht tief in die Theologie von der Menschwerdung Gottes einsteigen. Dass das Leben eines Menschen – auch Ihres und meins – mit Gott in Berührung ist, darum geht es. Darum geht es in allen biblischen Bildern und Geschichten.

Auf ein paar Details dieser wunderbaren weihnachtlichen Erzählungen möchte ich Sie hinweisen in den nächsten Beiträgen. Bleiben Sie dran.

Licht in der Dunkelheit

Menschen in einer Phase der existentiellen Dunkelheit. Und dann der Moment, wo sich, ganz langsam und zart, eine Wende andeutet. Wo von irgendwo her ein lichter Schein sichtbar wird. Nicht von irgendwo her, von Gott her.

Das ist die Erfahrung, die Menschen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gemacht haben. Dass es eine Kraft gibt, die Finsternis durchbrechen kann. Nicht nur eine Kraft, eine liebende Person mit dieser Kraft. Von dieser Erfahrung wollen die Texte künden. Diese Hoffnung wollen sie im Herzen wach halten oder in die Seele zurückholen.

Das Existenzbild vom Licht in der Dunkelheit begleitet die ganze Advents- und Weihnachtszeit. Einige besonders schöne Formulierungen seien hier zusammengestellt. Wenn Sie in nächster Zeit einen Gottesdienst besuchen oder vielleicht regelmäßig an der Liturgie teilnehmen, achten Sie mal drauf, ob Sie sie  entdecken.

Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht.
Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.

Kommt,
wir wollen unsere Wege gehen
im Licht des Herrn.

…wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe,
um allen zu leuchten,
die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes.

Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe.
Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis
und anlegen die Waffen des Lichts.

Denn der Tau, den du sendest,
ist ein Tau des Lichts.

Da trat ein Engel zu ihnen
und der Glanz Gottes umstrahlte sie.

Und dann gibt es in der Advents- und Weihnachtszeit noch ganz andere berührende Existenzbilder. Von Toren ist die Rede, die sich auf einmal öffnen. Von Wolken, die Gerechtigkeit regnen. Von einem Himmel ist die Rede, der endlich aufgerissen wird. Wir hören von einem Stern und von Menschen, die diesem Stern, ihrem Stern folgen. Es gibt Geschichten von Träumen, die Menschen im rechten Augenblick den nächsten Schritt weisen. Wir treffen Menschen in fragilen Beziehungskonstellationen, wo sie sich ihrer selbst und ihrer Liebe nicht sicher sind. Wir hören von inneren und äußeren Fluchten, aber auch von Schutzräumen, von wunderbarer Hilfe und treuem Geleit. Das ganze Leben verdichtet sich in diesen Geschichten.

Bleiben Sie dran.

Richte dich auf, werde licht

Richte dich auf, werde licht! Denn es kommt dein Licht. Und der Glanz Gottes geht auf über über dir, hell leuchtend.

Dieser kurze Text des Propheten Jesaja ist so etwas wie eine starke Verdichtung, eine konzentrierte Essenz der adventlichen Existenzbilder. Und man kann an ihm sehr gut zeigen, wie tief und vielschichtig diese biblischen Bilder mit dem Leben verbunden sind. Deshalb wollen wir diese Sequenz einmal genau betrachten und beleuchten.

Wir können uns szenisch annähern, wie im Theater oder im Film. Wir sehen einen Menschen, der nicht aufgerichtet ist. Der gebeugt ist, niedergedrückt, der den Blick zu Boden gerichtet hat, der in sich zusammengesunken ist. Vielleicht ist er auch kriecherisch, unterwürfig, jedenfalls nicht aufrecht.

Wir sehen einen Menschen. Auf der Bühne des Lebens sehen wir uns selbst. Wir sehen uns – ich sehe mich – in einem Moment, wo ich den Blick nicht hebe, nicht heben kann. Wo mich etwas niederdrückt, mich etwas in mich selbst hineinkrümmt.

In diese Szene, in diese Situation hinein kommt nun der Ruf: Richte dich auf! Und gleich noch ein zweiter Imperativ hinterher: Werde licht! Man könnte auch übersetzen: Lichte dich! Richte dich auf, lichte dich!

Was heißt das?

Richte dich auf!
Hebe den Blick. Schau nicht länger zu Boden. Hebe den Kopf. Lass ihn nicht länger hängen. Zieh die Schultern zurück, öffne den Brustkorb. Strecke den Rücken, geh nicht länger gebeugt. Setz dich aufrecht hin. Stell dich auf die Beine. Stell‘ dich aufrecht hin. Steh‘ hin: Das bin ich. Das ist mein Leben.

Werde licht!
Lockere die verkrampften Muskeln. Öffne die Faust. Beiß die Zähne nicht länger zusammen. Glätte die gerunzelte Stirn. Vielleicht auch: Lass die Tränen fließen. Lass etwas los, damit dein Leben leichter wird. Die Worte „licht“ und „leicht“ hängen zusammen. Lichte dein Leben aus, wie der Förster den Wald auslichtet. Schaffe so etwas wie seelische Lichtungen.

Warum?
Warum soll ich das tun? Wie soll ich das machen? Mich aufrichten und licht werden: das ist doch nichts, was ich einfach so tun kann, nur weil es mir jemand sagt.

Weil dein Licht kommt.
Hier wechselt die Perspektive. Aus dem Imperativ wird ein Indikativ, eine Aussage. Szenisch gedacht: Es wird ein neuer Akteur angekündigt. Etwas kommt. Ein Licht kommt. Genauer: dein Licht – das Licht dessen, der sich aufrichten soll –kommt. Richte dich auf, werde licht – weil dein Licht kommt.

Vielleicht spüren Sie, was das eigentlich für eine Szene ist, die sich da abspielt. Es ist der Moment, wo ich gewahr werde, dass etwas kommt. Etwas, das für mich bedeutsam ist. Etwas, das für mich so etwas wie Licht ist. Das in mein Leben – in die Situation, in der ich mich gerade befinde und die mich so niederdrückt – mehr Helligkeit und mehr Leichtigkeit bringen kann. Und weil ich das spüre, da kommt etwas, deshalb richte ich mich auf. Weil ich intuitiv merke:  irgendwie fängt es an, klarer und leichter zu werden.

Auf diesen Moment, auf diese existentielle Sekunde, zielt diese adventliche Szene. Und nicht nur diese. Wenn Sie die adventlichen Texte durchsehen, stoßen sie immer wieder auf dieses Motiv. Das Wort „Advent“, das wissen Sie, kommt vom lateinischen adventus (von: ad-venire: an-kommen). Das ist das Existenzthema, das der Advent in den Blick stellen will. Den Moment unmittelbar vor einer Ankunft. Die Situation, wo in meinem Leben etwas im Argen liegt – die Wende zum Besseren aber unmittelbar bevorsteht.

Die Wende zum Besseren? Warum? Woher soll die kommen? Hier gibt es noch einmal einen Perspektivwechsel. Der Blick wendet sich nicht nach vorne, sondern nach oben. Es kommt mein Licht – und dieses Licht speist sich aus dem Glanz Gottes. Glanz Gottes. Herrlichkeit Gottes. Lichtwucht Gottes wäre eine gute Übersetzung. Die Wende kommt, weil Gott auf die Bühne tritt. Genauer: Weil Gottes Licht auf die Bühne strahlt. Weil mein Leben in dieses Licht Gottes getaucht wird – und dadurch nicht nur anders erscheint sondern tatsächlich anders wird.

Aber das nur mal als Ausblick. Das müssen wir noch genauer anschauen, um dieses adventliche Bild richtig auszuleuchten. Soweit mal für jetzt. Bleiben Sie dran.

Existentieller Resonanzraum

Was ist nun das Besondere des Kirchenjahres oder, wie es auch genannt wird, des liturgischen Jahres? Auch hier geht es darum, der Zeit einen bestimmten Rhythmus und eine bestimmte Charakteristik zu geben. Dies geschieht aber nicht durch den Rückgriff auf Naturzustände, sondern dadurch, dass in einer regelmäßigen Abfolge bestimmte existentielle Themen in den Blick gestellt werden.

Das liturgische Jahr ist so etwas wie ein existentieller Resonanzraum. Es will mit seinen Texten, Bildern, Symbolen, Ritualen, Inszenierungen im Menschen etwas zum Klingen bringen. Es gibt Anstöße, das eigene Leben sorgfältig und achtsam zu betrachten. Das, was ist, bewusst wahrzunehmen, verschiedene Lebensdimensionen und Lebensfelder anzuschauen. Nach und nach führt es einen gewissermaßen durch verschiedene Räume des eigenen Lebens, durch die schönen, lebendigen, liebevollen, aber auch durch dunkle, dürre, traurige oder auch ganz verschlossene. Das Kirchenjahr lädt ein, das, was zu meinem Leben gehört, ohne Trug und ohne Angst zu betrachten. Es wahrzunehmen – und das ist das Besondere einen religiösen, christlichen Lebensbetrachtung – mit der Hoffnung und dem Vertrauen, dass auch Gott mit darauf schaut, mit seinem liebevollen Blick.

Das geschulte Auge kann in der Liturgie schon optisch erkennen, welchen Charakter eine Zeit hat. Es werden verschiedene Farben verwendet, für das Gewand des Priesters zum Beispiel oder für verschiedene Behänge im Altarraum. Festzeiten strahlen in Weiß oder Gold, Besinnungs- und Fastenzeiten dagegen tragen violett. Die liturgische Farbe des Advents ist violett. Er ist eine Zeit der Besinnung, eine Zeit der inneren (Neu-)Orientierung.
Das zweite wichtige prägende Element sind die Texte, die in dieser Zeit gelesen werden. Es gibt eine Leseordnung, durch die bestimmte biblische Geschichten, Gedichte, Gebete für eine bestimmte Zeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Die verschiedenen liturgischen Zeiten haben ihre eigenen charakteristischen Texte, ihre charakteristischen sprachlichen Bilder. Und diese sprachlichen Bilder laden ein und helfen, bestimmte existentielle Themen in den Blick zu nehmen.

Wir werden den Texten und sprachlichen Bildern des Advents ein wenig auf die Spur gehen. Werden ein paar dieser charakteristischen Texte betrachten und ihre existentiellen Tiefe ausloten. Ein kleiner Vorgeschmack vielleicht schon: In der Adventszeit geht es oft um Dunkelheit und Licht. Das ist ein großes Thema des Propheten Jesaja, Dunkelheit und Licht als Lebensrealitäten. Jesaja hat für uns eine Ermutigung, wenn es düster ist in unserem Gemüt oder wenn es uns an Klarheit fehlt :

Richte dich auf, werde licht. Denn es kommt dein Licht. Und der Glanz Gottes geht auf über dir , hell leuchtend.

Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Natur und Kultur

Um die Besonderheit des liturgischen Jahres richtig wahrzunehmen, ist es möglicherweise hilfreich, eine Betrachtung vorzuschalten. Dass die Zeit zyklisch voranschreitet, ist kein künstliches Konstrukt. Dieser Vorstellung liegt die Beobachtung der Natur zugrunde. In der Natur gibt es verschiedene Kreisverläufe. Tag und Nacht, Mondphasen, Jahresverläufe mit verschiedenen Jahreszeiten. Aber auch biologische Kreisläufe, Fruchtbarkeitszyklen etwa oder regelmäßige Abfolgen von Wachstum, Frucht, Verwelken und Erneuerung.

Manche menschlichen Lebenskulturen sind stark auf die Kreisläufe der Natur bezogen. Das Menschenjahr orientiert sich gewissermaßen an einem bestimmten Naturjahr. Das Jahr des Bauern etwa – die Landwirtschaft sei hier einmal als eine bestimmte Lebensform stilisiert – ist geprägt durch die Zyklen der Natur. Ackern, säen, pflegen, ernten, Brache. Alles zu seiner Zeit. In bäuerlichen Gesellschaften prägte oder prägt dieser Naturablauf auch stark das gesellschaftliche Leben und wurde oder wird durch entsprechende Feste kulturell verdichtet.
Auch andere, nennen wir es so, Lebensformen gibt es, die sich an die Naturverläufe anlehnen und durch sie das kulturelle Jahr prägen lassen. Das jagerische Jahr etwa, das Jahr des Jägers oder der Jägerin, mit seiner Abfolge von Hegezeiten, Schonzeiten und spezifischen Jagdzeiten. Oder das Gartenjahr mit seiner charakteristischen Abfolge von jahreszeittypischen Tätigkeiten, je nachdem, was wachsen und blühen soll. Oder überhaupt Lebensformen, die sich draußen in der Natur abspielen. Da geben die verschiedenen Jahreszeiten verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten vor, es gibt vielleicht so etwas wie eine Sommer- und Wintersaison oder eine Abfolge von besonderen Möglichkeiten oder Herausforderungen. Im Outdoorsportbereich lässt sich dieser Zyklus zuweilen sogar in den Unfallstatistiken nachvollziehen.

Viele weitere Beispiele ließen sich finden. Und es gibt spirituelle Ratgeber, die dazu einladen, sich auf solche Naturzyklen einzulassen, um aus ihnen einen heilsamen Lebensrhythmus zu gewinnen. Mir geht es besonders in der Zeit des Jahreswechsels oft so, dass ich die Sehnsucht verspüre, stärker und bewusster in die Rhythmen der Natur einzutreten. In mir erwacht der Wunsch, die Jahreszeiten bewusster mitzuerleben, die naturgegebenen spezifischen jahreszeitlichen Möglichkeiten achtsamer wahrzunehmen, mich davon inspirieren und beleben zu lassen.
Meist wird es im Lauf des Jahres dann doch nicht so achtsam und bewusst. Das Interesse an der Natur lässt wieder nach, zumindest dort, wo es nicht gerade aktiv mit einer eigenen Tätigkeit verknüpft ist. Ich muss mich ja auch nicht daran orientieren. Der Kreislauf der Natur spielt für mein alltägliches Leben keine Rolle. Selbst der Vorsatz, mich saisonal zu ernähren, wird schwach angesichts des Angebots in den Läden. Jedes Gemüse und jede Frucht ist zu jeder Zeit verfügbar. Irgendwo ist immer Erntezeit.
Aber wenn ich dann doch einmal wieder durch den Wald gehe, der jetzt immer lichter und immer stiller wird, oder wenn dann der erste Schnee fällt und sich vielleicht in einer mondhellen Nacht die Spur eines Fuchses auf der weiß glitzernden Decke abzeichnet oder wenn ich dem Eichhörnchen zuschaue, wie es emsig seine Vorratskammern befüllt und ich darüber nachdenke, was denn in meinen Vorratskammern ist für den Winter, dann kommt das Gefühl wieder, es wäre doch gut, auch diesen Rhythmus irgendwie in mein Leben aufzunehmen.