Archiv für den Monat Januar 2019

Offener Himmel

Gefühlt ist die Weihnachtszeit für die meisten schon länger vorbei. Im liturgischen Jahreskreis endete sie am letzten Sonntag mit dem Fest der Taufe Jesu. Die biblische Szene, die dabei im Mittelpunkt steht, bringt die Bilder und Gedanken, die uns seit Advent beschäftigt haben, zu einem konzentrierten Höhepunkt.

In der Chronologie des Lebens Jesu liegt zwischen den Geschichten um seine Geburt und dem Bericht von seiner Taufe eine lange Zeit. Jesus tritt, so viel ist wohl auch historisch gesichert, etwa mit dreissig in das Licht der Öffentlichkeit. In diesem Alter hatte er – existentiell gesprochen – über seine innere Lebenslinie, seine persönliche Berufung, seine Mission, seinen Lebensauftrag ausreichend Klarheit gewonnen und er wendet sich mit seiner Botschaft an die Öffentlichkeit. Er spricht von einer Welt, die durch Liebe gewandelt werden kann. Er spricht vom Menschen, der mehr ist , der  – jede und jeder einzelne – Ebenbild und Kind Gottes ist. Und er bringt Lebenssituationen mit der heilenden und erlösenden Kraft Gottes in Berührung.

An den Beginn dieser öffentlichen Mission stellen die Evangelien eine Szene, die Jesus selbst im Licht seiner Botschaft zeigt. Jesus ist darin hinausgezogen zu Johannes dem Täufer, einem berühmten Bußprediger, der Menschen zur Umkehr, zur Änderung ihrer Existenzrichtung ruft. Und der diesen Entschluss zur Umkehr in einem Zeichen verdichtet: dem Untertauchen im Wasser.

Als Jesus an der Reihe ist, geschieht etwas Ungewöhnliches. Oder vielleicht müsste man präziser sagen: Es wird auf ungewöhnliche Weise etwas sichtbar. Bei Lukas heißt es:

Als Jesus in der Taufe war, betend,
da öffnete sich der Himmel
und herab kam der heilige Geist auf ihn,
und es war vernehmbar eine Stimme aus dem Himmel:
Du bist mein Sohn, der geliebte, an dir habe ich Gefallen.

Jeden Menschen würden wir so wahrnehmen, würden wir mit den Augen Gottes sehen. Sie und ich, wir sind Töchter und Söhne Gottes. Auf Ihnen und auf mir liegt Gottes Geist. Und auch wenn wir selbst das vielleicht nicht immer so empfinden: Gott hat an uns Gefallen. Er sieht das Gute und Schöne in uns und freut sich daran.

Manchmal kann es sein, dass wir eintauchen in diesen Blick Gottes. Dass wir in einem anderen Menschen oder in uns selbst das Schöne, Gute, Heilige sehen, das, was nicht beschmutzt werden kann, nicht gebrochen, was nicht verlierbar ist. Oder dass wir etwas von Gottes heilender Kraft spüren. Oder uns geliebt wissen, so wie wir sind. Das sind Momente, in denen sich, und sei es nur einen Augenblick, der Himmel öffnet.

Advertisements

Verheißung

Urlaubsbedingt kommt dieser Beitrag etwas später. Und gefühlt ist die Weihnachtszeit für viele bereits vorbei. Trotzdem oder gerade deshalb noch einmal ein wenig Nachdenken über die weihnachtlichen Existenzbilder und Narrative.

Wir sind im Zusammenhang mit der nächtlichen Verkündigung des Engels an die Hirten schon darauf gestoßen. Da ist von einem Retter die Rede, von einem Messias (das griechisch Wort dafür ist „Christos“, das deutsche „Gesalbter“). Und ich will jetzt gar nicht so sehr auf den Erwartungshorizont oder die Erwartungshorizonte, die damals mit diesen Worten verbunden waren, eingehen. Sondern das Motiv als solches in den Blick rücken. Den Gedanken, dass in ein menschliches Leben – in Ihres oder in meins – Gott selbst heilsam eingreift. Dass Gott in irgend einer Weise an meinem Glück – aufs Ganze gehend: an meinem Heil – mitwirkt.

Das ist eine Grunddimension christlicher Existenz. Die Überzeugung, dass es im Leben mehr gibt als meine eigene Kraft, überhaupt mehr als menschliche Kraft. Die Überzeugung und die Hoffnung, dass Gott an meinem Leben und meinem Glück Interesse hat, dass er mir Gutes will. Und dass er dieses Gute auch bewirken kann. Oder vorsichtiger ausgedrückt: dass er seinen Teil dazu beitragen kann.

Diesen existentiellem Horizont bezeichnet der Begriff „Verheißung“. Gott verspricht, im menschlichen Leben präsent und wirksam zu sein – und Menschen vertrauen darauf, hoffen darauf, richten ihre Existenz darauf aus.

Nicht nur auf das Wirken Gottes, das wäre ein Missvertsändnis. Die eigene Kraft ist auch wirksam und wichtig. Aber sie muss nicht alles sein. Ich muss nicht alles sein. Und auch Du musst mir nicht alles sein. Es bleibt eine Perspektive offen, ein Blick zum Himmel gewissermaßen.

Die Sterndeuter stehen in der Weihnachtsgeschichte für diese Perspektive. „Magoi“ heißen sie im Text. Magier. Menschen, die mit mehr rechnen, als es den Anschein hat.

Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu huldigen. Der Stern steht für die Sehnsucht und die Hoffnung auf dieses „Mehr“. Und das „huldigen“ steht für die Bereitschaft und Sehnsucht, sich dieser Kraft Gottes anzuvertrauen, sich Gott gewissermaßen zu Füßen zu legen, auf dass er mir und aus mir und meinem Leben etwas Gutes, Heilsames mache.

Als die Magier schließlich, geleitet vom Stern, zum Stall – zum Ort ihrer Gottesbegegnung – kommen, da heißt es wörtlich: Sie freuten sich eine große Freude sehr. Eine rührende Formulierung ist das: Sie freuten sich eine große Freude sehr. Und auch ein guter Wunsch für das neue Jahr. Dass Sie immer wieder Momente der Gottbegegnung erleben, Momente, in denen Sie eine Kraft erfahren, die mehr ist als das, was Sie selbst haben. Und dass diese Erfahrung Sie mit Freude erfüllt und Sie sich, wenigstens einen Augenblick lang, freuen eine große Freude sehr.