Archiv für den Monat März 2020

Nicht mehr Verantwortung als Möglichkeiten – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (7)

Je länger die Corona-Krise andauert, desto mehr spüren wir, wie stark uns diese Ausnahmesituation in unserem Handeln bestimmt. Dies gilt privat und beruflich. Und es gilt nicht nur in dem Sinne, dass uns bestimmte Kontakt-, Bildungs-, Unterhaltungs-, oder Versorgungsmöglichkeiten genommen sind. Es gilt auch im ethisch-moralischen Sinn. Die Corona-Krise bringt nicht wenige Menschen in Gewissenskonflikte, weil sie zu Handlungen und Verhaltensweisen gezwungen sind, die den Maßstäben nicht genügt, die sie üblicherweise an sich selbst anlegen.

Ein Beispiel: Derzeit ist es Angehörigen nicht gestattet, Menschen, die ihnen nahe stehen, im Krankenhaus oder Pflegeheim zu besuchen. Auch dann nicht, wenn diese durch die Situation verstört sind, sich verloren und verlassen fühlen. Mit zunehmender Überlastung der Stationen sind selbst telephonische Kontakte oft nicht mehr möglich. Tipps wie „Briefe schreiben“, „Bilder malen“ etc. sind gut gemeint, sind in akuten Krisenfällen aber meist keine wirkliche Alternative. Und auch das Pflege- und Klinikpersonal kann den Kontaktverlust zu vertrauten Menschen nicht ausgleichen. Es erfährt sich im Gegenteil selbst dieser wichtigen personalen und psychosozialen Unterstützungsmöglichkeit beraubt und muss noch dafür sorgen, dass die Isolierung eingehalten wird.

Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Verstorbenen. Derzeit gelten in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Hospizen sehr strenge Vorschriften. Verstorbene, die an Corona erkrankt waren etwa, werden als hochinfektiös eingestuft. Das hat gravierende Auswirkungen auf den Umgang mit der Leiche (Kontaktreduktion auf das unbedingte Mindestmaß, Abtransport möglichst rasch in speziellen Leichensäcken, etc.). Vieles, was derzeit gemacht werden muss, entspricht nicht den Ansprüchen, die Mitarbeitende oder Angehörige an einen würdigen Umgang mit Verstorbenen und eine angemessene Abschieds- und Trauerkultur haben.

Dieser Impuls möchte zumindest ein wenig zur Entlastung beitragen. Menschen, die in dieser schwierigen Zeit ohnehin oftmals bis an Ihre Belastungsgrenze gehen müssen, dürfen nicht noch zusätzlich durch Schuldvorwürfe und schlechtes Gewissen bedrückt werden.

Niemand hat mehr Verantwortung als Möglichkeiten (ultra posse nemo obligatur). Diesen alten Moral- und Rechtsgrundsatz kann man gerade in der jetzigen Zeit nicht oft genug betonen.  Besondere Umstände, besondere Zwangslagen haben eine Auswirkung auf das, was ethisch geboten, gut und richtig ist.

Die Umstände spielen eine Rolle für die Frage, wie eine liebevolle Begleitung von Alten und Kranken oder ein respektvoller Umgang mit Verstorbenen konkret wird.  Unter den gegenwärtigen, unser Gesundheitssystem bedrohenden Umständen, steht ein Abtransport von Verstorbenen in einem Leichensack (oder beispielsweise der Abtransport durch einen Militärkonvoy) nicht per se im Widerspruch zur Würde einer Person. Und wenn nichts anderes geht als aneinander zu denken, einander Gutes zu wünschen, sich umeinander zu sorgen, oder füreinander zu beten – dann ist eben das gut und richtig und ausreichend.

Hilfreich kann im Zweifel der Gedanke sein, dass der Betroffene selbst als Person, die eines moralischen Urteils fähig ist,  meine Handlungsweise nachvollziehen und gutheißen kann. Auch wenn unter anderen Umständen ein anderer Umgang angemessen wäre – in der jetzigen Situation ist es so, wie es geht, gut und richtig. Und das, was nicht geht, das darf ich auch – nicht leichten aber guten Herzens – lassen. 

Niemand hat mehr Verantwortung als Möglichkeiten. Das gilt in allen Bereichen menschlichen Lebens. Ich tue, was ich kann. Mehr kann ich nicht tun. Dass dann immer noch Leid – und manchmal sehr viel Leid – übrig ist, gehört zur Tragik des Lebens. Der Christ kann und darf hier Gott – den Schöpfer der Welt – mit in die Pflicht nehmen. Er kann ihm ein Schicksal, mit aller Vorsicht gesagt, in die Hände legen. Ich habe meinen Teil getan – nun nimm Du es in die Hand, damit daraus etwas Ganzes und Heiles wird.

Heilige Zeichen – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (6)

Der heutige Impuls nimmt seinen Ausgang bei einer interessanten persönlichen Erfahrung am gestrigen Sonntag. Ich wollte zumindest virtuell an einem Gottesdienst teilnehmen und habe mich dazu am Vormittag im Wohnzimmer in eine der vielen Live-Übertragungen eingeschaltet. Die Messe hatte gerade begonnen, als ich bemerkte, dass aus der Spülmaschine Wasser austrat und in den Parkettboden lief. Mir blieb nichts anderes übrig, als unverzüglich die undichte Stelle zu suchen und den Wasserschaden nach Möglichkeit zu beheben. Den Fernseher mit der Gottesdienstübertragung ließ ich weiterlaufen.

Während ich so vor mich hinarbeitete, die Leitung abstellte, die Maschine herauszog, das Wasser vom Boden aufwischte, Anschlüsse neu befestigte, reinigte, schraubte, schob und zog – hörte ich die Lesungen und das Evangelium. Psalmen wurden gesungen und Gebete gesprochen. Es erklangen geistliche Lieder, es wurde gepredigt, Fürbitte gehalten, das Brot gebrochen, der Segen gespendet.

Die interessante Erfahrung dabei war, dass das wunderbar zusammenpasste. Es war schön, bei meiner Arbeit, meiner kleinen technischen Krisenbewältigung, von diesen vielen Formen christlicher Spiritualität umgeben zu sein. Es war ein gutes und irgendwie stimmiges Gefühl, das Gefühl gewissermaßen von Gebet begleitet zu sein und dabei seine Aufgabe zu erledigen.

Mir ist in dieser Stunde neu deutlich geworden, was es eigentlich meint, sein Leben ins Gebet zu nehmen. Dass es dabei nicht nur oder vielleicht nicht einmal so sehr um die bewussten,  konzentrierten Gespräche mit Gott geht. Sondern auch um so etwas wie einen leichten, kontinuierlichen Kontakt. So etwas wie spirituelle Stimmfühlungslaute, kurze, den Alltag begleitende Momente der Rückversicherung: Du bist da, ja?

Und bewusst geworden ist mir auch, wie schön es ist, sich als von diesem Gebet umgeben zu erfahren. Ich musste in dieser Stunde keine Gestaltungsleistung vollbringen, musste mir nicht überlegen, wie ich meinem Gebet eine gute Form gebe, welche Weise gestalteter Aufmerksamkeit angebracht und angemessen ist. Ich musste mich einfach nur um den Wasserschaden kümmern, und um mich herum wurde so etwas wie ein Haus des Gebetes aufgebaut. Um mich herum und irgendwie auch für mich hat eine Gebetsgemeinschaft in dieser Stunde gebetet. Und mir dadurch, mit aller Vorsicht gesagt, das Gefühl gegeben, tatsächlich „von guten Mächten wunderbar geborgen“ zu sein.

Nicht nur, aber auch in der Corona-Krise könnte dies eine Anregung sein: für sich auf die Suche zu gehen nach heiligen Zeichen, durch die ich in meinem Alltag an die Anwesenheit Gottes erinnert werde. Auf die Suche zu gehen nach schönen, leichten, stimmigen spirituellen Formen, die nicht als Handlungsaufforderung für das schlechte Gewissen empfunden werden („du solltest mal wieder beten“), sondern das Gefühl verdichten, in einem tiefen Sinne im Leben begleitet und getragen zu sein.

Ich zünde seit einiger Zeit zu Beginn meines Arbeitstages eine Kerze an – und bereite im Schein dieses Lichtes dann meinen Arbeitstag vor. Der Lichtschein ist hier gewissermaßen das Gotteshaus, der spirituelle Raum, der um mich gebreitet wird. Der spirituelle Raum, in dem ich dann meinen ganz normalen Arbeitsalltag plane und gestalte – und daran erinnert werde, dass das alles von Gott umgeben ist.

Eine Erfahrung habe ich übrigens gestern auch noch gemacht. Während ich so vor mich hinarbeitete, kam auch die Predigt. Unter normalen Umständen hätten die Worte des Predigers meine kritische Analyse und in Teilen auch meinen (zumindest inneren) Widerspruch hervorgerufen. In dieser Situation aber war ich merkwürdig gelöst. Ich hatte das tiefe Gefühl, der Prediger möchte mir etwas, was ihm wichtig ist und am Herzen liegt, mitgeben. Er hat sich Mühe gemacht, das möglichst gut auszudrücken. Um mich damit zu stärken und zu trösten. Dieses Empfinden hat mich die Predigt anders hören lassen, interessierter, offener. Dankbarer auch. Vielleicht, bestimmt ist etwas darin, was mir gut tut, heute vielleicht oder morgen. Ich muss nicht mit dem Prediger in die theologische Auseinandersetzung treten. Jede und jeder darf da sein in diesem spirituellen Raum – mit dem, was er und sie zu geben hat und mit dem, was jede und jeder von uns jetzt gerade braucht.

Es geht voran – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (5)

Derzeit ist eine Fülle von solidarischen Aktionen zur Corona-Krise zu beobachten. Menschen stellen im Internet Konzerte, Impulse, Videos, Beratungsangebote, Resilienztipps und vieles mehr zur Verfügung. Die ethische Reflexion über das, was die Corona-Krise an Abwägungs- und Konfliktkonstellationen mit sich bringt, läuft auf Hochtouren. Menschen treten anwaltschaftlich für Schwächere ein und stellen engagierte Forderungen. Es wird gelobt und gedankt.

Und das ist gut und richtig und wichtig. Überhaupt keine Frage. Sie haben Lob und Dank verdient die viele großen und kleinen Helden und Solidaritätsstifter. Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich im heutigen Impuls eine andere Gruppe von Menschen in den Blick nehmen.

Die große biblische Wüstenwanderungsgeschichte erzählt von Mose, Aaron, Josua, von ihren Führungsleistungen und großen Taten. Sie erzählen von Gott, von seinem Geleit und seinen Wundern. Und im Gesamt erzählt sie auch vom „Volk“, von „den Leuten“, „den Israeliten“. Was sie nicht erzählt oder nur selten, ist die Geschichte der Einzelpersonen dieses Volkes. Sie erzählt wenig von der Frau, dem Mann, dem Kind, das auf dieser Wüstenwanderung Schritt um Schritt gegangen ist. Jede und jeder Einzelne musste diese Wanderung für sich bestehen. Sie waren zwar Teil einer Weggemeinschaft, einer solidarische Weggemeinschaft, einer geführten und gesegneten Weggemeinschaft – aber jede und jeder Einzelne musste doch jeden Schritt durch die Wüste selbst tun. Jede und jeder Einzelne musste jeden Tag durchhalten, guten Mutes bleiben, irgendwie vorankommen.

In unserer Corona-Krise gibt es viele Menschen, die zunächst einfach mal schauen, wie sie durchkommen durch den Tag. Die schauen, wie sie die Beschränkungen einhalten und die Versorgung aufrecht erhalten können. Die ihren Tageslauf strukturieren und etwas auf den Tisch bringen und die Wäsche waschen, ihr homeoffice zum Laufen bringen, ein paar soziale Kontakte pflegen,  sich bemühen, einigermaßen bei Laune zu bleiben. Frauen, Männer, Jugendliche, Kinder, die einfach ihren Alltag bewältigen und bestehen.

Dadurch aber, dass sie das schaffen – und wir alle sind die, die das derzeit irgendwie schaffen – leisten sie einen Beitrag, dass unsere Weggemeinschaft vorankommt in der Corona-Krise. Jede und jeder, der es schafft, sich an die Corona-Schutzregeln zu halten und seinen Alltag zu bewältigen, leistet einen solidarischen Beitrag auf unserem gemeinsamen Weg durch die Corona-Wüste. Ich glaube, es lohnt sich, sich auch das immer wieder mal bewusst zu machen. Ich muss nicht jeden Tag eine besondere Heldentat vollbringen, um einen Beitrag zu leisten. Den Alltag bestehen, damit es voran geht Tag um Tag, das ist nicht wenig in dieser Zeit.

Steh‘ auf und iss! – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (4)

Was lässt Menschen Widerstände überwinden, Krisen durchstehen, neue Kraft und neuen Mut finden? Wie kann man gut mit seinem seelischen Krafthaushalt umgehen? Was schützt und stärkt und belebt in Belastungssituationen? Solche Fragen werden gestellt in Resilienztrainings oder in seelsorglichen Teamgesprächen oder in der spirituellen Krisenbegleitung. Auch jetzt in der Corona-Krise sind diese Fragen wichtig.

Der Glaube bietet hier eine besondere Perspektive an. Viele Religionen, Weltanschauungen, Spiritualitäten verbindet die Überzeugung, dass es Quellen von Kraft und Lebendigkeit gibt, die tiefer liegen als das unmittelbar Sicht- und Machbare. Oder von einem personalen – das heißt: liebesfähigen – Gott her formuliert: Sie rechnen damit, dass Gott für mich zur rechten Zeit etwas bereithält, was mir weiterhilft in Wüsten, Widerständen und Krisen.

Es gibt eine interessante biblische Geschichte, die das in ein existentielles Bild fasst. Sie steht im ersten Königsbuch. Im Mittelpunkt steht der Prophet Elija. Er wird betrachtet im Moment einer schweren Lebenskrise. Szenisch ausgedrückt wird das durch das Bild der Wüste. Die Krise ist so schwer, dass er sich den Tod wünscht. Doch dann passiert etwas:

Elija ging in die Wüste hinein, einen Tagesweg. Wie er so weit gekommen war, setzte er sich unter einen einsamen Ginsterbusch. Er wünschte seiner Seele zu sterben. Er sprach: Nun ist’s genug, Du. (…) Er legte sich hin und schlief ein. Da rührte ein Engel ihn an, der sprach zu ihm: Erheb‘ dich, iss! Er blickte sich um. Da war bei seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und ein Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Aber Sein Engel kehrte wieder, zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Erheb‘ dich, iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf und er aß und er trank und er wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes. (1 Kön 19 )

Das Bild vom Engel ist ein Existenzbild. Es geht da nicht um ein wunderliches Flügelwesen. Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ein Bote, der etwas von Gott zeigen, etwas von seiner Kraft bringen kann. Das kann beispielsweise ein Mensch sein, der mir in einer bestimmten Situation zum Engel wird. Elija begegnet in dieser Szene einem solchen Engel. Und dieser bringt ihn in Kontakt mit neuen Ressourcen.

Der Engel erscheint in dem Moment, wo Elija loszulassen beginnt. Dargestellt wird das durch das Bild des Schlafes. Er hat alles gegeben. Mehr hat er nicht. Nun muss entweder etwas Anderes, Neues kommen – oder er geht zugrunde. Und in diesem Moment, wo er loslässt, sich fallen lässt, kommt das Neue. Der Engel kommt und mit ihm neue seelische Nahrung. Eines allerdings muss Elija dann wieder tun. Er muss aufstehen – erhebe dich, richte dich auf, steh‘ auf. Und er muss essen – iss, trink, nähre dich. Sonst ist der Weg zu weit für dich.“

Auf unseren Lebensalltag – auch auf unser Verhalten in dieser Krise  – übertragen wird das heißen: Schau‘ dich um, vielleicht begegnet dir gerade ein Engel und hat für dich neue Nahrung dabei. Etwas, das deine Lebenskraft, deinen Lebensmut regenerieren kann. Wahrscheinlich ist es keine außergewöhnliche Erbauung, kein besonderes Ereigniss, kein rauschendes Fest, kein gewaltiger Glücksmoment. Sondern spirituelles Schwarzbrot,  eine von den schlichten, alltäglichen Nahrungsquellen. Gerade in der Krise ist es wichtig, diese achtsam wahrzunehmen und wertzuschätzen und auszukosten. Die kleinen Kraft- und Mutspritzen, ein Lächeln, ein gutes Wort, ein schlechter Witz, ein schöner Film, ein tröstendes Augenzwinkern, ein Song, ein Videoclip, ein Abendessen, ein Spiel, ein Vogel am Himmel …

Schau dich um in deinem Leben nach „Brot“ und „Wasser“, nach den großen und kleinen Kraftquellen. Und dann steh‘ auf und iss. Ich – Gott – sorge dafür, dass du seelisch nicht verhungerst. Du – Mensch – musst im rechten Augenblick aufstehen und essen, um Kraft zu bekommen für den nächsten Schritt.

Weggemeinschaft – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (3)

Ein Bild, das diese Zeit gut verdichten kann, ist das der Weggemeinschaft. Menschen sind unterwegs auf einem Weg, der sie durch gefährliches Gelände führt, durch eine Wüste von unbekanntem Ausmaß.

Es sind viele Menschen unterwegs, alle zunächst einmal auf ihrem je eigenen Lebensweg, in ihrer je eigenen Lebens- und Beziehungswelt, mit ihren eigenen Themen, ihren Sorgen, Nöten und Freuden. Alle mit ihrer ganz persönlichen Berufung auch und ihren individuellen Begabungen und Charismen.

Die Chance ist, dass aus der Ansammlung der vielen Einzelnen, die diese Wüste durchqueren müssen, eine Weggemeinschaft wird. Eine Gemeinschaft von Menschen, die sich auf diesem Weg gegenseitig Geleit und Unterstützung geben. Die Chance ist, dass auf diesem Weg Menschen in unterschiedlichen Konstellationen zusammentreffen, ein Stück gemeinsam gehen und sich auf diesem Wegstück gemeinsam bereichern.

Wenn die Weggemeinschaft lebendig und wachsam ist, dann geraten die nicht aus dem Blick, denen die Kraft ausgeht, die nicht mehr können, die gefallen sind. Dann gibt es in diesem Moment andere Wanderer, die ihnen wieder aufhelfen, sie stützen, vielleicht auch ein Stück weit auf die Schulter nehmen und tragen.

Wir können seit Beginn der Corona-Krise eine Fülle beeindruckender Beispiele erleben dafür. Beispiele, wie Menschen, das, was sie dabeihaben auf diesem Weg, mit anderen teilen. Wie sie füreinander da sind, Informationen teilen, Musik machen, ermutigen, trösten, ermahnen auch und Orientierung geben. Beruflich und freiwillig, in vielfältigsten Formen. Alles Beispiele für echte, füreinander sorgende, solidarische Weggemeinschaften

Es ist eine weltweite Weggemeinschaft, auch das wird in diesen Tagen deutlich. Menschen nehmen weltweit aneinander anteil, ermutigen einander, setzen Zeichen der Solidarität. Der emotionale Boden für Solidarität ist in der Tiefe immer ein Gefühl geteilter Identität. In der Corona-Krise können wir dies erleben. Wir können uns als Weltgemeinschaft erleben, als weltweite Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam einen schweren Weg zurücklegen müssen und sich dabei gegenseitig stärken.

Eine Besonderheit dieser Weggemeinschaft ist, dass wir uns auf diesem Weg nicht zu nahe kommen dürfen. Wir sind einander auch Gefahr auf diesem Weg. Es ist eine Weggemeinschaft von Menschen mit dünner Haut, eine Gemeinschaft von Verwundeten und Verwundbaren. Wir brauchen andere, neue Formen von Zartheit und Zärtlichkeit. Formen, uns nahe zu kommen und nahe zu sein, ohne uns zu gefährden und zu verletzen. Auch da gibt es schon berührende – in genau diesem Sinne – Beispiele. Konzerte, die Menschen im Netz geben, gemeinsame Gesänge, virtuelle Gottesdienste und vieles mehr. Auch das Gebet ist eine Weise, sich nahe zu kommen, ohne einander zu verletzen.

Gemeinsam unterwegs. Weggemeinschaft. Pilgerndes Gottesvolk, wenn Sie es theologisch formulieren möchten. Eine Erfahrung hat das biblische Gottesvolk immer gemacht, sie kann uns auch heute auf unserer Wüstenwanderung begleiten. Die Erfahrung, dass über einer sorgenden Weggemeinschaft der Segen Gottes liegt. Dass Gott selbst mitgeht auf einem solchen Weg und das Seine dazu beiträgt, dass die Kraft nicht ausgeht und der Mut nicht niedersinkt.

40 Tage – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (2)

Vierzig Jahre, so heißt es im Alten Testament, sei das Volk Israel in der Wüste unterwegs gewesen auf seinem Weg zwischen der Versklavung und dem gelobten Land. Vierzig Tage zieht sich Jesus in die Wüste zurück, um zu fasten. Und er weilt vierzig Tage auf Erden zwischen Auferstehung und Himmelfahrt.

Die Vierzig ist eine Symbolzahl. Sie steht für eine Zeit, die von begrenzter Dauer ist – von der ich aber nicht wirklich weiß, wie lange sie währt. Entwicklungsprozesse werden beschrieben mit dieser Symbolzahl. Prozesse, wo etwas wächst, sich bewegt, sich wandelt, wo etwas Neues entsteht.

Der Gang durch die Wüste wird ein Ende haben. Dann, wenn das gelobte Land erreicht ist. Dann wird sich auch das Volk gewandelt haben, aus Sklaven sind Freie geworden. Wann genau das aber sein wird, das weiß ich nicht, während ich unterwegs bin. Ich weiß nur zweierlei: Ganz schnell geht es nicht, ein solcher Weg ist keine kurze Episode. Es ist aber auch kein Dauerzustand, in dem ich mich einrichten könnte.

Sie ahnen sicherlich den Zusammenhang zur Corona-Krise. Keiner von uns weiß, wie lange diese Krise dauern wird. Wir wissen: Sie wird ein Ende haben, wenn die Infektionskurve unter Kontrolle ist. Der jetzige Zustand ist kein Dauerzustand, sondern eine Zwischenzeit. Wir wissen aber auch – und nach und nach glauben wir das auch: So ganz schnell geht dieser Zustand nicht vorbei. Wir sind in eine Zeit eingetreten, die anders ist als ein autofreies Wochenende oder die großen Ferien.

Diese eigenartigen Zwischenzeiten kosten viel Kraft. Sie erfordern eine besondere innere Haltung, die sich nicht so leicht herstellen und in Balance halten lässt. Augen zu und totstellen – oftmals erfolgreich bei kürzeren Katastrophen – geht nicht, weil die Zeit dafür zu lang ist. Und sich auf Zukunft hin in der Situation einzurichten, geht auch nicht – weil es kein Dauerzustand sein wird.

Man braucht von beidem ein bisschen. Ich muss mich auf die Situation aktiv einlassen. Ja, wir haben eine Wüsten-Zeit betreten, eine Zeit, wo vieles erst mal nicht mehr geht. Ich kann nicht so tun, als wäre es gleich wieder vorbei. Ja, ich bin bereit, dies anzunehmen – damit ich das, was diese Zeit an Chancen bietet, sehen und nutzen kann – und ich nicht im Protest verharre und verhärte.
Aber auch: Nein, ich muss mich hier nicht auf Dauer einrichten. Ich muss nicht so leben, als würden auf ewig die Lieferketten unterbrochen, als müsste ich meine eigene private Schule oder KiTa eröffnen. Als müsste ich nun alles, was ich für das künftige Leben brauche, nach Hause schaffen. Oder alles, was ich immer schon mal machen wollte, nun unbedingt anpacken.

Locker in Bewegung bleiben. Diesen Tipp hat ein junger Fußballtrainer immer den Spielern gegeben, die ausgewechselt worden sind. Irgendwann wurden sie wieder eingewechselt. Wann genau, das hing am Spielverlauf. In der Zwischenzeit war es wichtig, nicht kalt und starr zu werden – aber auch, nicht zu viel Kraft zu lassen. Vielleicht ist das auch in der jetzigen Corona-Zeit ein guter Ratschlag: locker in Bewegung bleiben. Sich wirklich einlassen auf den Weg, aber nicht starr und verbissen, sondern mit einer gewissen inneren Lockerheit. Irgendwann sind wir schon durch durch die vierzig Tage.

Wüstenzeit und Fastenzeit – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (1)

Der erste Impuls bietet zwei verschiedene Bilder, diese Zeit zu betrachten. Zwei Überschriften gewissermaßen über diese Zeit. Beide sind in der christlich-spirituellen Tradition seit langer Zeit in Gebrauch. Die Bilder, die ich Ihnen anbieten möchte, als Überschriften über eine bestimmte Zeit und / oder Lebensphase, sind: Wüstenzeit und Fastenzeit. Für manche sind diese Bilder mehr oder minder Synonyme. Wir werden aber sehen, dass sie qualitativ sehr unterschiedliche Akzente setzen.

Das Bild von der Wüste oder von einer Wüstenzeit ist ein Existenzbild, das schon im Alten Testament in großen Erzählungen – Meistererzählungen für die jüdisch-christliche Welt – ausgebreitet wird. Wüste steht – als Existenzbild – für ein Lebensumfeld, das dem Leben feindlich gegenübersteht. Ungeschützt ist der Mensch darin und ungenährt. Kein Wasser, keine Nahrung, extreme Temperaturen. Die Wüste steht für eine Lebenswelt, die selbst das Lebensnotwendigste nicht bereithält. Völlige Schutzlosigkeit, reiner Mangel. Der Mensch ist darin ganz auf sich gestellt. Ich bin angewiesen auf das, was ich dabei habe, hier und jetzt. Ich muss leben allein aus meinem eigenen Vorrat – körperlich, seelisch, sozial, spirituell. Und Frage ist: Was ist mein Vorrat? Woraus kann ich jetzt leben, womit kann ich überleben in dieser Wüstenzeit?

Man muss und darf die aktuelle Situation natürlich nicht dramatisieren. Wir sind, in Deutschland jedenfalls, aktuell nicht in einer lebensbedrohlichen Mangelsituation. Aber man kann in der Corona-Krise doch so etwas wie beginnende „Wüsten-„Elemente entdecken. Es werden, wenn man so will, Nachschubwege abgeschnitten. Orte, sich sozial zu nähren, werden still gelegt. Unterhaltungsmöglichkeiten fallen aus. Settings sozialer Betreuung und Bildung – KiTas etwa oder Schulen – brechen weg. Mobilitätsangebote werden weniger. In vielen Bereichen des Lebens verengt sich der Zugang zu externen Ressourcen. Und ich bin angewiesen, aus dem zu leben, was ich– im weiten Sinne verstanden – an Vorrat habe.

Wir werden in den nächsten Impulsen einige Anregungen und Verheißungen zusammentragen, die die christlich-spirituelle Tradition in und für Wüstenzeiten, Wüstenwanderungen, Wüstenerfahrungen bereithält. Da gibt es einiges, was erstaunlich aktuell ist. Heute aber geht es um einen anderen Akzent.

„Wüstenzeit“ ist eine Charakterisierung von außen. Eine Wüstenzeit kommt dadurch zustande, dass etwas fehlt. Wüstenzeit ist Mangelzeit. Demgegenüber steht das Bild der „Fastenzeit„. Fastenzeit ist eine Qualifizierung von innen. Die Grundbedeutung des Wortes „fasten“ ist „festmachen“, „sich festmachen“. Im Englischen findet sich diese Verwendung noch („fasten your seatbelts“). Fastenzeit ist eine Zeit, sich innerlich neu festzumachen. Es ist eine Zeit, in der ich neu prüfe, was fest genug ist, mich zu tragen in meinem Leben. Es ist eine Zeit, in der ich meine ganzen Lebensmuster und Routinen und Sicherheiten einmal bewusst und mutig anschaue. Und frage und prüfe: Was davon trägt mich wirklich? Was kann mich halten im Leben? Was ist stark genug, dass ich mich mit meiner ganzen Sehnsucht nach Liebe und Glück daran festmache?

Man kann diese Corona-Krisen-Zeit auch zur persönlichen Fastenzeit machen. Ich kann versuchen, die Einschränkungen, den Mangel, das Zurückgeworfensein bewusst anzunehmen – als Chance, mich neu in meinem Leben festzumachen. Ich kann die Zeit nutzen, um Erfahrungen zu machen, was mir wirklich fehlt – und was vielleicht auch nicht. Fasten ist etwas Aktives. Ich nehme den Mangel bewusst an – im Vertrauen darauf, dass sich das für mein Leben Wesentliche darin deutlicher zeigen wird. Dass ich dies neu wertschätzen und dafür danken lerne. Und ich vielleicht freier werde von allem Überflüssigen, von allem, was mich unnötig belastet und beschwert.