Con-Solatio: Gemeinschaft in der Einsamkeit – spiritueller Impuls zur Corona-Krise

Es gibt im Lateinischen eine interessante Wortschöpfung: consolatio. Consolatio wird im Deutschen meistens mit „Trost“ übersetzt. Was ist das? Was meint dieses Wort in der Tiefe?

Das lateinische Wort ist aus zwei Bestandteilen zusammengesetzt, die sich auszuschließen scheinen: con – solatio. „solatio“, das kommt von „solus“: einzig, allein. Der Zustand, dass ich alleine bin. Die Situation, durch die ich alleine durch muss. Die Aufgabe, die ich nur alleine bestehen kann. Ich, einzig und allein auf mich selbst gestellt. „Con“ dagegen meint: zusammen, gemeinsam, miteinander. Con-Solatio heißt also wörtlich: gemeinsam alleine, Gemeinschaft in der Einsamkeit, mit Dir in dem Moment, den ich alleine bestehen muss.

Es zeugt von einer tiefen Kenntnis menschlicher Existenz, dieses Wort zu wählen für das, was Trost ist. Trost ist nicht der Hinweis, es wird schon wieder oder es ist doch nicht so schlimm. Das ist manchmal auch hilfreich, sicherlich. Aber manchmal ist es so schlimm und es wird nicht wieder.

Trost ist auch nicht das Angebot: Ich gehe für dich, ich mache es für dich. Das ist auch wichtig und tut manchmal sehr gut. Aber es gibt Momente, da kann niemand für mich handeln und niemand für mich gehen. Das eben heißt ja, Person zu sein: dass ich im Kern meiner Existenz nicht vertreten werden kann.

Trost ist die Erfahrung, dass ich auch auf den Wegen, die ich alleine gehen, und in den Momenten, die ich alleine bestehen muss, doch nicht ganz alleine bin. Es ist die Erfahrung einer Gemeinschaft auch in der Einsamkeit.

Diese Erfahrung kann aus dem Wissen kommen, dass jemand an mich denkt. Dass jemand mit mir fühlt. Dass jemand für mich hofft. Es verändert eine Situation nicht nur psychologisch sondern existentiell, wenn sie nicht nur von mir alleine wahrgenommen – als wahr angenommen – wird. Ich denk‘ an Dich – wir sagen es manchmal leichthin oder verlegen oder hilflos. Wenn man es ernst meint, ist das viel.

Ich bete für Dich. Das ist noch mehr. Weil es die einzige Person einblendet, die einem Menschen auch in den Momenten des existentiellen Alleinseins beistehen kann. Gott allein vermag bei mir zu sein, auch dort, wo ich für mich alleine bestehen muss.

Warum rede ich davon in diesen Corona-Zeiten? Weil viele Menschen durch die Pandemie in Isolation geraten sind. Weil Menschen alleine sind in Situationen, in denen sie unter anderen Umständen von Menschen umgeben wären. Weil sie manchmal alleine sind in Situationen, in denen die Anwesenheit eines Menschen gut täte. Weil sie manchmal alleine hoffen, bangen, leiden, sterben müssen in den Pflegeheimen und Coronaisolierbereichen und Intensivstationen.

Mit aller Vorsicht und so, dass es die Traurigkeit und den Ernst des Alleinseins und der Trennung nicht ins Unrecht setzt, sollten wir Christen auch und gerade in Zeiten der Corona-Pandemie daran denken, dass es auch dann Con-Solatio gibt, Gemeinschaft in der Einsamkeit.

Durch Menschen, die da sind: PflegerInnen, ÄrztInnen, SeelsorgerInnen, Angehörige. Seltener als sonst, kürzer als sonst und manchmal nur in Gedanken und im Gebet. Beistand ist mehr als physische Präsenz.

Und durch Gott, durch sein Geleit. Es gibt mehr, als das, was ich selbst habe. Es gibt mehr als mein eigenes Tun und Dasein. Es gibt auch eine Präsenz Gottes, ein Wirken Gottes, das durch alle Schranken und Mauern und verschlossenen Türen hindurchgeht. Niemand hofft und bangt und leidet und stirbt gottverlassen, von Gott verlassen.

Es gibt auch, um dieses Beispiel zu wählen, eine Sterbebegleitung, wenn ein Mensch alleine in der Isolierstation stirbt. Eine Begleitung in Gedanken und im Gebet. Und eine Begleitung von der anderen Seite her. In der Tiefe ist Sterbebegleitung immer von der anderen Seite her. Wenn Gott entgegenkommt und an der Hand nimmt und durch den Tod hindurchführt, hinein ins neue Leben.

Hinweis:
Weitere spirituelle Impulse zur Corona-Krise finden Sie in der Rubrik Impulse zur Corona-Krise, die Sie oben anklicken können.

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