Vom rechten Maß – spiritueller Impuls zur Corona-Krise

In der großen biblischen Wüstenwanderungsgeschichte, die in diesen Impulsen als ein deutendes Bild für diese Corona-Krise angeboten wird, gibt es ein merkwürdiges Detail.

Die Geschichte entfaltet ein spannungsreiches Hin und Her zwischen Wüstenerfahrungen – Erfahrung von Mangel, Bedrohung, Verlassenheit – und Oasenerfahrungen – Erfahrungen von Nahrung, Belebung, Geleit. Immer wieder greift Gott in die Situation ein, um neue Ressourcen freizulegen, die Kraft, Mut, Hoffnung geben, zumindest für den nächsten Schritt. Diese Hilfe Gottes wird in unterschiedlichen Bildern verdichtet: Wasser, das sich teilt und eine Schneise bildet für die Flucht. Felsen, die sich spalten, um Wasser fließen zu lassen, das vor dem Verdursten rettet. Wolkensäulen und Lichter, die Orientierung geben. Und ein Bild zeigt ein Nahrungsmittel, das wie Tau vom Himmel fällt, zur Sättigung, gewissermaßen als tägliches Brot.

Zu diesem eigenartigen Brot, das so unverhofft zur Verfügung steht, gibt es einen Hinweis Gottes: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht. Nicht zu wenig und nicht zu viel. Genug, für den nächsten Schritt. Nicht mehr, nicht auf Vorrat. Vor Übermaß wird ausdrücklich gewarnt. Es heißt, wenn einer zu viel gehortet hatte, wurde es wurmig und stank.

Warum der Blick auf dieses biblische Detail in diesen Impulsen zur Corona-Krise?

Weil ich den Eindruck habe, dass angesichts der in Aussicht gestellten oder schon fließenden Unterstützungsleistungen, Hilfszahlungen, Coronahilfsfonds nach und nach ein Wettbewerb der Bedürftigkeiten entbrennt. Jeden Tag treten neue Gruppen in die Öffentlichkeit, die darauf hinweisen, dass die Corona-Krise ihnen ganz besonders zusetzt. Dass sie in einer ganz besonderen Weise leiden und gefährdet sind – und deshalb ein besonderes Anrecht haben auf Hilfszahlungen. Künstler, Gastronomen, Vereine, Kliniken. Ganze Industriezweige erklären und begründen, dass sie jetzt einen finanziellen Vorrat brauchen für morgen und übermorgen. Auch Sozialverbände fordern zusätzliche Ressourcen, um die Last tragen zu können, die morgen durch die steigende Zahl von Hilfsbedürftigen auf sie zukommen wird.

Wie viel ist angemessen? Nicht für den aktuellen Hunger, sondern für den künftigen? Wie viel ist zu wenig? Und wie viel zuviel? Wie viel Sicherheit auf Kosten der Gemeinschaft ist angemessen, und wo beginnt mein gehortetes Polster madig zu werden und zu stinken?

Sie ist nicht umsonst eine der Kardinaltugenden, wird sogar als die Lenkerin der anderen Tugenden bezeichnet:  die Fähigkeit, die richtige Mitte und das rechte Maß zu finden zwischen zuviel und zuwenig.  Die Fähigkeit, mehr: die Haltung, die richtige Mitte zu erkennen und die Größe zu haben, dann auch nur das und nicht mehr zu fordern, sich selbst auf dieses Maß hin zu beschränken.

Für den sozialen Frieden ist diese Tugend in der jetzigen Phase der Corona-Krise, so meine ich, besonders wichtig. Ohne sie wird unsere gelebte Solidarität madig und verdirbt.

Diese Tugend wächst, wo ich im Verteilungskampf nicht nur meine eigene Position, meine Not, meine Lobbygruppe sehe, sondern auch das große Ganze mit einblende. Wo ich davon ausgehe, dass es viele berechtigte Interessen gibt. Diese Tugend wächst, wo ich an einer Atmosphäre mitgestalte, in der nicht das laute Geschrei die Richtung bestimmt, sondern das kühle Augenmaß. Sie wächst, wo Menschen besonnen sind und wo sie Sehnsucht haben nach Gerechtigkeit, die alle im Blick hat, wirklich alle, nicht nur die, die auf die Bühne springen.

Und sie wächst, wo sich bei aller Dramatik doch auch eine, vielleicht in Gott gründende, Gelassenheit hält. Eine Gelassenheit, die sich aus der Hoffnung speist, dass auch morgen etwas Gutes entstehen wird, und ich mir deshalb heute meine Taschen nicht über alle Maßen vollstopfen muss.

Weitere spirituelle Impulse zur Corona-Krise finden Sie in der Rubrik Impulse zur Corona-Krise, die sie oben auf dieser Seite anklicken können.

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