Archiv des Autors: Joachim Reber

Betrachtungen zur Corona-Krise

In den letzten Wochen wurden in diesem Blog immer wieder Überlegungen und Betrachtungen zur Corona-Krise vorgetragen. Es waren Versuche, diese Zeit – die eigenen Erfahrungen in dieser Zeit – bewusst wahrzunehmen und zu deuten. Versuche auch,  sich selbst mit den Mitteln von Sprache und Schrift zu sortieren und so etwas wie eine begründete Position zu finden inmitten der Anfragen und Ansprüchen, die mit dieser Krise verbunden waren und sind. Eine Auswahl dieser Versuche finden Sie, in der Reihenfolge ihrer Entstehung, in der Rubrik „Impulse zur Corona-Krise“, die Sie oben anklicken können.

 

Martha und Maria

Joachim Reber: Martha

Eine andere biblische Geschichte, die in der spirituellen Begleitung von Mitarbeitenden im Sozial- oder Gesundheitswesen gerne eingesetzt wird, ist die Geschichte von Maria und Martha (Lk 10,38-42).  Auch sie zeigt exemplarische Lebensmuster.

[Einmal kam Jesus] in ein Dorf. Eine Frau namens Martha nahm ihn gastlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Martha aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Martha, Martha, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.

In einem Diakonie-Care-Kurs haben wir uns diesem Text zunächst über die Methode des sogenannten Bibliologs angenähert. Dabei versetzen sich die Teilnehmer*innen in die Gestalten des Textes hinein und sprechen das aus, was sie an ihrer Stelle empfinden (würden). Der eigentliche Text wird dadurch kreativ erweitert, weil die eigenen Gedanken und Empfindungen zu Äußerungen der biblischen Figuren werden. Lebensgeschichte und biblische Geschichte treten miteinander in Interaktion und können sich gegenseitig bereichern.

Der Kontext, in dem wir diese Geschichte analysiert haben, war die Frage nach persönlichen Wahrnehmungsmustern. Die beiden Frauen deuten die Situation, die durch den Besuch Jesu geschaffen wird, völlig unterschiedlich. Sie tun dies deshalb, weil sie, wenn man so will, jeweils in einem anderen Lebensmodus sind.

Den einen Modus – Martha – könnte man „Bewährungsmodus“ nennen. Für sie ist es eine Situation, in der sie sich als gute Gastgeberin bewähren will, bewähren muss. Entsprechend werden Fragen wie: Was muss ich tun? Wie mache ich es gut? Was darf auch keinen Fall schiefgehen? etc. zu Leitfragen, die die Situationswahrnehmung prägen.

Den Modus, in dem Maria unterwegs ist, könnte man dagegen „Empfangs- oder Geschenkmodus“ nennen. Für sie ist es vor allem eine Situation, in der sie für ihr Leben etwas Neues bekommen kann, Inspiration, Nahrung, Lebensfreude, Lebendigkeit. Ihre Leitfragen sind: Wie kann ich gut empfangen? Welche Erfahrungen kann ich hier machen? Was will mir diese Situation geben etc.

Ein Anstoß, den diese Geschichte gerade sozial engagierten, verantwortungsbewussten Menschen geben kann, ist: Achte darauf, nicht ständig im „Bewährungsmodus“ zu verharren, sondern immer wieder auch in den „Empfangs- und Geschenkemodus“ umzuschalten. Weil Dein Leben sonst keine Nahrung bekommt. Es kann sein, dass ein Mensch seelisch verhungert. Nicht, weil es keine Gelegenheiten gegeben hätte, sich zu nähren, zu stärken, zu beleben – sondern weil er diese Gelegenheiten nicht auskosten konnte, weil er im falschen Modus war.
Es ist gut und wichtig, dies nicht zu vergessen. Sich immer wieder zu fragen: Wo sind die Situationen in meinem Leben, die mich beleben? Könnte die Situation, in der ich mich gerade befinde, nicht eine sein, die mich beschenken und nähren will? Bin ich dafür empfänglich?

Und es ist recht und richtig, für diese Empfänglichkeit auch zu kämpfen. Sie gegen den oft allgegenwärtigen „Bewährungsdruck“ zu verteidigen und davor zu schützen. Nichts anders macht Jesus ja in dieser Situation. Man kann sich das auch selbst immer wieder sagen, wenn man etwas aufnimmt, annimt, auskostet, genießt: Du hast den guten Teil gewählt. Der soll Dir nicht genommen werden.

Heilsame Schritte – Analyse einer biblischen Mustergeschichte

Regina Reber: Silver

In biblischen Geschichten verdichten sich oft menschliche Existenzmuster. Es sind Geschichten von Menschen, die in einer bestimmten Lebenssituation sind, in welche dann etwas von Gottes Kraft und Gottes Geist kommt. Diese Existenzgeschichten können für Menschen in der sozialen oder pastoralen Arbeit inspirierend sein und ermutigend und nicht selten auch entlastend und befreiend.

In einem Ausbildungskurs „Diakonische Pastoral“ haben wir letzte Woche eine Geschichte analysiert, die zu den Klassikern in der theologischen Fortbildung von Seelsorger(inne)n oder Berater(inn)en gehört. In gewisser Weise findet man darin das gesamte Programm von Caritas und Diakonie wieder mit seinen Dimensionen: konkrete Hilfeleistung, Anwaltschaft und Solidaritätsstiftung. Und natürlich, wie bei jeder guten sozialen und pastoralen Arbeit, das Empowerment, die Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Geschichte beschreibt einen Prozess. Dieser Prozess wird in der sozialen Arbeit gerne „empowerment“ genannt. In seelsorglichen Kategorien könnte man von einem Prozess diakonischer Pastoral sprechen. Es lohnt sich, diese Geschichte sehr genau auf die Prozessschritte und Prozesselemente hin zu analysieren. Und in diesem Fall lohnt es sich auch sehr, den Urtext beizuziehen, weil viele Übersetzungen wichtige Details nicht wiedergeben.

Im Nachgang zu diesem Seminarkurs soll der zweitelige Beitrag, der vor einiger Zeit schon einmal in diesem Blog erschienen ist, hier erneut eingestellt werden. Er sei mit zwei Bildern illustriert.

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