Archiv des Autors: Joachim Reber

Gebetszeiten – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (9)

Regina Reber: Viel Glück!

Zum Wochenbeginn gibt’s diesmal einen sehr praktischen spirituellen Impuls.

Die Virologen und Hygieneforscher raten, nicht erst seit Corona-Zeiten, sich gründlich mit Seife die Hände zu waschen – und zwar zwanzig bis dreißig Sekunden lang.

Nun haben viele beim Händewaschen keine Stoppuhr dabei. Außerdem macht es nicht wenige Menschen unruhig, wenn sie außer Händewaschen nichts zu tun haben. Da wird dann gerne mal, wie beim Zähneputzen, etwas abgekürzt.

Beide Aspekte lassen sich in einer idealen Weise verbinden und positiv gestalten durch Gebetszeiten. Ich kann während des Händewaschens ein Gebet sprechen. Dann haben Kopf und Herz etwas zu tun. Und gleichzeitig sind Gebetszeiten gute Zeitmesser.

Zur Orientierung fünf Klassiker, mit entsprechenden Kombinationsmöglichkeiten:

  • Vaterunser (ohne „denn Dein ist das Reich…“): 21 Sekunden
  • Vaterunser (mit „denn Dein ist das Reich…“):    28 Sekunden
  • Gegrüßet seist Du, Maria (Ave Maria):  22 Sekunden
  • Ehre sei dem Vater…:   7 Sekunden
  • Im Namen des Vaters…: 4 Sekunden

Ihnen allen viele inspirierende und belebende Gebetszeiten!

Schuldvorwurf und Sündenbock – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (8)

Wenn eine Krise länger andauert, wenn Menschen längere Zeit in einer Mangelsituation gefangen sind, wenn ihnen längere Zeit das Heft des Handelns aus der Hand genommen ist, – wenn, poetisch gesprochen, die Wüstenwanderung länger andauert, – lauert eine besondere Gefahr. Die Gefahr, dass sich die Energien in einer zerstörerischen Weise nach innen richten und die Solidargemeinschaft aufspalten. Ganz häufig geschieht dies dergestalt, dass Schuldvorwürfe erhoben und Sündenböcke gesucht – und oftmals auch verfolgt und vernichtet – werden.

Möglicherweise hat das etwas mit den aggressiven Anteilen zu tun, die eine Krisensituation in Menschen wachruft. Gefühle von Zorn und Wut. Auch ist es, besonders für tatkräftige Menschen, schwer auszuhalten, nichts tun zu können. Die Suche nach Schuldigen, der empörte Aufschrei, lautstarke Vorwürfe – das gibt den Eindruck, etwas zu machen, etwas machen zu können.

Die Weltgeschichte zeigt eine Fülle von exzessiven Beispielen für dieses Phänomen. Von den Hexenverfolgungen in Zeiten der Pest bis zu den Politischen Prozessen in der Sowjetunion unter Stalin und später in fast allen anderen Ostblockstaaten. In der biblischen Wüstenwanderungsgeschichte im Buch Exodus wird Mose immer wieder zum Sündenbock, der mit massiven Schuldvorwürfen konfrontiert wird. „Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in die Wüste holst? Was hast du uns da angetan? Warum hast du uns aus Ägypten herausgeführt? Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe!“ Oder später: „Warum hast du uns überhaupt aus Ägypten hierher geführt? Um uns, unsere Söhne und unser Vieh verdursten zu lassen? Mose schrie zum Herrn: Was soll ich mit diesem Volk anfangen? Es fehlt nur wenig, und sie steinigen mich.“

Wir sind in der Corona-Krise von solchen Exzessen selbstverständlich weit entfernt. Aber ich habe den Eindruck, dass in der öffentlichen Debatte die Stimmen lauter werden, die Vorwürfe erheben, Sündenböcke suchen, die vermeintlich Schuldigen benennen.  Wenn vom „Versagen der Politik“ die Rede ist, von „unfähigen Ministern“, von „Versäumnissen, die sich jetzt rächen“, von „geldgierigen Tourismusmanagern“ etc., dann geht das in diese Richtung.

Selbst wenn etwas daran wäre an all den Vorwürfen, ist die Giftwirkung dieser Stimmen nicht nur in der jetzigen Situation sondern auch auf Zukunft hin verheerend. Sie spaltet eine Gesellschaft auf in Ankläger und Angeklagte, in Verfolger und Verfolgte. Sie leistet einer „Verdachtshermeneutik“ („die planen sicher Böses…“) Vorschub und entwertet dadurch den guten Willen und das echte Bemühen all derer, die es so gut machen, wie es eben geht.

Ich möchte ermutigen, nicht in diese Töne einzustimmen. Möchte ermutigen, ausgleichend zu wirken. Für die Überzeugung einzutreten, dass die allermeisten, die in dieser Krise  einen Beitrag leisten – an Ihrem Platz mit ihrer Verantwortung – dies aus hehren Motiven tun. Dass alle es gut machen wollen und ihr Bestes geben. Auch immer wieder, wenn die Frage aufkommt: „Wer ist schuld?“, darauf hinzuweisen, dass Unglück und Leid zur Tragik des Lebens gehören, und eben nicht immer die Folge von schuldhaftem Verhalten sind. Es kann sein, dass alle alles richtig machen, und es trotzdem nicht für alle gut ausgeht.

Es sind die passiven Tugenden, die jetzt besonders gefordert sind: Geduld, Leidensfähigkeit, Frustrationstoleranz. Wir brauchen Fähigkeiten, Energien aus Systemen abzuziehen, Druck aus dem Kessel herauszunehmen. Oder biblisch-poetisch: die Fähigkeit, Stürme zu stillen, Wogen zu glätten und Dämonen zu besänftigen.

Nicht mehr Verantwortung als Möglichkeiten – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (7)

Je länger die Corona-Krise andauert, desto mehr spüren wir, wie stark uns diese Ausnahmesituation in unserem Handeln bestimmt. Dies gilt privat und beruflich. Und es gilt nicht nur in dem Sinne, dass uns bestimmte Kontakt-, Bildungs-, Unterhaltungs-, oder Versorgungsmöglichkeiten genommen sind. Es gilt auch im ethisch-moralischen Sinn. Die Corona-Krise bringt nicht wenige Menschen in Gewissenskonflikte, weil sie zu Handlungen und Verhaltensweisen gezwungen sind, die den Maßstäben nicht genügt, die sie üblicherweise an sich selbst anlegen.

Ein Beispiel: Derzeit ist es Angehörigen nicht gestattet, Menschen, die ihnen nahe stehen, im Krankenhaus oder Pflegeheim zu besuchen. Auch dann nicht, wenn diese durch die Situation verstört sind, sich verloren und verlassen fühlen. Mit zunehmender Überlastung der Stationen sind selbst telephonische Kontakte oft nicht mehr möglich. Tipps wie „Briefe schreiben“, „Bilder malen“ etc. sind gut gemeint, sind in akuten Krisenfällen aber meist keine wirkliche Alternative. Und auch das Pflege- und Klinikpersonal kann den Kontaktverlust zu vertrauten Menschen nicht ausgleichen. Es erfährt sich im Gegenteil selbst dieser wichtigen personalen und psychosozialen Unterstützungsmöglichkeit beraubt und muss noch dafür sorgen, dass die Isolierung eingehalten wird.

Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Verstorbenen. Derzeit gelten in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Hospizen sehr strenge Vorschriften. Verstorbene, die an Corona erkrankt waren etwa, werden als hochinfektiös eingestuft. Das hat gravierende Auswirkungen auf den Umgang mit der Leiche (Kontaktreduktion auf das unbedingte Mindestmaß, Abtransport möglichst rasch in speziellen Leichensäcken, etc.). Vieles, was derzeit gemacht werden muss, entspricht nicht den Ansprüchen, die Mitarbeitende oder Angehörige an einen würdigen Umgang mit Verstorbenen und eine angemessene Abschieds- und Trauerkultur haben.

Dieser Impuls möchte zumindest ein wenig zur Entlastung beitragen. Menschen, die in dieser schwierigen Zeit ohnehin oftmals bis an Ihre Belastungsgrenze gehen müssen, dürfen nicht noch zusätzlich durch Schuldvorwürfe und schlechtes Gewissen bedrückt werden.

Niemand hat mehr Verantwortung als Möglichkeiten (ultra posse nemo obligatur). Diesen alten Moral- und Rechtsgrundsatz kann man gerade in der jetzigen Zeit nicht oft genug betonen.  Besondere Umstände, besondere Zwangslagen haben eine Auswirkung auf das, was ethisch geboten, gut und richtig ist.

Die Umstände spielen eine Rolle für die Frage, wie eine liebevolle Begleitung von Alten und Kranken oder ein respektvoller Umgang mit Verstorbenen konkret wird.  Unter den gegenwärtigen, unser Gesundheitssystem bedrohenden Umständen, steht ein Abtransport von Verstorbenen in einem Leichensack (oder beispielsweise der Abtransport durch einen Militärkonvoy) nicht per se im Widerspruch zur Würde einer Person. Und wenn nichts anderes geht als aneinander zu denken, einander Gutes zu wünschen, sich umeinander zu sorgen, oder füreinander zu beten – dann ist eben das gut und richtig und ausreichend.

Hilfreich kann im Zweifel der Gedanke sein, dass der Betroffene selbst als Person, die eines moralischen Urteils fähig ist,  meine Handlungsweise nachvollziehen und gutheißen kann. Auch wenn unter anderen Umständen ein anderer Umgang angemessen wäre – in der jetzigen Situation ist es so, wie es geht, gut und richtig. Und das, was nicht geht, das darf ich auch – nicht leichten aber guten Herzens – lassen. 

Niemand hat mehr Verantwortung als Möglichkeiten. Das gilt in allen Bereichen menschlichen Lebens. Ich tue, was ich kann. Mehr kann ich nicht tun. Dass dann immer noch Leid – und manchmal sehr viel Leid – übrig ist, gehört zur Tragik des Lebens. Der Christ kann und darf hier Gott – den Schöpfer der Welt – mit in die Pflicht nehmen. Er kann ihm ein Schicksal, mit aller Vorsicht gesagt, in die Hände legen. Ich habe meinen Teil getan – nun nimm Du es in die Hand, damit daraus etwas Ganzes und Heiles wird.

Heilige Zeichen – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (6)

Der heutige Impuls nimmt seinen Ausgang bei einer interessanten persönlichen Erfahrung am gestrigen Sonntag. Ich wollte zumindest virtuell an einem Gottesdienst teilnehmen und habe mich dazu am Vormittag im Wohnzimmer in eine der vielen Live-Übertragungen eingeschaltet. Die Messe hatte gerade begonnen, als ich bemerkte, dass aus der Spülmaschine Wasser austrat und in den Parkettboden lief. Mir blieb nichts anderes übrig, als unverzüglich die undichte Stelle zu suchen und den Wasserschaden nach Möglichkeit zu beheben. Den Fernseher mit der Gottesdienstübertragung ließ ich weiterlaufen.

Während ich so vor mich hinarbeitete, die Leitung abstellte, die Maschine herauszog, das Wasser vom Boden aufwischte, Anschlüsse neu befestigte, reinigte, schraubte, schob und zog – hörte ich die Lesungen und das Evangelium. Psalmen wurden gesungen und Gebete gesprochen. Es erklangen geistliche Lieder, es wurde gepredigt, Fürbitte gehalten, das Brot gebrochen, der Segen gespendet.

Die interessante Erfahrung dabei war, dass das wunderbar zusammenpasste. Es war schön, bei meiner Arbeit, meiner kleinen technischen Krisenbewältigung, von diesen vielen Formen christlicher Spiritualität umgeben zu sein. Es war ein gutes und irgendwie stimmiges Gefühl, das Gefühl gewissermaßen von Gebet begleitet zu sein und dabei seine Aufgabe zu erledigen.

Mir ist in dieser Stunde neu deutlich geworden, was es eigentlich meint, sein Leben ins Gebet zu nehmen. Dass es dabei nicht nur oder vielleicht nicht einmal so sehr um die bewussten,  konzentrierten Gespräche mit Gott geht. Sondern auch um so etwas wie einen leichten, kontinuierlichen Kontakt. So etwas wie spirituelle Stimmfühlungslaute, kurze, den Alltag begleitende Momente der Rückversicherung: Du bist da, ja?

Und bewusst geworden ist mir auch, wie schön es ist, sich als von diesem Gebet umgeben zu erfahren. Ich musste in dieser Stunde keine Gestaltungsleistung vollbringen, musste mir nicht überlegen, wie ich meinem Gebet eine gute Form gebe, welche Weise gestalteter Aufmerksamkeit angebracht und angemessen ist. Ich musste mich einfach nur um den Wasserschaden kümmern, und um mich herum wurde so etwas wie ein Haus des Gebetes aufgebaut. Um mich herum und irgendwie auch für mich hat eine Gebetsgemeinschaft in dieser Stunde gebetet. Und mir dadurch, mit aller Vorsicht gesagt, das Gefühl gegeben, tatsächlich „von guten Mächten wunderbar geborgen“ zu sein.

Nicht nur, aber auch in der Corona-Krise könnte dies eine Anregung sein: für sich auf die Suche zu gehen nach heiligen Zeichen, durch die ich in meinem Alltag an die Anwesenheit Gottes erinnert werde. Auf die Suche zu gehen nach schönen, leichten, stimmigen spirituellen Formen, die nicht als Handlungsaufforderung für das schlechte Gewissen empfunden werden („du solltest mal wieder beten“), sondern das Gefühl verdichten, in einem tiefen Sinne im Leben begleitet und getragen zu sein.

Ich zünde seit einiger Zeit zu Beginn meines Arbeitstages eine Kerze an – und bereite im Schein dieses Lichtes dann meinen Arbeitstag vor. Der Lichtschein ist hier gewissermaßen das Gotteshaus, der spirituelle Raum, der um mich gebreitet wird. Der spirituelle Raum, in dem ich dann meinen ganz normalen Arbeitsalltag plane und gestalte – und daran erinnert werde, dass das alles von Gott umgeben ist.

Eine Erfahrung habe ich übrigens gestern auch noch gemacht. Während ich so vor mich hinarbeitete, kam auch die Predigt. Unter normalen Umständen hätten die Worte des Predigers meine kritische Analyse und in Teilen auch meinen (zumindest inneren) Widerspruch hervorgerufen. In dieser Situation aber war ich merkwürdig gelöst. Ich hatte das tiefe Gefühl, der Prediger möchte mir etwas, was ihm wichtig ist und am Herzen liegt, mitgeben. Er hat sich Mühe gemacht, das möglichst gut auszudrücken. Um mich damit zu stärken und zu trösten. Dieses Empfinden hat mich die Predigt anders hören lassen, interessierter, offener. Dankbarer auch. Vielleicht, bestimmt ist etwas darin, was mir gut tut, heute vielleicht oder morgen. Ich muss nicht mit dem Prediger in die theologische Auseinandersetzung treten. Jede und jeder darf da sein in diesem spirituellen Raum – mit dem, was er und sie zu geben hat und mit dem, was jede und jeder von uns jetzt gerade braucht.

Es geht voran – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (5)

Derzeit ist eine Fülle von solidarischen Aktionen zur Corona-Krise zu beobachten. Menschen stellen im Internet Konzerte, Impulse, Videos, Beratungsangebote, Resilienztipps und vieles mehr zur Verfügung. Die ethische Reflexion über das, was die Corona-Krise an Abwägungs- und Konfliktkonstellationen mit sich bringt, läuft auf Hochtouren. Menschen treten anwaltschaftlich für Schwächere ein und stellen engagierte Forderungen. Es wird gelobt und gedankt.

Und das ist gut und richtig und wichtig. Überhaupt keine Frage. Sie haben Lob und Dank verdient die viele großen und kleinen Helden und Solidaritätsstifter. Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich im heutigen Impuls eine andere Gruppe von Menschen in den Blick nehmen.

Die große biblische Wüstenwanderungsgeschichte erzählt von Mose, Aaron, Josua, von ihren Führungsleistungen und großen Taten. Sie erzählen von Gott, von seinem Geleit und seinen Wundern. Und im Gesamt erzählt sie auch vom „Volk“, von „den Leuten“, „den Israeliten“. Was sie nicht erzählt oder nur selten, ist die Geschichte der Einzelpersonen dieses Volkes. Sie erzählt wenig von der Frau, dem Mann, dem Kind, das auf dieser Wüstenwanderung Schritt um Schritt gegangen ist. Jede und jeder Einzelne musste diese Wanderung für sich bestehen. Sie waren zwar Teil einer Weggemeinschaft, einer solidarische Weggemeinschaft, einer geführten und gesegneten Weggemeinschaft – aber jede und jeder Einzelne musste doch jeden Schritt durch die Wüste selbst tun. Jede und jeder Einzelne musste jeden Tag durchhalten, guten Mutes bleiben, irgendwie vorankommen.

In unserer Corona-Krise gibt es viele Menschen, die zunächst einfach mal schauen, wie sie durchkommen durch den Tag. Die schauen, wie sie die Beschränkungen einhalten und die Versorgung aufrecht erhalten können. Die ihren Tageslauf strukturieren und etwas auf den Tisch bringen und die Wäsche waschen, ihr homeoffice zum Laufen bringen, ein paar soziale Kontakte pflegen,  sich bemühen, einigermaßen bei Laune zu bleiben. Frauen, Männer, Jugendliche, Kinder, die einfach ihren Alltag bewältigen und bestehen.

Dadurch aber, dass sie das schaffen – und wir alle sind die, die das derzeit irgendwie schaffen – leisten sie einen Beitrag, dass unsere Weggemeinschaft vorankommt in der Corona-Krise. Jede und jeder, der es schafft, sich an die Corona-Schutzregeln zu halten und seinen Alltag zu bewältigen, leistet einen solidarischen Beitrag auf unserem gemeinsamen Weg durch die Corona-Wüste. Ich glaube, es lohnt sich, sich auch das immer wieder mal bewusst zu machen. Ich muss nicht jeden Tag eine besondere Heldentat vollbringen, um einen Beitrag zu leisten. Den Alltag bestehen, damit es voran geht Tag um Tag, das ist nicht wenig in dieser Zeit.

Steh‘ auf und iss! – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (4)

Was lässt Menschen Widerstände überwinden, Krisen durchstehen, neue Kraft und neuen Mut finden? Wie kann man gut mit seinem seelischen Krafthaushalt umgehen? Was schützt und stärkt und belebt in Belastungssituationen? Solche Fragen werden gestellt in Resilienztrainings oder in seelsorglichen Teamgesprächen oder in der spirituellen Krisenbegleitung. Auch jetzt in der Corona-Krise sind diese Fragen wichtig.

Der Glaube bietet hier eine besondere Perspektive an. Viele Religionen, Weltanschauungen, Spiritualitäten verbindet die Überzeugung, dass es Quellen von Kraft und Lebendigkeit gibt, die tiefer liegen als das unmittelbar Sicht- und Machbare. Oder von einem personalen – das heißt: liebesfähigen – Gott her formuliert: Sie rechnen damit, dass Gott für mich zur rechten Zeit etwas bereithält, was mir weiterhilft in Wüsten, Widerständen und Krisen.

Es gibt eine interessante biblische Geschichte, die das in ein existentielles Bild fasst. Sie steht im ersten Königsbuch. Im Mittelpunkt steht der Prophet Elija. Er wird betrachtet im Moment einer schweren Lebenskrise. Szenisch ausgedrückt wird das durch das Bild der Wüste. Die Krise ist so schwer, dass er sich den Tod wünscht. Doch dann passiert etwas:

Elija ging in die Wüste hinein, einen Tagesweg. Wie er so weit gekommen war, setzte er sich unter einen einsamen Ginsterbusch. Er wünschte seiner Seele zu sterben. Er sprach: Nun ist’s genug, Du. (…) Er legte sich hin und schlief ein. Da rührte ein Engel ihn an, der sprach zu ihm: Erheb‘ dich, iss! Er blickte sich um. Da war bei seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und ein Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Aber Sein Engel kehrte wieder, zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Erheb‘ dich, iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf und er aß und er trank und er wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes. (1 Kön 19 )

Das Bild vom Engel ist ein Existenzbild. Es geht da nicht um ein wunderliches Flügelwesen. Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ein Bote, der etwas von Gott zeigen, etwas von seiner Kraft bringen kann. Das kann beispielsweise ein Mensch sein, der mir in einer bestimmten Situation zum Engel wird. Elija begegnet in dieser Szene einem solchen Engel. Und dieser bringt ihn in Kontakt mit neuen Ressourcen.

Der Engel erscheint in dem Moment, wo Elija loszulassen beginnt. Dargestellt wird das durch das Bild des Schlafes. Er hat alles gegeben. Mehr hat er nicht. Nun muss entweder etwas Anderes, Neues kommen – oder er geht zugrunde. Und in diesem Moment, wo er loslässt, sich fallen lässt, kommt das Neue. Der Engel kommt und mit ihm neue seelische Nahrung. Eines allerdings muss Elija dann wieder tun. Er muss aufstehen – erhebe dich, richte dich auf, steh‘ auf. Und er muss essen – iss, trink, nähre dich. Sonst ist der Weg zu weit für dich.“

Auf unseren Lebensalltag – auch auf unser Verhalten in dieser Krise  – übertragen wird das heißen: Schau‘ dich um, vielleicht begegnet dir gerade ein Engel und hat für dich neue Nahrung dabei. Etwas, das deine Lebenskraft, deinen Lebensmut regenerieren kann. Wahrscheinlich ist es keine außergewöhnliche Erbauung, kein besonderes Ereigniss, kein rauschendes Fest, kein gewaltiger Glücksmoment. Sondern spirituelles Schwarzbrot,  eine von den schlichten, alltäglichen Nahrungsquellen. Gerade in der Krise ist es wichtig, diese achtsam wahrzunehmen und wertzuschätzen und auszukosten. Die kleinen Kraft- und Mutspritzen, ein Lächeln, ein gutes Wort, ein schlechter Witz, ein schöner Film, ein tröstendes Augenzwinkern, ein Song, ein Videoclip, ein Abendessen, ein Spiel, ein Vogel am Himmel …

Schau dich um in deinem Leben nach „Brot“ und „Wasser“, nach den großen und kleinen Kraftquellen. Und dann steh‘ auf und iss. Ich – Gott – sorge dafür, dass du seelisch nicht verhungerst. Du – Mensch – musst im rechten Augenblick aufstehen und essen, um Kraft zu bekommen für den nächsten Schritt.

Weggemeinschaft – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (3)

Ein Bild, das diese Zeit gut verdichten kann, ist das der Weggemeinschaft. Menschen sind unterwegs auf einem Weg, der sie durch gefährliches Gelände führt, durch eine Wüste von unbekanntem Ausmaß.

Es sind viele Menschen unterwegs, alle zunächst einmal auf ihrem je eigenen Lebensweg, in ihrer je eigenen Lebens- und Beziehungswelt, mit ihren eigenen Themen, ihren Sorgen, Nöten und Freuden. Alle mit ihrer ganz persönlichen Berufung auch und ihren individuellen Begabungen und Charismen.

Die Chance ist, dass aus der Ansammlung der vielen Einzelnen, die diese Wüste durchqueren müssen, eine Weggemeinschaft wird. Eine Gemeinschaft von Menschen, die sich auf diesem Weg gegenseitig Geleit und Unterstützung geben. Die Chance ist, dass auf diesem Weg Menschen in unterschiedlichen Konstellationen zusammentreffen, ein Stück gemeinsam gehen und sich auf diesem Wegstück gemeinsam bereichern.

Wenn die Weggemeinschaft lebendig und wachsam ist, dann geraten die nicht aus dem Blick, denen die Kraft ausgeht, die nicht mehr können, die gefallen sind. Dann gibt es in diesem Moment andere Wanderer, die ihnen wieder aufhelfen, sie stützen, vielleicht auch ein Stück weit auf die Schulter nehmen und tragen.

Wir können seit Beginn der Corona-Krise eine Fülle beeindruckender Beispiele erleben dafür. Beispiele, wie Menschen, das, was sie dabeihaben auf diesem Weg, mit anderen teilen. Wie sie füreinander da sind, Informationen teilen, Musik machen, ermutigen, trösten, ermahnen auch und Orientierung geben. Beruflich und freiwillig, in vielfältigsten Formen. Alles Beispiele für echte, füreinander sorgende, solidarische Weggemeinschaften

Es ist eine weltweite Weggemeinschaft, auch das wird in diesen Tagen deutlich. Menschen nehmen weltweit aneinander anteil, ermutigen einander, setzen Zeichen der Solidarität. Der emotionale Boden für Solidarität ist in der Tiefe immer ein Gefühl geteilter Identität. In der Corona-Krise können wir dies erleben. Wir können uns als Weltgemeinschaft erleben, als weltweite Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam einen schweren Weg zurücklegen müssen und sich dabei gegenseitig stärken.

Eine Besonderheit dieser Weggemeinschaft ist, dass wir uns auf diesem Weg nicht zu nahe kommen dürfen. Wir sind einander auch Gefahr auf diesem Weg. Es ist eine Weggemeinschaft von Menschen mit dünner Haut, eine Gemeinschaft von Verwundeten und Verwundbaren. Wir brauchen andere, neue Formen von Zartheit und Zärtlichkeit. Formen, uns nahe zu kommen und nahe zu sein, ohne uns zu gefährden und zu verletzen. Auch da gibt es schon berührende – in genau diesem Sinne – Beispiele. Konzerte, die Menschen im Netz geben, gemeinsame Gesänge, virtuelle Gottesdienste und vieles mehr. Auch das Gebet ist eine Weise, sich nahe zu kommen, ohne einander zu verletzen.

Gemeinsam unterwegs. Weggemeinschaft. Pilgerndes Gottesvolk, wenn Sie es theologisch formulieren möchten. Eine Erfahrung hat das biblische Gottesvolk immer gemacht, sie kann uns auch heute auf unserer Wüstenwanderung begleiten. Die Erfahrung, dass über einer sorgenden Weggemeinschaft der Segen Gottes liegt. Dass Gott selbst mitgeht auf einem solchen Weg und das Seine dazu beiträgt, dass die Kraft nicht ausgeht und der Mut nicht niedersinkt.