Archiv des Autors: Joachim Reber

Caritas und Diakonie als Lernorte des Glaubens

Das christlich-spirituelle Profil von Caritas und Diakonie realisiert sich nicht zuletzt darin, dass ihre Unternehmen und Einrichtungen für interessierte Mitarbeitende und Führungskräfte zu vorzüglichen Lernorten des Glaubens werden können. Deshalb gehört eine fundierte christlich-spirituelle Bildung zu den Aufgaben von Caritas und Diakonie. Sie soll dort besonders gut sein, auf einem hohen Niveau, attraktiv und passgenau für eine weltanschaulich plurale Mitarbeiterschaft.

Die Frage nach dem christlichen Profil wird hier anders gestellt. Es wird nicht (mehr) gefragt: Sind die Mitarbeitenden christlich oder katholisch oder evangelisch? Sondern es wird gefragt: Inwieweit ist diese Einrichtung, das Unternehmen, die Organisation ein besonders guter Ort, um christlich-spirituelle Erfahrungen zu machen? Kann ein interessierter Mensch dort bei seiner persönlichen Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebens geistige und geistliche Nahrung finden? Dieser Zugang ist ein wirklicher Paradigmenwechsel. Das christliche Profil wird nicht mehr vor allem in der persönlichen christlichen Spiritualität der einzelnen Mitarbeitenden gesucht. Sondern es wird die „institutionelle Spiritualität“ in den  Blick genommen und gefragt ob und inwieweit die Einrichtung oder die Organisation inspirierende Lern- und Begegnungmöglichkeiten für christliche Spiritualität bereit hält: Austausch- und Erfahrungsräume, Informationsangebote, Begegnungsformate, Begleitprogramme uvm.

Diejenigen, die in Caritas und Diakonie, aber auch in der verfassten Kirche eine besondere Verantwortung für das christliche Profil caritativer Unternehmen tragen, sollten dabei durchaus auch einen kritischen Blick auf die Entwicklungen werfen. Sie sollen nachfragen und nachschauen, ob die caritativen Einrichtungen und Unternehmen wirklich an einer Kultur der Reflexion und existentiellen Kommunikation interessiert sind und daran arbeiten. Ob die weltanschaulich-religiöse Pluralität wirklich als Herausforderung und Gestaltungsaufgabe angenommen wird – und nicht als letztlich unbedeutendes Nebenthema abgetan wird beim Kampf um Fachkräfte. Sie sollten begründete Kritik äußern, wenn die spirituellen Bildungsformate, die spirituellen Erfahrungs- und Lernräume bei den caritativen Unternehmen die spirituelle Vielfalt ihrer Mitarbeitenden, Klienten, Bewohner etc. nicht abbilden. Kritisch betrachtet und geprüft werden sollte auch, ob die Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten für christliche Spiritualität und christlichen Glauben auf einem angemessenen Niveau sind. Angemessen für erwachsene, hochausgebildete Mitarbeitende und Führungskräfte.

Im Idealfall sollte jeder Interessierte in einem christlich-caritativen Unternehmen die Erfahrung machen können, dass allen Religionen und Weltanschauungen gegenüber eine religionssensible und respektvolle Haltung gefördert und gepflegt wird. Darüber hinaus kann er im Hinblick auf das Christentum erwarten, auf seinem Glaubensweg angemessene Begleitung und Unterstützung zu finden.

Gestaltete Aufmerksamkeit

Einen interessanten Zugang zu einem spirituellen Leben, persönlich und in caritativen Unternehmen, bietet der Begriff „gestaltete Aufmerksamkeit“. Spiritualität ist, in Anlehnung an Fulbert Steffensky, gestaltete Aufmerksamkeit.

Die Überlegung geht aus von der Beobachtung, dass sich viele Menschen mehr Aufmerksamkeit wünschen, mehr Achtsamkeit – für sich, für andere, für das, was das Leben zu geben hat. Nicht wenige arbeiten auch an sich, machen Achtsamkeitsübungen oder so etwas oder bemühen sich, bestimmte Regeln spiritueller Meister zu befolgen. Sie bilden ihre Aufmerksamkeit, trainieren ihre Achtsamkeit. Das ist wichtig und gut, keine Frage. Zuweilen kann es aber sein, dass daraus eine schwere Aufgabe wird, so etwas wie eine spirituelle Pflichtübung. Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, spirituelles Leben – all das kann dann ins schlechte Gewissen rücken, gesellt sich neben Mahnungen wie „du solltest dringend mal wieder Sport treiben“, „ein paar Kilo weniger täten dir auch gut…“, „wann pflegst Du endlich deine sozialen Kontakte…“ und wie die inneren Antreiber alle heißen. Wenn Spiritualität aber einmal in dieser düsteren Gesellschaft angekommen ist, kann sie das gerade nicht mehr sein, was sich die meisten Menschen davon erhoffen: eine Kraftquelle und eine Weise, mehr Freude und Lebendigkeit ins Leben zu bekommen.

Deshalb setzt der Zugang „Spiritualität als gestaltete Aufmerksamkeit“ anders an. Es wird nicht nach irgendwelchen persönlichen Leistungskategorien gefragt, sondern schlicht nur: Wie gestaltest Du – jetzt, hier, in einer bestimmten Situation – Deine Aufmerksamkeit? Wie kannst Du selbst oder kann ein anderer merken, dass du gerade deine Aufmerksamkeit auf dich, auf ihn, auf dein Leben richtest? Wie, in welcher Form, welcher Gestalt, zeigt sich deine Aufmerksamkeit?

Auf diese Frage gibt es viele Antworten. „Ich schaue dich an“ zum Beispiel. Ich schaue dich an, während du mit mir sprichst. So zeigt sich, dass ich dich aufmerksam wahrnehme. Oder, ganz anders: Ich zünde eine Kerze an. Ich zünde eine Kerze an, bevor wir zusammen essen. So zeigt sich, dass ich genau das aufmerksam wahrnehme: dass wir zusammen essen. Oder: ich habe einen Kuchen gebacken. So zeigt sich meine Aufmerksamkeit für deinen Geburtstag. Oder, wieder etwas anderes: Ich beschreibe mein Leben, etwa in einem Tagebuch Ich beschreibe, was ist – was ich tue und was mit mir geschieht – um mein eigenes Leben aufmerksam wahrzunehmen.

Vier Beispiele für gestaltete Aufmerksamkeit, vier von unendlich vielen. Was sind Ihre Beispiele? Was tun Sie, um Ihrer Aufmerksamkeit eine Form zu geben? Womit machen Sie gute Erfahrungen? Was sind für Sie gute Weisen, Aufmerksamkeit zu gestalten, im Großen und im Kleinen?

Gotteserfahrungen

Beruflich und freiberuflich arbeite ich oft mit diakonischen Unternehmen zusammen, die auf der Suche sind nach ihrem spezifisch christlichen Profil. Sie bemühen sich, dieses herauszubilden, zu stärken und zu pflegen. Sie fragen nach dem, was ein caritatives Unternehmen zu einem christlich-caritativen Unternehmen macht. Oft wird in diesem Zusammenhang die Frage gestellt nach dem Unterscheidenden, der Unterscheidung des Christlichen.

In der Regel versuche ich, den Focus vom Unterscheidenden wegzulenken. Ermutige, nach dem zu suchen, was der Einrichtung oder der Organisation von innen heraus wichtig und wertvoll ist, unabhängig davon, ob es sich dadurch von anderen unterscheidet oder nicht. Aber manchmal wird dann weitergefragt, ob es nicht doch etwas ganz Eigenes gäbe, was Caritas oder Diakonie aus ihrem christlichen Horizont heraus ihr Gepräge gibt.

Zuweilen wird die Antwort schon in eine bestimmte Richtung gewiesen. Es gäbe doch sicherlich so etwas wie spezifisch christliche Werte, ein christliches Ethos. Ich glaube das nicht. Nicht auf Ebene der Werte im Sinne der Handlungsorientierung. Ich würde vermuten, dass die meisten Menschen guten Willens und offenen Herzens, sofern sie nicht ideologisch schwer verblendet worden sind, früher oder später auf so etwas wie eine gemeinsame ethische Grundlage kommen.

Das unterscheidend Christliche würde ich anderswo suchen – ohne in Anspruch nehmen zu wollen, dass dies nur für die Christen gilt. Mit aller Vorsicht gesagt könnte ein wirkliches Spezifikum eines christlich diakonischen Unternehmens darin liegen, dass es mit Gotteserfahrungen rechnet. Christinnen und Christen halten es für möglich, Gott – oder vorsichtiger: etwas von Gott – im eigenen Leben wirklich erfahren zu können. Sie sind offen dafür und rechnen damit, dass sich in ihren Erfahrungen und Erlebnissen – den alltäglichen oder den besonderen – möglicherweise auch Gott selbst zeigt. Würde man einen Christen oder eine Christin fragen: Warum glaubst Du eigentlich an Gott? wäre eine Antwort – laut oder leise, überzeugt oder vorsichtig: Weil ich ihn oder sie in meinem Leben erfahren habe. Weil ich meine Erfahrungen gemacht habe mit Gott und immer wieder mache.

Ernsthaft von Gotteserfahrung zu reden, ist nicht einfach. Nicht umsonst zählt das Thema zu den schwierigsten und komplexesten der Religionsphilosophie und Religionspsychologie. Was ist das für eine Erfahrung? Woran merkt man, dass es eine Erfahrung Gottes ist? Wie kann man eine Gotteserfahrung von einer Wahnvorstellung unterscheiden? Es ist wichtig, diese Fragen ernst zu nehmen, denn es geht ja um mehr als ein paar Psychotricks.

Gemeinhin unterscheidet man zwei Arten von Gotteserfahrung. Die eine wäre so etwas wie eine unmittelbare, besondere Erfahrung Gottes. Von solchen Erfahrungen berichtet etwa die Pfingsterzählung, oder christliche Mystiker oder Heilige. Sie sagen, dass diese Erfahrung einzigartig war, mit nichts anderem zu vergleichen. Und fast immer hat diese Erfahrung das Leben nachhaltig umgeprägt, nichts war danach mehr wie vorher.

Die meisten Christen freilich haben solche Erfahrungen nicht gemacht und werden sie vermutlich auch nicht machen. Ihr Weg ist ein anderer. Sie glauben, dass es auch eine Gotteserfahrung inmitten ganz alltäglicher Erfahrungen gibt. Dass beispielsweise ein bestimmtes Lebensereignis – auch – ein Hinweis Gottes sein kann, der mir den nächsten Schritt zeigt. Oder dass ich Menschen begegne, die mir in einem bestimmten Moment zum „Engel“ – d.h. zum Boten Gottes – werden. Oder dass in mir Gefühle aufkeimen, die auch „Heiliger Geist“ sind, die mir etwas von Gottes Kraft und Liebesfähigkeit weitergeben. Erfahrungen mit Gott zu machen, bedeutet hier: ich schaue meine ganz konkreten Lebenserfahrungen an und frage: Hast Du – Gott – mir darin etwas gezeigt? Hast Du darin etwas bewirkt? Was ist es, was Du mir gezeigt hast? Was hast Du mit mir gemacht? Die einzelnen Ereignisse und Erfahrungen für sich genommen geben da noch nicht so viel her. Aber wenn ich sie zusammennehme, dann entdecke ich vielleicht so etwas wie einen roten Faden, entdecke ich Lebenslinien, die Gott mir legt.

Ich meine, dass sich dadurch etwas verändern kann. Im persönlichen Leben und in der Kultur eines caritativen Unternehmens. Wenn ich – ganz vorsichtig und tastend vielleicht nur – damit rechne, dass in den Lebenserfahrungen von Patienten, Klienten, Bewohnern, Mitarbeitenden auch etwas von Gott mit erfahrbar ist. Wenn es vielleicht sogar so etwas wie eine gestaltete Suche gibt nach diesen Impulsen, die Gott im menschlichen Leben – für den je eigenen Weg – vielleicht gegeben hat. Ganz sicher werden wir uns nie sein, ob wir die Erfahrungen richtig deuten. Aber wenn sich die Zeichen häufen, kann ich es wagen, den Hinweisen auch einmal zu folgen. Und dann schaue ich, was geschieht. Wenn mich der Schritt liebevoller macht oder wahrhaftiger, wenn meine Welt oder die Welt von Diakonie und Caritas dadurch ein klein wenig lichter und heiler wird – dann könnte es tatsächlich eine Erfahrung mit Gott gewesen sein.

Professionalität und Spiritualität

Letzte Woche war ich eingeladen, an einer Begegnungs- und Austauschreise teilzunehmen. Sie führte uns, eine Gruppe von Mitarbeitenden aus Caritas und Kirchengemeinden, nach Mailand zur Caritas Ambrosiana, mit der der Diözesancaritasverband Rottenburg-Stuttgart seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist. Dabei kam es zu vielfältigen Begegnungen, Einblicken und Gesprächen. Wir haben verschiedene Einrichtungen besucht, haben dort Menschen kennengelernt, die sich ehrenamtlich oder beruflich für Menschen in schwierigen Lebenssituationen einsetzen. Wir haben etwas von der Kultur und der Atmosphäre mitbekommen, die dort jeweils zu spüren ist. Wir sind auch untereinander ins Gespräch gekommen, haben voneinander etwas erfahren über den je eigenen Zugang zu dieser Arbeit, über die Motivation und die Quellen, aus denen sich Selbstverständnis und Motivation speisen.

Wieder einmal ist deutlich geworden, dass soziale Arbeit – im weiten Sinne: wenn Menschen mit Menschen arbeiten – zwei Dimensionen umfasst. Einerseits stellen die Mitarbeitenden ihre Professionalität (Ausbildung, Berufserfahrung, Fachexpertise etc.) zur Verfügung. Darin und darüber hinaus bringen sie aber immer auch sich selbst als Person in die Beratung, Begleitung, Pflege, Führung mit ein. In einem allgemeinen Sinne kann das Gesamt der geistigen und geistlichen Grundlagen, die Personen in ihre Arbeit einbringen (Werthaltung, Menschenbild, Gesellschaftsvision, Lebenskonzept, Berufsethik…), ihre Spiritualität genannt werden. Und neben aller fachlichen Anregung ist es vor allem der Kontakt zu dieser spirituellen Dimension der caritativen (und auch der pastoralen) Arbeit, der eine solche Lern- und Begegnungsreise so anregend und inspirierend macht.

Für die Lebendigkeit und die Innovationskraft eines diakonischen Unternehmens oder einer caritativen Einrichtung ist es ungeheuer wichtig, dass es geschützte, gestaltete und gepflegte Räume (settings) gibt, in denen sich Mitarbeitende und Führungskräfte ihrer je eigenen Spiritualität immer wieder vergewissern und dazu auch voneinander etwas erfahren können. Geschützte, gestaltete und gepflegte Räume, in denen unter den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden ein achtsamer und respektvoller Dialog über die je eigene Spiritualität möglich ist und gefördert wird. Ich verwende dafür gerne den Begriff Kultur der existentiellen Kommunikation. Und ich bin überzeugt, dass eine solche Kultur ein bedeutsames, ein unverzichtbares Element einer christlichen Unternehmenskultur ist.

Relaunch

Regelmäßige Leserinnen und Leser haben es bemerkt. Dieses Blog hat wieder einmal einen kleinen Relaunch erhalten. Vor allem: die Werbung ist weg. Bislang wurde das Blog in seiner kostenfreien Version betrieben. Das führte dazu, dass auf den User abgestimmte Werbung eingeblendet wurde. Und das wiederum führte dann zuweilen zu ganz seltsamen und auch ärgerlichen Kombinationen. Deshalb habe ich jetzt auf eine kostenpflichtige und werbefreie Version umgestellt.

Zum Zweiten: Die meisten alten Artikel wurden rausgenommen. Nur ein paar wenige exemplarische ältere Beiträge sind noch eingestellt. Das soll künftig auch so gehandhabt werden, dass die Beiträge eine Zeitlang abrufbar sind und dann aber auch wieder verschwinden. Wenn Sie es länger und genauer und vertiefter möchten, dafür sind die Grundsatzartikel und die Bücher da. Eventuell vielleicht irgendwann noch ein kleines Archiv mit so etwas wie kurzen Grundsatzartikeln. Mal schau’n.

Und wenn Sie die Seiten ganz genau durchschauen, werden Sie sehen, dass im Impressum nun der Bezug zum Caritasverband für Stuttgart fehlt. Das hängt mit einem Stellenwechsel zusammen. Künftig ist dieses Blog zunächst und zuerst einfach eine kleine Postille von mir als „Privatautor“. Aber natürlich fließen auch weiterhin Erfahrungen aus meiner beruflichen und freiberuflichen Beschäftigung mit Spiritualität in sozialen Unternehmen, mit Fragen nach einem christlich-spirituellem Profil und einer guten, heilsamen Unternehmenskultur in die Beiträge ein. Ein paar Stichworte, um die die Überlegungen in diesem Blog immer wieder kreisen, sehen Sie auf dem Flipchart.

Unverändert aber ist das Anliegen und Ziel dieses Blogs.  Die Gedanken und Betrachtungen wollen Sie inspirieren, wollen Ihnen etwas Gutes geben und Sie herzlich einladen zum Weiterdenken und zum Dialog.