Archiv des Autors: Joachim Reber

Richte dich auf, werde licht

Richte dich auf, werde licht! Denn es kommt dein Licht. Und der Glanz Gottes geht auf über über dir, hell leuchtend.

Dieser kurze Text des Propheten Jesaja ist so etwas wie eine starke Verdichtung, eine konzentrierte Essenz der adventlichen Existenzbilder. Und man kann an ihm sehr gut zeigen, wie tief und vielschichtig diese biblischen Bilder mit dem Leben verbunden sind. Deshalb wollen wir diese Sequenz einmal genau betrachten und beleuchten.

Wir können uns szenisch annähern, wie im Theater oder im Film. Wir sehen einen Menschen, der nicht aufgerichtet ist. Der gebeugt ist, niedergedrückt, der den Blick zu Boden gerichtet hat, der in sich zusammengesunken ist. Vielleicht ist er auch kriecherisch, unterwürfig, jedenfalls nicht aufrecht.

Wir sehen einen Menschen. Auf der Bühne des Lebens sehen wir uns selbst. Wir sehen uns – ich sehe mich – in einem Moment, wo ich den Blick nicht hebe, nicht heben kann. Wo mich etwas niederdrückt, mich etwas in mich selbst hineinkrümmt.

In diese Szene, in diese Situation hinein kommt nun der Ruf: Richte dich auf! Und gleich noch ein zweiter Imperativ hinterher: Werde licht! Man könnte auch übersetzen: Lichte dich! Richte dich auf, lichte dich!

Was heißt das?

Richte dich auf!
Hebe den Blick. Schau nicht länger zu Boden. Hebe den Kopf. Lass ihn nicht länger hängen. Zieh die Schultern zurück, öffne den Brustkorb. Strecke den Rücken, geh nicht länger gebeugt. Setz dich aufrecht hin. Stell dich auf die Beine. Stell‘ dich aufrecht hin. Steh‘ hin: Das bin ich. Das ist mein Leben.

Werde licht!
Lockere die verkrampften Muskeln. Öffne die Faust. Beiß die Zähne nicht länger zusammen. Glätte die gerunzelte Stirn. Vielleicht auch: Lass die Tränen fließen. Lass etwas los, damit dein Leben leichter wird. Die Worte „licht“ und „leicht“ hängen zusammen. Lichte dein Leben aus, wie der Förster den Wald auslichtet. Schaffe so etwas wie seelische Lichtungen.

Warum?
Warum soll ich das tun? Wie soll ich das machen? Mich aufrichten und licht werden: das ist doch nichts, was ich einfach so tun kann, nur weil es mir jemand sagt.

Weil dein Licht kommt.
Hier wechselt die Perspektive. Aus dem Imperativ wird ein Indikativ, eine Aussage. Szenisch gedacht: Es wird ein neuer Akteur angekündigt. Etwas kommt. Ein Licht kommt. Genauer: dein Licht – das Licht dessen, der sich aufrichten soll –kommt. Richte dich auf, werde licht – weil dein Licht kommt.

Vielleicht spüren Sie, was das eigentlich für eine Szene ist, die sich da abspielt. Es ist der Moment, wo ich gewahr werde, dass etwas kommt. Etwas, das für mich bedeutsam ist. Etwas, das für mich so etwas wie Licht ist. Das in mein Leben – in die Situation, in der ich mich gerade befinde und die mich so niederdrückt – mehr Helligkeit und mehr Leichtigkeit bringen kann. Und weil ich das spüre, da kommt etwas, deshalb richte ich mich auf. Weil ich intuitiv merke:  irgendwie fängt es an, klarer und leichter zu werden.

Auf diesen Moment, auf diese existentielle Sekunde, zielt diese adventliche Szene. Und nicht nur diese. Wenn Sie die adventlichen Texte durchsehen, stoßen sie immer wieder auf dieses Motiv. Das Wort „Advent“, das wissen Sie, kommt vom lateinischen adventus (von: ad-venire: an-kommen). Das ist das Existenzthema, das der Advent in den Blick stellen will. Den Moment unmittelbar vor einer Ankunft. Die Situation, wo in meinem Leben etwas im Argen liegt – die Wende zum Besseren aber unmittelbar bevorsteht.

Die Wende zum Besseren? Warum? Woher soll die kommen? Hier gibt es noch einmal einen Perspektivwechsel. Der Blick wendet sich nicht nach vorne, sondern nach oben. Es kommt mein Licht – und dieses Licht speist sich aus dem Glanz Gottes. Glanz Gottes. Herrlichkeit Gottes. Lichtwucht Gottes wäre eine gute Übersetzung. Die Wende kommt, weil Gott auf die Bühne tritt. Genauer: Weil Gottes Licht auf die Bühne strahlt. Weil mein Leben in dieses Licht Gottes getaucht wird – und dadurch nicht nur anders erscheint sondern tatsächlich anders wird.

Aber das nur mal als Ausblick. Das müssen wir noch genauer anschauen, um dieses adventliche Bild richtig auszuleuchten. Soweit mal für jetzt. Bleiben Sie dran.

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Existentieller Resonanzraum

Was ist nun das Besondere des Kirchenjahres oder, wie es auch genannt wird, des liturgischen Jahres? Auch hier geht es darum, der Zeit einen bestimmten Rhythmus und eine bestimmte Charakteristik zu geben. Dies geschieht aber nicht durch den Rückgriff auf Naturzustände, sondern dadurch, dass in einer regelmäßigen Abfolge bestimmte existentielle Themen in den Blick gestellt werden.

Das liturgische Jahr ist so etwas wie ein existentieller Resonanzraum. Es will mit seinen Texten, Bildern, Symbolen, Ritualen, Inszenierungen im Menschen etwas zum Klingen bringen. Es gibt Anstöße, das eigene Leben sorgfältig und achtsam zu betrachten. Das, was ist, bewusst wahrzunehmen, verschiedene Lebensdimensionen und Lebensfelder anzuschauen. Nach und nach führt es einen gewissermaßen durch verschiedene Räume des eigenen Lebens, durch die schönen, lebendigen, liebevollen, aber auch durch dunkle, dürre, traurige oder auch ganz verschlossene. Das Kirchenjahr lädt ein, das, was zu meinem Leben gehört, ohne Trug und ohne Angst zu betrachten. Es wahrzunehmen – und das ist das Besondere einen religiösen, christlichen Lebensbetrachtung – mit der Hoffnung und dem Vertrauen, dass auch Gott mit darauf schaut, mit seinem liebevollen Blick.

Das geschulte Auge kann in der Liturgie schon optisch erkennen, welchen Charakter eine Zeit hat. Es werden verschiedene Farben verwendet, für das Gewand des Priesters zum Beispiel oder für verschiedene Behänge im Altarraum. Festzeiten strahlen in Weiß oder Gold, Besinnungs- und Fastenzeiten dagegen tragen violett. Die liturgische Farbe des Advents ist violett. Er ist eine Zeit der Besinnung, eine Zeit der inneren (Neu-)Orientierung.
Das zweite wichtige prägende Element sind die Texte, die in dieser Zeit gelesen werden. Es gibt eine Leseordnung, durch die bestimmte biblische Geschichten, Gedichte, Gebete für eine bestimmte Zeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Die verschiedenen liturgischen Zeiten haben ihre eigenen charakteristischen Texte, ihre charakteristischen sprachlichen Bilder. Und diese sprachlichen Bilder laden ein und helfen, bestimmte existentielle Themen in den Blick zu nehmen.

Wir werden den Texten und sprachlichen Bildern des Advents ein wenig auf die Spur gehen. Werden ein paar dieser charakteristischen Texte betrachten und ihre existentiellen Tiefe ausloten. Ein kleiner Vorgeschmack vielleicht schon: In der Adventszeit geht es oft um Dunkelheit und Licht. Das ist ein großes Thema des Propheten Jesaja, Dunkelheit und Licht als Lebensrealitäten. Jesaja hat für uns eine Ermutigung, wenn es düster ist in unserem Gemüt oder wenn es uns an Klarheit fehlt :

Richte dich auf, werde licht. Denn es kommt dein Licht. Und der Glanz Gottes geht auf über dir , hell leuchtend.

Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Natur und Kultur

Um die Besonderheit des liturgischen Jahres richtig wahrzunehmen, ist es möglicherweise hilfreich, eine Betrachtung vorzuschalten. Dass die Zeit zyklisch voranschreitet, ist kein künstliches Konstrukt. Dieser Vorstellung liegt die Beobachtung der Natur zugrunde. In der Natur gibt es verschiedene Kreisverläufe. Tag und Nacht, Mondphasen, Jahresverläufe mit verschiedenen Jahreszeiten. Aber auch biologische Kreisläufe, Fruchtbarkeitszyklen etwa oder regelmäßige Abfolgen von Wachstum, Frucht, Verwelken und Erneuerung.

Manche menschlichen Lebenskulturen sind stark auf die Kreisläufe der Natur bezogen. Das Menschenjahr orientiert sich gewissermaßen an einem bestimmten Naturjahr. Das Jahr des Bauern etwa – die Landwirtschaft sei hier einmal als eine bestimmte Lebensform stilisiert – ist geprägt durch die Zyklen der Natur. Ackern, säen, pflegen, ernten, Brache. Alles zu seiner Zeit. In bäuerlichen Gesellschaften prägte oder prägt dieser Naturablauf auch stark das gesellschaftliche Leben und wurde oder wird durch entsprechende Feste kulturell verdichtet.
Auch andere, nennen wir es so, Lebensformen gibt es, die sich an die Naturverläufe anlehnen und durch sie das kulturelle Jahr prägen lassen. Das jagerische Jahr etwa, das Jahr des Jägers oder der Jägerin, mit seiner Abfolge von Hegezeiten, Schonzeiten und spezifischen Jagdzeiten. Oder das Gartenjahr mit seiner charakteristischen Abfolge von jahreszeittypischen Tätigkeiten, je nachdem, was wachsen und blühen soll. Oder überhaupt Lebensformen, die sich draußen in der Natur abspielen. Da geben die verschiedenen Jahreszeiten verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten vor, es gibt vielleicht so etwas wie eine Sommer- und Wintersaison oder eine Abfolge von besonderen Möglichkeiten oder Herausforderungen. Im Outdoorsportbereich lässt sich dieser Zyklus zuweilen sogar in den Unfallstatistiken nachvollziehen.

Viele weitere Beispiele ließen sich finden. Und es gibt spirituelle Ratgeber, die dazu einladen, sich auf solche Naturzyklen einzulassen, um aus ihnen einen heilsamen Lebensrhythmus zu gewinnen. Mir geht es besonders in der Zeit des Jahreswechsels oft so, dass ich die Sehnsucht verspüre, stärker und bewusster in die Rhythmen der Natur einzutreten. In mir erwacht der Wunsch, die Jahreszeiten bewusster mitzuerleben, die naturgegebenen spezifischen jahreszeitlichen Möglichkeiten achtsamer wahrzunehmen, mich davon inspirieren und beleben zu lassen.
Meist wird es im Lauf des Jahres dann doch nicht so achtsam und bewusst. Das Interesse an der Natur lässt wieder nach, zumindest dort, wo es nicht gerade aktiv mit einer eigenen Tätigkeit verknüpft ist. Ich muss mich ja auch nicht daran orientieren. Der Kreislauf der Natur spielt für mein alltägliches Leben keine Rolle. Selbst der Vorsatz, mich saisonal zu ernähren, wird schwach angesichts des Angebots in den Läden. Jedes Gemüse und jede Frucht ist zu jeder Zeit verfügbar. Irgendwo ist immer Erntezeit.
Aber wenn ich dann doch einmal wieder durch den Wald gehe, der jetzt immer lichter und immer stiller wird, oder wenn dann der erste Schnee fällt und sich vielleicht in einer mondhellen Nacht die Spur eines Fuchses auf der weiß glitzernden Decke abzeichnet oder wenn ich dem Eichhörnchen zuschaue, wie es emsig seine Vorratskammern befüllt und ich darüber nachdenke, was denn in meinen Vorratskammern ist für den Winter, dann kommt das Gefühl wieder, es wäre doch gut, auch diesen Rhythmus irgendwie in mein Leben aufzunehmen.

Lebens-Rhythmen

Mit dem ersten Adventssonntag hat das neue Kirchenjahr begonnen. Das Kirchenjahr ist anders als das allgemeine Kalenderjahr. Es ist nicht einfach eine Abfolge von Kalendertagen. Das Kirchenjahr will der Zeit einen bestimmten Rhythmus und eine bestimmte Charakteristik geben.
Es orientiert sich dabei nicht an einem linear verlaufenden Zeitstrahl, sondern bringt Kreisbahnen, Zyklen in das Leben ein. Dass wir überhaupt mit Tagen, Monaten oder Jahren rechnen, ist eine gewaltige menschliche Kulturleistung. Wir bringen in das Immer weiter“ der Zeit die Idee einer regelmäßigen Wiederkehr. Ohne die Erwartung einer regelmäßigen Wiederkehr würden wir uns in der Zeit verlieren.
Das Kirchenjahr macht aber noch etwas. Es durchdringt die Zeit auch qualitativ. Es unterscheidet zum Beispiel Feiertage und Arbeitstage oder Fastenzeiten und Festzeiten. Durch diese qualitative Prägung der Zeit erhält das Leben einen Rhythmus. Und durch den Rhythmus wird mechanische Zeit zur lebendigen Zeit.
In seelsorglichen settings gehen wir manchmal daran, die Rhythmen im eigenen Leben bewusst wahrzunehmen. Bewusst wahrzunehmen, was, musikalisch gesprochen, in meinem Leben den Takt angibt, welcher Takt das ist. Auch wahrzunehmen, welche Rhythmen mir gut tun, welche zu meinem inneren Lebenstempo passen, und welche mich vielleicht nur gnadenlos vor sich hertreiben. Seinen eigenen Lebensrhythmus zu finden und zu gestalten und auch zu schützen ist eine wichtige und lohnende Aufgabe. Besonders wenn ich mich gehetzt fühle und fremdgesteuert. Rituale können dafür hilfreich sein, persönliche und solche aus den verschiedenen spirituellen Traditionen.
Womit wir wieder beim Kirchenjahr wären. Das ist eine Rhythmisierung des Lebens, die viele Menschen im Lauf der Jahrhunderte als wohltuend und heilsam erlebt haben. Es lohnt sich, so meine ich, sich bewusst auf diese geprägten Zeiten einzulassen. Nachzuspüren, was sie in mir zum Klingen bringen. Die Wechsel in der Akzentsetzung mitzuvollziehen. Die Schwingungen aufzunehmen. Sich davon auch tragen zu lassen.

Welche Hilfestellungen es in der spirituellen Tradition des Christentums dafür gibt, welche Bausteine das liturgische Jahr dafür bereitstellt, dazu gibt es im nächsten Beitrag ein paar Hinweise.

Neues Jahr, neues Glück

Liebe Leserinnen und Leser,

mit dem Beginn des neuen Kirchenjahres geht dieses Weblog wieder ans Netz. Ein Blog rund um die Spiritualität – die vielfältigen und reichhaltigen Spiritualitäten – in den Unternehmen, Diensten, Einrichtungen, Teams  von Caritas und Diakonie. Gedanken, Fragen, Impulse, Verweise, mal ein kurzer Bericht aus einem Seminar oder Klausurtag oder was sonst vielleicht für Sie interessant sein könnte. Schauen Sie immer mal wieder rein, kommentieren Sie, ergänzen Sie, stellen Sie Fragen. Viel Freude und Inspiration!

Spiritualität (in) der caritas: Was heißt das eigentlich? Lesen Sie dazu einige Überlegungen in einem Artikel im caritas Jahrbuch 2017.

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