Archiv des Autors: Joachim Reber

Berufung und Dienst – zwei Gedanken zu Maria 2.0

Am Sonntag ist sie zu Ende gegangen, die große Aktion Maria 2.0. , mit der viele Frauen und Männer für Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche und eine neue, heilsamere Form dieser Kirche und ihrer Pastoral eingetreten sind. Auch in der Caritas gab es dazu Statements und Veranstaltungen. Viel Gutes wurde bedacht und gesagt in diesem Zusammenhang. Zwei Aspekte möchte ich dazulegen oder etwas verstärken. Einen Gedanken zur personalen Dimension von Berufung und einen zum Verständnis und zur Begründung des Amtes als Dienst.

Berufung ist in ihrem Kern ein personales Geschehen. Es ist eine personale Form der Kommunikation, bei der Gott – der personale, das heißt: der liebesfähige Gott – einen Menschen als Person in eine bestimmte Form der Nachfolge, das heißt: der Weggemeinschaft – nehmen möchte. Es gibt viele Formen der Nachfolge, viele Formen der Weggemeinschaft, viele Formen, wie die personale Berufung durch Gott konkret wird. Jeder Mensch hat eine – ihre und seine – Berufung. Jede gibt es so nur dieses eine Mal, weil es das Leben eines konkreten Menschen nur dieses eine Mal gibt. Immer aber ist die Berufung ein Geschehen von Person zu Person.

Die Identität einer Person bildet sich von innen heraus. Die verschiedenen Ebenen, auf denen ein menschliches Leben spielt  – physikalische, biologische, psychische, soziale, geistige und viele mehr – bilden ein Ganzes, sie werden von innen heraus zu einer Ganzheit geformt.  Menschsein, Personsein ist von innen heraus durchformte Existenz. Ich bin – auf der physikalischen Ebene betrachtet – eine schwere Masse, auf die verschiedene Kräfte wirken. Ich bin – auf der biologischen Ebene betrachtet – ein lebendiges Wesen, d.h. ein Wesen, das über die Fähigkeit von Selbsterhalt und Selbstbewegung verfügt. Ich bin – auf der psychologischen Ebene – ein Wesen, das bestimmte Gefühle hat. Ich bin ein Wesen, das bestimmte Gedanken denkt. Ich bin ein Wesen, das geschlechtlich ist, mit all dem, was dazu gehört. Aber all das und noch viel mehr bin ich in einer bestimmten Weise. All das ist von innen heraus zu einer Ganzheit geformt. Ich bin eben nicht nur Masse, Lebewesen, Mensch, Mann, sondern ich bin all das in einer einzigartigen, personalen Weise. In und aus all dem bin ich eine Person, ein Ich.

Die christliche Anthropologie (= Lehre vom Menschen) geht sogar noch weiter. Für sie ist der letzte, tiefste, heiligste Kern meiner selbst etwas, das über diese Welt hinausgeht. Es ist eine personale Form Gottes selbst. In meinem tiefsten Innern bin ich als Person im personalen Leben Gottes selbst gegründet. Paulus versucht diesen radikalen Gedanken in Worte zu fassen, wenn er schreibt: Ich lebe. Aber nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.

Wenn Berufung ein personales Geschehen ist, dann heißt es: Gott ruft nicht den physikalischen Körper, den Organismus, den Mensch, den Mann, sondern er ruft in alldem und mit alldem und durch alldas mich als Person. Er ruft mich als Person, die in ihm selbst gegründet ist. Diese existentielle, spirituelle Tiefe von Berufung sollte man sich, so meine ich, vor Augen halten. Und dann fragen, ob die Geschlechtergrenze wirklich ein angemessenes und legitimes Kriterium ist, um konkrete Berufungen zu scheiden.

Ein Zweites, das Verständnis des Amtes als Dienst. Das Zweite Vatikanum hat große Anstrengungen unternommen, den Dienstcharakter – oder wenn Sie es schärfer wollen: die Funktionalität – des Amtes in den Blick zu stellen. Es entwickelt die ganze Kirchenlehre von der Perspektive des Volkes Gottes her. Menschen unterwegs, pilgerndes Gottesvolk. Jede und jeder ist Ebenbild Gottes, erfüllt von seinem Heiligem Geist. Jede und jeder ist unterwegs mit einer eigenen, personalen Berufung. Und manche haben dabei die Aufgabe, die Pilgernden in ihrer Berufung zu stärken. Sie haben die Aufgabe, sie zu unterstützen, dass sie Gottes Heiligen Geist in sich spüren und daraus immer neue Kraft schöpfen können. Diese Aufgabe, Menschen in ihrer eigenen geistlichen, spirituellen Existenz zu stärken, kann man „geistliches Amt“ nennen. „Um Gottes Volk zu weiden und immerfort zu mehren hat Christus in seiner Kirche verschiedene die Dienste eingesetzt…“ heißt es etwas getragener in den Worten des Zweiten Vatikanums. Das „um – zu“ ist das Entscheidende. Diese Dienste sind kein Selbstzweck, sondern sie begründen sich aus ihrem Nutzen für das pilgernde Gottesvolk. Deshalb und nur deshalb gibt es diese Dienste.

Diesem funktionalen Dienstverständnis ist eine „Hermeneutik des Dürfens“ völlig fremd. Es geht nicht darum, wer wann etwas – lesen, beten, machen, entscheiden – darf, sondern wer einen Dienst leisten kann oder nicht. Eine Person, die eine andere in ihrem Glauben, ihrem geistlichen Leben unterstützen kann, hat eben darin ihre geistliche Berufung. Manche entscheiden sich, dafür einen großen Teil der Lebenszeit einzusetzen. Und manchmal, wie in Deutschland, sind die Rahmenbedingungen so, dass daraus ein Beruf werden kann, der das Auskommen sichert. Aber nie geht es in dieser Betrachtungsweise darum, etwas zu dürfen oder nicht zu dürfen. Was ist geschehen, dass diese Hermeneutik des Dürfens in die Diskussion um Dienste, Ämter, Weihen hineingekommen ist? Was ist geschehen, dass die Frage, wie wir einander im Leben und im Glauben stärken und begleiten können, an den Rand geraten ist? Und stattdessen die Fragen in den Mittelpunkt getreten ist: Wer darf in dieser Kirche was? Dass sogar die Frage in den Mittelpunkt kommen konnte: Was darf in dieser Kirche nur eine Handvoll Männer, sonst keiner und schon gar keine Frau?

Professionalität und Spiritualität

Letzte Woche war ich eingeladen, an einer Begegnungs- und Austauschreise teilzunehmen. Sie führte uns, eine Gruppe von Mitarbeitenden aus Caritas und Kirchengemeinden, nach Mailand zur Caritas Ambrosiana, mit der der Diözesancaritasverband Rottenburg-Stuttgart seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist. Dabei kam es zu vielfältigen Begegnungen, Einblicken und Gesprächen. Wir haben verschiedene Einrichtungen besucht, haben dort Menschen kennengelernt, die sich ehrenamtlich oder beruflich für Menschen in schwierigen Lebenssituationen einsetzen. Wir haben etwas von der Kultur und der Atmosphäre mitbekommen, die dort jeweils zu spüren ist. Wir sind auch untereinander ins Gespräch gekommen, haben voneinander etwas erfahren über den je eigenen Zugang zu dieser Arbeit, über die Motivation und die Quellen, aus denen sich Selbstverständnis und Motivation speisen.

Wieder einmal ist deutlich geworden, dass soziale Arbeit – im weiten Sinne: wenn Menschen mit Menschen arbeiten – zwei Dimensionen umfasst. Einerseits stellen die Mitarbeitenden ihre Professionalität (Ausbildung, Berufserfahrung, Fachexpertise etc.) zur Verfügung. Darin und darüber hinaus bringen sie aber immer auch sich selbst als Person in die Beratung, Begleitung, Pflege, Führung mit ein. In einem allgemeinen Sinne kann das Gesamt der geistigen und geistlichen Grundlagen, die Personen in ihre Arbeit einbringen (Werthaltung, Menschenbild, Gesellschaftsvision, Lebenskonzept, Berufsethik…), ihre Spiritualität genannt werden. Und neben aller fachlichen Anregung ist es vor allem der Kontakt zu dieser spirituellen Dimension der caritativen (und auch der pastoralen) Arbeit, der eine solche Lern- und Begegnungsreise so anregend und inspirierend macht.

Für die Lebendigkeit und die Innovationskraft eines diakonischen Unternehmens oder einer caritativen Einrichtung ist es ungeheuer wichtig, dass es geschützte, gestaltete und gepflegte Räume (settings) gibt, in denen sich Mitarbeitende und Führungskräfte ihrer je eigenen Spiritualität immer wieder vergewissern und dazu auch voneinander etwas erfahren können. Geschützte, gestaltete und gepflegte Räume, in denen unter den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden ein achtsamer und respektvoller Dialog über die je eigene Spiritualität möglich ist und gefördert wird. Ich verwende dafür gerne den Begriff Kultur der existentiellen Kommunikation. Und ich bin überzeugt, dass eine solche Kultur ein bedeutsames, ein unverzichtbares Element einer christlichen Unternehmenskultur ist.

Relaunch

Regelmäßige Leserinnen und Leser haben es bemerkt. Dieses Blog hat wieder einmal einen kleinen Relaunch erhalten. Vor allem: die Werbung ist weg. Bislang wurde das Blog in seiner kostenfreien Version betrieben. Das führte dazu, dass auf den User abgestimmte Werbung eingeblendet wurde. Und das wiederum führte dann zuweilen zu ganz seltsamen und auch ärgerlichen Kombinationen. Deshalb habe ich jetzt auf eine kostenpflichtige und werbefreie Version umgestellt.

Zum Zweiten: Die meisten alten Artikel wurden rausgenommen. Nur ein paar wenige exemplarische ältere Beiträge sind noch eingestellt. Das soll künftig auch so gehandhabt werden, dass die Beiträge eine Zeitlang abrufbar sind und dann aber auch wieder verschwinden. Wenn Sie es länger und genauer und vertiefter möchten, dafür sind die Grundsatzartikel und die Bücher da. Eventuell vielleicht irgendwann noch ein kleines Archiv mit so etwas wie kurzen Grundsatzartikeln. Mal schau’n.

Und wenn Sie die Seiten ganz genau durchschauen, werden Sie sehen, dass im Impressum nun der Bezug zum Caritasverband für Stuttgart fehlt. Das hängt mit einem Stellenwechsel zusammen. Künftig ist dieses Blog zunächst und zuerst einfach eine kleine Postille von mir als „Privatautor“. Aber natürlich fließen auch weiterhin Erfahrungen aus meiner beruflichen und freiberuflichen Beschäftigung mit Spiritualität in sozialen Unternehmen, mit Fragen nach einem christlich-spirituellem Profil und einer guten, heilsamen Unternehmenskultur in die Beiträge ein. Ein paar Stichworte, um die die Überlegungen in diesem Blog immer wieder kreisen, sehen Sie auf dem Flipchart.

Unverändert aber ist das Anliegen und Ziel dieses Blogs.  Die Gedanken und Betrachtungen wollen Sie inspirieren, wollen Ihnen etwas Gutes geben und Sie herzlich einladen zum Weiterdenken und zum Dialog.

 

Lernorte des Glaubens

Vielleicht fragen Sie sich, warum solche Darstellungen christlicher Narrative in einem Blog stehen, in dem es um „christlichen Geist in sozialen Unternehmen“ gehen soll. Gehört eine christlich-spirituelle Bildung etwa zu den Aufgaben von Caritas und Diakonie?

Ja. Eine christlich-spirituelle Bildung gehört zu den Aufgaben von Caritas und Diakonie. Sie soll dort sogar besonders gut sein, auf einem hohen Niveau, attraktiv und passgenau für eine weltanschaulich plurale Mitarbeiterschaft. Ich bin überzeugt, dass sich das christlich-spirituelle Profil von Caritas und Diakonie nicht zuletzt darin zeigt, dass ihre Unternehmen und Einrichtungen für interessierte Mitarbeitende und Führungskräfte zu vorzüglichen Lernorten des Glaubens werden können.

Die Frage nach dem christlichen Profil wird hier anders gestellt. Es wird nicht (mehr) gefragt: Sind die Mitarbeitenden christlich oder katholisch oder evangelisch? Sondern es wird gefragt: Inwieweit ist diese Einrichtung, das Unternehmen, die Organisation ein besonders guter Ort, um christlich-spirituelle Erfahrungen zu machen? Kann ein interessierter Mensch dort bei seiner persönlichen Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebens geistige und geistliche Nahrung finden? Dieser Zugang ist ein wirklicher Paradigmenwechsel. Das christliche Profil wird nicht mehr vor allem in der persönlichen christlichen Spiritualität der einzelnen Mitarbeitenden gesucht. Sondern es wird die „institutionelle Spiritualität“ in den  Blick genommen und gefragt ob und inwieweit die Einrichtung oder die Organisation inspirierende Lern- und Begegnungmöglichkeiten für christliche Spiritualität bereit hält: Austausch- und Erfahrungsräume, Informationsangebote, Begegnungsformate, Begleitprogramme uvm.

Diejenigen, die in Caritas und Diakonie, aber auch in der verfassten Kirche eine besondere Verantwortung für das christliche Profil caritativer Unternehmen tragen, sollten dabei durchaus auch einen kritischen Blick auf die Entwicklungen werfen. Sie sollen nachfragen und nachschauen, ob die caritativen Einrichtungen und Unternehmen wirklich an einer Kultur der Reflexion und existentiellen Kommunikation interessiert sind und daran arbeiten. Ob die weltanschaulich-religiöse Pluralität wirklich als Herausforderung und Gestaltungsaufgabe angenommen wird – und nicht als letztlich unbedeutendes Nebenthema abgetan wird beim Kampf um Fachkräfte. Sie sollten begründete Kritik äußern, wenn die spirituellen Bildungsformate, die spirituellen Erfahrungs- und Lernräume bei den caritativen Unternehmen die spirituelle Vielfalt ihrer Mitarbeitenden, Klienten, Bewohner etc. nicht abbilden. Kritisch betrachtet und geprüft werden sollte auch, ob die Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten für christliche Spiritualität und christlichen Glauben auf einem angemessenen Niveau sind. Angemessen für erwachsene, hochausgebildete Mitarbeitende und Führungskräfte.

Im Idealfall sollte jeder Interessierte in einem christlich-caritativen Unternehmen die Erfahrung machen können, dass allen Religionen und Weltanschauungen gegenüber eine religionssensible und respektvolle Haltung gefördert und gepflegt wird. Darüber hinaus kann er im Hinblick auf das Christentum erwarten, auf seinem Glaubensweg angemessene Begleitung und Unterstützung zu finden.

Den Blick heben (2)

Haben Sie sich die Geschichte genau angeschaut? Haben Sie bemerkt, welche Dynamiken da beschrieben werden? Und wo, wenn man so will, Gott ins Spiel kommt? Ein paar Bemerkungen dazu nun auch von meiner Seite.

Vielleicht beginnen wir mit einer übersetzerischen Präzisierung. Wörtlich heißt es im ersten Satz: … als sie aus Jericho hinausgehend waren der Sohn des Timäus – Bartimäus – , ein blinder Bettler, saß neben dem Weg.
Sehen Sie den Unterschied zur Einheitsübersetzung? Es ist die Reihenfolge: Sohn – Bettler. Um wen geht es? Um den Sohn des Timäus, hebräisch: Bartimäus. Wie heißt er? Keine Ahnung. Auch der Erzähler übernimmt den allgemeinen Blick auf diesen Mann, es ist halt der „Sohn von…“. Und das einzig Persönliche, wenn man es so zynisch formulieren will, das sich über ihn sagen lässt, ist: er ist ein blinder Bettler.

Diese kleine Präzisierung ist in diesem Fall wichtig. Weil es das Thema dieses Mannes ist. Er wird als Person – mit einem eigenen Namen und eigenen Talenten – überhaupt nicht wahrgenommen. Gesehen wird er nur als Sohn – und als Bettler.

Sehen kann er nicht – wir werden noch erfahren, warum. Aber hören. Er hört Jesus – und jetzt müssen wir wieder präzisieren. Wörtlich heißt es: Und hörend, dass es Jesus von Nazaret ist, begann er zu schreien und zu reden. Was fehlt in der Einzeitsübersetzung? Das „er begann“. Das ist aber wichtig. Das, was er hört, wird diesem Mann zu einem Anfang, einem Beginn. Zum Beginn einer Handlung, einer doppelten Handlung: schreien und reden.

Reden, genauer: ansprechen. Er spricht Jesus an. Und wie? Als Sohn. „Sohn Davids“. Er spricht Jesus an in einer Weise, die sein eigenes Thema benennt und in Jesus, wenn man so will, eine Gemeinsamkeit, eine Solidar-Gemeinsamkeit entdeckt. Lass‘ uns reden – von Sohn zu Sohn… Warum? Weil Du mich vielleicht verstehst in meiner Not. Du, Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Nun wechselt die Perspektive. Ein neuer Akteur kommt ins Bild. Die Masse. Wörtlich heißt es: Und viele waren tadelnd ihn, damit er schweige. Die Masse tadelt, macht ihm Vorwürfe, schüchtert ihn ein. Sie möchte ihre Ruhe. Was will denn der? Der soll still sein. Zurück auf deinen Platz am Boden am Straßenrand!

Diesmal aber gelingt die Einschüchterung und Marginalisierung nicht. Er schrie noch viel mehr. Weil er einen konkreten Adressaten hat: Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Jetzt tritt Jesus in Aktion. Und stehen bleibend sagte Jesus… Die erste und wichtigste Aktion in dieser Situation: er bleibt stehen. Stehen bleiben, die Bewegung unterbrechen, den Lauf der Dinge unterbrechen. Und die zweite Aktion, eine Interaktion mit der Masse, ein Befehl: Ruft ihn. Im griechischen Wort dafür steckt der Begriff „Phone“: Stimme. Be-stimmt ihn. Gebt ihm eine Stimme!

Aktion und Interaktion zeigen Wirkung. Sie rufen den Blinden, sagend zu ihm: Hab Mut – präzise: fasse Mut! Erhebe dich! Er ruft dich. Zwei Imperative und ein Indikativ. Fasse Mut! Erhebe dich! Er – eine Person, nicht die Masse – ruft dich.

Nun tritt der Mann wieder in Aktion. Er aber, abwerfend den Mantel, kam zu Jesus. Er verändert, wenn man es so sagen will, seinen Status. Zunächst ändert er etwas, von dem wir jetzt erst erfahren: Er wirft seinen Mantel weg. Er legt seine Verhüllung ab. Er zeigt sich, so, wie er ist. Und so, wie er ist, kommt er zu Jesus.

Und jetzt müssen wir ganz genau hinschauen und präzisieren. Jesus tritt wieder in Aktion. Es heißt aber nicht „er fragte“, sondern „er antwortete“. Und antwortend ihm sagte Jesus: Die Actio liegt aufseiten des Mannes. Und die Reactio aufseiten Jesu. Jesus antwortet auf die, sagen wir: Kontaktaufnahme des Mannes. Er antwortet mit einer direkten, unmittelbaren Anrede an den Mann. Die meisten Übersetzungen stellen inzwischen hier schon heraus, dass es um den Willen dieses Mannes geht, und übersetzen: Was willst du, dass ich dir tue?  Genau besehen ist es, so meine ich, gar kein Fragesatz, sondern eine Aussage: Was du für dich willst, werde ich tun.

Und nun formuliert der Mann seinen Willen. Das, was er selbst für sich will. Für sich als Person mit einem eigenen Willen und einer eigenen Würde. Der Blinde aber sagte zu ihm: Rabbuni, dass ich aufblicke. Das Wort, das verwendet wird, bedeutet nicht einfach „sehen“. Es geht um das Heben des Blicks (ana-blepein). Der Mann ist deshalb blind, weil sein Blick auf den Boden gerichtet ist. Weil er ihn nicht zu heben vermag. Aus Scham vielleicht oder aus Gram. Und das soll jetzt ein Ende haben. Jetzt. In diesem Augenblick. Ich will aufblicken, den Blick heben, und meine Welt und die Menschen darin auf Augenhöhe wahrnehmen.

Ein kleines Detail in dieser Szene ist der Wechsel in der Anrede. Nicht mehr „Sohn Davids“ – von Sohn zu Sohn. Sondern „Rabbuni“. Das „i“ am Ende ist das Personalpronomen, das im Hebräischen angehängt wird: Mein Meister. Keine Leidensgenossenschaft mehr, sondern eine selbst gewählte Beziehungsaussage. Rabbuni, mein Meister.

Und in diesem Moment ist das Wunder geschehen: dass ein Mensch seine Würde spürt und seinem eigenen Willen traut und für sich eintritt. In dem Moment, wo er Jesus ins Angesicht sagt, dass er seinen Blick heben will, da geschieht eben dies. Er hebt den Blick.

Jesus bleibt nur noch, dies lapidar festzustellen. Nicht einfach „geh“, präziser: Verlass dich drauf! Dein Glaube, dein Vertrauen hat dich gerettet.

Und lapidar geht die Geschichte auch zu Ende. Die Geschichte eines Mannes, der beginnt, nach vorne zu schauen. Und geradewegs blickte er auf und folgte ihm auf dem Weg.

Den Blick heben (1)

Wie im letzten Beitrag angekündigt wollen wir in der nächsten Zeit einmal ein paar dieser existentiellen biblischen Geschichten – von menschlicher Not und Gottes stärkender, tröstender, helfender Kraft -anschauen. Sie können für Menschen in der sozialen Arbeit, so meine ich, inspirierend sein und ermutigend und nicht selten auch entlastend und befreiend.

Die erste Geschichte gehört zu den Klassikern in der theologischen Fortbildung von Seelsorger(inne)n oder Berater(inn)en. In gewisser Weise findet man darin auch das gesamte Programm der Caritas wieder, dieses „Not sehen und handeln“ mit seinen Dimensionen: konkrete Hilfeleistung, Solidaritätsstiftung und Anwaltschaft. Und natürlich, wie bei jeder guten sozialen Arbeit, das Empowerment, die Hilfe zur Selbsthilfe.

Es geht in dieser Geschichte um einen Menschen, der blind ist. „Blindheit“ als Existenzbild meint mehr als ein Augenleiden. Man kann in vielerlei Weise blind sein. Blind in dem Sinne, dass einem ein bestimmtes Blickfeld, eine bestimmte Perspektive fehlt. Blind für etwas. Man sieht etwas nicht, was man eigentlich sehen könnte oder sehen müsste. Liebe kann blind machen. Aber auch Not oder Hass oder Schmerz oder Gram. Oder auch das soziale Umfeld, das bestimmte Wahrnehmungen nicht fördert oder möglicherweise auch nicht duldet.

Um einen blinden Menschen also geht es in der Geschichte. Er wird „Bartimäus“ genannt. Genannt wird er so. Sein Name ist das nicht. Dazu muss man wissen: „Bartimäus“ (eigentlich muss man es auseinander schreiben: Bar Timäus) ist hebräisch und heißt „Sohn des Timäus“. Das heißt: der Mann wird – nur – „Sohn des Timäus“ genannt. Einen eigenen Namen hat er nicht, für sein soziales Umfeld jedenfalls nicht. Er ist, bleibt der „Sohn von…“.

In der Geschichte sind diese beiden Aspekte auf eine gewisse Weise miteinander verbunden. Sie lotet die Frage aus, welchen Zusammenhang es gibt zwischen der Art, wie ich von anderen gesehen werde, und meiner Fähigkeit, selbst etwas zu sehen oder nicht zu sehen.

Soweit die Vorrede. Nun die Geschichte. Zunächst einmal nur der Text, in der sogenannten (neuen) „Einheitsübersetzung“. Später werden wir etwas präziser übersetzen, um noch mehr Feinheiten herauszuholen. Aber als Einstieg reicht es. Die Geschichte steht im Markusevangelium, im zehnten Kapitel.

Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.

Schauen Sie sich die Geschichte mal in Ruhe an. Schauen Sie sehr genau hin, achten Sie auch auf die Details. Was fällt Ihnen auf? Was macht der Mann, was sein soziales Umfeld, was Jesus? Was kommt dadurch wie in Gang? Was ist sonst noch bemerkenswert? Analysieren Sie selbst, treten Sie in den Text ein. Im nächsten Beitrag gibt es dann von meiner Seite noch ein paar Hinweise.

Für die, die schon mal in den originalen Text hineinschauen möchten, hier die griechische Fassung (Mk 10, 46-52):

Armen ein Evangelium bringen

Der Geist Gottes ist auf mir. Er hat mich gesalbt, ein Evangelium zu bringen den Armen; geschickt hat er mich, zu verkünden den Gefangenen Freilassung und den Blinden neue Sicht, auszusenden Gebrochene in Freiheit, auszurufen ein Gnadenjahr Gottes.

Mit dieser programmatischen Rede tritt Jesus im Alter von etwa dreißig Jahren in das Licht der Öffentlichkeit. Jesus zeigt damit an, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Armut und Evangelium. Oder wenn wir es anders formulieren wollen: dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Kirche und Caritas.

„Armut“ ist ein existenzieller Begriff. Er meint mehr als  fehlende Geldmittel, auch mehr als materielle Not. Armut kann sich in allen Dimensionen des Menschseins zeigen. Arm ist ein Mensch, wo er an einem Mangel an Lebensmöglichkeiten leidet. Oder wie es in der modernen Diskussion heißt: Armut ist ein Mangel an Verwirklichungschancen (capability deprivation; Amartya Sen u.a.).

Jesus wendet sich mit dem, worum es ihm geht, an Menschen, deren Lebensmöglichkeiten – momentan über überhaupt – für ein gutes, glückliches, erfülltes Leben nicht ausreichen. Zeit seines Lebens sucht Jesus Kontakt zu diesen Armen, zu Menschen, die gelähmt sind, geblendet, krank, hungrig, heimatlos, beschämt, besessen oder tot an Herz und Seele. Manchen von ihnen wird er in einer konkreten Notlage helfen, sie heilen oder befreien. Allen aber bringt er ein Evangelium – das heißt: eine gute Nachricht, ein Wort, ein Zeichen, das für sie etwas Gutes ist.

Was hat das mit Kirche und Caritas zu tun? Nun, zunächst ruft es in Erinnerung, dass Jesus mit dem, was er sagt oder tut oder vermittelt, auf bestimmte Existenzsituationen reagiert. Auf Situationen, in denen ein Mensch in Not ist. Auch wenn es zuweilen vergessen worden ist: Das Christentum, die christiche Botschaft ist nicht primäer eine moralische Pflichtenlehre oder ein selbstreferetielles Gedankengebäude, sondern eine Antwort auf menschliche, personale, existentielle Not.

Wenn wir die biblischen Geschichten aus dieser Perspektive lesen, werden wir bemerken, wie vielschichtig die Notlagen sind, die darin beschrieben werden. Wie genau oft auch die inneren Kämpfe und Leiden beschrieben sind, in die diese Notlagen die Menschen bringen. Immer aber geschieht in diesen Geschichten dann etwas. Immer machen die Menschen eine Erfahrung, die ihnen in dieser Situation weiterhilft. Und immer bringen sie diese Erfahrung mit Gott in Verbindung. Sie erleben sie als Gottes Kraft, Gottes Beistand, Gottes Trost, Gottes Rat, Gottes Geleit.

Caritas – als innere Haltung – bedeutet: sensibel sein für menschliche Not, ein warmes, mitfühlendes Herz haben für menschliche Armut in ihrer ganzen Vielschichtigkeit. Und Kirche – als Ereignis – bedeutet: in Kontakt sein mit Gottes heilsamer Kraft. Wenn es Jesus also darum ging, Menschen in Not wahrzunehmen und mit Gottes Kraft in Verbindung zu bringen – dann gehören Caritas und Kirche zusammen.

Ich möchte mit Ihnen in den nächsten Einträgen einmal ein paar dieser existentiellen Geschichten – von menschlicher Not und Gottes stärkender, tröstender, helfender Kraft -anschauen. Sie können für Menschen in der sozialen Arbeit, so meine ich, inspirierend sein und ermutigend und nicht selten auch entlastend und befreiend.