Was wird aus meinen Wunden?

RazorNach unserer kleinen Einführung ins Christentum soll es in den nächsten Beiträgen ein paar vertieftere Überlegungen geben. Sie setzen eine gewisse Vertrautheit mit dieser Lebensform und mit ihrer Text- und Bildwelt voraus.

Als ersten Impuls möchte ich Ihnen eine Relecture anbieten. Es ist die Betrachtung einer – scheinbar – bekannten Ostergeschichte.

Es geht um die sogenannte „Thomasgeschichte“ (Joh 20, 24-29). Mir persönlich liegt einiges an dieser Geschichte und ich glaube, es lohnt sich sehr, genau hinzuschauen, was da eigentlich erzählt wird. Mir scheint diese Geschichte auch und gerade für die soziale Arbeit von besonderem Wert.

Die Erzählung beginnt damit, dass Thomas den Berichten der anderen Jünger, sie hätten diesen so jämmerlich am Kreuz zu Grunde gegangenen Jesus in einer neuen Existenzform – als Auferstandenen – gesehen, keinen Glauben schenken will. Er war selbst nicht dabei bei dieser angeblichen Begegnung. Und er will sich auf so eine Idee nicht einlassen; es sei denn: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelwunden sehe und meinen Finger in die Nägelwunden lege und meine Hand in die Seitenwunde, werde ich nicht glauben.“

In den meisten Erklärungen und Predigten ist die Rede vom „ungläubigen Thomas“. Er wird als Muster des modernen Menschen hingestellt, der erst Beweise will, bevor er etwas glaubt. Aber ich denke, es ist wichtig, ernst zu nehmen, was Thomas hier fordert. Es geht ihm nicht einfach um einen Beweis für Auferstehung, Weiterleben nach dem Tod oder Ähnliches. Er möchte wissen, was mit den Wunden passiert, die das Leben einem Menschen geschlagen hat: körperlich und seelisch. Thomas spürt, glaube ich, dass sich daran eine besondere Spannung entzündet, dass die Wunden eine Grundfrage aufreißen für menschliches Hoffen und für den Glauben an einen Gott.

Was passiert denn mit dem, was ein Mensch erleidet in seinem Leben? Mit den Wunden, den Narben, den traumatischen Erlebnissen, den Erfahrungen von Verlust und Scheitern?

Sicherlich, wir mühen uns in der sozialen Arbeit, Menschen zu helfen, darüber hinwegzukommen. Durch Beratung und Begleitung. Wir unterstützen sie in der Be- und Verarbeitung leidvoller Erlebnisse. Wir helfen, wieder Mut und Kraft zu sammeln für den nächsten Schritt. Das ist wichtig und gut, ohne Frage.

Wir wissen aber, dass irgendetwas in der Seele zurückbleiben wird, dass es im Inneren eines Menschen – eines Menschen, der liebt und der die Sehnsucht kennt – vernarbte Wunden gibt. Dass manche eines Tages wieder aufbrechen werden. Dass manche auch gar nicht heilen, auch nicht in langer Zeit. Wir wissen, dass ein Mensch seine Geschichte – die des Glücks und des Scheiterns – in sich trägt und mit sich trägt.

Was ist die Perspektive dieser inneren Wunden? Gibt es eine Perspektive, eine andere als die der inneren Narben? Rio Reiser sang einmal: „Jetzt tut’s nicht mehr weh. Und alles bleibt still und kein Sturm kommt auf, wenn ich dich seh.'“ Ist das alles, was es zu hoffen gibt? Dass es irgendwann nicht mehr wehtut? Oder kann es so etwas geben wie Heilung, auch bei einem völlig zerbrochenen Leben? Kann es so etwas geben wie eine Heilung enttäuschter Liebe, eine Heilung zerrissener Beziehungen? Kann es so etwas geben wie eine Heilung getöteten Lebens?

Das ist es, was Thomas interessiert. Er weiß, dass die Wunden irgendwie noch da sein müssen, soll das, was ein Mensch in seinem irdischen Dasein erlebt und erleidet, nicht nur ein wertloses Theater sein, ein lächerliches Vorspiel zum eigentlichen Leben im Himmel. Er weiß aber auch, dass mit diesen Wunden etwas geschehen muss, soll die Hoffnung auf Erlösung, Heilung, Auferstehung oder wie man es nennen will, soll diese Hoffnung mehr sein als eine billige Vertröstung oder eine nette Illusion.

Der auferstandene Christus zeigt ihm seine Wunden. Sie sind noch da. Sie sind nicht einfach verschwunden, hinweggewischt durch den „Schwamm der Auferstehung“. Thomas kann seinen Finger hineinlegen. Die Wunden sind noch da, weil das menschliche Leben hier und jetzt auch für Gott eine Bedeutung hat. Wenn es so etwas gibt wie Auferstehung, Erlösung, dann ist es dieses Leben, das da hineingenommen werden muss. Mein Leben, so wie es ist, mit all seinen Brüchen und Verstrickungen. Und nichts darf dabei verloren gehen, kein Tun und kein Leiden, weil es zu meiner Geschichte, meiner Identität, meinem Personsein gehört.

Aber irgendetwas muss mit diesen Wunden passiert sein. Mehr, als dass sie nicht mehr weh tun. Wir wissen nicht, was Thomas gesehen und gespürt hat an Jesus in diesem Moment. In dem Moment, wo er seinen Finger in die Wunden legt und seine Hand ins zerschnittene Herz. Aber wir wissen, was diese Erfahrung mit ihm gemacht hat: Er geht in die Knie und sagt „Mein Herr und mein Gott!“. Das ist das tiefste Glaubensbekenntnis, das wir haben. Mein Herr und mein Gott. Letztlich gründet die ganze christliche Hoffnung, dass Leben gelingen wird, für jeden Menschen, wie verwundet er auch sein und wie hoffnungslos er auch enden mag, auf dieser Erfahrung des Thomas und auf diesem einen Wort: Mein Herr und mein Gott.

 

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Grundkurs Christentum (7): Auferstehung

night lightEin letzter Beitrag in dem kleinen Grundkurs Christentum. Passend zum Osterfest, dem wichtigsten Fest der Christen. In seinem Mittelpunkt steht die Geschichte vom Ende Jesu. Vom Ende Jesu und von dem, was dann kommt.

Ganz kurz: Jesus gerät mit seiner Botschaft mehr und mehr in Konflikt mit bestimmten – politischen und religiösen – Machthabern seiner Zeit. Irgendwann spitzt sich dieser Konflikt so zu, dass ihm nur noch die Möglichkeit bleibt, entweder seine Überzeugungen und seine Verkündigung zu verraten oder standzuhalten – und die Konsequenzen zu tragen, die damit verbunden sind. Die Konsequenz war letztlich der Tod. Jesus hält stand, wird zum Tod verurteilt und auf eine grausame Weise hingerichtet.

Und soweit wäre es nicht besonders erwähnenswert. So etwas geschieht mit Menschen. Leider. Bis heute. Doch dann geschieht noch etwas. Und durch das, was sich dann ereignet, nährt sich bis heute die Hoffnung der Christen, dass es mehr gibt als das, was sich hier abspielt in einem Leben.

Die biblischen Erzählungen betrachten die Jüngerinnen und Jüngern Jesu in der Zeit nach dessen Tod. Wir hören von Menschen, die mit Jesus gelebt und die auf ihn vertraut haben. Wir sehen, wie diese Beziehungen zerbrechen, eine nach der anderen, wie die Frauen und Männer sich verraten fühlen, getäuscht von diesem angeblichen Messias, betrogen um ihr Lebensglück. Wie sie davonlaufen, versuchen, irgendwie an ihr altes Leben anzuknüpfen, an die Zeit vor diesem dreijährigen Spuk. Hier bin ich wieder. Ich habe es nicht geschafft. Der Aufbruch ist nicht gelungen. Verlorene Zeit, verlorene Ehre.

Und dann: Irgendetwas geschieht mit ihnen. Irgendetwas passiert, innerlich und äußerlich. Irgendetwas regt sich, tut sich. Sie sehen etwas, spüren etwas, ahnen etwas. Irgendetwas dringt ein in die Verzweiflung, die Scham, in das Gefühl, betrogen worden zu sein. Und irgendwie, tief innen, beginnt Verwandlung.

Sie machen alle eine Erfahrung, die ihnen – jeder und jedem persönlich und anders – eine neue Perspektive gibt. Sie machen eine Existenzerfahrung, durch die sie irgendwie ihre Erschütterung, ihren Lebensbruch integrieren können. Durch das, was sie erfahren, sehen sie das, was geschehen ist, in einem neuen Licht. Sie schaffen es, so etwas wie eine durchgehende Sinnlinie zu finden. Eine Sinnlinie, die unberührt ist von diesem Scheitern, die nicht einmal der Tod zerstören konnte.

Alle benennen diese Erfahrungen, so unterschiedlich sie im Einzelnen sind, gleich: als Begegnung mit dem auferstandenen Jesus.

An dieser Begegnung hängt letztlich das Christentum. An der Begegnung dieser Menschen mit der Person Jesu nach dessen Tod. An der Erfahrung, dass der Tod nicht das Ende ist, nicht die Grenze dessen, was Leben heißt. Dass es noch etwas Anderes gibt und mehr. Und etwas hilflos nennen die die Christen dieses Andere, diese neue Existenzform „Auferstehung“.

Auferstehung ist möglich: das ist der österliche Subtext, der spirituelle Kontrapunkt, den das Christentum über menschliches Leben legt. Selbst wenn dir alles zerbricht. Am Ende und im Ganzen wird dein Leben gut und heil werden. Weil das Leben, weil Gott stärker ist als der Tod.

 

Grundkurs Christentum (6): diakonische Perspektive

PerspektiveWie liest man nun biblische Geschichten? Wie sind sie zu verstehen?

Ohne groß in textkritische Fragen einzusteigen als Tipp nur soviel: Nehmen Sie bei der Lektüre eine diakonische Perspektive ein. Das heißt: Fragen Sie bei den biblischen Geschichten immer: Was daran ist – für mich, in meiner Lebenssituation – die gute Nachricht? Was wollen mir die Texte sagen, um mich – das meint „diakonisch“ – zu stärken, zu trösten, mir Mut zu machen? Wie wollen mir die Geschichten helfen, mich und mein Leben in einer heilsamen Perspektive zu betrachten?

Und, das ist der zweite Tipp: Fragen Sie immer auch: Was wollen mir die biblischen Geschichten über Gott – über den Beistand Gottes in meinem und für mein Leben – sagen? Denn das ist der rote Faden der ganzen Bibel. Sie erzählt von heilsamen Erfahrungen von Menschen mit Gott. Sie erzählt davon, wie Gott für Menschen etwas tut. Wie Gott Menschen nahe kommt – gerade in Lebenssituationen, wo ihre eigene Kraft nicht reicht.

In der Reihe Refounding haben wir einige biblische Texte zusammengestellt, die für die soziale Arbeit eine besondere Bedeutung haben. Wenn Sie wollen, klicken Sie mal rein und lassen Sie sich davon inspirieren. Und vor allem: Lassen Sie sich davon aufrichten und positiv ausrichten.

Grundkurs Christentum (5): Evangelium

EvangeliumDas fünfte Stichwort gibt es gleich in mehreren Sprachen. Lateinisch heißt es „Evangelium“. Das kommt vom (alt-)griechischen „eu angellion“ und heißt zu deutsch so viel wie: „gute Nachricht“ oder „gute / frohe Botschaft“. Gemeint ist damit einerseits ein Text, genauer: eine Textsammlung. Und andererseits der Inhalt dieser Texte.

Wir fangen mal mit den Texten an. Eine Mini – Einführung zunächst. Im nächsten Impuls wenden wir uns dann dem Inhalt zu.

Die Christen lesen, um etwas von Jesus zu erfahren, oft in einem bestimmten Buch. Dieses Buch heißt „Bibel“, was zu deutsch eigentlich einfach „Buch“ bedeutet. Diese Bibel hat zwei große Teile. Einen langen mit Texten aus vielen Jahrhunderten – „Altes Testament“ genannt. Und einen kürzeren, in dessen Mittelpunkt Jesus steht, das sogenannte „Neue Testament“. Auf diesen Teil konzentrieren wir uns heute.

Dieser Teil besteht seinerseits wieder aus verschiedenen Texten. Aus vielen Briefen zum Beispiel, die an altchristliche Gemeinden geschrieben worden sind. Und dann gibt es vier große Erzählungen, in denen es um Jesus geht. Es wird darin erzählt, wie Jesus mit Menschen umgegangen ist, wie er ihnen begegnet ist und was er mit ihnen gemacht hat. Und es werden bestimmte Reden von ihm wiedergegeben, vor allem sogenannte „Gleichnisse“. Jesus bringt nämlich gerne Vergleiche, um das, was ihm wichtig ist, zu erklären.

Jesus selbst hat nichts aufgeschrieben (das unterscheidet Jesus etwa von Mohammed oder von Buddha). Er war eher ein Erzähler. Aber vor allem: Er wollte das, was ihm wichtig war, durch sein Leben sichtbar machen. Aufgeschrieben wurden seine Worte und Taten erst später, von Leuten, die Jesus erlebt haben.

Vier dieser Geschichtensammler haben die Worte und Taten Jesu in eine Art Rahmenerzählung eingebaut. Diese Sammlungen stehen im Neuen Testament. Sie sind jeweils nach ihren Autoren benannt (die Autoren tragen nur Vornamen: Markus, Matthäus, Lukas und Johannes). Interessant ist, dass diese Geschichtensammler eine eigene Überschrift für ihre Erzählungen erfunden haben. Sie wollten nicht einfach „Jesusgeschichten“ oder so etwas dazu sagen, sondern wollten anzeigen, dass diese Geschichten etwas Gutes, Wohltuendes, Bestärkendes, Aufbauendes sind – für jeden, der sie liest. Deshalb nannten sie ihre Geschichtensammlungen „Evangelium“: gute Nachricht.

Mehr dazu im nächsten Impuls.

 

Grundkurs Christentum (4): beten

Telephone3Unser viertes Stichwort schließt inhaltlich an die ersten drei Impulse an. Es ist: BETEN. Beten heißt, mit Gott sprechen; oder, etwas eleganter formuliert: mit Gott kommunizieren. Die Christen sind überzeugt, dass es möglich ist, mit Gott zu kommunizieren. Einfach dadurch, dass ich Gott in meinem Inneren anspreche.

Wenn ich das, was mich beschäftigt, nicht nur in mir selbst bewege – darüber nachdenke, grüble, mit mir zu Rate gehe – sondern an Gott adressiere, wird aus der Selbstreflexion ein Gebet. Ich sage dann innerlich etwa: Kannst Du mir sagen, was ich tun soll? Oder: Was ist denn Dein Wille in dieser Situation? Oder: Weißt Du einen Weg für mich? Kannst Du mir den nächsten Schritt zeigen?

Die Menschen, die mit Jesus unterwegs waren – man nennt sie auch „Jüngerinnen und Jünger“ – haben Jesus einmal gefragt, wie man denn beten soll. Jesus schlägt ihnen eine bestimmte Form vor. Die meisten Christen können den Vorschlag Jesu auswendig: es ist das sogenannte „Vaterunser“. Revolutionär an diesem Gebet ist die Anrede. Die kommt in der Übersetzung „Vater unser“ nicht mehr recht heraus. Jesus sagt eigentlich: sprecht Gott mit „Papa“ an. „Mama“ würde auch gehen, weil Gott ist ja keine Person mit einem menschlichen Geschlecht. Jesus will darauf hinaus, dass ich mich Gott ganz vertrauensvoll zuwenden kann. Ganz liebevoll. Ohne Angst und ohne Scham.

In der sozialen Arbeit gibt es viele Möglichkeiten zu beten. Dazu braucht es keine großen Formeln oder Aktionen. Einfach Gott im Innern ansprechen, begleitend zu dem, was ich gerade tue. In der Beratung, in der Pflege, bei meinen Führungsaufgaben, in der Verwaltung oder wo auch immer. Gott gewissermaßen mit einzubeziehen, mit ihm in Kontakt zu bleiben. Und dann warten, was passiert. Darauf hören und danach spüren, was er mir mitteilen und mitgeben will.

 

Fragen

  • Wie erscheint Ihnen die Vorstellung, sich innerlich an jemand – an eine nicht menschliche Person – zu wenden?
  • Hatten Sie schon einmal das Gefühl, in einer Situation nicht alleine zu sein, obwohl kein anderer Mensch (oder ein anderes Lebewesen) anwesend war?

 

Grundkurs Christentum (3): Gnade

P1030702-CUnser dritte Stichwort heißt: GNADE. Man muss sich vielleicht etwas herantasten, um zu verstehen, was damit gemeint ist. Im Lateinischen heißt das Wort: gratia: Dank. Gnade meint etwas, das Grund zur Dankbarkeit ist. Wenn wir sagen, dass etwas eine „Gnade“ ist, dann heißt das: Ich habe es nicht eigentlich „gemacht“ oder „verdient“, sondern es ist mir in irgendeiner Weise geschenkt worden. Das kann ein Talent sein zum Beispiel. So sprechen wir von einem „begnadeten“ Redner oder einer begnadeten Pianistin. Sicher, die haben ihren Teil dazu beigetragen: durch Ausbildung, Übung, Mühe. Aber irgendetwas ist dazugekommen, was sie selbst nicht hatten. Oder ein anderes Beispiel: begnadigen. Wenn einer begnadigt wird, dann wird ihm eine Strafe erlassen, die er eigentlich „verdient“ hätte. Er muss nicht voll bezahlen für das, was er getan hat. Er bekommt Freiheit – neue Freiheit – geschenkt. Oder, negativ: gnadenlos. Gnadenlos ist ein Verhalten, das keine Geschenke kennt. Das seine Macht ausschöpft bis zum Ende, oder mich in meiner Not belässt ohne Hilfe.

Theologisch meint Gnade all das, was Gott zu einem guten, gelingenden Leben dazu gibt. Nicht weil er irgendwie „muss“ oder als Gegenleistung für irgendetwas. Sondern einfach so, als Geschenk. Oder noch gefühlvoller: aus Liebe. Die Christen rechnen fest mit der Gnade Gottes. Sie vertrauen darauf, dass Gott es mit den Menschen gut meint und ihnen mehr geben kann und will als das, was sie selbst haben, selbst machen, selbst sich verdienen.

Wie kann sich das Vertrauen auf die Gnade Gottes in der sozialen Arbeit zeigen? Vielleicht in einer gewissen Gelassenheit: Ich muss nicht alles alleine schaffen. Wenn ich zum Beispiel merke, dass eine Begleitung an einen Punkt gelangt ist, wo wir – mein Klient und ich – nicht mehr weiterkommen. Dann kann ein Christ zu Gott sagen: Ich habe mein Bestes gegeben, mein(e) Klient(in) auch – jetzt bist Du dran. Gib Du, Gott, das Deine dazu. Oder auch in einer gewissen, wie soll man sagen, hoffnungsvollen Frustrationstoleranz. Schau, Gott. Das hier ist nicht gut, aber besser krieg ich’s nicht hin. Aber Du, Du könntest doch was machen. Also?

Fragen:

  • Ist nach Ihrer Überzeugung jeder – allein – seines Glückes Schmied?
  • Wie erscheint Ihnen die Vorstellung, Gott um einen Gefallen zu bitten?

 

Grundkurs Christentum (2): mehr

magisDas zweite Stichwort unseres Grundkurses Christentum ist ein Verhältniswort: MEHR. In diesem kleinen Wörtchen zeigt sich so etwas wie eine Grundeinstellung zur sichtbaren Wirklichkeit. Christinnen und Christen rechnen damit, dass das, was sich uns zeigt, nicht alles ist, was es gibt. Sie rechnen damit, dass es mehr gibt.

Christen glauben zum Beispiel, dass zu einem Menschenleben mehr dazugehört als das, was sich zwischen Geburt und Tod abspielt. Sie sind überzeugt, dass man einen Menschen viel zu klein denkt, wenn man ihn nur mit menschlichen Maßstäben misst. Das, was wir hier und jetzt wahrnehmen, ist nur ein Teil eines größeren Ganzen.

 

Was kann das in der sozialen Arbeit bedeuten?

Am Sterbebett in einem Pflegeheim zum Beispiel könnte es bedeuten: Ich rechne mit der Möglichkeit, dass das nicht das Ende dieses Menschen ist. Dass da noch etwas kommt – für den Sterbenden und für die Menschen, die zurückbleiben, die Angehörigen oder die Freunde oder die Pflegenden. Oder bei Klientinnen oder Klienten, deren Leben zerbrochen oder verstrickt ist, könnte es bedeuten: Ich sehe sie an in der Überzeugung, dass es in diesen Leben noch etwas Anderes gibt. Etwas Heiliges, das ganz unberührt bleibt von Sucht, Gewalt, Wahn, Alter, Krankheit, Behinderung, Versagen, Schuld, Zerstörung oder Selbstzerstörung.

 

Fragen:

  • Glauben Sie, dass es außer der materiellen Welt noch etwas Anderes gibt?
  • Was halten Sie von der Vorstellung, dass jeder Mensch etwas Heiliges in sich hat?