Präsidentschaftskandidat mit Caritaskrawatte?

Viele haben es bemerkt. Ein Aufschrei gellte durch die Caritaslandschaft. Ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat hat jüngst bei einer umstrittenen Rede eine Krawatte getragen, die der Caritaskrawatte zumindest äußerst ähnlich sieht.

screenshot  - spiegel online

screenshot spiegel online

Trump - caritas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass dieser Kandidat kein Mitarbeiter einer Caritasorganisation ist, und seine Positionen mit Überzeugungen christlicher Caritas häufig nicht übereinstimmen.

 

 

Advertisements

Viren, Metastasen und Säuberungen – wie Sprache Wirklichkeit schafft

Screenshot br-online

Screenshot br-online

Die Reaktionen von Staatspräsident Erdogan auf den militärischen Putschversuch lassen das Schlimmste befürchten.

Ich bin kein Experte für türkische Innenpolitik. Auch fehlt mir eine fundierte Kenntnis der einzelnen Lager mit ihren Personen und Positionen. Aber wenn man nur die Sprache anschaut, die nach dem Putsch verwendet worden ist und wird, dann ist das Schlimmste zu befürchten.

Er wolle das Militär und den Staat von „Viren“ und „Metastasen“ befreien. Es sei Zeit für „Säuberungen“. Menschen mit nur ein wenig historischem Erinnerungsvermögen treiben allein diese drei Begriffe den Schauder über den Rücken. Auch in Deutschland war von „Schädlingen“ die Rede, von „Parasiten“, die den Volkskörper befallen hätten. Auch in Deutschland gab es „Säuberungen“. Vor dem Krieg und in einem Teil Deutschlands auch nach dem Krieg.

Sprache schafft Wirklichkeit. Wenn Menschen einmal als „Parasiten“ oder „Viren“, „Metastasen“ benannt sind,  dann wird die Vernichtung zur medizinischen Maßnahme. Wenn das Sprachspiel von Verschmutzung und Vergiftung einmal gesetzt ist, dann werden Massenhinrichtungen und Massaker zu Hygienemaßnahmen.

Es fällt auf, dass so gut wie alle Unrechtssysteme der letzten Jahrzehnte diese Entmenschlichung durch die Sprache betrieben haben. Vielleicht, weil es im tiefsten Herzen ein Zurückweichen gibt vor dem nackten Mord, selbst bei den grausamsten Schergen. Weil sich tief im Innern der Person ein Wissen erhebt, dass massenhaftes Verhaften und Vernichten nicht recht sein kann, niemals. Weil das Gewissen keine Masse kennt, nur Menschen.

Vielleicht wird deshalb mit der Sprache die Wirklichkeit vergewaltigt, verschoben, vertuscht. Um nicht vor Schauder zurückzuweichen vor der eigenen Gewalttat.

Sprache schafft Wirklichkeit. Aber darin zumindest sind wir nicht nur auf die Zuschauerbänke verbannt. Wir müssen die Sprachspiele von Recep Tayyip Erdogan nicht mitspielen. Wir können ansprechen gegen seine Versuche der Entmenschlichung. Wir können weiterhin von Menschen sprechen. Und von Verhaftung und von Vernichtung. Und aufschreien, und widersprechen, und noch einmal widersprechen. Die Benennungen nicht akzeptieren. Niemals kann aus einem Menschen ein „Virus“ werden, niemals eine „Metastase“. Niemals kann man „säubern“ dadurch dass man Menschen verhaftet und vernichtet. 

Ist das christliche Profil marketingtauglich?

LogosDie Profildiskussion boomt. Kaum ein caritatives Unternehmen aufseiten von Caritas und Diakonie hat in den letzten Jahren nicht einen Profilbildungsprozess durchlaufen, Profilberaterinnen und -berater sind unterwegs, es gibt Regale voll Fachliteratur zur Profilfrage, Förderprogramme zur christlichen / kirchlichen / konfessionellen Profilstärkung werden aufgelegt.

Es gibt viele gute Gründe, nach dem eigenen Profil zu suchen – als diakonisches Unternehmen, als caritative Stiftung oder als sozialer Verband. Und sicherlich ist es auch gut, wenn im Kontext von Caritas und Diakonie dabei die christlichen und kirchlichen Fundamente (wieder-)entdeckt werden, wenn die eigene Spiritualität gesucht und gepflegt wird, damit ein wahrhaft christlicher – d.h. ein heilsamer und heilmachender – Geist die Einrichtungen und Dienste prägt.

Eines allerdings sollte man dabei bedenken: als Marketinginstrument, mit dem sich Anteile im umkämpften Sozialmarkt erobern und sichern lassen, taugt das Christentum nicht. Nur auf den ersten Blick trägt das „christliche Profil“ zur Imagebildung der „Marke Caritas“ bei, nur vordergründig erscheint es als Alleinstellungsmerkmal, als „unique selling point“, um Kunden an uns zu binden.

Ein Alleinstellungsmerkmal muss – deshalb heißt es so – dazu dienen, sich von anderen abzugrenzen, das Besondere und Einzigartige des Eigenen herauszustellen. Es muss etwas sein, was die anderen nicht haben oder nicht können, zumindest nicht so gut. In der Industrie sind es oft streng geheime Rezepte oder vielfach patentgeschützte Verfahren, exklusive Konstruktionspläne oder einzigartige Datensammlungen, die die Alleinstellung begründen. Durch emotionale Aufladung wird daraus ein symbolischer Mehrwert generiert, es entsteht die möglichst unverwechselbare Marke, das eigentliche Kapital des Unternehmens. Das Ganze wird eifersüchtig bewacht, gegen Spionage verteidigt, von Plagiaten abgegrenzt, durch Scharen von Anwälten juristisch abgesichert. Die Hintergrundbotschaft ist immer: Ganz anders und viel besser als alle anderen.

Viele Diskussionen in Caritas und Diakonie kreisen um dieses Thema. Was ist unser Alleinstellungsmerkmal? Worauf können wir verweisen, um die „Marke Caritas“ mit ihren vielen Submarken („Stiftung X“, „E.V. Y“, „Klinikverbund Z“…) als starke Marke aufzubauen und im (Kunden-)Bewusstsein zu platzieren? Was machen wir anders als das Rote Kreuz oder die AWO? Und ganz anders als die privaten Träger?

„Wir sind eine christliche Organisation“, tönt es dann oft schnell. „Grundlage unserer Arbeit ist das christliche Menschenbild. Wir haben eine Spiritualität, die in einer langen Tradition steht. Das Christliche, das ist unser Alleinstellungsmerkmal, darauf müssen wir verweisen – in Broschüren, Internetauftritten, Prospekten, in öffentlichen Stellungnahmen und nicht zuletzt in den Gesprächen mit unseren Klienten, Kunden und Geldgebern.“

Der erste Enthusiasmus, den „unique selling point“ der Caritas identifiziert zu haben, erhält allerdings nicht selten einen gewissen Dämpfer, wenn man darangeht, „das Christliche“ genauer zu beschreiben. Der Mensch, so wird gesagt, steht für die Christen im Mittelpunkt. Der Mensch mit einer unantastbaren Würde und mit Rechten, die er sich nicht verdienen muss und die er nicht verlieren kann. Für Menschenwürde und Menschenrecht einzutreten, unbedingt, ohne Wenn und Aber, das ist christlich. Und christlich ist, Menschen in Not zu helfen, sie wahrzunehmen als Personen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, und versuchen, sie zu unterstützen, damit ihr Leben gelingt.

Wohl wahr. Für Menschenwürde und Menschenrecht einzutreten, das ist christlich. Not sehen und handeln: das ist christlich. Personen auf Augenhöhe zu begegnen, ganz gleich, was sie getan haben und was aus ihnen geworden ist: das ist christlich. Aber: Tun das andere nicht auch? Nimmt das Rote Kreuz nicht auch Menschen in Not ernst und hilft ihnen? Begegnen die Sozialarbeiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbands ihren Klienten nicht auch auf Augenhöhe? Achten die Pflegerinnen der AWO die Würde der alten Menschen nicht auch? Sind sie nicht alle auf ihre Weise – auch wenn sie das vielleicht nicht so nennen würden – in christlichem Geist unterwegs?

Doch. Sie alle, alle, die für Menschenwürde und Menschenrecht eintreten, sind auch in christlichem Geist unterwegs. Gott sei Dank! Wenn es nur jeder Mensch wäre, ganz gleich, welcher Organisation, welcher Gruppe, welcher Nation, Kultur oder Religion er angehört. Ein echter Christ wird sich daran freuen, auch anderswo christlichen Geist zu finden. Er wird diesen Geist würdigen und fördern, gleich wo und in welcher Gestalt er ihn antrifft.

Hier spätestens sieht man, warum das Christentum nicht als Marketinginstrument taugt. Ziel des Christentums ist gerade nicht die Exklusivität, die Alleinstellung, sondern die Universalität. Das Christentum ist keine Firma, die Kunden an sich bindet, es ist kein Club, der Mitglieder wirbt. Das Christentum ist eine Bewegung, die die Welt verwandeln will. Verwandeln hin zu mehr Liebe und mehr Lebendigkeit, zu einem „Leben in Fülle“. Und wo immer etwas geschieht, was die Liebe und das Leben mehrt, da weiß der Christ Gottes Heiligen Geist am Werk.

Leicht zu schlucken ist dieses universale Grundprinzip des Christentums – sein wahrhaft „katholischer“, das heißt: allumfassender und ganzheitlicher Charakter – nicht immer. Schon die Apostel hatten damit ihre Schwierigkeiten. Das Markusevangelium (Mk 9, 38-40) berichtet, wie sie zu Jesus kommen und sich eifersüchtig beklagen: „Meister, wir sahen einen, der in deinem Namen böse Geister ausgetrieben hat. Und wir hinderten ihn daran, weil er uns nicht nachfolgte.“ Mit anderen Worten: Er war in christlichem Geist unterwegs und hat Gutes bewirkt, obwohl er kein Mitglied unserer Organisation ist. Das darf er doch nicht! Die Antwort Jesu ist aus Perspektive des Sozialmarketings eine schlichte Katastrophe: „Hindert ihn nicht daran. Wer nicht gegen uns ist – der ist für uns!“

Mehr lässt sich dazu nicht sagen. Wer nicht gegen uns ist, ist für uns. Wer nicht gegen Menschenwürde und Menschenrecht ist, der ist für uns, der ist in christlichem Geist unterwegs. Wir sind es auch. Das ist unser christliches Profil. Wir pflegen diesen Geist, gestalten und fördern eine Spiritualität, die unsere Einrichtungen und Dienste zum „Raum für Heilung und Heil“ (Bischof Dr. Gebhard Fürst) werden lässt. Wir tun das nicht, um uns dadurch von anderen abzugrenzen. Wir tun es, weil es uns wirklich wichtig ist.

funny games – über Satire und Gewalt

1997 kam ein Film in die Kinos, der fast alle, die ihn gesehen haben, nachhaltig verstört hat, und der bei manchen, ich zähle mich dazu, bis heute nachwirkt. Ungewöhnlich viele Menschen haben damals während der Vorführungen die Kinos verlassen, weil sie das, was gezeigt wurde, nicht ertragen konnten; darunter auch Menschen, bei denen selbst blutigste Horrorfilme nur einen wohligen Schauer hervorrufen.

Es war der Film „funny games“ des österreichischen Regisseurs Michael Haneke. Der Film steigt ein, als eine junge Familie (Vater, Mutter, Kind) ihr Ferienhaus am Neusiedler See bezieht. Kurz darauf betreten zwei junge Männer („Peter“ und „Paul“) dieses Haus und zwingen ihnen – dem Vater wurde mittlerweile mit dem Golfschläger das Knie zertrümmert, das Handy in einem Spülbecken versenkt – ein Spiel auf, ein Wettspiel: „Ich wette, in, sagen wir, zwölf Stunden seid ihr alle kaputt!“.

Klar ist, dass das, was „Paul“ hier als Spiel bezeichnet, für die Familie niemals ein Spiel sein kann. Und der Film bezieht seine Grausamkeit daraus, dass „Peter“ und „Paul“ – reine Spielnamen – in diesem Film niemals die Spielebene verlassen, während alles, was geschieht, für die Familie Ernst – blutiger Ernst – ist. Das eigentlich Gewalttätige, das verstörend Gewalttätige ist, zu sehen, wie alles, was den drei Menschen in ihrem Leben wichtig ist, Stück um Stück ins „Spielerische“ hineingezogen wird.

„Warum machen Sie das?“ Oft wird diese Frage gestellt, am Anfang zumindest. Die Gequälten möchten verstehen, möchten einen Sinn darin finden, möchten so etwas wie die Wahrheit erfahren über das, was geschieht. „Paul“ gibt ihnen eine Reihe von Antworten. Antworten, die alle eine Plausibilität haben – „Peter“ sei ein vernachlässigtes Kind gewesen, oder: Peter sei geradezu mit Liebe überschüttet worden und wolle sich jetzt abgrenzen, und… . Alle diese Erklärungen beginnen mit „die Wahrheit ist…“ und es wird klar, dass es nur „Spielantworten“ sind, Spielmöglichkeiten, Variationen, die sich gut anhören. „Welche Antwort würde Sie denn befriedigen?“, fragt „Paul“ am Ende. Spätestens jetzt ist klar, dass die Ebene der Wahrheit – wo Menschen wirklich mit ihren Überzeugungen miteinander ringen um ein Verstehen des Lebens – niemals betreten wird. Was für die einen eine existentielle Frage ist, bleibt für die anderen nichts anderes als eine nette Spielvariante.

Auch die Liebe wird in das Spiel hineingezogen. Sie können die Szene in dem kurzen Clip unten sehen. Der Mann wird darin genötigt, seine Frau aufzufordern, sich auszuziehen. Er muss es tun mit dem Satz „Zieh dich aus, mein Schatz!“ Genau dieser Satz – den ein Liebender in Momenten großer Nähe spricht – muss es sein. Er muss sich selbst spielen wie in einem Theaterstück.

Ein einziges Mal wird „Peter“ ernst in diesem Spiel; als er gefragt wird: „Warum bringt ihr uns nicht gleich um?“ Seine Antwort ist: „Wir dürfen doch den Unterhaltungswert nicht gefährden.“

Ich habe oft an diesen Film gedacht in den letzten Tagen. Bei der Auseinandersetzung um „Charlie hebdo“. Im Zusammenhang mit dem Attentat auf die Karikaturisten, den weltweiten Demonstrationen für Meinungsfreiheit, den Protesten gegen Karikaturen des Propheten Mohammed, bei der Diskussion über das Recht auf Satire und über den Wert religiöser Gefühle.

In gewisser Weise zeigt „funny games“ etwas von dem, was Satire ist. Wenn Sie so wollen: es zeigt etwas von der hässlichen, gewalttätigen Seite der Satire. Satire ist nicht einfach eine Meinungsäußerung. Kern der Satire ist das Nicht-ernst-Nehmen. Etwas – ein Ereignis, ein Mensch, eine Überzeugung – wird in eine „Spielwelt“ hineingezogen. Zentrale Spielregeln darin sind Ironie und Spott. Und der Wert, den es zu gewinnen gibt, ist vor allem der Unterhaltungswert.

Das Spiel ist asymmetrisch. Der Satiriker behält seine eigene Überzeugung für sich, er stellt sich als Person mit seiner Welt nicht zur Schau und nicht zur Diskussion. Seine Rolle ist es, andere Personen mit ihrer Welt zu verspotten. Diese wiederum treten nicht freiwillig in die Diskussion ein, sondern werden in das Satirespiel hineingezwungen. Muslime etwa finden ihre spirituelle Leitfigur – den Propheten Mohammed – mit einem Mal in einer Karikatur wieder. Sie finden sich selbst plötzlich in einer Karrikatur wieder. Sie finden das, was ihnen wichtig ist, plötzlich in einem Spiel wieder. Einem Spiel, wo man das Lustige, Humoristische, oder auch das Lächerliche sucht. Das, was den einen ernst ist, wird von den anderen lächerlich gemacht. So ist es halt, das Satirespiel. Es ist doch ein Spiel. Ein Spiel ist es aber nur für die einen. Für die anderen ist es eine massive Gewalterfahrung.

Mit aller Vorsicht gesagt und ohne irgendetwas zu entschuldigen: Die Anschläge von Paris haben – neben allem Tod und allem Leid, das durch sie gekommen ist – eines bewirkt. Sie haben bewirkt, dass das Thema „religiöse Überzeugungen und Gefühle“ auch für die Satiriker nicht länger nur ein Spiel ist, sondern auch – blutiger – Ernst.

Für einige Tage zumindest, für diejenigen, die übrig geblieben sind. Nun sind sie zurückgekehrt in die Satirewelt. Das weltweit zigmillionenfach verkaufte aktuelle „Charlie hebdo“ – Heft antwortet wieder mit einer Karikatur. Sie zeigt den Propheten Mohammed mit einem Plakat „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) – und darüber den Satz „tout est pardonnee“ („alles ist vergeben“). Diesen Satz zum Teil einer Karikatur zu machen, ist, genau besehen, eine Verhöhnung der Opfer. Ernst gemeint ist es dieser Satz, der einen Weg zur versöhnten Zukunft bahnen kann. Nur dieser Satz. Und nur das Opfer darf ihn sprechen, jedes für sich und nur es allein.

Nun ist er bereits geschrieben, vorformuliert, ist zum Claim geworden in der satirischen Spielwelt. Wahrscheinlich wäre er verdorben dadurch für eine echte Versöhnung. Kein Opfer könnte ihn mehr sprechen, ohne sich in der Karikatur wiederzufinden, sich selbst spielend als lustiges Zerrbild. Dass er noch nicht ganz verdorben ist, liegt an der Pressekonferenz, in der der Zeichner dieser Karikatur erzählt hat, wie es dazu kam. Er sagte: „Ich habe den Propheten Mohammed gezeichnet – und er hat geweint. Dann habe ich diesen Satz geschrieben – da habe ich geweint.“ In diesem Moment hat der Zeichner das Spiel verlassen. In diesem Moment ist die Person hinter der Rolle hervorgekommen. Und die Bühne war nicht länger eine Bühne, sondern ein Ort der menschlichen Begegnung. Es dieses Weinen, es sind diese Tränen, mit denen, vielleicht, der Weg in eine versöhnte Zukunft beginnt.

 

Erklärungen oder Beispiele? – Gedanken zur Familiensynode

Gestern ist sie zu Ende gegangen, die außerordentliche Bischofssynode in Rom unter der Überschrift „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“. Nach zwei Wochen der Diskussionen und vermutlich auch der Machtkämpfe wurde eine Schlusserklärung veröffentlicht. Diese wird nun von Teilnehmenden und Beobachtern in den Medien genutzt, um die eigene Position noch einmal, wieder, noch klarer darzustellen.

Deutlich geworden ist, so meine ich, zum einen: die Bischöfe und der Papst möchten gerne einen Beitrag leisten in dieser Frage. Sie möchten etwas beitragen zur Diskussion um das gute und glückliche Leben miteinander, in welchen Formen auch immer. Das gilt, so denke ich, für alle, welche Position sie auch vertreten haben. Zum anderen wurde noch einmal deutlich, was jeder schon wusste: menschliches Leben ist sehr komplex. Die Sehnsucht nach gelingender Liebe ist groß, aber die Wege dazu sind vielfältig, verschlungen, versperrt auch oft durch viele Hindernisse. Gerade weil die Sehnsucht nach der Liebe und nach einer Heimat im Leben so groß ist, tun Brüche und Verletzungen so weh.

Ich bin mir nicht sicher, was eine lehramtliche Erklärung bei diesem Thema überhaupt beitragen kann, gleich, wie sie ausfällt. Mehr als Erklärungen werden wohl Beispiele weiterhelfen. Wenn Menschen erzählen, wie sie es probieren mit Familie, mit Partnerschaft, mit Gemeinschaft zwischen Generationen. Beispiele, wie etwas gelingen kann; als Ermutigung und Inspiration. Beispiele auch, wie etwas nicht gelingt, wie das Feuer erlischt, wie die Hoffnungen schwinden, die Sprache verstummt. Auch das hilft in dieser Frage, wenn jemand den Mut hat, davon zu erzählen – und von dem, was danach kommt. Wie es weitergehen kann, irgendwie. Und dann die vielen Lebensversuche dazwischen, wo Menschen sich mühen, es gut zu machen, es miteinander gut zu machen. Davon zu erzählen, Beispiele zu sammeln, so viele und so vielfältige, wie nur möglich, das scheint mir wichtiger als Erklärungen.

Ganz Jesuanisch ist das, im Übrigen. Jesus ist ein Erzähler, einer, der Beispielgeschichten erzählt. Er ist auch einer, der Lebensgeschichten ernst nimmt. In ihrer Einzigartigkeit, in ihrer eigenen Kompliziertheit, in ihrer komplexen Beziehungsdynamik. Und er ist einer, der selbst ein Beispiel geben möchte.

Eine Erfahrung macht Jesus immer, am Ende zumindest: dass Gott ihn nicht alleine lässt. Diese Erfahrung will er weitergeben, will sie auch anderen spürbar machen. Gott lässt dich nicht alleine. Und diese theologische „Erklärung“ ist tatsächlich wichtig und hilfreich, wenn es um Familie, Partnerschaft, Sexualität, Liebe, Leben geht. Niemand ist bei seiner Suche nach der Liebe ganz alleine.

Dazu siehe auch den Beitrag: Dankbarkeit für die geglückte Halbheit.

Zwischenruf: Islamischer Wohlfahrtsverband?

Gestern wurde vom Bundesinnenminister die neue Runde der deutschen Islamkonferenz eingeleitet. Ein Schwerpunkt der Beratungen soll die Frage nach einem Islamischen Wohlfahrtsverband “nach dem Vorbild von Caritas und Diakonie” sein. In diesem Zusammenhang wurde nun schon mehrfach von führenden Vertretern sowohl der Islamischen Verbände als auch der Politik eine Argumentation vorgetragen, die ein gravierendes Missverständnis enthält. Deswegen dieser Zwischenruf.
Es wird argumentiert, der Islamische Wohlfahrtsverband solle für Muslime soziale Hilfeleistungen organisieren, so wie es Caritas und Diakonie für die evangelischen und katholischen Christen / Kirchenmitglieder täten. Das ist ein gravierender Irrtum. Caritas und Diakonie sind nicht Wohlfahrtsverbände für die Kirchenmitglieder! Sie sind keine Lobbygruppe, die ihre eigenen Leute versorgt. Caritas und Diakonie leisten soziale Arbeit für Menschen in Not, für alle Menschen, die sich in ihrer Not an sie wenden. Für alle Menschen mit ihrer jeweiligen weltanschaulichen und spirituellen Beheimatung.
Sie tun das – das ist ihr christliches Profil – aus christlicher Motivation und auf Grundlage eines christlichen Menschenbildes. Das heißt: sie helfen Menschen in Not, weil es für Christen zur menschlichen Würde gehört, das niemand mit seiner Not allein gelassen wird. Weil es für sie zur menschlichen Verantwortung gehört, nicht vorbeizugehen, wenn jemand am Boden liegt. Weil sie in jedem Menschen, ganz gleich welche Brüche sein Leben hat, ein Ebenbild Gottes sehen. Deshalb machen Caritas und Diakonie soziale Arbeit. Aber sie machen sie für jeden Menschen, nicht für die eigenen Mitglieder.
Wenn der Islam dieses Motiv auch kennt, wenn es für Muslime wichtig ist, aufgrund ihres Menschenbildes und ihres Verantwortungsbewusstseins Menschen in Not zu helfen, dann kann die Gründung eines eigenen Wohlfahrtsverbands ein guter Schritt sein. Oder wenn eine Notlage gesehen wird, auf die muslimische sozial Engagierte mit besonderer Sensibilität reagieren können, auch dann ist ein solcher Wohlfahrtsverband eine Bereicherung.
Wenn es aber vorwiegend darum geht, die soziale Versorgung von Muslimen sicherzustellen, dann ist zumindest der Hinweis, dies geschehe “nach dem Vorbild von Caritas und Diakonie” falsch und irreführend.

Toleranz, Wertneutralität und Freie Wohlfahrtspflege

Immer wieder, vor allem, wenn es um die Verteilung von Geldern geht, wird vonseiten staatlicher Institutionen gegenüber den freien Trägern, insbesondere der kirchlichen, eine eigenartige Diskussion vom Zaun gebrochen. Es wird angemahnt, die Träger sollten ihre soziale Arbeit – die Erziehung von Kindern etwa – „wertneutral“ gestalten. Und sie sollten ihren Mitarbeitenden gegenüber „Toleranz“ üben, vor allem, was die Einstellungspraxis anbelangt. Um diesen Anliegen Druck zu verleihen, wird angekündigt oder angedroht, die staatlichen Geldflüsse für die jeweilige soziale Arbeit an die „Wertneutralität“ und die „Toleranz“ zu knüpfen und bei Missachtung dieser Prinzipien die Unterstützung einzustellen.

Je nach gesellschaftlicher Stimmungslage trifft diese Ankündigung auf breite und positive Resonanz. Man sieht sich bestätigt in seinem Urteil über die christlichen Kirchen – auf diese und ihre sozialen Hilfswerke Caritas und Diakonie konzentriere ich mich im Folgenden – dass sie ein Hort der Intoleranz und Diskriminierung seien und ihre soziale Arbeit möglicherweise ganz gezielt für missionarische Zwecke missbrauchten. „Missionarisch“ nicht selten verstanden als Form der Mitgliederrekrutierung oder, schlimmer noch: der Manipulation.

Mir scheint es dringend notwendig, in dieser regelmäßig und oft reflexhaft geführten Diskussion einige Begriffe und Grundlinien klarzulegen. Begonnen werden soll mit dem Begriff „Toleranz“. Weiterlesen