Not sehen – und ?

Not sehen„Not sehen und handeln“, so heißt bekanntlich der Leitspruch der deutschen Caritas. Not sehen und handeln. Der „Barmherzige Samariter“ aus der Geschichte wird oft als Beispiel genommen, wie das geht: Not sehen und handeln. Ein Mensch gerät in Not, ein anderer sieht diese Not – und handelt. Ganz einfach.

Oder doch nicht? Zwei Menschen sehen die Not auch. Aber sie handeln nicht, nicht im Sinne des Notleidenden. Sie gehen vorbei. Warum gehen zwei vorbei und einer nicht? Am Sehen kann es nicht liegen. Alle drei sehen den Notleidenden. Alle drei wissen, dass da ein Mensch liegt, dem es sehr schlecht geht.

Die Geschichte, die Jesus erzählt, nimmt das „und“ in den Blick. Das „und“ zwischen Not sehen und handeln. Irgendetwas muss geschehen, damit aus dem Sehen ein helfendes und heilendes Handeln werden kann. Aber was?

Blenden wir noch einmal zurück. Die Frage war: Wer ist mein Nächster? Und die Frage kam auf, weil Jesus – und mit ihm die ganze jüdisch-christliche Tradition – der Überzeugung ist, dass wahres Leben und liebevolle Beziehungen zusammengehören. Zu Gott, zu mir selbst und zu meinen Nächsten. Wodurch aber wird mir jemand zum Nächsten? Was muss da geschehen?

Die entscheidende Formulierung in der Geschichte kommt nach dem „sehen“. Im Griechischen Text steht da zweimal ein ganz interessanter Begriff: antiparelton. „Parelton “ heißt: sie gingen vorbei. Aber nicht einfach so. Sondern bewusst, aktiv auf Distanz bedacht. Das bedeutet die Vorsilbe „anti“: gegen. Sie sehen die Not – und Ihre Handlung, wenn man so will, besteht darin, aktiv dagegen anzukämpfen, dass sie diese Not rührt. Sie lassen sich diese Not nicht nahe gehen. Sie kämpfen dagegen an, dass ihnen das nahegeht. Sie kämpfen dagegen an – um an dem Notleidenden vorbeizukommen.

Der dritte Mensch hingegen kämpft nicht dagegen an. Er lässt sich diese Not nahe gehen. Das ist das Erste und das Entscheidende. Er wehrt sich nicht. Und deshalb geschieht mit ihm etwas. „Er wurde von Erbarmen erfüllt“, heißt es. Der Samariter lässt zu, von Erbarmen erfüllt zu werden. Und deshalb, weil ihn dieses Erbarmen erfüllt, handelt er schließlich.

Wenn Sie genau hinschauen, dreht Jesus am Ende der Geschichte die Formulierung um: „Was meinst du, wer von den dreien ist der Nächste dessen geworden, der unter die Räuber gefallen ist?“ Nicht mehr: Wer ist mein Nächster? Sondern: Wem werde ich zum Nächsten? Echte Solidarität beginnt damit, dass ich mir etwas – mehr: jemand – nahe gehen lasse. Dass ich mich nicht dagegen wehre, dass mich Mitleid und Erbarmen erfüllt. Und damit beginnt auch Leben und Lebendigkeit, dass es diese Empfindungen in mir gibt und geben darf.

Geht das, werden Sie fragen, in der sozialen Arbeit? Kann es da Nähe geben und Mitleid und Erbarmen? Darf es das geben in der Pflege, in der Beratung, in der Erziehung, in der Begleitung? Wo wir so sehr darauf bedacht sind, Distanz zu wahren zu den Schicksalen, mit denen wir zu tun bekommen? Wo wir die „professionelle Distanz“ einhalten und einfordern zu den Menschen mit diesen Schicksalen? Auch um des eigenen Schutzes willen.

Schwer zu sagen. Eine pauschale Antwort wird es nicht geben auf diese Fragen. Deshalb ist die Geschichte vom Barmherzigen Samariter auch kein einfaches Leitbild für die Arbeit der professionellen Caritas und Diakonie. Aber die Frage bleibt auch: Wodurch wird Leben lebendig? Wodurch werde ich lebendig? Wodurch werde ich in der sozialen Arbeit lebendig? Wenn mir nichts und niemand mehr nahegeht, welche Beziehungen lebe ich dann noch? Wenn ich immer nur darauf bedacht bin, mich zu wehren gegen Nähe, Erbarmen und Mitleid – stirbt dann früher oder später nicht das Leben ab?

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Wer ist mein Nächster?

Nähe-kleinWas bisher geschah:

Jesus wird mit der Frage konfrontiert, worum es geht im Leben. Genauer. Er wird gefragt, was ein Mensch tun muss, um das Leben – das volle, ganze, ewige Leben – zu gewinnen.

Es ist dies eine existentielle Frage, weil sie sich nicht auf ein spezielles Lebensfeld oder -thema, sondern auf den Grund und den Sinn des Lebens insgesamt bezieht. Die Frageform „Was soll ich tun, um …“ zeigt an, dass es um eine ethische Diskussion geht. „Was soll ich tun?“ ist – wie Jahrhunderte später der Philosoph Immanuel Kant sagen wird – die Kernfrage der Ethik.

Jesus antwortet auf diese existentielle ethische Lebensfrage anders als man erwarten würde. Er richtet den Blick nicht auf eine Tat, im Sinne von: „du musst das oder das tun, damit du lebendig wirst…“. So würden moralische Lehrbücher oder juristische Gesetze oder vielleicht auch bestimmte Lebensratgeber vorgehen (Prinzip: Tatethik). Jesus richtet den Blick auf die Beziehungen, in denen ein Mensch steht. Das Leben eines Menschen – so die Antwort Jesu – hängt an seinen Beziehungen, an der Art, wie diese Beziehungen sind (Prinzip: Beziehungsethik). Ein Mensch gewinnt das Leben, wenn es ihm gelingt, liebevoll in Beziehung zu sein. Und zwar auf drei Ebenen: zu mir selbst, zu Gott, und zu anderen Menschen. Konkret: zum Nächsten.

Wer aber ist das, mein Nächster? Und wie wird die Beziehung zu ihm liebevoll?

Auf diese Frage antwortet Jesus mit einer Geschichte:

Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

Lassen Sie die Geschichte mal auf sich wirken. Nächste Woche gibt es dazu ein paar Bemerkungen und auch ein paar Bezüge zur sozialen Arbeit.

Für heute nur ein Hinweis zur Übersetzung. Die entscheidende Formulierung bei den drei Männern heißt, genau übersetzt, zweimal „und sehend ihn ging er mit Abstand vorbei“, beim dritten Mal aber „und sehend ihn wurde er von Erbarmen erfüllt und ging hin“.

Das Leben und die Liebe

Was muss ich tun, um wirklich zu leben? Wie und wodurch wird menschliches Leben lebendig? Richtig lebendig? Worauf kommt es an in diesem und für dieses Leben? Bis heute stellen Menschen solche Fragen. Weil menschliches Leben nicht einfach „fertig“ ist. Weil es einen Unterschied gibt zwischen dem bloßen „Dahinleben“ und dem, was Leben eigentlich sein kann und sein soll. Weil wir Menschen spüren, dass das ein Unterschied ist. In Momenten der Erfüllung spüren wir das. Und in Momenten der Ödnis. Leben ist mehr. Deshalb diese Frage. Was muss ich tun, um das Leben zu gewinnen?

Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben.

Was ist das für eine Antwort, die Jesus hier gibt?

Zunächst: Jesus stellt sich in einen Erfahrungskontext. Was liest du im Gesetz? „Gesetz“, da holpert die deutsche Übersetzung. Gesetz ist bei uns etwas Juristisches. Oder etwas Physikalisches. Was Jesus meint, heißt biblisch „Tora“. Tora bedeutet: Wegweisung. Wegweisung, gewonnen aus menschlicher Lebenserfahrung. Tora heißt: Verdichtete Lebenserfahrung. Das ist wichtig. Auf die Frage: Wie gewinne ich Leben und Lebendigkeit? brauche ich Antworten, die auf Erfahrung gründen. Keine theoretischen Konstrukte. Keine blutleeren Lebensratgeber. Erfahrungen.

Was sind diese Erfahrungen? Was ist ihnen gemeinsam? Was ist ihr Kern? Im Kern, im Zentrum steht ein Wort: LIEBE. Das ist die Zentralerfahrung. Leben, wirkliches, lebendiges – ewiges – Leben hängt mit Liebe zusammen. Ein lebendiger Mensch ist ein liebender Mensch. Das ist die erste Antwort: wenn du das Leben suchst, dann such‘ die Liebe. An ihr hängt alles.

Unausgesprochen heißt dies, ex negativo: auf alles andere kommt es am Ende und aufs Ganze gesehen nicht an. Alles andere ist zu wenig, um Leben darauf zu bauen. Ruhm, Erfolg, Reichtum, Behaglichkeit, Erlebnis, Gesundheit, Macht – das alles und noch viel mehr – reicht nicht aus, um Leben lebendig zu machen. Es ist in sich zu wenig. Aus sich heraus kann all das den Lebenshunger nicht stillen. Auf die Liebe kommt es an. Auf sie allein.

Aber was heißt das, Lieben? Zum einen, klar: Liebe hat mit Beziehung zu tun. Liebe ist eine Art, Beziehungen zu gestalten. Liebe ist ein Lebensakt, der ein Gegenüber voraussetzt. Welches Gegenüber? Liebe zu wem?

Was Jesus darauf entfaltet, wird manchmal das „christliche Beziehungsdreieck“ genannt. In ihm konzentriert sich das christliche Menschenbild und die christliche Ethik. Die Überzeugung – die auf Erfahrung gründende Überzeugung ist: Der Mensch steht auf drei Ebenen, in drei Dimensionen, wenn man so will, in Beziehung. Er hat eine Beziehung – viele Beziehungen -: zu andern Menschen („den Nächsten lieben“). Er hat eine Beziehung zu sich selbst („wie dich selbst“). Das ist etwas Besonderes. Der Mensch hat eine Beziehung zu sich. Er kann sich selbst annehmen oder ablehnen. Kann zu sich barmherzig sein oder hart, offen oder verschlossen, feindselig oder liebevoll. Und der Mensch steht in einer Beziehung, die über das Weltliche hinausgeht. Eine Beziehung zu Gott, zu einem personalen – das heißt: einem liebesfähigen – Gott.

Echtes, gutes, wahres, lebendiges Leben hängt mit der Art zusammen, wie ein Mensch diese Beziehungen lebt. Leben wird lebendig durch liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen. Leben wird lebendig, durch eine liebevolle Beziehung zu mir selbst. Leben wird lebendig durch eine liebevolle Beziehung zu dem in mir, was über mich und dich hinausgeht. Eine liebevolle Beziehung zu dem, wovon meine Sehnsucht nach Leben kündet und von dem ich ahne, dass ich es mir selbst nicht geben kann – und auch du nicht, niemand von uns. Das heißt Gottesliebe. Da in Kontakt bleiben. Und im Gespräch, im Gebet.

Und irgendwie hängt das miteinander zusammen. Deshalb das „Beziehungsdreieck“. Die Beziehung zu mir selbst und die zu Anderen und die zu Gott: sie haben miteinander zu tun. Wenn ich mich schwer tue, mich anzunehmen – mich mit mir zu befreunden, wie Aristoteles sagen würde – dann hat das Auswirkungen auf meine Liebesfähigkeit anderen Menschen gegenüber. Irgendwie. Und auf meine Liebeskraft und Liebessehnsucht über mich und dich hinaus. Und umgekehrt. Wenn eine Beziehungsdimension stark und warm wird, macht das auch mit den anderen Beziehungsebenen etwas.

Wichtig ist, besonders wenn ich spüre, dass mir das Leben zerrinnt, irgendwo anzufangen. Anzufangen, die Liebe wieder zu wärmen und zu nähren. Die Liebe zum Mitmensch zum Beispiel. Genauer: die Liebe zum Nächsten.

Aber, ganz ernst gefragt: Wer ist das eigentlich, mein Nächster?

Was Jesus auf diese Frage antwortet, lesen Sie Im nächsten Beitrag. Bleiben Sie dran.

Refounding (4): Bar Timäus

Silver-Stars-mittelIn dieser Serie werden bibische Geschichten ja relativ locker aneinandergereiht. Ausgewählt wird, was in irgendeiner Weise einen Impuls für die soziale Arbeit verspricht. Beispielsweise, auszugsweise, nicht ausschließlich oder vollständig.

Lassen Sie uns mal bei den Wundergeschichten bleiben. Diejenige, die heute vorgestellt wird, gehört so ein wenig zu den Klassikern in der theologischen Fortbildung von Seelsorger(inne)n oder Berater(inn)en. In gewisser Weise findet man darin auch das gesamte „Programm“ der Caritas wieder, dieses „Not sehen und handeln“ mit seinen Dimensionen: konkrete Hilfeleistung, Solidaritätsstiftung und Anwaltschaft. Und natürlich, wie bei jeder guten sozialen Arbeit, das „Empowerment“, die Hilfe zur Selbsthilfe.

Es geht diesmal um einen Menschen, der blind ist. Auch „Blindheit“ meint als Existenzbild mehr als ein Augenleiden. Man kann in vielerlei Weise blind sein: so, dass einem ein bestimmter Blick, eine bestimmte Perspektive fehlt. Und es gibt auch eine Menge Ursachen, weswegen jemand „blind“ wird. Nicht nur die Liebe macht blind. Auch die Not oder der Hass oder der Schmerz oder die Angst. Oder auch das soziale Umfeld, das bestimmte Wahrnehmungen nicht fördert oder möglicherweise auch nicht duldet. Das gibt es auch, dass man etwas nicht sehen will oder nicht sehen darf.

Darum geht es in der Geschichte, um Sehen und Gesehenwerden. In ihrem Mittelpunkt steht ein Mensch, ein „blinder Bettler“. Er wird „Bartimäus“ genannt. Genannt wird er so. Sein Name ist das nicht. Dazu muss man wissen: „Bartimäus“ (eigentlich muss man es auseinander schreiben: Bar Timäus) ist hebräisch und heißt „Sohn des Timäus“. Das heißt: der Mann wird – nur – „Sohn des Timäus“ genannt. Einen eigenen Namen hat er nicht, für sein soziales Umfeld jedenfalls nicht. Er ist, bleibt der „Bub von…“. Um diesen Menschen geht es also. Einen Menschen, der selbst nicht sieht, und der – als eigenständige Person – auch nicht gesehen wird.

Und jetzt beobachten Sie mal den Prozess, der beginnt, als Jesus vorbeikommt. Schauen Sie genau hin, achten Sie auch auf die Details: Was macht Bartimäus, was sein soziales Umfeld, was Jesus? Was wieder Bartimäus und die anderen? Und was kommt dadurch in Gang?

Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler namens Bartimäus. „Bartimäus“ bedeutet „Sohn des Timäus“. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

Refounding (3): Steh‘ auf, nimm deine Bahre und geh!

Wir machen noch ein bisschen weiter mit unserer kleinen Serie. Lernen von Jesus für uns selbst und unsere caritative Arbeit. Eine Rede haben wir schon angeschaut, dann eine Geschichte, die Geschichte einer Begegnung. Heute soll uns ein Wunder inspirieren.

Wunderberichte sind eine eigene Art von Text. Es geht darin nicht so sehr um irgendwelche überirdischen Spektakel. Es geht mehr um innere Vorgänge. Darum, wie es gelingen kann, innere Sperren zu überwinden und der menschlichen Sehnsucht nach Leben Raum zu schaffen und Bahn zu brechen.

In der Wundergeschichte, die ich Ihnen anbieten möchte, geht es um Lähmung. Lähmung – als Existenzbild – meint mehr als eine Erkrankung der Nerven oder des Muskelapparats. Das Bild steht für all das, was einen Menschen daran hindert, in Bewegung zu kommen. Die Sehnsucht nach Aktivität, nach tätigem Leben ist da – aber irgendetwas hemmt den Menschen. Irgendetwas hält ihn im Bann und verhindert, dass die Kräfte, die in ihm vorhanden sind, zur Entfaltung und zur Wirkung kommen. In diesem Fall sind die lähmenden Muster auch schon sehr lange eingefahren. Bis Jesus kommt.

Mehr soll nicht gesagt werden. Schauen Sie sich die Geschichte einfach mal genau an. Schauen Sie, wie Jesus, wie es in der sozialen Arbeit heißt, „interveniert“. Wie die erste Reaktion ist und wie es sich weiter entwickelt. Möglicherweise entdecken Sie bestimmte Muster aus Ihrer Arbeit wieder. Und es könnte sein, vielleicht, dass Sie selbst als Berater(in), Begleiter(in) oder Pflegende sogar selbst schon an einem solchen Wunder mitgewirkt haben.

In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf hebräisch Betesda. In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. Ein Engel des Herrn aber stieg zu bestimmter Zeit in den Teich hinab und brachte das Wasser zum Aufwallen. Wer dann als erster hineinstieg, wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.  Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre und geh! Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre und ging.

Refounding (2): … der werfe als erster den Stein

Wir wollen in unserer kleinen Refounding – Serie Jesus in den Blick nehmen, um von ihm etwas zu lernen für uns selbst und unsere caritative Arbeit. Letzte Woche gab es eine Rede, heute gibt es eine Geschichte. Es geht darin um Schuld, um moralische Empörung, um Richter, Urteile und Strafen. Nein, es geht darin um Menschen. Es geht darin um Menschen und um die Frage: Wer bin ich, dass ich dich und dein Leben verurteilen könnte?

Einmal brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu Jesus: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?(…) Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Schuld ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie? Keiner hat dich verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Darauf zu verzichten, einen anderen zu verurteilen, bedeutet nicht, dass ich alles gutheiße, was jemand tut. Das machen wir in der caritativen Arbeit auch nicht. Wir bewerten Handlungen und Haltungen. Wir bewerten sie, weil wir für ein gutes, menschenwürdiges Leben eintreten und gegen das, was Menschwürde verletzt. Aber wir verurteilen den Menschen nicht. Wir verurteilen den Menschen nicht, ganz gleich, was aus ihm geworden ist.

„Bei euch muss ich mich nicht schämen.“, sagen Klienten oder Bewohner manchmal. „Bei euch kann ich mich zeigen, so wie ich bin, mit meinem Brüchen und Finsternissen“. Das ist mit das Tiefste, was uns jemand an Lob und Dank entgegenbringen kann. Bei uns braucht sich niemand zu schämen, weil wir selbst unsere eigenen Brüche und Finsternisse nicht vergessen. Niemand ist nur stark, niemand ist nur schön, niemand ist nur gut. Ich wäre oft gerne anders. Und habe Angst vor dem Schmutz und der Verachtung und dem Spott. Und bin froh, wenn einer den Stein, mit dem ich so leicht und so schmerzhaft zu treffen wäre, einfach nicht wirft.

Refounding (1): die Antrittsrede Jesu

Beginnen wollen wir unsere Refounding – Serie mit einer Antrittsrede. Antrittsreden sind beliebte Anlässe für eine Rückbesinnung und Rückversicherung. Der Sprecher stellt sich selbst in eine Tradition und erläutert von hier aus sein Programm für die Zukunft. In manchen gesellschaftlichen Kontexten werden Antrittsreden besonders zelebriert und manche solcher Reden sind berühmt geworden. Die Antrittsrede John F. Kennedys zum Beispiel vom Januar 1961 mit ihrem Kernsatz: Ask not, what your country can do for you – ask, what you can do for your country. 

Auch Jesus hält eine Antrittsrede. Das Lukasevangelium berichtet uns davon, wie Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens (im Alter von etwa 30 Jahren) in der Synagoge seiner Heimatstadt das Wort ergreift und Folgendes sagt:

Der Geist Gottes ist auf mir. Er hat mich gesalbt, um den Armen ein Evangelium – eine gute Kunde – zu bringen; geschickt hat er mich, Gefangenen ihre Freilassung zu verkünden, Blinden eine neue Sicht zu geben, Gebrochene aufzurichten, und auszurufen ein Jahr der Gnade Gottes.

Was Jesus hier sagt, ist selbst schon ein Refounding-Text. Es ist ein freies Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja. Im Original heißt es: Der Geist Gottes ruht auf mir. Gott hat mich gesalbt. Gesandt hat er mich, damit ich den Armen eine frohe Kunde bringe, und alle heile, deren Herz zerbrochen ist. Damit ich den Gefangenen Entlassung verkünde und den Gefesselten Befreiung. Damit ich ein Jahr der Gnade Gottes ausrufe, einen Tag, an dem Gott vergilt. Damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt Verzweiflung.

Im Kern steckt in diesem Text alles drin, was das „Lebensprojekt“ Jesu ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was die Berufung und Verantwortung von Christen ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was den Sinn und die Existenzberechtigung von Kirche ausmacht. Und es steckt in ihm alles drin, was die Caritas zur Caritas macht.

Wozu seid ihr da? Wozu gibt es euch – euren Dienst, eure Organisation, euer Unternehmen, euren Verband? Wozu gibt es euch als Caritas und Diakonie? Um Armen – das heißt: Menschen in Not – ein Evangelium – das heißt: etwas Gutes in Wort und Tat – zu bringen. Es gibt uns, um Menschen, die gefangen sind – in eine Sucht, in ihren kranken oder alten Körper, in ihre Schulden, in ihre zerstörerischen Beziehungen – mehr Freiheit zu verschaffen. Es gibt uns, um Trauernden Trost zu sein. Trost zuallererst dadurch, dass jemand da ist, den dieses Schicksal interessiert. Es gibt uns, um Menschen, denen etwas im Leben zerbrochen ist – eine Beziehung, ein Lebensplan, die Selbstachtung, der Lebensmut – zu heilenden Erfahrungen zu verhelfen. Es gibt uns, um Menschen, die sich wie der letzte Dreck fühlen, spüren zu lassen, dass es in ihnen etwas Schönes, Ganzes, Wertvolles gibt, etwas, das Hochachtung verdient.

Die Liste ließe sich unendlich weiterführen. Jede und jeder, die in Caritas und Diakonie tätig sind – unmittelbar oder mittelbar – kann ihres dazulegen. Ihre Art, „Evangelium“ zu tun und zu sein. In der Beratung, in der Begleitung, am Pflegebett, im Wohnheim, im Jugendhaus und und und… Oder im Hintergrund, in den Meetings, politischen Verhandlungen, Struktur- und Finanzprozessen. Das ist alles ja kein Selbstzweck.

Mir tut es gut, diese Sätze immer wieder einmal zu lesen und auf mich wirken zu lassen. Weil sie eine Dimension in meine Arbeit und mein Leben einspielen, die anders ist als die ganzen selbstbezogenen Fragen, die mich umtreiben und quälen. Solange ich nur für mich selbst – für meinen Erfolg, mein Fortkommen, meinen Ertrag – arbeite und lebe, kann ich eine Erfahrung nicht machen: die Erfahrung von Sinn. Eine Sinnerfahrung mache ich dann, wenn ich spüre: genau dafür lohnt es sich, zu arbeiten. Genau dafür lohnt es sich, etwas von mir zu geben, mich – um das antiquierte Wort zu verwenden – „hinzugeben“. In seiner Antrittsrede sagt Jesus, wofür es sich lohnt. Genau dafür, um Armen – Menschen in Not – etwas Gutes zu bringen und sie nicht allein zu lassen.