Zum neuen Jahr – dem ersten vom Rest Ihres Lebens

Nun ist es schon ein paar Tage alt das neue Jahr. Möglicherweise sind sie schon gebrochen, die ersten guten Vorsätze aus der Sylvesternacht, oder ich habe sie einfach vergessen, sie sind untergegangen, irgendwie, im Alltag.

Schade ist das und traurig auch, besonders wenn es sich um Vorsätze handelt, die darauf hinauswollten, lebendiger zu werden. Vorsätze,  das eigene Leben bewusster, achtsamer, eigenständiger, freier in die Hand zu nehmen.  Sich mit ganzem Herzen hineinzugeben in dieses Jahr, das ja, wie es so schön heißt, das erste vom Rest meines Lebens ist.

Vielleicht, vermutlich kennen Sie den Beitrag der jungen Studentin Julia Engelmann bei einem Poetry Slam an der Uni Bielefeld. Er wurde unendlich viele Male angeklickt im letzten Jahr. Weil er genau dieses Thema in Worte fasst. Es lohnt sich, so meine ich, dieses Poem gerade jetzt, am Anfang des Jahres (noch einmal) anzuhören. Als Ermutigung, das Leben – mein Leben – wirklich zu leben,  mit all dem, was es fordert, und mit all dem, was es zu geben hat. Das ist, im Übrigen, auch ein ganz jesuanisches Thema. Julia Engelmann dichtet: „Unser Leben ist ein Wartezimmer. Niemand ruft uns auf.“ Bei Jesus heißt es: „Ihr wirkt auf mich wie Kinder, die immer nur auf dem Marktplatz sitzen und einander zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte Hochzeitslieder gespielt, aber ihr habt ja nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, aber ihr habt ja nicht geweint.“ Ihnen allen ein gesegnetes Jahr 2015, ein Jahr voller Leben!  

Advertisements

Spirituelles Leben: gestaltete Aufmerksamkeit

Ein letzter Gedanke sei dieser kleinen Serie noch hinzugefügt, eine Betrachtungsweise. Sie knüpft unmittelbar an die vorigen Überlegungen an und will zugleich einen Übergang darstellen zur bevorstehenden Adventszeit: Spiritualität als gestaltete Aufmerksamkeit.

„Gestaltete Aufmerksamkeit“ hört sich so ähnlich an wie „gebildete Aufmerksamkeit“ und hängt damit auch zusammen. Es ist aber doch ein anderer Zugang und in gewisser Weise auch ein Gegengewicht. Die Überlegung geht aus von der Beobachtung, dass sich viele Menschen mehr Aufmerksamkeit wünschen, mehr Achtsamkeit – für sich, für andere, für das, was das Leben zu geben hat. Nicht wenige arbeiten auch an sich, machen Achtsamkeitsübungen oder so etwas oder bemühen sich, beispielsweise die Regeln zu befolgen, die Fulbert Steffensky vorgeschlagen hat. Sie bilden ihre Aufmerksamkeit, trainieren ihre Achtsamkeit. Das ist wichtig und gut, keine Frage.

Zuweilen kann es aber sein, dass daraus eine schwere Aufgabe wird, so etwas wie eine spirituelle Pflichtübung. Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, spirituelles Leben – all das kann dann ins schlechte Gewissen rücken, gesellt sich neben Mahnungen wie „du solltest dringend mal wieder Sport treiben“, „ein paar Kilo weniger täten dir auch gut…“, „wann pflegst Du endlich deine sozialen Kontakte…“ und wie die inneren Antreiber alle heißen. Wenn Spiritualität aber einmal in dieser düsteren Gesellschaft angekommen ist, kann sie das gerade nicht mehr sein, was sich die meisten Menschen davon erhoffen: eine Kraftquelle und eine Weise, mehr Freude und Lebendigkeit ins Leben zu bekommen.

Deshalb setzt der Zugang „Spiritualität als gestaltete Aufmerksamkeit“ anders an. Es wird nicht nach irgendwelchen persönlichen Leistungskategorien gefragt, sondern schlicht nur: Wie gestaltest Du – jetzt, hier, in einer bestimmten Situation – Deine Aufmerksamkeit? Wie kannst Du selbst oder kann ein anderer merken, dass du gerade deine Aufmerksamkeit auf dich, auf ihn, auf dein Leben richtest? Wie, in welcher Form, welcher Gestalt, zeigt sich deine Aufmerksamkeit?

Auf diese Frage gibt es viele Antworten. „Ich schaue dich an“ zum Beispiel. Ich schaue dich an, während du mit mir sprichst. So zeigt sich, dass ich dich aufmerksam wahrnehme. Oder, ganz anders: Ich zünde eine Kerze an. Ich zünde eine Kerze an, bevor wir zusammen essen. So zeigt sich, dass ich genau das aufmerksam wahrnehme: dass wir zusammen essen. Oder: ich habe einen Kuchen gebacken. So zeigt sich meine Aufmerksamkeit für deinen Geburtstag. Oder, wieder etwas anderes: Ich beschreibe mein Leben, etwa in einem Tagebuch. Ich beschreibe, was ist – was ich tue und was mit mir geschieht – um mein eigenes Leben aufmerksam wahrzunehmen.

Vier Beispiele für gestaltete Aufmerksamkeit, vier von unendlich vielen. Wenn Sie mögen, schreiben Sie doch in einem Kommentar, was Sie tun, um Ihrer Aufmerksamkeit eine Form zu geben. Womit machen Sie gute Erfahrungen? Was sind für Sie gute Weisen, Aufmerksamkeit zu gestalten, im Großen und im Kleinen? Vielleicht bekommen wir eine kleine Sammlung zusammen, nicht als Pflichtenheft, sondern als Ideenbörse und Inspirationsquelle.

Eine große Form gestalteter Aufmerksamkeit – und hier sind wir beim Übergang zur Adventszeit – ist das Kirchenjahr. Es ist eine Einladung, bestimmten Zeiten ein eigenes Gepräge zu geben. Sie dadurch zum Resonanzraum zu machen für das eigene Innere, der jeweils andere Empfindungen zum Schwingen bringt. Das Kirchenjahr ist eine Einladung, seine Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit auf bestimmte Bilder, Geschichten, Gedanken zur richten und zu spüren, was sie mit mir machen.

Spirituelles Leben: zwölf Regeln, Aufmerksamkeit zu bilden

Spiritualität als gebildete Aufmerksamkeit. Wie aber kann man Aufmerksamkeit bilden? Was hilft, wirklich wahrzunehmen, was ist? In seinem Buch „Schwarzbrot – Spiritualität“ schlägt Fulbert Steffensky zwölf Regeln vor. Sein Beispiel ist das Gebet, die Regeln sind aber, so meine ich, für jede Form der aufmerksamen Wahrnehmung hilfreich.

1. Entschließe dich zu einem bescheidenen Vorhaben auf dem Weg zum Gebet! Es gibt das Problem der Selbstentmutigung durch zu große Vorhaben. Ein solcher bescheidener Schritt könnte sein, am Morgen oder am Abend einen Psalm in Ruhe zu beten; sich einige Minuten für eine Lesung freizuhalten; den Losungen in einige Minuten seine Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn dies nicht möglich ist, liegt es nicht an der Hektik und der Überlast unseres Berufes, sondern daran, dass wir falsch leben.

2. Gib deinem Vorhaben eine feste Zeit! Bete nicht nur, wenn es dir danach zumute ist, sondern wenn es Zeit dazu ist. Regelmäßig beachtete Zeiten sind Rhythmen, Rhythmen sind gegliederte Zeiten. Erst gegliederte Zeiten sind erträgliche Zeiten. Lineare und nicht gegliederte Zeiten sind öde und schwer erträglich.

3. Gib deinem Vorhaben einen festen Ort! Orte sprechen und bauen an unserer Innerlichkeit.

4. Sei streng mit dir selber! Mache deine Gestimmtheit und deine augenblicklichen Bedürfnisse nicht zum Maßstab deines Handelns! Stimmungen und Augenblicksbedürfnisse sind zwielichtig. Die Beachtung von Zeiten, Orten und Methoden reinigt das Herz.

5. Rechne nicht damit, dass dein Vorhaben ein Seelenbad ist! Es ist Arbeit – labor! manchmal schön und erfüllend, oft langweilig und trocken. Das Gefühl innerer Erfülltheit rechtfertigt die Sache nicht, das Gefühl innerer Leere verurteilt sie nicht. Meditieren, Beten, Lesen sind Bildungsvorgänge. Bildung ist ein langfristiges Unternehmen.

6. Sei nicht auf Erfüllung aus, sei vielmehr dankbar für geglückte Halbheit! Es gibt Ganzheitszwänge, die unsere Handlungen lähmen und uns entmutigen.

7. Beten und Meditieren sind kein Nachdenken. Es sind Stellen hoher Passivität. Man sieht die Bilder eines Psalms oder eines Bibelverses und lässt sie behutsam bei sich verweilen. Meditieren und Beten heißt frei werden vom Jagen, Beabsichtigen und Fassen. Man will nichts außer kommen lassen, was kommen will. Man ist Gastgeber der Bilder. Setze den Texten und Bildern nichts entgegen! Überliefere dich ihrer Kraft und lass dich von ihnen ziehen! Sich nicht wehren und nicht besitzen wollen, ist die hohe Kunst eines meditativen Verhaltens.

8. Fang bei deinem Versuch nicht irgendwie an, sondern baue dir eine kleine, sich wiederholende Liturgie. Beginne z.B. mit einer Formel („Herr, öffne meine Lippen!“), mit einer Geste (der Bekreuzigung der Lippen), lass einen oder mehrere Psalmen folgen! Lies einen Bibelabschnitt! Halte eine Stille Zeit ein! Schließe mit dem Vaterunser oder einer Schlussformel. Psalmen und Lesungen sollen vor deiner Meditation feststehen. Fange also nicht an zu suchen während deiner Übung!

9. Lerne Formeln und kurze Sätze aus dem Gebets- und Bildschatz der Tradition auswendig! (Psalmverse, Bibelverse …). Wiederholte Formeln wiegen dich in den Geist der Bilder. Sie verhelfen uns zur Passivität. Sie sind außerdem die Notsprache, wenn einem das Leben die Sprache verschlägt. Sie sind wie ein Balken, an den man sich nach einem Schiffbruch klammert. Wir verantworten ihren Inhalt nicht, denn wir sprechen sie mit der Zunge der Toten und lebenden Geschwister.

10. Wenn du zu Zeiten nicht beten kannst, lass es! Aber halte den Platz frei für das Gebet, d.h. tue nicht irgend etwas Anderes, sondern verhalte dich auf andere Weise still! Lies, setze dich einfach ruhig hin! Verlerne deinen Ort und deine Zeit nicht!

11. Sei nicht gewaltsam mit dir selbst! Zwinge dich nicht zur Gesammeltheit! Wie fast alle Unternehmungen ist auch dieses kleine brüchig, es soll uns der Humor über dem Misslingen nicht verloren gehen. Auch das Misslingen ist unsere Schwester und nicht unser Todfeind.

12. Birg deinen Versuch in den Satz von Römer 8: Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, wie wir beten sollen, wie sich’s gebührt. Sondern der Geist tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Wir bezeugen uns nicht selber. Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist. Wir sind besetzt von einer Stimme, die mehr Sprache hat als wir selber.

Quelle: Steffensky, Fulbert: Schwarzbrot – Spiritualität. Stuttgart 2006, 20-22.

Spirituelles Leben: gebildete Aufmerksamkeit

P1040619-3Eine interessante Perspektive auf der Suche nach der Spiritualität, nach einem spirituellen Leben bringt der evangelisch-katholische Theologe Fulbert Steffensky (geb. 1933) ein. Eines seiner Bücher heißt „Schwarzbrot-Spiritualität“ (Stuttgart 2006) .

 

Es geht ihm darin um eine Spiritualität, die sich nicht in ein paar außerordentlichen „spirituellen Erfahrungen“ erschöpft oder ständig mit sich selbst beschäftigt ist. Er möchte eine Spiritualität, die alltagstauglich ist, für jeden Menschen nicht nur für ein paar Auserwählte. Es soll eine Spiritualität sein, die Kraft gibt und das Leben wirklich nährt, Schwarzbrot eben, keine Sahnetorte.

Steffenskys Schlüsselbegriff für eine solche Schwarzbrot – Spiritualität ist „gebildete Aufmerksamkeit“. Was bedeutet das? Zunächst heißt es: Spiritualität hat etwas mit Aufmerksamkeit zu tun. Es geht um eine bestimmte Art, etwas – oder jemand oder mich selbst – wahrzunehmen. Er schreibt: „Es gibt (…) einen Vorhof der ausdrücklich religiösen Spiritualität, es ist die Aufmerksamkeit im alltäglichen Leben. Bin ich fähig, wahrzunehmen und zu empfinden? Wie lese ich die Schmerzen der Menschen und wie lasse ich mich von ihnen berühren? Wie gehe ich mit den Dingen des alltäglichen Lebens um? Bin ich fähig, sie als Gaben zu ehren, oder bin ich ausschließlich Benutzer und Verfüger der Welt?“ (19)

Man sieht, worauf es ihm ankommt. Es geht um eine Aufmerksamkeit für den Eigenstand, die Würde der Dinge, der Ereignisse und, ausblickend, noch viel mehr der Menschen. Es geht um einen Blick, der nicht nur betrachtet unter der Rücksicht: Wozu kann ich das brauchen? Wie kann ich das nutzen? Was hat das mit mir zu tun? Sondern der zunächst einmal wahrnimmt, was ist.

Einfach wahrzunehmen, was ist, ist nicht so simpel, wie es sich anhört. Vielleicht kennen Sie das: wenn man innerlich oder äußerlich ständig am Reagieren ist. Einer sagt etwas, und ich entwickle im Innern bereits die Gegenrede. Einer zeigt etwas, und ich stelle sofort Vergleiche an mit meinen eigenen Bildern. Einer stellt sich vor, und alles, was ich sehe und höre ist: kann ich vor diesem Mensch bestehen? Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ich nehme gar nicht wirklich wahr, weil die Aufmerksamkeit zu stark auf mich selbst gerichtet ist. Deshalb wird der erste Schritt sein und sein müssen, die Selbstbezogenheit abzulegen. „Es kann wohl nur der ein spiritueller Mensch werden, der die lebenserleichternde Kunst gelernt hat, sich zu vergessen und sich selber nicht zu beabsichtigen.“ (19)

Was für eine schöne Formulierung: die lebenserleichternde Kunst, sich selber nicht zu beabsichtigen. Wie aber lernt man das? Wie bekommt man echte Aufmerksamkeit? Wie bekomme ich einen Blick, der wirklich wahrnimmt? Ein solcher Blick, eine solche Art der Aufmerksamkeit, ist nicht einfach da. Es ist das Ergebnis eines Prozesses der (Selbst-)Bildung. Steffensky schreibt: „Spiritualität ist gebildete Aufmerksamkeit. Der Mensch besteht nicht nur aus seiner eigenen Innerlichkeit und aus seinen guten Absichten. (…) Wie macht man sich deutlich und langfristig in seinen Absichten? Wie betreibt man das Handwerk der Spiritualität? Ja, Spiritualität ist Handwerk, sie besteht nicht aus der Genialität von religiösen Sonderbegabungen. Man kann das Handwerk lernen, wie man kochen und nähen lernen kann.“ (19 f.)

Spiritualität als Handwerk. Als Handwerk, das man erlernen kann. Es gibt ein paar Regeln, die hilfreich sind für dieses Handwerk, diese Kunst. Regeln, die Aufmerksamkeit zu bilden. Welche dies sind, was Fulbert Steffensky hier vorschlägt, darüber mehr im nächsten Beitrag.

Spirituelles Leben: spüren, was an der Zeit ist

Spirituelles Leben hat etwas damit zu tun, präsent zu sein, hier und jetzt gegenwärtig. Damit zusammen hängt ein bestimmtes Zeitverständnis, eine bestimmte Art, Zeit zu erleben. Das ist der zweite Gedanke dieser kleinen Serie. Spirituelles Leben bedeutet: spüren, was an der Zeit ist.  

Es ist insgesamt ein Kennzeichen eines, wenn man es so nennen will, „spirituellen Erlebens“, dass ein Mensch in dem, was er in seinem Leben erfährt, noch etwas anderes erkennt. Er sieht in dem, was ihm unmittelbar vor die Sinne kommt, eine Bedeutung, die darüber hinausgeht. Das setzt eine innere Offenheit voraus. Eine Haltung, die damit rechnet, dass es so etwas geben kann wie Zeichen; Zeichen, die für mich und mein Leben eine Bedeutung haben.

Hier nun wird die Zeit als bedeutsam erfahren. Ein Mensch, der ein spirituelles Leben pflegt, sieht in den Stunden eines Tages nicht nur Zahlen auf einem Ziffernblatt, die mechanisch ablaufen. Er sieht in der Zeit auch nicht nur eine Art Vorrat, den ich „verbrauche“ wie einen Sack voll Sand. Sondern er rechnet damit, dass die Zeit mir etwas zu sagen, zu künden hat. Er rechnet damit, dass es so etwas gibt wie den „rechten Augenblick“, in dem etwas auf mich wartet, als Chance oder Aufgabe. Das gilt es wahrzunehmen. Es geht darum, zu hören und zu spüren, was – genau jetzt, genau hier, genau für mich – “an der Zeit ist”.

Der amerikanische Benediktiner David Steindl-Rast hat es einmal so ausgedrückt: “Aus der mönchischen Perspektive ist die Zeit immer eine Reihe von Gelegenheiten, von Begegnungen. Wir leben im Jetzt, indem wir uns auf den Ruf eines jeden Augenblicks einstimmen, indem wir hören, was jede Stunde und jede Situation von uns verlangt, und indem wir darauf antworten.” (Steindl-Rast, David: Musik der Stille. Freiburg 2008, 23)

Den „Ruf des Augenblicks“ spüren, das gehört zum spirituellen Leben. Hier sind wir wieder bei der Präsenz. Es geht darum, im Hier und Jetzt wirklich präsent, wirklich gegenwärtig zu sein. Um das zu spüren, was dieses Hier und Jetzt für mich als Chance oder Aufgabe bereit hält. Eine solche Haltung denkt viel weniger von der eigenen To-do-Liste her. Sie spürt viel eher nach: Was ist jetzt dran? Was ist jetzt an der Zeit? Was ist die besondere Chance dieses Moments? Eine solche Haltung lässt sich viel weniger leiten und treiben von der Frage: Was muss ich alles noch tun? Sie nimmt viel stärker wahr: Was ist für mich bereitet, was wartet auf mich, hier und jetzt?

Eine gute Übung, diese offene, empfangende Haltung einzuüben, ist das achtsame Wahrnehmen der Tageszeiten. Die Stunden des Tages haben ja alle ihre besondere Qualität, manchmal auch ihren besonderen Zauber. Die frühe Morgenstunde ist anders als die Stunde, wenn der Tag sich zur Nacht hin neigt. Mittag ist anders als Mitternacht. Nicht nur, weil es einmal hell und einmal dunkel ist. Alle sind Stunden eines – meines – Lebenstages. Ein Lebenstag, den ich am Morgen bewusst annehmen kann. Den ich Laufe des Tages gestalte, mit all dem, was er mit sich bringt. Und den ich am Abend abschließe, den ich gehen lasse, den ich vielleicht auch in Gottes Hand zurückgebe.

Jesus spricht oft vom „Kairos“, vom rechten Augenblick, den es auszuschöpfen gilt. Und er ein Gespür für das, was er „meine Stunde“ nennt. Meine Stunde, das heißt: der rechte Moment, um etwas, das ich in mir trage, zu verwirklichen. Der rechte Moment, um mich einer Aufgabe zu stellen – mit allem, was sie dann von mir fordert. Der rechte Moment auch, um das, was ich brauche an seelischer Nahrung, aufzunehmen. Aus christlicher Sicht sind das alles Momente der Gottbegegnung. Gott kann mir in der Zeit begegnen. Er hält für mich Tag um Tag, Stunde um Stunde, etwas bereit. Und es geht darum, das wahrzunehmen, das zu spüren. Zu spüren, was Gott – genau jetzt – für mich bereithält. Und mich davon inspirieren, beleben und stärken zu lassen.      

Spirituelles Leben: präsent sein

Der Begriffe „Spiritualität“ oder „spirituell“ sind, darauf wurde hingewiesen, recht vieldeutig und unbestimmt. Deshalb wird versucht, sie mit anderen Begriffen in Verbindung zu bringen. Die Hoffnung ist, dass dadurch das, was ein „spirituelles Leben“ sein soll oder sein kann, klarer und deutlicher herauskommt.

Der erste Begriff, der in den Blick genommen wird, ist „Präsenz“. Spirituelles Leben hat etwas mit Präsenz zu tun, damit, in seinem Leben als Person präsent zu sein.

In den Lexika wird Präsenz meist definiert als „räumliches und zeitliches Gegenwärtigsein“ oder „räumliche und zeitliche Anwesenheit“. Ursprünglich kommt das Wort „Präsenz“ aus dem Lateinischen. Darin steckt das Wort „sensus“: Sinn. „Prae-sens“ bedeutet wörtlich: vor dem Sinn. Mit anderen Worten: präsent bin ich dann und dort, wo ich mit allen meinen Sinnen – den äußeren und den inneren – in einer Situation anwesend bin. Das Gegenteil wäre absent – meine Sinne sind anderswo. Oder dissent – meine Sinne sind zerstreut.

Wirklich präsent zu sein, ist für den Menschen eine schwierige Aufgabe. Für ein Tier ist es wohl einfacher. Aufgrund seiner sogenannten „Umweltpassung“ ist immer es selbst und immer in der Gegenwart. Der Mensch hingegen verfügt über eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft. Und er verfügt über eine Vorstellung vom Raum der Möglichkeiten. Wenn ich an einem Ort bin, kann ich immer dazu denken: Wie wäre es, jetzt an einem anderen Ort zu sein? Wenn ich etwas tue, kann ich immer dazu denken: Warum tue ich jetzt nicht etwas anderes? Immer läuft sozusagen ein Hintergrundfilm, der mir all die Möglichkeiten präsentiert (prae-sentiert), die ich jetzt und hier gerade nicht verwirkliche.

Im alltäglichen Leben erzeugt dieser Hintergrundfilm nicht selten einen erheblichen Druck. Ich beginne mit einer Aufgabe – und sofort leuchtet eine Vielzahl von Lämpchen auf, die andere Aufgaben anzeigen, die ich gerade nicht erledige. „Ich müsste auch noch … und dann ja auch noch…“ Nicht nur, dass dadurch das schlechte Gewissen gefüttert wird – es saugt mir auch einen erheblichen Teil der Kraft ab, die ich eigentlich für das, was ich gerade tue, verwenden könnte. Es kann sein, dass der Schwung und die Tatkraft, mit der ich herangegangen bin, binnen kürzester Zeit erlahmen, und die Freude, die ich eigentlich hatte, plötzlich schal und madig wird.

Auch bei schönen Dingen kann dieser Hintergrundfilm Lebensenergie und Lebensfreude kaputt machen. Weil er mir all das präsentiert, was ich gerade verpasse. Das Smartphone auf dem Tisch im Restaurant ist ein Sinnbild dafür. Ich treffe mich mit Freunden – mit genau diesen Freunden genau in dieser Kneipe – und das Smartphone repräsentiert all jene Menschen, bei denen ich jetzt nicht bin. Es träufelt in die Kommunikation hier und jetzt das Gift der Kommunikation, an der ich gerade nicht teilnehme. Es hält mir all die großen und kleinen Feste vor, die jetzt ohne mich gefeiert werden. Und es kann sein, dass sich langsam tief im Innern die Überzeugung breitmacht: „Du bist nicht am richtigen Ort. Das Leben ist anderswo.“

Zwei Beispiele von vielen. Beispiele mangelnder Präsenz. Nicht als moralische Mahnung. Eher als Ausdruck einer Not, als Ausdruck einer Sehnsucht auch. Sehnsucht nach einem Leben ohne dieses latente Gefühl, stets etwas anderes sein oder machen zu müssen als das, was gerade ist.

„Hier bin ich.“ Das ist die Zauberformel der Präsenz. Präsenz beginnt mit diesem Wort. Hier bin ich! Genau hier, genau jetzt. Genau bei dem, was jetzt geschieht. Genau deshalb bin ich jetzt da. „Hier bin ich“ ist eine Bejahung und eine Absage zugleich. Eine Absage an all das, was ich jetzt und hier nicht bin. Ich bin hier – nicht dort. Aber hier – nicht dort – bin ich wirklich gegenwärtig.

Mir hilft es, besonders wenn es mich hin- und hertreibt, meine Situation – nur für mich – kurz zu beschreiben. Ich bin jetzt hier und mache das. Ich sitze jetzt am Schreibtisch und schreibe diesen Text. Genau deshalb bin ich hier. Um diesen Text zu schreiben. Oft wird es dadurch ein wenig ruhiger in mir. Auf jeden Fall gewinne ich einen besseren Stand. Weil ich dem flimmernden Film der tausend Möglichkeiten etwas entgegensetze: die klare Benennung meiner Wirklichkeit.

„Hier bin ich.“ In den biblischen Geschichten antworten Menschen mit dieser Formel auf den Anruf Gottes. Hier bin ich. Dieser Satz hilft ihnen, inmitten der vielen Ansprüche und Erwartungen und Lockrufe den entscheidenden herauszuhören. Oder wenigstens die vielen Stimmen erst einmal zum Schweigen zu bringen. Hier bin ich. An diesem Ort in diesem Augenblick mit all meinen Sinnen. Wahrhaft präsent.

Neue Serie: spirituelles Leben

P1040476Nach längerer Umbaupause startet in diesem Blog eine neue Serie. Etwas ungelenk trägt sie die Überschrift „spirituelles Leben“. In der Vergangenheit gab es schon einige Überlegungen zum Begriff „Spiritualität“ und zu einer Spiritualität (in) der caritativen Arbeit.

Es dürfte deutlich geworden sein, dass ich kein Freund eines „addidiven“ Spiritualitätsverständnisses bin. Es geht, so meine ich, nicht so sehr darum, in oder neben der Arbeit auch noch „etwas Spirituelles“ zu machen, eine Kerze zu entzünden oder sonst ein Ritual zu veranstalten oder einen – nicht selten doch recht isolierten – „spirituellen Impuls“ zu verlesen oder so etwas. Das alles kann natürlich für sich genommen durchaus etwas Sinnvolles sein. Entscheidender scheint mir aber, ob und wie „das Spirituelle“ zum Gesamt der Arbeit und des Lebens passt.

Jeder Mensch hat, darauf wurde immer wieder hingewiesen, Spiritualität. Weil jeder Mensch etwas hat, was ihm wichtig ist. Jede und jeder hat eine Vorstellung vom guten Leben, von dem, was ihr und ihm wertvoll oder gar heilig ist. Jede und jeder hat eine Art, das eigene Leben zu gestalten. Jede und jeder bringt dies auch in seine Arbeit mit, es prägt– bewusst oder unbewusst – die Art, Menschen zu pflegen, zu beraten, zu begleiten, zu führen. Und es ist diese ganz persönliche Spiritualität, durch die unsere Mitarbeitenden und Führungskräfte die „Spiritualität der Caritas“ mitprägen und mitgestalten. „Spirituelles Leben“ in Caritas und Diakonie wird damit beginnen, diese verschiedenen, je eigenen Spiritualitäten in einen fruchtbaren und respektvollen Dialog zu bringen.

Auf der anderen Seite ist „Spiritualität“ aber auch so etwas wie ein Wert- und Sehnsuchtsbegriff. Wenn Menschen auf die Suche gehen nach Spiritualität, wenn sie „spirituelle Übungen“ machen oder „spirituelle Ratgeber“ befragen, dann spiegelt sich darin auch die Suche nach Orientierung, die Suche nach Kraft und Lebendigkeit. Das „spirituelle Leben“ wird als Gegenentwurf gesehen zu einem Leben, das nur von außen gesteuert ist. Wo ich nur damit beschäftigt bin, Anforderungen und Erwartungen anderer zu genügen. Wo ich mit einer inneren To-do-Liste durch die Tage hetze und den Kontakt zu meinem eigenen, meinem inneren Leben verloren habe oder dabei bin, ihn zu verlieren.

Oft werde ich gebeten, bei Klausurtagungen oder Seminaren ein „spirituelles Angebot“ zu machen. Und wenn ich dann frage, was sich denn die Auftraggeber davon versprechen, dann kommen Antworten wie: zur Ruhe kommen, sich sammeln, sich sortieren, Kraft schöpfen, sich selbst wieder spüren, die eigenen Ideale wieder leuchten sehen. Die spirituellen Übungen sind dabei eigentlich nicht das Wichtige. Wichtig ist das, was in ihnen neu in den Blick kommt. Und wichtig ist das, was jemand dabei erfährt – nicht als Fremderfahrung, sondern als Erfahrung aus dem eigenen Inneren.

Ausgehend davon wird es also in nächster Zeit in diesem Blog einige Betrachtungen über „spirituelles Leben“ geben. Eigene Überlegungen und solche aus dem reichen Schatz der verschiedenen spirituellen Traditionen. Es sind Betrachtungen, Beobachtungen, Berichte, keine Abhandlungen oder Patentrezepte. Nehmen Sie sich das heraus, was Ihnen nützlich und hilfreich ist. Und wenn Sie mögen, reichern Sie das Gesagte an durch eigene Gedanken und Geschichten.