Impulse zur Corona-Krise

Hier finden Sie gesammelt und in der Reihenfolge ihrer Entstehung einige der spirituellen Impulse zur Corona-Krise der letzten Wochen. Es werden Bilder und Betrachtungen angeboten, diese Zeit zu deuten und für sich so gut es geht heilsam zu gestalten.

Wüstenzeit und Fastenzeit

Der erste Impuls bietet zwei verschiedene Bilder, diese Zeit zu betrachten. Zwei Überschriften gewissermaßen über diese Zeit. Beide sind in der christlich-spirituellen Tradition seit langer Zeit in Gebrauch. Die Bilder, die ich Ihnen anbieten möchte, als Überschriften über eine bestimmte Zeit und / oder Lebensphase, sind: Wüstenzeit und Fastenzeit. Für manche sind diese Bilder mehr oder minder Synonyme. Sie setzten qualitativ aber sehr unterschiedliche Akzente.

Das Bild von der Wüste oder von einer Wüstenzeit ist ein Existenzbild, das schon im Alten Testament in großen Erzählungen – Meistererzählungen für die jüdisch-christliche Welt – ausgebreitet wird. Wüste steht – als Existenzbild – für ein Lebensumfeld, das dem Leben feindlich gegenübersteht. Ungeschützt ist der Mensch darin und ungenährt. Kein Wasser, keine Nahrung, extreme Temperaturen. Die Wüste steht für eine Lebenswelt, die selbst das Lebensnotwendigste nicht bereithält. Völlige Schutzlosigkeit, reiner Mangel. Der Mensch ist darin ganz auf sich gestellt. Ich bin angewiesen auf das, was ich dabei habe, hier und jetzt. Ich muss leben allein aus meinem eigenen Vorrat – körperlich, seelisch, sozial, spirituell. Und Frage ist: Was ist mein Vorrat? Woraus kann ich jetzt leben, womit kann ich überleben in dieser Wüstenzeit?

Man muss und darf die aktuelle Situation natürlich nicht dramatisieren. Wir sind, in Deutschland jedenfalls, aktuell nicht in einer lebensbedrohlichen Mangelsituation. Aber man kann in der Corona-Krise doch so etwas wie beginnende „Wüsten-„Elemente entdecken. Es werden, wenn man so will, Nachschubwege abgeschnitten. Orte, sich sozial zu nähren, werden still gelegt. Unterhaltungsmöglichkeiten fallen aus. Settings sozialer Betreuung und Bildung – KiTas etwa oder Schulen – brechen weg. Mobilitätsangebote werden weniger. In vielen Bereichen des Lebens verengt sich der Zugang zu externen Ressourcen. Und ich bin angewiesen, aus dem zu leben, was ich– im weiten Sinne verstanden – an Vorrat habe.

Wir werden in den nächsten Impulsen einige Anregungen und Verheißungen zusammentragen, die die christlich-spirituelle Tradition in und für Wüstenzeiten, Wüstenwanderungen, Wüstenerfahrungen bereithält. Da gibt es einiges, was erstaunlich aktuell ist. Heute aber geht es um einen anderen Akzent.

„Wüstenzeit“ ist eine Charakterisierung von außen. Eine Wüstenzeit kommt dadurch zustande, dass etwas fehlt. Wüstenzeit ist Mangelzeit. Demgegenüber steht das Bild der Fastenzeit. Fastenzeit ist eine Qualifizierung von innen. Die Grundbedeutung des Wortes „fasten“ ist „festmachen“, „sich festmachen“. Im Englischen findet sich diese Verwendung noch („fasten your seatbelts“). Fastenzeit ist eine Zeit, sich innerlich neu festzumachen. Es ist eine Zeit, in der ich neu prüfe, was fest genug ist, mich zu tragen in meinem Leben. Es ist eine Zeit, in der ich meine ganzen Lebensmuster und Routinen und Sicherheiten einmal bewusst und mutig anschaue. Und frage und prüfe: Was davon trägt mich wirklich? Was kann mich halten im Leben? Was ist stark genug, dass ich mich mit meiner ganzen Sehnsucht nach Liebe und Glück daran festmache?

Man kann diese Corona-Krisen-Zeit auch zur persönlichen Fastenzeit machen. Ich kann versuchen, die Einschränkungen, den Mangel, das Zurückgeworfensein bewusst anzunehmen – als Chance, mich neu in meinem Leben festzumachen. Ich kann die Zeit nutzen, um Erfahrungen zu machen, was mir wirklich fehlt – und was vielleicht auch nicht. Fasten ist etwas Aktives. Ich nehme den Mangel bewusst an – im Vertrauen darauf, dass sich das für mein Leben Wesentliche darin deutlicher zeigen wird. Dass ich dies neu wertschätzen und dafür danken lerne. Und ich vielleicht freier werde von allem Überflüssigen, von allem, was mich unnötig belastet und beschwert.

 

Vierzig Tage

Vierzig Jahre, so heißt es im Alten Testament, sei das Volk Israel in der Wüste unterwegs gewesen auf seinem Weg zwischen der Versklavung und dem gelobten Land. Vierzig Tage zieht sich Jesus in die Wüste zurück, um zu fasten. Und er weilt vierzig Tage auf Erden zwischen Auferstehung und Himmelfahrt.

Die Vierzig ist eine Symbolzahl. Sie steht für eine Zeit, die von begrenzter Dauer ist – von der ich aber nicht wirklich weiß, wie lange sie währt. Entwicklungsprozesse werden beschrieben mit dieser Symbolzahl. Prozesse, wo etwas wächst, sich bewegt, sich wandelt, wo etwas Neues entsteht.

Der Gang durch die Wüste wird ein Ende haben. Dann, wenn das gelobte Land erreicht ist. Dann wird sich auch das Volk gewandelt haben, aus Sklaven sind Freie geworden. Wann genau das aber sein wird, das weiß ich nicht, während ich unterwegs bin. Ich weiß nur zweierlei: Ganz schnell geht es nicht, ein solcher Weg ist keine kurze Episode. Es ist aber auch kein Dauerzustand, in dem ich mich einrichten könnte.

Sie ahnen sicherlich den Zusammenhang zur Corona-Krise. Keiner von uns weiß, wie lange diese Krise dauern wird. Wir wissen: Sie wird ein Ende haben, wenn die Infektionskurve unter Kontrolle ist. Der jetzige Zustand ist kein Dauerzustand, sondern eine Zwischenzeit. Wir wissen aber auch – und nach und nach glauben wir das auch: So ganz schnell geht dieser Zustand nicht vorbei. Wir sind in eine Zeit eingetreten, die anders ist als ein autofreies Wochenende oder die großen Ferien.

Diese eigenartigen Zwischenzeiten kosten viel Kraft. Sie erfordern eine besondere innere Haltung, die sich nicht so leicht herstellen und in Balance halten lässt. Augen zu und totstellen – oftmals erfolgreich bei kürzeren Katastrophen – geht nicht, weil die Zeit dafür zu lang ist. Und sich auf Zukunft hin in der Situation einzurichten, geht auch nicht – weil es kein Dauerzustand sein wird.

Man braucht von beidem ein bisschen. Ich muss mich auf die Situation aktiv einlassen. Ja, wir haben eine Wüsten-Zeit betreten, eine Zeit, wo vieles erst mal nicht mehr geht. Ich kann nicht so tun, als wäre es gleich wieder vorbei. Ja, ich bin bereit, dies anzunehmen – damit ich das, was diese Zeit an Chancen bietet, sehen und nutzen kann – und ich nicht im Protest verharre und verhärte.
Aber auch: Nein, ich muss mich hier nicht auf Dauer einrichten. Ich muss nicht so leben, als würden auf ewig die Lieferketten unterbrochen, als müsste ich meine eigene private Schule oder KiTa eröffnen. Als müsste ich nun alles, was ich für das künftige Leben brauche, nach Hause schaffen. Oder alles, was ich immer schon mal machen wollte, nun unbedingt anpacken.

Locker in Bewegung bleiben. Diesen Tipp hat ein junger Fußballtrainer immer den Spielern gegeben, die ausgewechselt worden sind. Irgendwann wurden sie wieder eingewechselt. Wann genau, das hing am Spielverlauf. In der Zwischenzeit war es wichtig, nicht kalt und starr zu werden – aber auch, nicht zu viel Kraft zu lassen. Vielleicht ist das auch in der jetzigen Corona-Zeit ein guter Ratschlag: locker in Bewegung bleiben. Sich wirklich einlassen auf den Weg, aber nicht starr und verbissen, sondern mit einer gewissen inneren Lockerheit. Irgendwann sind wir schon durch durch die vierzig Tage.

 

Weggemeinschaft

Ein Bild, das diese Zeit gut verdichten kann, ist das der Weggemeinschaft. Menschen sind unterwegs auf einem Weg, der sie durch gefährliches Gelände führt, durch eine Wüste von unbekanntem Ausmaß.

Es sind viele Menschen unterwegs, alle zunächst einmal auf ihrem je eigenen Lebensweg, in ihrer je eigenen Lebens- und Beziehungswelt, mit ihren eigenen Themen, ihren Sorgen, Nöten und Freuden. Alle mit ihrer ganz persönlichen Berufung auch und ihren individuellen Begabungen und Charismen.

Die Chance ist, dass aus der Ansammlung der vielen Einzelnen, die diese Wüste durchqueren müssen, eine Weggemeinschaft wird. Eine Gemeinschaft von Menschen, die sich auf diesem Weg gegenseitig Geleit und Unterstützung geben. Die Chance ist, dass auf diesem Weg Menschen in unterschiedlichen Konstellationen zusammentreffen, ein Stück gemeinsam gehen und sich auf diesem Wegstück gemeinsam bereichern.

Wenn die Weggemeinschaft lebendig und wachsam ist, dann geraten die nicht aus dem Blick, denen die Kraft ausgeht, die nicht mehr können, die gefallen sind. Dann gibt es in diesem Moment andere Wanderer, die ihnen wieder aufhelfen, sie stützen, vielleicht auch ein Stück weit auf die Schulter nehmen und tragen.

Wir können seit Beginn der Corona-Krise eine Fülle beeindruckender Beispiele erleben dafür. Beispiele, wie Menschen, das, was sie dabeihaben auf diesem Weg, mit anderen teilen. Wie sie füreinander da sind, Informationen teilen, Musik machen, ermutigen, trösten, ermahnen auch und Orientierung geben. Beruflich und freiwillig, in vielfältigsten Formen. Alles Beispiele für echte, füreinander sorgende, solidarische Weggemeinschaften

Es ist eine weltweite Weggemeinschaft, auch das wird in diesen Tagen deutlich. Menschen nehmen weltweit aneinander anteil, ermutigen einander, setzen Zeichen der Solidarität. Der emotionale Boden für Solidarität ist in der Tiefe immer ein Gefühl geteilter Identität. In der Corona-Krise können wir dies erleben. Wir können uns als Weltgemeinschaft erleben, als weltweite Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam einen schweren Weg zurücklegen müssen und sich dabei gegenseitig stärken.

Eine Besonderheit dieser Weggemeinschaft ist, dass wir uns auf diesem Weg nicht zu nahe kommen dürfen. Wir sind einander auch Gefahr auf diesem Weg. Es ist eine Weggemeinschaft von Menschen mit dünner Haut, eine Gemeinschaft von Verwundeten und Verwundbaren. Wir brauchen andere, neue Formen von Zartheit und Zärtlichkeit. Formen, uns nahe zu kommen und nahe zu sein, ohne uns zu gefährden und zu verletzen. Auch da gibt es schon berührende – in genau diesem Sinne – Beispiele. Konzerte, die Menschen im Netz geben, gemeinsame Gesänge, virtuelle Gottesdienste und vieles mehr. Auch das Gebet ist eine Weise, sich nahe zu kommen, ohne einander zu verletzen.

Gemeinsam unterwegs. Weggemeinschaft. Pilgerndes Gottesvolk, wenn Sie es theologisch formulieren möchten. Eine Erfahrung hat das biblische Gottesvolk immer gemacht, sie kann uns auch heute auf unserer Wüstenwanderung begleiten. Die Erfahrung, dass über einer sorgenden Weggemeinschaft der Segen Gottes liegt. Dass Gott selbst mitgeht auf einem solchen Weg und das Seine dazu beiträgt, dass die Kraft nicht ausgeht und der Mut nicht niedersinkt.

 

Steh‘ auf und iss!

Was lässt Menschen Widerstände überwinden, Krisen durchstehen, neue Kraft und neuen Mut finden? Wie kann man gut mit seinem seelischen Krafthaushalt umgehen? Was schützt und stärkt und belebt in Belastungssituationen? Solche Fragen werden gestellt in Resilienztrainings oder in seelsorglichen Teamgesprächen oder in der spirituellen Krisenbegleitung. Auch jetzt in der Corona-Krise sind diese Fragen wichtig.

Der Glaube bietet hier eine besondere Perspektive an. Viele Religionen, Weltanschauungen, Spiritualitäten verbindet die Überzeugung, dass es Quellen von Kraft und Lebendigkeit gibt, die tiefer liegen als das unmittelbar Sicht- und Machbare. Oder von einem personalen – das heißt: liebesfähigen – Gott her formuliert: Sie rechnen damit, dass Gott für mich zur rechten Zeit etwas bereithält, was mir weiterhilft in Wüsten, Widerständen und Krisen.

Es gibt eine interessante biblische Geschichte, die das in ein existentielles Bild fasst. Sie steht im ersten Königsbuch. Im Mittelpunkt steht der Prophet Elija. Er wird betrachtet im Moment einer schweren Lebenskrise. Szenisch ausgedrückt wird das durch das Bild der Wüste. Die Krise ist so schwer, dass er sich den Tod wünscht. Doch dann passiert etwas:

Elija ging in die Wüste hinein, einen Tagesweg. Wie er so weit gekommen war, setzte er sich unter einen einsamen Ginsterbusch. Er wünschte seiner Seele zu sterben. Er sprach: Nun ist’s genug, Du. (…) Er legte sich hin und schlief ein. Da rührte ein Engel ihn an, der sprach zu ihm: Erheb‘ dich, iss! Er blickte sich um. Da war bei seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und ein Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Aber Sein Engel kehrte wieder, zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Erheb‘ dich, iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf und er aß und er trank und er wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes. (1 Kön 19 )

Das Bild vom Engel ist ein Existenzbild. Es geht da nicht um ein wunderliches Flügelwesen. Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ein Bote, der etwas von Gott zeigen, etwas von seiner Kraft bringen kann. Das kann beispielsweise ein Mensch sein, der mir in einer bestimmten Situation zum Engel wird. Elija begegnet in dieser Szene einem solchen Engel. Und dieser bringt ihn in Kontakt mit neuen Ressourcen.

Der Engel erscheint in dem Moment, wo Elija loszulassen beginnt. Dargestellt wird das durch das Bild des Schlafes. Er hat alles gegeben. Mehr hat er nicht. Nun muss entweder etwas Anderes, Neues kommen – oder er geht zugrunde. Und in diesem Moment, wo er loslässt, sich fallen lässt, kommt das Neue. Der Engel kommt und mit ihm neue seelische Nahrung. Eines allerdings muss Elija dann wieder tun. Er muss aufstehen – erhebe dich, richte dich auf, steh‘ auf. Und er muss essen – iss, trink, nähre dich. Sonst ist der Weg zu weit für dich.“

Auf unseren Lebensalltag – auch auf unser Verhalten in dieser Krise  – übertragen wird das heißen: Schau‘ dich um, vielleicht begegnet dir gerade ein Engel und hat für dich neue Nahrung dabei. Etwas, das deine Lebenskraft, deinen Lebensmut regenerieren kann. Wahrscheinlich ist es keine außergewöhnliche Erbauung, kein besonderes Ereigniss, kein rauschendes Fest, kein gewaltiger Glücksmoment. Sondern spirituelles Schwarzbrot,  eine von den schlichten, alltäglichen Nahrungsquellen. Gerade in der Krise ist es wichtig, diese achtsam wahrzunehmen und wertzuschätzen und auszukosten. Die kleinen Kraft- und Mutspritzen, ein Lächeln, ein gutes Wort, ein schlechter Witz, ein schöner Film, ein tröstendes Augenzwinkern, ein Song, ein Videoclip, ein Abendessen, ein Spiel, ein Vogel am Himmel …

Schau dich um in deinem Leben nach „Brot“ und „Wasser“, nach den großen und kleinen Kraftquellen. Und dann steh‘ auf und iss. Ich – Gott – sorge dafür, dass du seelisch nicht verhungerst. Du – Mensch – musst im rechten Augenblick aufstehen und essen, um Kraft zu bekommen für den nächsten Schritt.

 

Nicht mehr Verantwortung als Möglichkeiten

Je länger die Corona-Krise andauert, desto mehr spüren wir, wie stark uns diese Ausnahmesituation in unserem Handeln bestimmt. Dies gilt privat und beruflich. Und es gilt nicht nur in dem Sinne, dass uns bestimmte Kontakt-, Bildungs-, Unterhaltungs-, oder Versorgungsmöglichkeiten genommen sind. Es gilt auch im ethisch-moralischen Sinn. Die Corona-Krise bringt nicht wenige Menschen in Gewissenskonflikte, weil sie zu Handlungen und Verhaltensweisen gezwungen sind, die den Maßstäben nicht genügt, die sie üblicherweise an sich selbst anlegen.

Ein Beispiel: Derzeit ist es Angehörigen nicht gestattet, Menschen, die ihnen nahe stehen, im Krankenhaus oder Pflegeheim zu besuchen. Auch dann nicht, wenn diese durch die Situation verstört sind, sich verloren und verlassen fühlen. Mit zunehmender Überlastung der Stationen sind selbst telephonische Kontakte oft nicht mehr möglich. Tipps wie „Briefe schreiben“, „Bilder malen“ etc. sind gut gemeint, sind in akuten Krisenfällen aber meist keine wirkliche Alternative. Und auch das Pflege- und Klinikpersonal kann den Kontaktverlust zu vertrauten Menschen nicht ausgleichen. Es erfährt sich im Gegenteil selbst dieser wichtigen personalen und psychosozialen Unterstützungsmöglichkeit beraubt und muss noch dafür sorgen, dass die Isolierung eingehalten wird.

Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Verstorbenen. Derzeit gelten in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Hospizen sehr strenge Vorschriften. Verstorbene, die an Corona erkrankt waren etwa, werden als hochinfektiös eingestuft. Das hat gravierende Auswirkungen auf den Umgang mit der Leiche (Kontaktreduktion auf das unbedingte Mindestmaß, Abtransport möglichst rasch in speziellen Leichensäcken, etc.). Vieles, was derzeit gemacht werden muss, entspricht nicht den Ansprüchen, die Mitarbeitende oder Angehörige an einen würdigen Umgang mit Verstorbenen und eine angemessene Abschieds- und Trauerkultur haben.

Dieser Impuls möchte zumindest ein wenig zur Entlastung beitragen. Menschen, die in dieser schwierigen Zeit ohnehin oftmals bis an Ihre Belastungsgrenze gehen müssen, dürfen nicht noch zusätzlich durch Schuldvorwürfe und schlechtes Gewissen bedrückt werden.

Niemand hat mehr Verantwortung als Möglichkeiten (ultra posse nemo obligatur). Diesen alten Moral- und Rechtsgrundsatz kann man gerade in der jetzigen Zeit nicht oft genug betonen.  Besondere Umstände, besondere Zwangslagen haben eine Auswirkung auf das, was ethisch geboten, gut und richtig ist.

Die Umstände spielen eine Rolle für die Frage, wie eine liebevolle Begleitung von Alten und Kranken oder ein respektvoller Umgang mit Verstorbenen konkret wird.  Unter den gegenwärtigen, unser Gesundheitssystem bedrohenden Umständen, steht ein Abtransport von Verstorbenen in einem Leichensack (oder beispielsweise der Abtransport durch einen Militärkonvoy) nicht per se im Widerspruch zur Würde einer Person. Und wenn nichts anderes geht als aneinander zu denken, einander Gutes zu wünschen, sich umeinander zu sorgen, oder füreinander zu beten – dann ist eben das gut und richtig und ausreichend.

Hilfreich kann im Zweifel der Gedanke sein, dass der Betroffene selbst als Person, die eines moralischen Urteils fähig ist,  meine Handlungsweise nachvollziehen und gutheißen kann. Auch wenn unter anderen Umständen ein anderer Umgang angemessen wäre – in der jetzigen Situation ist es so, wie es geht, gut und richtig. Und das, was nicht geht, das darf ich auch – nicht leichten aber guten Herzens – lassen.

Niemand hat mehr Verantwortung als Möglichkeiten. Das gilt in allen Bereichen menschlichen Lebens. Ich tue, was ich kann. Mehr kann ich nicht tun. Dass dann immer noch Leid – und manchmal sehr viel Leid – übrig ist, gehört zur Tragik des Lebens. Der Christ kann und darf hier Gott – den Schöpfer der Welt – mit in die Pflicht nehmen. Er kann ihm ein Schicksal, mit aller Vorsicht gesagt, in die Hände legen. Ich habe meinen Teil getan – nun nimm Du es in die Hand, damit daraus etwas Ganzes und Heiles wird.

 

Schuldvorwurf und Sündenbock

Wenn eine Krise länger andauert, wenn Menschen längere Zeit in einer Mangelsituation gefangen sind, wenn ihnen längere Zeit das Heft des Handelns aus der Hand genommen ist, – wenn, poetisch gesprochen, die Wüstenwanderung länger andauert, – lauert eine besondere Gefahr. Die Gefahr, dass sich die Energien in einer zerstörerischen Weise nach innen richten und die Solidargemeinschaft aufspalten. Ganz häufig geschieht dies dergestalt, dass Schuldvorwürfe erhoben und Sündenböcke gesucht – und oftmals auch verfolgt und vernichtet – werden.

Möglicherweise hat das etwas mit den aggressiven Anteilen zu tun, die eine Krisensituation in Menschen wachruft. Gefühle von Zorn und Wut. Auch ist es, besonders für tatkräftige Menschen, schwer auszuhalten, nichts tun zu können. Die Suche nach Schuldigen, der empörte Aufschrei, lautstarke Vorwürfe – das gibt den Eindruck, etwas zu machen, etwas machen zu können.

Die Weltgeschichte zeigt eine Fülle von exzessiven Beispielen für dieses Phänomen. Von den Hexenverfolgungen in Zeiten der Pest bis zu den Politischen Prozessen in der Sowjetunion unter Stalin und später in fast allen anderen Ostblockstaaten. In der biblischen Wüstenwanderungsgeschichte im Buch Exodus wird Mose immer wieder zum Sündenbock, der mit massiven Schuldvorwürfen konfrontiert wird. „Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in die Wüste holst? Was hast du uns da angetan? Warum hast du uns aus Ägypten herausgeführt? Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe!“ Oder später: „Warum hast du uns überhaupt aus Ägypten hierher geführt? Um uns, unsere Söhne und unser Vieh verdursten zu lassen? Mose schrie zum Herrn: Was soll ich mit diesem Volk anfangen? Es fehlt nur wenig, und sie steinigen mich.“

Wir sind in der Corona-Krise von solchen Exzessen selbstverständlich weit entfernt. Aber ich habe den Eindruck, dass in der öffentlichen Debatte die Stimmen lauter werden, die Vorwürfe erheben, Sündenböcke suchen, die vermeintlich Schuldigen benennen.  Wenn vom „Versagen der Politik“ die Rede ist, von „unfähigen Ministern“, von „Versäumnissen, die sich jetzt rächen“, von „geldgierigen Tourismusmanagern“ etc., dann geht das in diese Richtung.

Selbst wenn etwas daran wäre an all den Vorwürfen, ist die Giftwirkung dieser Stimmen nicht nur in der jetzigen Situation sondern auch auf Zukunft hin verheerend. Sie spaltet eine Gesellschaft auf in Ankläger und Angeklagte, in Verfolger und Verfolgte. Sie leistet einer „Verdachtshermeneutik“ („die planen sicher Böses…“) Vorschub und entwertet dadurch den guten Willen und das echte Bemühen all derer, die es so gut machen, wie es eben geht.

Ich möchte ermutigen, nicht in diese Töne einzustimmen. Möchte ermutigen, ausgleichend zu wirken. Für die Überzeugung einzutreten, dass die allermeisten, die in dieser Krise  einen Beitrag leisten – an Ihrem Platz mit ihrer Verantwortung – dies aus hehren Motiven tun. Dass alle es gut machen wollen und ihr Bestes geben. Auch immer wieder, wenn die Frage aufkommt: „Wer ist schuld?“, darauf hinzuweisen, dass Unglück und Leid zur Tragik des Lebens gehören, und eben nicht immer die Folge von schuldhaftem Verhalten sind. Es kann sein, dass alle alles richtig machen, und es trotzdem nicht für alle gut ausgeht.

Es sind die passiven Tugenden, die jetzt besonders gefordert sind: Geduld, Leidensfähigkeit, Frustrationstoleranz. Wir brauchen Fähigkeiten, Energien aus Systemen abzuziehen, Druck aus dem Kessel herauszunehmen. Oder biblisch-poetisch: die Fähigkeit, Stürme zu stillen, Wogen zu glätten und Dämonen zu besänftigen.

 

Es geht voran

Derzeit ist eine Fülle von solidarischen Aktionen zur Corona-Krise zu beobachten. Menschen stellen im Internet Konzerte, Impulse, Videos, Beratungsangebote, Resilienztipps und vieles mehr zur Verfügung. Die ethische Reflexion über das, was die Corona-Krise an Abwägungs- und Konfliktkonstellationen mit sich bringt, läuft auf Hochtouren. Menschen treten anwaltschaftlich für Schwächere ein und stellen engagierte Forderungen. Es wird gelobt und gedankt.

Und das ist gut und richtig und wichtig. Überhaupt keine Frage. Sie haben Lob und Dank verdient die viele großen und kleinen Helden und Solidaritätsstifter. Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich im heutigen Impuls eine andere Gruppe von Menschen in den Blick nehmen.

Die große biblische Wüstenwanderungsgeschichte erzählt von Mose, Aaron, Josua, von ihren Führungsleistungen und großen Taten. Sie erzählen von Gott, von seinem Geleit und seinen Wundern. Und im Gesamt erzählt sie auch vom „Volk“, von „den Leuten“, „den Israeliten“. Was sie nicht erzählt oder nur selten, ist die Geschichte der Einzelpersonen dieses Volkes. Sie erzählt wenig von der Frau, dem Mann, dem Kind, das auf dieser Wüstenwanderung Schritt um Schritt gegangen ist. Jede und jeder Einzelne musste diese Wanderung für sich bestehen. Sie waren zwar Teil einer Weggemeinschaft, einer solidarische Weggemeinschaft, einer geführten und gesegneten Weggemeinschaft – aber jede und jeder Einzelne musste doch jeden Schritt durch die Wüste selbst tun. Jede und jeder Einzelne musste jeden Tag durchhalten, guten Mutes bleiben, irgendwie vorankommen.

In unserer Corona-Krise gibt es viele Menschen, die zunächst einfach mal schauen, wie sie durchkommen durch den Tag. Die schauen, wie sie die Beschränkungen einhalten und die Versorgung aufrecht erhalten können. Die ihren Tageslauf strukturieren und etwas auf den Tisch bringen und die Wäsche waschen, ihr homeoffice zum Laufen bringen, ein paar soziale Kontakte pflegen,  sich bemühen, einigermaßen bei Laune zu bleiben. Frauen, Männer, Jugendliche, Kinder, die einfach ihren Alltag bewältigen und bestehen.

Dadurch aber, dass sie das schaffen – und wir alle sind die, die das derzeit irgendwie schaffen – leisten sie einen Beitrag, dass unsere Weggemeinschaft vorankommt in der Corona-Krise. Jede und jeder, der es schafft, sich an die Corona-Schutzregeln zu halten und seinen Alltag zu bewältigen, leistet einen solidarischen Beitrag auf unserem gemeinsamen Weg durch die Corona-Wüste. Ich glaube, es lohnt sich, sich auch das immer wieder mal bewusst zu machen. Ich muss nicht jeden Tag eine besondere Heldentat vollbringen, um einen Beitrag zu leisten. Den Alltag bestehen, damit es voran geht Tag um Tag, das ist nicht wenig in dieser Zeit.

 

Con-Solatio – Gemeinschaft in der Einsamkeit

Es gibt im Lateinischen eine interessante Wortschöpfung: consolatio. Consolatio wird im Deutschen meistens mit „Trost“ übersetzt. Was ist das? Was meint dieses Wort in der Tiefe?

Das lateinische Wort ist aus zwei Bestandteilen zusammengesetzt, die sich auszuschließen scheinen: con – solatio. „solatio“, das kommt von „solus“: einzig, allein. Der Zustand, dass ich alleine bin. Die Situation, durch die ich alleine durch muss. Die Aufgabe, die ich nur alleine bestehen kann. Ich, einzig und allein auf mich selbst gestellt. „Con“ dagegen meint: zusammen, gemeinsam, miteinander. Con-Solatio heißt also wörtlich: gemeinsam alleine, Gemeinschaft in der Einsamkeit, mit Dir in dem Moment, den ich alleine bestehen muss.

Es zeugt von einer tiefen Kenntnis menschlicher Existenz, dieses Wort zu wählen für das, was Trost ist. Trost ist nicht der Hinweis, es wird schon wieder oder es ist doch nicht so schlimm. Das ist manchmal auch hilfreich, sicherlich. Aber manchmal ist es so schlimm und es wird nicht wieder.

Trost ist auch nicht das Angebot: Ich gehe für dich, ich mache es für dich. Das ist auch wichtig und tut manchmal sehr gut. Aber es gibt Momente, da kann niemand für mich handeln und niemand für mich gehen. Das eben heißt ja, Person zu sein: dass ich im Kern meiner Existenz nicht vertreten werden kann.

Trost ist die Erfahrung, dass ich auch auf den Wegen, die ich alleine gehen, und in den Momenten, die ich alleine bestehen muss, doch nicht ganz alleine bin. Es ist die Erfahrung einer Gemeinschaft auch in der Einsamkeit.

Diese Erfahrung kann aus dem Wissen kommen, dass jemand an mich denkt. Dass jemand mit mir fühlt. Dass jemand für mich hofft. Es verändert eine Situation nicht nur psychologisch sondern existentiell, wenn sie nicht nur von mir alleine wahrgenommen – als wahr angenommen – wird. Ich denk‘ an Dich – wir sagen es manchmal leichthin oder verlegen oder hilflos. Wenn man es ernst meint, ist das viel.

Ich bete für Dich. Das ist noch mehr. Weil es die einzige Person einblendet, die einem Menschen auch in den Momenten des existentiellen Alleinseins beistehen kann. Gott allein vermag bei mir zu sein, auch dort, wo ich für mich alleine bestehen muss.

Warum rede ich davon in diesen Corona-Zeiten? Weil viele Menschen durch die Pandemie in Isolation geraten sind. Weil Menschen alleine sind in Situationen, in denen sie unter anderen Umständen von Menschen umgeben wären. Weil sie manchmal alleine sind in Situationen, in denen die Anwesenheit eines Menschen gut täte. Weil sie manchmal alleine hoffen, bangen, leiden, sterben müssen in den Pflegeheimen und Coronaisolierbereichen und Intensivstationen.

Mit aller Vorsicht und so, dass es die Traurigkeit und den Ernst des Alleinseins und der Trennung nicht ins Unrecht setzt, sollten wir Christen auch und gerade in Zeiten der Corona-Pandemie daran denken, dass es auch dann Con-Solatio gibt, Gemeinschaft in der Einsamkeit.

Durch Menschen, die da sind: PflegerInnen, ÄrztInnen, SeelsorgerInnen, Angehörige. Seltener als sonst, kürzer als sonst und manchmal nur in Gedanken und im Gebet. Beistand ist mehr als physische Präsenz.

Und durch Gott, durch sein Geleit. Es gibt mehr, als das, was ich selbst habe. Es gibt mehr als mein eigenes Tun und Dasein. Es gibt auch eine Präsenz Gottes, ein Wirken Gottes, das durch alle Schranken und Mauern und verschlossenen Türen hindurchgeht. Niemand hofft und bangt und leidet und stirbt gottverlassen, von Gott verlassen.

Es gibt auch, um dieses Beispiel zu wählen, eine Sterbebegleitung, wenn ein Mensch alleine in der Isolierstation stirbt. Eine Begleitung in Gedanken und im Gebet. Und eine Begleitung von der anderen Seite her. In der Tiefe ist Sterbebegleitung immer von der anderen Seite her. Wenn Gott entgegenkommt und an der Hand nimmt und durch den Tod hindurchführt, hinein ins neue Leben.

 

Vom rechten Maß

In der großen biblischen Wüstenwanderungsgeschichte, die in diesen Impulsen als ein deutendes Bild für diese Corona-Krise angeboten wird, gibt es ein merkwürdiges Detail.

Die Geschichte entfaltet ein spannungsreiches Hin und Her zwischen Wüstenerfahrungen – Erfahrung von Mangel, Bedrohung, Verlassenheit – und Oasenerfahrungen – Erfahrungen von Nahrung, Belebung, Geleit. Immer wieder greift Gott in die Situation ein, um neue Ressourcen freizulegen, die Kraft, Mut, Hoffnung geben, zumindest für den nächsten Schritt. Diese Hilfe Gottes wird in unterschiedlichen Bildern verdichtet: Wasser, das sich teilt und eine Schneise bildet für die Flucht. Felsen, die sich spalten, um Wasser fließen zu lassen, das vor dem Verdursten rettet. Wolkensäulen und Lichter, die Orientierung geben. Und ein Bild zeigt ein Nahrungsmittel, das wie Tau vom Himmel fällt, zur Sättigung, gewissermaßen als tägliches Brot.

Zu diesem eigenartigen Brot, das so unverhofft zur Verfügung steht, gibt es einen Hinweis Gottes: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht. Nicht zu wenig und nicht zu viel. Genug, für den nächsten Schritt. Nicht mehr, nicht auf Vorrat. Vor Übermaß wird ausdrücklich gewarnt. Es heißt, wenn einer zu viel gehortet hatte, wurde es wurmig und stank.

Warum der Blick auf dieses biblische Detail in diesen Impulsen zur Corona-Krise?

Weil ich den Eindruck habe, dass angesichts der in Aussicht gestellten oder schon fließenden Unterstützungsleistungen, Hilfszahlungen, Coronahilfsfonds nach und nach ein Wettbewerb der Bedürftigkeiten entbrennt. Jeden Tag treten neue Gruppen in die Öffentlichkeit, die darauf hinweisen, dass die Corona-Krise ihnen ganz besonders zusetzt. Dass sie in einer ganz besonderen Weise leiden und gefährdet sind – und deshalb ein besonderes Anrecht haben auf Hilfszahlungen. Künstler, Gastronomen, Vereine, Kliniken. Ganze Industriezweige erklären und begründen, dass sie jetzt einen finanziellen Vorrat brauchen für morgen und übermorgen. Auch Sozialverbände fordern zusätzliche Ressourcen, um die Last tragen zu können, die morgen durch die steigende Zahl von Hilfsbedürftigen auf sie zukommen wird.

Wie viel ist angemessen? Nicht für den aktuellen Hunger, sondern für den künftigen? Wie viel ist zu wenig? Und wie viel zuviel? Wie viel Sicherheit auf Kosten der Gemeinschaft ist angemessen, und wo beginnt mein gehortetes Polster madig zu werden und zu stinken?

Sie ist nicht umsonst eine der Kardinaltugenden, wird sogar als die Lenkerin der anderen Tugenden bezeichnet:  die Fähigkeit, die richtige Mitte und das rechte Maß zu finden zwischen zuviel und zuwenig.  Die Fähigkeit, mehr: die Haltung, die richtige Mitte zu erkennen und die Größe zu haben, dann auch nur das und nicht mehr zu fordern, sich selbst auf dieses Maß hin zu beschränken.

Für den sozialen Frieden ist diese Tugend in der jetzigen Phase der Corona-Krise, so meine ich, besonders wichtig. Ohne sie wird unsere gelebte Solidarität madig und verdirbt.

Diese Tugend wächst, wo ich im Verteilungskampf nicht nur meine eigene Position, meine Not, meine Lobbygruppe sehe, sondern auch das große Ganze mit einblende. Wo ich davon ausgehe, dass es viele berechtigte Interessen gibt. Diese Tugend wächst, wo ich an einer Atmosphäre mitgestalte, in der nicht das laute Geschrei die Richtung bestimmt, sondern das kühle Augenmaß. Sie wächst, wo Menschen besonnen sind und wo sie Sehnsucht haben nach Gerechtigkeit, die alle im Blick hat, wirklich alle, nicht nur die, die auf die Bühne springen.

Und sie wächst, wo sich bei aller Dramatik doch auch eine, vielleicht in Gott gründende, Gelassenheit hält. Eine Gelassenheit, die sich aus der Hoffnung speist, dass auch morgen etwas Gutes entstehen wird, und ich mir deshalb heute meine Taschen nicht über alle Maßen vollstopfen muss.

 

Spiritualität der caritas

Mit den heutigen Gedanken endet die Reihe der spirituellen Impulse, die die Corona-Krise in den letzten Wochen begleitet haben. Einige der Texte, die dabei entstanden sind, finden Sie zum Nachlesen – auch zum neuen Nachklingenlassen vielleicht – in der Rubrik Impulse zur Corona-Krise, die sie oben anklicken können.

Was hat diese Zeit mit Ihnen gemacht? Wie hat sie sich ausgewirkt auf Ihr Gemüt, Ihre Weise, in der Welt zu sein, Ihre Spiritualität? Wie hat sie sich ausgewirkt auf den Geist, der Ihrer Arbeits- und Lebenssituation ihren Charakter, ihr Gepräge gibt?

Was hat Sie lebendig gemacht oder am Leben gehalten in dieser Zeit? Was war Ihnen Nahrung und Geleit? Was hat in Ihnen den Geist der Liebe entzündet und die Flamme brennen lassen? Pfingst-Fragen sind das. Das Pfingstfest ist so etwas wie die liturgische Verdichtung dieser Fragen. Nicht nur in der Corona-Zeit, im ganzen Leben. Um Geist, um Leben, um Belebung und Inspiration, darum geht es. Das Pfingstfest bringt diese Thematik in Bilder, in Zeichen, in Erzählungen, in Inszenierungen.

Ich werde meinen Vater bitten und er wird Euch einen Beistand geben, der für immer bei Euch bleiben wird. Das ist das Versprechen Jesu vor seinem Tod. Pfingsten ist die Erfahrung, dass Gott dieses Versprechen einlöst. Bis heute. Wo ich etwas spüre von diesem Beistand Gottes, gewaltig oder sanft, heftig oder zart, deutlich oder geheimnisvoll, da ist Pfingsten.

Offen werden, offen sein, offen bleiben für diesen Geist, empfänglich bleiben, das ist wichtig, darauf lohnt sich zu achten. Mich immer wieder innerlich und äußerlich so ausrichten, dass mir etwas gegeben, geschenkt werden kann. So sein, dass Gottes Geist in mir wirken kann. Aber auch kritisch sein. Die Geister unterscheiden. Was von dem, was auf mich einströmt, in mich eindringen will, belebt mich und nährt meine Liebe? Und was sind die Abergeister, denen ich entgegentreten muss, damit sie meine Lebendigkeit und meine Liebeskraft nicht schwächen?

Für das persönliche Leben gilt das. Es gilt mutatis mutandis auch für das Leben in den Diensten, Einrichtungen, den Unternehmen von Caritas und Diakonie. Achtsam sein und wachsam für den Geist, der tatsächlich spürbar ist. Etwaige Abergeister entdecken und entmachten. Und es ansonsten dem Heiligen Geist nicht allzu schwer zu machen. Das ist die ganze Kunst einer lebendigen und liebevollen Spiritualität der Caritas.