Neue Serie: Gebetskultur

p1060164Auf der Suche nach dem christlichen Profil verweisen nicht wenige caritative Einrichtungen und Unternehmen darauf, dass es bei ihnen so etwas wie eine Gottesdienst- und Gebetskultur gibt. Nicht selten wird darauf sogar als erstes hingewiesen, wenn gefragt wird, worin sich der „christliche Geist“ des Hauses denn zeige.

 

Eine wirkliche Gebetskultur in caritativen Einrichtungen und Unternehmen zu gestalten und zu pflegen ist meiner Erfahrung nach eine komplexe Angelegenheit. Sie ist komplex, will man dabei mehr beschreiben als ein paar „christliche Angebote“, einen Hausgottesdienst vielleicht oder eine Segensfeier. Oder eine Broschüre mit Gebeten und einem Segensspruch, vielleicht auch ein Kreuz an der Wand, und wenn man besonders interreligiös ist noch einen Halbmond dazu. Sicherlich: das alles kann Ausdruck einer Gebetskultur sein, vielleicht, aber die Tatsache allein, dass es so etwas gibt, sagt darüber noch nicht viel aus.

Eine echte und gute Gebetskultur braucht einiges an Sorgfalt und an konzeptioneller Klarheit, besonders, wenn es sich dabei um Gebetskultur in einem pluralen Kontext– d.h. mit weltanschaulich und religiös vielfältigen Bewohner(innen), Klient(inn)en und Mitarbeitenden – handeln soll. Diese Serie will einen Beitrag leisten zur Diskussion um Gebetskultur in caritativen Einrichtungen und Unternehmen. Manches davon kann vielleicht auch ein Impuls sein für die Gestaltung und Pflege einer persönlichen Gebetskultur.

Es werden in den nächsten Wochen einige Überlegungen vorgetragen zu Wesen und Sinn des Gebets, zu privatem und gemeinschaftlichen Beten, zu Liturgie und liturgischer Bildung. Es werden Anregungen gegeben zur Pflege heilsamer Rituale und zur Gestaltung sinn- und stilvoller liturgischer Feiern. Und nicht zuletzt werden einige grundsätzliche Fragen angestoßen: Kann ein Atheist einen Beitrag zu einer Gebetskultur leisten? Gibt es multireligiöse Feiern wirklich? Und welche Theologie setzt eine echte interreligiöse Unternehmenskultur voraus?

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Präsidentschaftskandidat mit Caritaskrawatte?

Viele haben es bemerkt. Ein Aufschrei gellte durch die Caritaslandschaft. Ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat hat jüngst bei einer umstrittenen Rede eine Krawatte getragen, die der Caritaskrawatte zumindest äußerst ähnlich sieht.

screenshot  - spiegel online

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Trump - caritas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass dieser Kandidat kein Mitarbeiter einer Caritasorganisation ist, und seine Positionen mit Überzeugungen christlicher Caritas häufig nicht übereinstimmen.

 

 

Viren, Metastasen und Säuberungen – wie Sprache Wirklichkeit schafft

Screenshot br-online

Screenshot br-online

Die Reaktionen von Staatspräsident Erdogan auf den militärischen Putschversuch lassen das Schlimmste befürchten.

Ich bin kein Experte für türkische Innenpolitik. Auch fehlt mir eine fundierte Kenntnis der einzelnen Lager mit ihren Personen und Positionen. Aber wenn man nur die Sprache anschaut, die nach dem Putsch verwendet worden ist und wird, dann ist das Schlimmste zu befürchten.

Er wolle das Militär und den Staat von „Viren“ und „Metastasen“ befreien. Es sei Zeit für „Säuberungen“. Menschen mit nur ein wenig historischem Erinnerungsvermögen treiben allein diese drei Begriffe den Schauder über den Rücken. Auch in Deutschland war von „Schädlingen“ die Rede, von „Parasiten“, die den Volkskörper befallen hätten. Auch in Deutschland gab es „Säuberungen“. Vor dem Krieg und in einem Teil Deutschlands auch nach dem Krieg.

Sprache schafft Wirklichkeit. Wenn Menschen einmal als „Parasiten“ oder „Viren“, „Metastasen“ benannt sind,  dann wird die Vernichtung zur medizinischen Maßnahme. Wenn das Sprachspiel von Verschmutzung und Vergiftung einmal gesetzt ist, dann werden Massenhinrichtungen und Massaker zu Hygienemaßnahmen.

Es fällt auf, dass so gut wie alle Unrechtssysteme der letzten Jahrzehnte diese Entmenschlichung durch die Sprache betrieben haben. Vielleicht, weil es im tiefsten Herzen ein Zurückweichen gibt vor dem nackten Mord, selbst bei den grausamsten Schergen. Weil sich tief im Innern der Person ein Wissen erhebt, dass massenhaftes Verhaften und Vernichten nicht recht sein kann, niemals. Weil das Gewissen keine Masse kennt, nur Menschen.

Vielleicht wird deshalb mit der Sprache die Wirklichkeit vergewaltigt, verschoben, vertuscht. Um nicht vor Schauder zurückzuweichen vor der eigenen Gewalttat.

Sprache schafft Wirklichkeit. Aber darin zumindest sind wir nicht nur auf die Zuschauerbänke verbannt. Wir müssen die Sprachspiele von Recep Tayyip Erdogan nicht mitspielen. Wir können ansprechen gegen seine Versuche der Entmenschlichung. Wir können weiterhin von Menschen sprechen. Und von Verhaftung und von Vernichtung. Und aufschreien, und widersprechen, und noch einmal widersprechen. Die Benennungen nicht akzeptieren. Niemals kann aus einem Menschen ein „Virus“ werden, niemals eine „Metastase“. Niemals kann man „säubern“ dadurch dass man Menschen verhaftet und vernichtet. 

Das italienische Wunder

saeco-fineDa soll noch einer sagen, dass es keine Wunder gibt. Alles hängt mit allem zusammen. Das ist sicher. Ich habe es erlebt, am eigenen Leib. Samstagnacht.

Wir haben eine Espressomaschine. Seit zwanzig Jahren läuft dieses Teil jeden Tag. Mehrfach. Ohne Pannen. Ohne Muckser. Ohne Wartung. Die Maschine läuft einfach immer.

Bis Samstag nacht. Am Abend noch hat sie treu ihren Espresso gekocht. Am nächsten Morgen war sie kaputt. Aus. Finito.

Die Pumpe – ihr ferrarirotes Herz – hat ihren Geist aufgegeben. In dieser Nacht. Salto mortale. Exitus.

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Der Grund ist so was von klar. Glasklar. Sonnenklar. Der Zusammenhang springt dem ungläubigsten Menschen sofort ins Auge.

Die Espressomaschine ist ein italienisches Modell.  Solange die Serie der Squadra azzurra anhielt – in EM und WM Spielen gegen Deutschland immer zu gewinnen – solange tat – als kleine Gegenleistung – die Espressomaschine ihren Dienst.

Samstagnacht ist die Fußballserie gerissen. Italien hat verloren. Und die Espressomaschine wurde kaputt. Aus. Finito.

Selber schuld!

Ist das christliche Profil marketingtauglich?

LogosDie Profildiskussion boomt. Kaum ein caritatives Unternehmen aufseiten von Caritas und Diakonie hat in den letzten Jahren nicht einen Profilbildungsprozess durchlaufen, Profilberaterinnen und -berater sind unterwegs, es gibt Regale voll Fachliteratur zur Profilfrage, Förderprogramme zur christlichen / kirchlichen / konfessionellen Profilstärkung werden aufgelegt.

Es gibt viele gute Gründe, nach dem eigenen Profil zu suchen – als diakonisches Unternehmen, als caritative Stiftung oder als sozialer Verband. Und sicherlich ist es auch gut, wenn im Kontext von Caritas und Diakonie dabei die christlichen und kirchlichen Fundamente (wieder-)entdeckt werden, wenn die eigene Spiritualität gesucht und gepflegt wird, damit ein wahrhaft christlicher – d.h. ein heilsamer und heilmachender – Geist die Einrichtungen und Dienste prägt.

Eines allerdings sollte man dabei bedenken: als Marketinginstrument, mit dem sich Anteile im umkämpften Sozialmarkt erobern und sichern lassen, taugt das Christentum nicht. Nur auf den ersten Blick trägt das „christliche Profil“ zur Imagebildung der „Marke Caritas“ bei, nur vordergründig erscheint es als Alleinstellungsmerkmal, als „unique selling point“, um Kunden an uns zu binden.

Ein Alleinstellungsmerkmal muss – deshalb heißt es so – dazu dienen, sich von anderen abzugrenzen, das Besondere und Einzigartige des Eigenen herauszustellen. Es muss etwas sein, was die anderen nicht haben oder nicht können, zumindest nicht so gut. In der Industrie sind es oft streng geheime Rezepte oder vielfach patentgeschützte Verfahren, exklusive Konstruktionspläne oder einzigartige Datensammlungen, die die Alleinstellung begründen. Durch emotionale Aufladung wird daraus ein symbolischer Mehrwert generiert, es entsteht die möglichst unverwechselbare Marke, das eigentliche Kapital des Unternehmens. Das Ganze wird eifersüchtig bewacht, gegen Spionage verteidigt, von Plagiaten abgegrenzt, durch Scharen von Anwälten juristisch abgesichert. Die Hintergrundbotschaft ist immer: Ganz anders und viel besser als alle anderen.

Viele Diskussionen in Caritas und Diakonie kreisen um dieses Thema. Was ist unser Alleinstellungsmerkmal? Worauf können wir verweisen, um die „Marke Caritas“ mit ihren vielen Submarken („Stiftung X“, „E.V. Y“, „Klinikverbund Z“…) als starke Marke aufzubauen und im (Kunden-)Bewusstsein zu platzieren? Was machen wir anders als das Rote Kreuz oder die AWO? Und ganz anders als die privaten Träger?

„Wir sind eine christliche Organisation“, tönt es dann oft schnell. „Grundlage unserer Arbeit ist das christliche Menschenbild. Wir haben eine Spiritualität, die in einer langen Tradition steht. Das Christliche, das ist unser Alleinstellungsmerkmal, darauf müssen wir verweisen – in Broschüren, Internetauftritten, Prospekten, in öffentlichen Stellungnahmen und nicht zuletzt in den Gesprächen mit unseren Klienten, Kunden und Geldgebern.“

Der erste Enthusiasmus, den „unique selling point“ der Caritas identifiziert zu haben, erhält allerdings nicht selten einen gewissen Dämpfer, wenn man darangeht, „das Christliche“ genauer zu beschreiben. Der Mensch, so wird gesagt, steht für die Christen im Mittelpunkt. Der Mensch mit einer unantastbaren Würde und mit Rechten, die er sich nicht verdienen muss und die er nicht verlieren kann. Für Menschenwürde und Menschenrecht einzutreten, unbedingt, ohne Wenn und Aber, das ist christlich. Und christlich ist, Menschen in Not zu helfen, sie wahrzunehmen als Personen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, und versuchen, sie zu unterstützen, damit ihr Leben gelingt.

Wohl wahr. Für Menschenwürde und Menschenrecht einzutreten, das ist christlich. Not sehen und handeln: das ist christlich. Personen auf Augenhöhe zu begegnen, ganz gleich, was sie getan haben und was aus ihnen geworden ist: das ist christlich. Aber: Tun das andere nicht auch? Nimmt das Rote Kreuz nicht auch Menschen in Not ernst und hilft ihnen? Begegnen die Sozialarbeiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbands ihren Klienten nicht auch auf Augenhöhe? Achten die Pflegerinnen der AWO die Würde der alten Menschen nicht auch? Sind sie nicht alle auf ihre Weise – auch wenn sie das vielleicht nicht so nennen würden – in christlichem Geist unterwegs?

Doch. Sie alle, alle, die für Menschenwürde und Menschenrecht eintreten, sind auch in christlichem Geist unterwegs. Gott sei Dank! Wenn es nur jeder Mensch wäre, ganz gleich, welcher Organisation, welcher Gruppe, welcher Nation, Kultur oder Religion er angehört. Ein echter Christ wird sich daran freuen, auch anderswo christlichen Geist zu finden. Er wird diesen Geist würdigen und fördern, gleich wo und in welcher Gestalt er ihn antrifft.

Hier spätestens sieht man, warum das Christentum nicht als Marketinginstrument taugt. Ziel des Christentums ist gerade nicht die Exklusivität, die Alleinstellung, sondern die Universalität. Das Christentum ist keine Firma, die Kunden an sich bindet, es ist kein Club, der Mitglieder wirbt. Das Christentum ist eine Bewegung, die die Welt verwandeln will. Verwandeln hin zu mehr Liebe und mehr Lebendigkeit, zu einem „Leben in Fülle“. Und wo immer etwas geschieht, was die Liebe und das Leben mehrt, da weiß der Christ Gottes Heiligen Geist am Werk.

Leicht zu schlucken ist dieses universale Grundprinzip des Christentums – sein wahrhaft „katholischer“, das heißt: allumfassender und ganzheitlicher Charakter – nicht immer. Schon die Apostel hatten damit ihre Schwierigkeiten. Das Markusevangelium (Mk 9, 38-40) berichtet, wie sie zu Jesus kommen und sich eifersüchtig beklagen: „Meister, wir sahen einen, der in deinem Namen böse Geister ausgetrieben hat. Und wir hinderten ihn daran, weil er uns nicht nachfolgte.“ Mit anderen Worten: Er war in christlichem Geist unterwegs und hat Gutes bewirkt, obwohl er kein Mitglied unserer Organisation ist. Das darf er doch nicht! Die Antwort Jesu ist aus Perspektive des Sozialmarketings eine schlichte Katastrophe: „Hindert ihn nicht daran. Wer nicht gegen uns ist – der ist für uns!“

Mehr lässt sich dazu nicht sagen. Wer nicht gegen uns ist, ist für uns. Wer nicht gegen Menschenwürde und Menschenrecht ist, der ist für uns, der ist in christlichem Geist unterwegs. Wir sind es auch. Das ist unser christliches Profil. Wir pflegen diesen Geist, gestalten und fördern eine Spiritualität, die unsere Einrichtungen und Dienste zum „Raum für Heilung und Heil“ (Bischof Dr. Gebhard Fürst) werden lässt. Wir tun das nicht, um uns dadurch von anderen abzugrenzen. Wir tun es, weil es uns wirklich wichtig ist.

Was wird aus meinen Wunden?

RazorNach unserer kleinen Einführung ins Christentum soll es in den nächsten Beiträgen ein paar vertieftere Überlegungen geben. Sie setzen eine gewisse Vertrautheit mit dieser Lebensform und mit ihrer Text- und Bildwelt voraus.

Als ersten Impuls möchte ich Ihnen eine Relecture anbieten. Es ist die Betrachtung einer – scheinbar – bekannten Ostergeschichte.

Es geht um die sogenannte „Thomasgeschichte“ (Joh 20, 24-29). Mir persönlich liegt einiges an dieser Geschichte und ich glaube, es lohnt sich sehr, genau hinzuschauen, was da eigentlich erzählt wird. Mir scheint diese Geschichte auch und gerade für die soziale Arbeit von besonderem Wert.

Die Erzählung beginnt damit, dass Thomas den Berichten der anderen Jünger, sie hätten diesen so jämmerlich am Kreuz zu Grunde gegangenen Jesus in einer neuen Existenzform – als Auferstandenen – gesehen, keinen Glauben schenken will. Er war selbst nicht dabei bei dieser angeblichen Begegnung. Und er will sich auf so eine Idee nicht einlassen; es sei denn: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelwunden sehe und meinen Finger in die Nägelwunden lege und meine Hand in die Seitenwunde, werde ich nicht glauben.“

In den meisten Erklärungen und Predigten ist die Rede vom „ungläubigen Thomas“. Er wird als Muster des modernen Menschen hingestellt, der erst Beweise will, bevor er etwas glaubt. Aber ich denke, es ist wichtig, ernst zu nehmen, was Thomas hier fordert. Es geht ihm nicht einfach um einen Beweis für Auferstehung, Weiterleben nach dem Tod oder Ähnliches. Er möchte wissen, was mit den Wunden passiert, die das Leben einem Menschen geschlagen hat: körperlich und seelisch. Thomas spürt, glaube ich, dass sich daran eine besondere Spannung entzündet, dass die Wunden eine Grundfrage aufreißen für menschliches Hoffen und für den Glauben an einen Gott.

Was passiert denn mit dem, was ein Mensch erleidet in seinem Leben? Mit den Wunden, den Narben, den traumatischen Erlebnissen, den Erfahrungen von Verlust und Scheitern?

Sicherlich, wir mühen uns in der sozialen Arbeit, Menschen zu helfen, darüber hinwegzukommen. Durch Beratung und Begleitung. Wir unterstützen sie in der Be- und Verarbeitung leidvoller Erlebnisse. Wir helfen, wieder Mut und Kraft zu sammeln für den nächsten Schritt. Das ist wichtig und gut, ohne Frage.

Wir wissen aber, dass irgendetwas in der Seele zurückbleiben wird, dass es im Inneren eines Menschen – eines Menschen, der liebt und der die Sehnsucht kennt – vernarbte Wunden gibt. Dass manche eines Tages wieder aufbrechen werden. Dass manche auch gar nicht heilen, auch nicht in langer Zeit. Wir wissen, dass ein Mensch seine Geschichte – die des Glücks und des Scheiterns – in sich trägt und mit sich trägt.

Was ist die Perspektive dieser inneren Wunden? Gibt es eine Perspektive, eine andere als die der inneren Narben? Rio Reiser sang einmal: „Jetzt tut’s nicht mehr weh. Und alles bleibt still und kein Sturm kommt auf, wenn ich dich seh.'“ Ist das alles, was es zu hoffen gibt? Dass es irgendwann nicht mehr wehtut? Oder kann es so etwas geben wie Heilung, auch bei einem völlig zerbrochenen Leben? Kann es so etwas geben wie eine Heilung enttäuschter Liebe, eine Heilung zerrissener Beziehungen? Kann es so etwas geben wie eine Heilung getöteten Lebens?

Das ist es, was Thomas interessiert. Er weiß, dass die Wunden irgendwie noch da sein müssen, soll das, was ein Mensch in seinem irdischen Dasein erlebt und erleidet, nicht nur ein wertloses Theater sein, ein lächerliches Vorspiel zum eigentlichen Leben im Himmel. Er weiß aber auch, dass mit diesen Wunden etwas geschehen muss, soll die Hoffnung auf Erlösung, Heilung, Auferstehung oder wie man es nennen will, soll diese Hoffnung mehr sein als eine billige Vertröstung oder eine nette Illusion.

Der auferstandene Christus zeigt ihm seine Wunden. Sie sind noch da. Sie sind nicht einfach verschwunden, hinweggewischt durch den „Schwamm der Auferstehung“. Thomas kann seinen Finger hineinlegen. Die Wunden sind noch da, weil das menschliche Leben hier und jetzt auch für Gott eine Bedeutung hat. Wenn es so etwas gibt wie Auferstehung, Erlösung, dann ist es dieses Leben, das da hineingenommen werden muss. Mein Leben, so wie es ist, mit all seinen Brüchen und Verstrickungen. Und nichts darf dabei verloren gehen, kein Tun und kein Leiden, weil es zu meiner Geschichte, meiner Identität, meinem Personsein gehört.

Aber irgendetwas muss mit diesen Wunden passiert sein. Mehr, als dass sie nicht mehr weh tun. Wir wissen nicht, was Thomas gesehen und gespürt hat an Jesus in diesem Moment. In dem Moment, wo er seinen Finger in die Wunden legt und seine Hand ins zerschnittene Herz. Aber wir wissen, was diese Erfahrung mit ihm gemacht hat: Er geht in die Knie und sagt „Mein Herr und mein Gott!“. Das ist das tiefste Glaubensbekenntnis, das wir haben. Mein Herr und mein Gott. Letztlich gründet die ganze christliche Hoffnung, dass Leben gelingen wird, für jeden Menschen, wie verwundet er auch sein und wie hoffnungslos er auch enden mag, auf dieser Erfahrung des Thomas und auf diesem einen Wort: Mein Herr und mein Gott.

 

Grundkurs Christentum (7): Auferstehung

night lightEin letzter Beitrag in dem kleinen Grundkurs Christentum. Passend zum Osterfest, dem wichtigsten Fest der Christen. In seinem Mittelpunkt steht die Geschichte vom Ende Jesu. Vom Ende Jesu und von dem, was dann kommt.

Ganz kurz: Jesus gerät mit seiner Botschaft mehr und mehr in Konflikt mit bestimmten – politischen und religiösen – Machthabern seiner Zeit. Irgendwann spitzt sich dieser Konflikt so zu, dass ihm nur noch die Möglichkeit bleibt, entweder seine Überzeugungen und seine Verkündigung zu verraten oder standzuhalten – und die Konsequenzen zu tragen, die damit verbunden sind. Die Konsequenz war letztlich der Tod. Jesus hält stand, wird zum Tod verurteilt und auf eine grausame Weise hingerichtet.

Und soweit wäre es nicht besonders erwähnenswert. So etwas geschieht mit Menschen. Leider. Bis heute. Doch dann geschieht noch etwas. Und durch das, was sich dann ereignet, nährt sich bis heute die Hoffnung der Christen, dass es mehr gibt als das, was sich hier abspielt in einem Leben.

Die biblischen Erzählungen betrachten die Jüngerinnen und Jüngern Jesu in der Zeit nach dessen Tod. Wir hören von Menschen, die mit Jesus gelebt und die auf ihn vertraut haben. Wir sehen, wie diese Beziehungen zerbrechen, eine nach der anderen, wie die Frauen und Männer sich verraten fühlen, getäuscht von diesem angeblichen Messias, betrogen um ihr Lebensglück. Wie sie davonlaufen, versuchen, irgendwie an ihr altes Leben anzuknüpfen, an die Zeit vor diesem dreijährigen Spuk. Hier bin ich wieder. Ich habe es nicht geschafft. Der Aufbruch ist nicht gelungen. Verlorene Zeit, verlorene Ehre.

Und dann: Irgendetwas geschieht mit ihnen. Irgendetwas passiert, innerlich und äußerlich. Irgendetwas regt sich, tut sich. Sie sehen etwas, spüren etwas, ahnen etwas. Irgendetwas dringt ein in die Verzweiflung, die Scham, in das Gefühl, betrogen worden zu sein. Und irgendwie, tief innen, beginnt Verwandlung.

Sie machen alle eine Erfahrung, die ihnen – jeder und jedem persönlich und anders – eine neue Perspektive gibt. Sie machen eine Existenzerfahrung, durch die sie irgendwie ihre Erschütterung, ihren Lebensbruch integrieren können. Durch das, was sie erfahren, sehen sie das, was geschehen ist, in einem neuen Licht. Sie schaffen es, so etwas wie eine durchgehende Sinnlinie zu finden. Eine Sinnlinie, die unberührt ist von diesem Scheitern, die nicht einmal der Tod zerstören konnte.

Alle benennen diese Erfahrungen, so unterschiedlich sie im Einzelnen sind, gleich: als Begegnung mit dem auferstandenen Jesus.

An dieser Begegnung hängt letztlich das Christentum. An der Begegnung dieser Menschen mit der Person Jesu nach dessen Tod. An der Erfahrung, dass der Tod nicht das Ende ist, nicht die Grenze dessen, was Leben heißt. Dass es noch etwas Anderes gibt und mehr. Und etwas hilflos nennen die die Christen dieses Andere, diese neue Existenzform „Auferstehung“.

Auferstehung ist möglich: das ist der österliche Subtext, der spirituelle Kontrapunkt, den das Christentum über menschliches Leben legt. Selbst wenn dir alles zerbricht. Am Ende und im Ganzen wird dein Leben gut und heil werden. Weil das Leben, weil Gott stärker ist als der Tod.