Gönne dich dir selbst

Relax-kleinKürzlich bin ich auf einen Brief gestoßen. Er wurde bei einer Caritastagung verlesen. Und es war ganz so, als wäre er für genau diesen Anlass geschrieben worden. Für Menschen in der sozialen Arbeit. Für Menschen, die sich engagieren, die Verantwortung übernehmen, die sich rühren lassen von Not und Elend. Menschen, die da sein wollen für andere. 

Das stand drin in diesem Brief:

„Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei: wenn Du jetzt nicht erschrickst, ist Dein Herz schon so weit.

Das harte Herz ist allein; es ist sich selbst nicht zuwider, weil es sich selbst nicht spürt. Was fragst Du mich? Keiner mit hartem Herzen hat jemals das Heil erlangt, es sei denn, Gott habe sich seiner erbarmt und ihm, wie der Prophet sagt, sein Herz aus Stein weggenommen und ihm ein Herz aus Fleisch gegeben.

 Wenn Du Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben? Darin lobe ich Dich nicht. Ich glaube, niemand wird Dich loben, der das Wort Salomons kennt: „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit“ (Sir 38,25). Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht.

Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1. Kor 9,22), lobe ich Deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt sein, wenn Du Dich selber verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn, was würde es Dir nützen, wenn Du – nach dem Wort des Herrn (Mt 16,26) – alle gewinnen, aber als einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nicht von Dir alles haben? Wie lange bist Du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78,39)? Wie lange noch schenkst Du allen anderen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selber?

Ja, wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“

Geschrieben wurde er im zwölften Jahrhundert. Von einem Mönch, Bernhard von Clairvaux. Adressat war eine gestresste kirchliche Führungskraft, Papst Eugen III.

 

 

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Spirituelles Leben: gestaltete Aufmerksamkeit

Ein letzter Gedanke sei dieser kleinen Serie noch hinzugefügt, eine Betrachtungsweise. Sie knüpft unmittelbar an die vorigen Überlegungen an und will zugleich einen Übergang darstellen zur bevorstehenden Adventszeit: Spiritualität als gestaltete Aufmerksamkeit.

„Gestaltete Aufmerksamkeit“ hört sich so ähnlich an wie „gebildete Aufmerksamkeit“ und hängt damit auch zusammen. Es ist aber doch ein anderer Zugang und in gewisser Weise auch ein Gegengewicht. Die Überlegung geht aus von der Beobachtung, dass sich viele Menschen mehr Aufmerksamkeit wünschen, mehr Achtsamkeit – für sich, für andere, für das, was das Leben zu geben hat. Nicht wenige arbeiten auch an sich, machen Achtsamkeitsübungen oder so etwas oder bemühen sich, beispielsweise die Regeln zu befolgen, die Fulbert Steffensky vorgeschlagen hat. Sie bilden ihre Aufmerksamkeit, trainieren ihre Achtsamkeit. Das ist wichtig und gut, keine Frage.

Zuweilen kann es aber sein, dass daraus eine schwere Aufgabe wird, so etwas wie eine spirituelle Pflichtübung. Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, spirituelles Leben – all das kann dann ins schlechte Gewissen rücken, gesellt sich neben Mahnungen wie „du solltest dringend mal wieder Sport treiben“, „ein paar Kilo weniger täten dir auch gut…“, „wann pflegst Du endlich deine sozialen Kontakte…“ und wie die inneren Antreiber alle heißen. Wenn Spiritualität aber einmal in dieser düsteren Gesellschaft angekommen ist, kann sie das gerade nicht mehr sein, was sich die meisten Menschen davon erhoffen: eine Kraftquelle und eine Weise, mehr Freude und Lebendigkeit ins Leben zu bekommen.

Deshalb setzt der Zugang „Spiritualität als gestaltete Aufmerksamkeit“ anders an. Es wird nicht nach irgendwelchen persönlichen Leistungskategorien gefragt, sondern schlicht nur: Wie gestaltest Du – jetzt, hier, in einer bestimmten Situation – Deine Aufmerksamkeit? Wie kannst Du selbst oder kann ein anderer merken, dass du gerade deine Aufmerksamkeit auf dich, auf ihn, auf dein Leben richtest? Wie, in welcher Form, welcher Gestalt, zeigt sich deine Aufmerksamkeit?

Auf diese Frage gibt es viele Antworten. „Ich schaue dich an“ zum Beispiel. Ich schaue dich an, während du mit mir sprichst. So zeigt sich, dass ich dich aufmerksam wahrnehme. Oder, ganz anders: Ich zünde eine Kerze an. Ich zünde eine Kerze an, bevor wir zusammen essen. So zeigt sich, dass ich genau das aufmerksam wahrnehme: dass wir zusammen essen. Oder: ich habe einen Kuchen gebacken. So zeigt sich meine Aufmerksamkeit für deinen Geburtstag. Oder, wieder etwas anderes: Ich beschreibe mein Leben, etwa in einem Tagebuch. Ich beschreibe, was ist – was ich tue und was mit mir geschieht – um mein eigenes Leben aufmerksam wahrzunehmen.

Vier Beispiele für gestaltete Aufmerksamkeit, vier von unendlich vielen. Wenn Sie mögen, schreiben Sie doch in einem Kommentar, was Sie tun, um Ihrer Aufmerksamkeit eine Form zu geben. Womit machen Sie gute Erfahrungen? Was sind für Sie gute Weisen, Aufmerksamkeit zu gestalten, im Großen und im Kleinen? Vielleicht bekommen wir eine kleine Sammlung zusammen, nicht als Pflichtenheft, sondern als Ideenbörse und Inspirationsquelle.

Eine große Form gestalteter Aufmerksamkeit – und hier sind wir beim Übergang zur Adventszeit – ist das Kirchenjahr. Es ist eine Einladung, bestimmten Zeiten ein eigenes Gepräge zu geben. Sie dadurch zum Resonanzraum zu machen für das eigene Innere, der jeweils andere Empfindungen zum Schwingen bringt. Das Kirchenjahr ist eine Einladung, seine Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit auf bestimmte Bilder, Geschichten, Gedanken zur richten und zu spüren, was sie mit mir machen.