Schlagwort-Archive: Achtsamkeit

Spirituelles Leben (5): gestaltete Aufmerksamkeit

Ein letzter Gedanke sei dieser kleinen Serie noch hinzugefügt, eine Betrachtungsweise. Sie knüpft unmittelbar an die vorigen Überlegungen an und will zugleich einen Übergang darstellen zur bevorstehenden Adventszeit: Spiritualität als gestaltete Aufmerksamkeit.

„Gestaltete Aufmerksamkeit“ hört sich so ähnlich an wie „gebildete Aufmerksamkeit“ und hängt damit auch zusammen. Es ist aber doch ein anderer Zugang und in gewisser Weise auch ein Gegengewicht. Die Überlegung geht aus von der Beobachtung, dass sich viele Menschen mehr Aufmerksamkeit wünschen, mehr Achtsamkeit – für sich, für andere, für das, was das Leben zu geben hat. Nicht wenige arbeiten auch an sich, machen Achtsamkeitsübungen oder so etwas oder bemühen sich, beispielsweise die Regeln zu befolgen, die Fulbert Steffensky vorgeschlagen hat. Sie bilden ihre Aufmerksamkeit, trainieren ihre Achtsamkeit. Das ist wichtig und gut, keine Frage.

Zuweilen kann es aber sein, dass daraus eine schwere Aufgabe wird, so etwas wie eine spirituelle Pflichtübung. Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, spirituelles Leben – all das kann dann ins schlechte Gewissen rücken, gesellt sich neben Mahnungen wie „du solltest dringend mal wieder Sport treiben“, „ein paar Kilo weniger täten dir auch gut…“, „wann pflegst Du endlich deine sozialen Kontakte…“ und wie die inneren Antreiber alle heißen. Wenn Spiritualität aber einmal in dieser düsteren Gesellschaft angekommen ist, kann sie das gerade nicht mehr sein, was sich die meisten Menschen davon erhoffen: eine Kraftquelle und eine Weise, mehr Freude und Lebendigkeit ins Leben zu bekommen.

Deshalb setzt der Zugang „Spiritualität als gestaltete Aufmerksamkeit“ anders an. Es wird nicht nach irgendwelchen persönlichen Leistungskategorien gefragt, sondern schlicht nur: Wie gestaltest Du – jetzt, hier, in einer bestimmten Situation – Deine Aufmerksamkeit? Wie kannst Du selbst oder kann ein anderer merken, dass du gerade deine Aufmerksamkeit auf dich, auf ihn, auf dein Leben richtest? Wie, in welcher Form, welcher Gestalt, zeigt sich deine Aufmerksamkeit?

Auf diese Frage gibt es viele Antworten. „Ich schaue dich an“ zum Beispiel. Ich schaue dich an, während du mit mir sprichst. So zeigt sich, dass ich dich aufmerksam wahrnehme. Oder, ganz anders: Ich zünde eine Kerze an. Ich zünde eine Kerze an, bevor wir zusammen essen. So zeigt sich, dass ich genau das aufmerksam wahrnehme: dass wir zusammen essen. Oder: ich habe einen Kuchen gebacken. So zeigt sich meine Aufmerksamkeit für deinen Geburtstag. Oder, wieder etwas anderes: Ich beschreibe mein Leben, etwa in einem Tagebuch. Ich beschreibe, was ist – was ich tue und was mit mir geschieht – um mein eigenes Leben aufmerksam wahrzunehmen.

Vier Beispiele für gestaltete Aufmerksamkeit, vier von unendlich vielen. Wenn Sie mögen, schreiben Sie doch in einem Kommentar, was Sie tun, um Ihrer Aufmerksamkeit eine Form zu geben. Womit machen Sie gute Erfahrungen? Was sind für Sie gute Weisen, Aufmerksamkeit zu gestalten, im Großen und im Kleinen? Vielleicht bekommen wir eine kleine Sammlung zusammen, nicht als Pflichtenheft, sondern als Ideenbörse und Inspirationsquelle.

Eine große Form gestalteter Aufmerksamkeit – und hier sind wir beim Übergang zur Adventszeit – ist das Kirchenjahr. Es ist eine Einladung, bestimmten Zeiten ein eigenes Gepräge zu geben. Sie dadurch zum Resonanzraum zu machen für das eigene Innere, der jeweils andere Empfindungen zum Schwingen bringt. Das Kirchenjahr ist eine Einladung, seine Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit auf bestimmte Bilder, Geschichten, Gedanken zur richten und zu spüren, was sie mit mir machen.

Advertisements