Advent

P1020659In letzter Zeit gab es vermehrt Anfragen, ob denn hier in diesem Blog gar nichts zum Advent kommt. Alle Blogs und Webseiten mit spirituellen Impulsen würden doch jetzt in die Advents- und Weihnachtsthematik einstimmen.

Nun gut, das eben könnte ja ein Grund sein, warum es nicht unbedingt nötig ist, auch hier noch was zu bringen. Diejenigen, die schon länger diese Seite verfolgen, erinnern sich zudem vielleicht auch, dass es in früheren Jahren explizite „Specials“ gab zu den geprägten Zeiten des Kirchenjahrs (Advents- und Weihnachtszeit, Fasten- und Osterzeit). Die wurden allerdings inzwischen gelöscht.

Einige Gedanken daraus passen aber auch in diese Serie über Gebetskultur. Deshalb hier an dieser Stelle – als Zwischenbemerkung gewissermaßen – eine (etwas grundsätzlichere) adventliche Reflexion.

Mit dem ersten Adventssonntag beginnt bekanntlich das neue Kirchenjahr. Das Kirchenjahr ist anders als das allgemeine Kalenderjahr. Es ist nicht einfach eine Abfolge von Kalendertagen. Das Kirchenjahr will den Zeiten jeweils ein bestimmtes Gepräge, eine bestimmte Charakteristik geben. Es unterscheidet zum Beispiel Feiertage und Arbeitstage und es kennt einen Rhythmus von Fastenzeiten und Festzeiten. Diese qualitative Prägung der Zeit will im Innern des Menschen unterschiedliche Themen, Fragen, Gedanken, Gefühle anrühren. Das Kirchenjahr ist so etwas wie ein existentieller Resonanzraum, der bei dem Menschen, der sich darauf einlässt, verschiedene „Saiten“ seiner Seele anschlägt und klingen lässt.

Der Mensch wiederum kann darauf in unterschiedlicher Weise antworten. Er kann zunächst wahrnehmen, was ist. Kann sich selbst in einer bestimmten Weise wahrnehmen. Besinnung ist eigentlich zunächst und zuerst dies: achtsam wahrnehmen, was ist.

Er kann das, was in ihm durch die Impulse angeregt wird, aber auch buchstäblich „ins Gebet nehmen“. Kann sich mit dem, was er in sich und an sich wahrnimmt, an Gott wenden und mit ihm darüber in Dialog treten. Dann würde das Kirchenjahr nicht nur ein existentieller Resonanzraum, sondern auch ein Gebetsraum.

Ich möchte Ihnen das Gesagte an einem adventlichen Schrifttext veranschaulichen. Die Texte, die im Kirchenjahr gelesen werden, sind eine wichtige Methode, die unterschiedlichen Zeiten zu prägen. Es gibt eine sorgsam gestaltete Leseordnung, durch die bestimmte biblische Geschichten – und durch sie bestimmte existentielle Bilder – jeweils für eine bestimmte Zeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

 

Steh‘ auf! Die Nacht geht zu Ende, der Tag ist nah.

Das erste Adventsbild, das in den Blick gestellt wird, ist ein Weckruf. Wach‘ auf! Steh‘ auf! Der Advent beginnt mit diesem Ruf. In allen drei Lesejahren laufen die biblischen Texte der ersten Woche auf diesen Ruf zu. Immer mit einer anderen Schattierung. In diesem Jahr liest es sich so:

Bedenkt die gegenwärtige Zeit. Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Es gibt die Nacht als Lebenssituation. Wenn sich das Leben verfinstert. Wenn das Licht aus dem Leben schwindet und mit ihm die Farben. Es kann eine Krankheit sein, die dem Leben das Licht entzieht. Oder wenn eine Beziehung zerbricht und es dunkel wird im Herzen. Wenn berufliche Perspektiven verblassen. Wenn Schulden über den Kopf wachsen. Oder was auch immer einen Menschen in die Krise bringt, in die existentielle Nacht. Wenn sich dann die innere Müdigkeit einstellt, wenn man nur noch schlafen will, äußerlich und innerlich , weil man nicht mehr kann. Ermüdet vom Leben, zu müde zum Leben. Vielleicht schläft man auch nicht, kann nicht schlafen, liegt wach in der Nacht, und die Gedanken und Gefühle treiben ihr grausames Spiel. Die Scham und die Verzweiflung und die Wut und die Ratlosigkeit und die Demütigung und die Bitternis und die Angst. Und man hört die Turmuhr schlagen, Viertelstunde um Viertelstunde, und die Nacht will nicht enden, die Dunkelheit nicht weichen.

Und dahinein auf einmal der Gedanke, die Hoffnung, der Ruf: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Der Tag ist nahe! Sie nimmt doch ein Ende, die Nacht. Es wird wieder Licht. Und mit dem Licht kommen die Farben. Und der Mut zum Leben und die Kraft zum Kämpfen und vielleicht sogar die Kraft, wieder zu schmecken und zu riechen und zu freuen.

Wach‘ auf! Denk‘ an die Gegenwart. An das Jetzt, in dem allein der Mensch tatsächlich leben kann. Leg‘ sie ab, die Werke der Finsternis – die Müdigkeit und die bösen Träume und die Ängste und die Qualen – leg an die Waffen des Lichts. Was für ein starkes und schönes Bild: die Waffen des Lichts. Komm. Es ist Zeit. Deine Stunde ist gekommen. Steh auf. Lass sie zurück die Nacht. Leg sie ab, die Finsternis in dir. Rüste dich mit Licht.

Das ist die Reflexion, die Betrachtung. Gedanken dazu, meine Gedanken .

Ins Gebet bringe ich diese Gedanken dadurch, dass ich Sie an Gott richte. Ich sehe, spüre meine Finsternis. Siehst Du sie auch, Gott? Was soll ich tun damit? Weißt Du weiter? Ich höre auch die Verheißung: der Tag ist nahe. Und die Ermutigung: kleide dich in Licht. Und die Mahnung: sei wachsam. Was meinst Du damit – hier, jetzt, für mich? Bringst Du mich durch die Nacht? Kannst Du mir Licht sein? Kannst Du  mir helfen, mich zu rüsten mit den Waffen des Lichts?

So wird aus der Reflexion ein Gebet. Wenn sie mögen, schauen Sie mal unter dieser Rücksicht die adventlichen Lieder an. Achten Sie einmal darauf, wie in Ihnen auf die adventlichen Bilder geantwortet wird. Und wie in Ihnen versucht wird, aus der Betrachtung ins Gebet zu kommen.

Ihnen allen eine gute, gesegnete Adventszeit!

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Spirituelles Leben: gestaltete Aufmerksamkeit

Ein letzter Gedanke sei dieser kleinen Serie noch hinzugefügt, eine Betrachtungsweise. Sie knüpft unmittelbar an die vorigen Überlegungen an und will zugleich einen Übergang darstellen zur bevorstehenden Adventszeit: Spiritualität als gestaltete Aufmerksamkeit.

„Gestaltete Aufmerksamkeit“ hört sich so ähnlich an wie „gebildete Aufmerksamkeit“ und hängt damit auch zusammen. Es ist aber doch ein anderer Zugang und in gewisser Weise auch ein Gegengewicht. Die Überlegung geht aus von der Beobachtung, dass sich viele Menschen mehr Aufmerksamkeit wünschen, mehr Achtsamkeit – für sich, für andere, für das, was das Leben zu geben hat. Nicht wenige arbeiten auch an sich, machen Achtsamkeitsübungen oder so etwas oder bemühen sich, beispielsweise die Regeln zu befolgen, die Fulbert Steffensky vorgeschlagen hat. Sie bilden ihre Aufmerksamkeit, trainieren ihre Achtsamkeit. Das ist wichtig und gut, keine Frage.

Zuweilen kann es aber sein, dass daraus eine schwere Aufgabe wird, so etwas wie eine spirituelle Pflichtübung. Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, spirituelles Leben – all das kann dann ins schlechte Gewissen rücken, gesellt sich neben Mahnungen wie „du solltest dringend mal wieder Sport treiben“, „ein paar Kilo weniger täten dir auch gut…“, „wann pflegst Du endlich deine sozialen Kontakte…“ und wie die inneren Antreiber alle heißen. Wenn Spiritualität aber einmal in dieser düsteren Gesellschaft angekommen ist, kann sie das gerade nicht mehr sein, was sich die meisten Menschen davon erhoffen: eine Kraftquelle und eine Weise, mehr Freude und Lebendigkeit ins Leben zu bekommen.

Deshalb setzt der Zugang „Spiritualität als gestaltete Aufmerksamkeit“ anders an. Es wird nicht nach irgendwelchen persönlichen Leistungskategorien gefragt, sondern schlicht nur: Wie gestaltest Du – jetzt, hier, in einer bestimmten Situation – Deine Aufmerksamkeit? Wie kannst Du selbst oder kann ein anderer merken, dass du gerade deine Aufmerksamkeit auf dich, auf ihn, auf dein Leben richtest? Wie, in welcher Form, welcher Gestalt, zeigt sich deine Aufmerksamkeit?

Auf diese Frage gibt es viele Antworten. „Ich schaue dich an“ zum Beispiel. Ich schaue dich an, während du mit mir sprichst. So zeigt sich, dass ich dich aufmerksam wahrnehme. Oder, ganz anders: Ich zünde eine Kerze an. Ich zünde eine Kerze an, bevor wir zusammen essen. So zeigt sich, dass ich genau das aufmerksam wahrnehme: dass wir zusammen essen. Oder: ich habe einen Kuchen gebacken. So zeigt sich meine Aufmerksamkeit für deinen Geburtstag. Oder, wieder etwas anderes: Ich beschreibe mein Leben, etwa in einem Tagebuch. Ich beschreibe, was ist – was ich tue und was mit mir geschieht – um mein eigenes Leben aufmerksam wahrzunehmen.

Vier Beispiele für gestaltete Aufmerksamkeit, vier von unendlich vielen. Wenn Sie mögen, schreiben Sie doch in einem Kommentar, was Sie tun, um Ihrer Aufmerksamkeit eine Form zu geben. Womit machen Sie gute Erfahrungen? Was sind für Sie gute Weisen, Aufmerksamkeit zu gestalten, im Großen und im Kleinen? Vielleicht bekommen wir eine kleine Sammlung zusammen, nicht als Pflichtenheft, sondern als Ideenbörse und Inspirationsquelle.

Eine große Form gestalteter Aufmerksamkeit – und hier sind wir beim Übergang zur Adventszeit – ist das Kirchenjahr. Es ist eine Einladung, bestimmten Zeiten ein eigenes Gepräge zu geben. Sie dadurch zum Resonanzraum zu machen für das eigene Innere, der jeweils andere Empfindungen zum Schwingen bringt. Das Kirchenjahr ist eine Einladung, seine Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit auf bestimmte Bilder, Geschichten, Gedanken zur richten und zu spüren, was sie mit mir machen.