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Richte dich auf, werde licht

Richte dich auf, werde licht! Denn es kommt dein Licht. Und der Glanz Gottes geht auf über über dir, hell leuchtend.

Dieser kurze Text des Propheten Jesaja ist so etwas wie eine starke Verdichtung, eine konzentrierte Essenz der adventlichen Existenzbilder. Und man kann an ihm sehr gut zeigen, wie tief und vielschichtig diese biblischen Bilder mit dem Leben verbunden sind. Deshalb wollen wir diese Sequenz einmal genau betrachten und beleuchten.

Wir können uns szenisch annähern, wie im Theater oder im Film. Wir sehen einen Menschen, der nicht aufgerichtet ist. Der gebeugt ist, niedergedrückt, der den Blick zu Boden gerichtet hat, der in sich zusammengesunken ist. Vielleicht ist er auch kriecherisch, unterwürfig, jedenfalls nicht aufrecht.

Wir sehen einen Menschen. Auf der Bühne des Lebens sehen wir uns selbst. Wir sehen uns – ich sehe mich – in einem Moment, wo ich den Blick nicht hebe, nicht heben kann. Wo mich etwas niederdrückt, mich etwas in mich selbst hineinkrümmt.

In diese Szene, in diese Situation hinein kommt nun der Ruf: Richte dich auf! Und gleich noch ein zweiter Imperativ hinterher: Werde licht! Man könnte auch übersetzen: Lichte dich! Richte dich auf, lichte dich!

Was heißt das?

Richte dich auf!
Hebe den Blick. Schau nicht länger zu Boden. Hebe den Kopf. Lass ihn nicht länger hängen. Zieh die Schultern zurück, öffne den Brustkorb. Strecke den Rücken, geh nicht länger gebeugt. Setz dich aufrecht hin. Stell dich auf die Beine. Stell‘ dich aufrecht hin. Steh‘ hin: Das bin ich. Das ist mein Leben.

Werde licht!
Lockere die verkrampften Muskeln. Öffne die Faust. Beiß die Zähne nicht länger zusammen. Glätte die gerunzelte Stirn. Vielleicht auch: Lass die Tränen fließen. Lass etwas los, damit dein Leben leichter wird. Die Worte „licht“ und „leicht“ hängen zusammen. Lichte dein Leben aus, wie der Förster den Wald auslichtet. Schaffe so etwas wie seelische Lichtungen.

Warum?
Warum soll ich das tun? Wie soll ich das machen? Mich aufrichten und licht werden: das ist doch nichts, was ich einfach so tun kann, nur weil es mir jemand sagt.

Weil dein Licht kommt.
Hier wechselt die Perspektive. Aus dem Imperativ wird ein Indikativ, eine Aussage. Szenisch gedacht: Es wird ein neuer Akteur angekündigt. Etwas kommt. Ein Licht kommt. Genauer: dein Licht – das Licht dessen, der sich aufrichten soll –kommt. Richte dich auf, werde licht – weil dein Licht kommt.

Vielleicht spüren Sie, was das eigentlich für eine Szene ist, die sich da abspielt. Es ist der Moment, wo ich gewahr werde, dass etwas kommt. Etwas, das für mich bedeutsam ist. Etwas, das für mich so etwas wie Licht ist. Das in mein Leben – in die Situation, in der ich mich gerade befinde und die mich so niederdrückt – mehr Helligkeit und mehr Leichtigkeit bringen kann. Und weil ich das spüre, da kommt etwas, deshalb richte ich mich auf. Weil ich intuitiv merke:  irgendwie fängt es an, klarer und leichter zu werden.

Auf diesen Moment, auf diese existentielle Sekunde, zielt diese adventliche Szene. Und nicht nur diese. Wenn Sie die adventlichen Texte durchsehen, stoßen sie immer wieder auf dieses Motiv. Das Wort „Advent“, das wissen Sie, kommt vom lateinischen adventus (von: ad-venire: an-kommen). Das ist das Existenzthema, das der Advent in den Blick stellen will. Den Moment unmittelbar vor einer Ankunft. Die Situation, wo in meinem Leben etwas im Argen liegt – die Wende zum Besseren aber unmittelbar bevorsteht.

Die Wende zum Besseren? Warum? Woher soll die kommen? Hier gibt es noch einmal einen Perspektivwechsel. Der Blick wendet sich nicht nach vorne, sondern nach oben. Es kommt mein Licht – und dieses Licht speist sich aus dem Glanz Gottes. Glanz Gottes. Herrlichkeit Gottes. Lichtwucht Gottes wäre eine gute Übersetzung. Die Wende kommt, weil Gott auf die Bühne tritt. Genauer: Weil Gottes Licht auf die Bühne strahlt. Weil mein Leben in dieses Licht Gottes getaucht wird – und dadurch nicht nur anders erscheint sondern tatsächlich anders wird.

Aber das nur mal als Ausblick. Das müssen wir noch genauer anschauen, um dieses adventliche Bild richtig auszuleuchten. Soweit mal für jetzt. Bleiben Sie dran.

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