Refounding (1): die Antrittsrede Jesu

Beginnen wollen wir unsere Refounding – Serie mit einer Antrittsrede. Antrittsreden sind beliebte Anlässe für eine Rückbesinnung und Rückversicherung. Der Sprecher stellt sich selbst in eine Tradition und erläutert von hier aus sein Programm für die Zukunft. In manchen gesellschaftlichen Kontexten werden Antrittsreden besonders zelebriert und manche solcher Reden sind berühmt geworden. Die Antrittsrede John F. Kennedys zum Beispiel vom Januar 1961 mit ihrem Kernsatz: Ask not, what your country can do for you – ask, what you can do for your country. 

Auch Jesus hält eine Antrittsrede. Das Lukasevangelium berichtet uns davon, wie Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens (im Alter von etwa 30 Jahren) in der Synagoge seiner Heimatstadt das Wort ergreift und Folgendes sagt:

Der Geist Gottes ist auf mir. Er hat mich gesalbt, um den Armen ein Evangelium – eine gute Kunde – zu bringen; geschickt hat er mich, Gefangenen ihre Freilassung zu verkünden, Blinden eine neue Sicht zu geben, Gebrochene aufzurichten, und auszurufen ein Jahr der Gnade Gottes.

Was Jesus hier sagt, ist selbst schon ein Refounding-Text. Es ist ein freies Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja. Im Original heißt es: Der Geist Gottes ruht auf mir. Gott hat mich gesalbt. Gesandt hat er mich, damit ich den Armen eine frohe Kunde bringe, und alle heile, deren Herz zerbrochen ist. Damit ich den Gefangenen Entlassung verkünde und den Gefesselten Befreiung. Damit ich ein Jahr der Gnade Gottes ausrufe, einen Tag, an dem Gott vergilt. Damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt Verzweiflung.

Im Kern steckt in diesem Text alles drin, was das „Lebensprojekt“ Jesu ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was die Berufung und Verantwortung von Christen ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was den Sinn und die Existenzberechtigung von Kirche ausmacht. Und es steckt in ihm alles drin, was die Caritas zur Caritas macht.

Wozu seid ihr da? Wozu gibt es euch – euren Dienst, eure Organisation, euer Unternehmen, euren Verband? Wozu gibt es euch als Caritas und Diakonie? Um Armen – das heißt: Menschen in Not – ein Evangelium – das heißt: etwas Gutes in Wort und Tat – zu bringen. Es gibt uns, um Menschen, die gefangen sind – in eine Sucht, in ihren kranken oder alten Körper, in ihre Schulden, in ihre zerstörerischen Beziehungen – mehr Freiheit zu verschaffen. Es gibt uns, um Trauernden Trost zu sein. Trost zuallererst dadurch, dass jemand da ist, den dieses Schicksal interessiert. Es gibt uns, um Menschen, denen etwas im Leben zerbrochen ist – eine Beziehung, ein Lebensplan, die Selbstachtung, der Lebensmut – zu heilenden Erfahrungen zu verhelfen. Es gibt uns, um Menschen, die sich wie der letzte Dreck fühlen, spüren zu lassen, dass es in ihnen etwas Schönes, Ganzes, Wertvolles gibt, etwas, das Hochachtung verdient.

Die Liste ließe sich unendlich weiterführen. Jede und jeder, die in Caritas und Diakonie tätig sind – unmittelbar oder mittelbar – kann ihres dazulegen. Ihre Art, „Evangelium“ zu tun und zu sein. In der Beratung, in der Begleitung, am Pflegebett, im Wohnheim, im Jugendhaus und und und… Oder im Hintergrund, in den Meetings, politischen Verhandlungen, Struktur- und Finanzprozessen. Das ist alles ja kein Selbstzweck.

Mir tut es gut, diese Sätze immer wieder einmal zu lesen und auf mich wirken zu lassen. Weil sie eine Dimension in meine Arbeit und mein Leben einspielen, die anders ist als die ganzen selbstbezogenen Fragen, die mich umtreiben und quälen. Solange ich nur für mich selbst – für meinen Erfolg, mein Fortkommen, meinen Ertrag – arbeite und lebe, kann ich eine Erfahrung nicht machen: die Erfahrung von Sinn. Eine Sinnerfahrung mache ich dann, wenn ich spüre: genau dafür lohnt es sich, zu arbeiten. Genau dafür lohnt es sich, etwas von mir zu geben, mich – um das antiquierte Wort zu verwenden – „hinzugeben“. In seiner Antrittsrede sagt Jesus, wofür es sich lohnt. Genau dafür, um Armen – Menschen in Not – etwas Gutes zu bringen und sie nicht allein zu lassen.  

Advertisements

Franz Peter Tebartz-van Elst

Spätestens, wenn die Bildzeitung eine Schlagzeile auf der Titelseite bringt und Günther Jauch dazu eine Talkrunde einberuft, hat es ein Thema geschafft, gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dem Limburger Bauherr Bischof Tebartz-van Elst wird diese gesellschaftliche Aufmerksamkeit derzeit reichlich zuteil.

Der Tenor ist einhellig: moralische Verurteilung auf der ganzen Linie, Entrüstung, Häme und Spott. Daneben und darüber hinaus gibt es auch eine Debatte darüber, was Kirche eigentlich ist oder sein will und welche Rolle Schlichtheit und Bescheidenheit dabei spielen. Wie reich darf oder wie arm muss Kirche sein?

Wie immer, wenn man sich ein wenig mit Themen und noch mehr mit Menschen beschäftigt, merkt man, dass man nur mit schwarz und weiß kein gutes Bild vom Leben zustande bringt. Deshalb seien der Diskussion ein paar Farbtupfer hier beigesteuert.

Einer vielleicht zuerst: Es gibt eine christliche Haltung auch in der Kritik. Auch und gerade dann, wenn man sieht, dass ein Mensch in die Irre geht: er hat ein Recht auf Respekt. Er bleibt ein Mensch mit einer Würde, weil Menschenwürde nichts ist, was man sich erarbeiten muss. Selbstverständlich darf man menschliches Verhalten kritisieren, muss es auch, wenn es offensichtlichen Schaden anrichtet. Und dass das in Limburg der Fall ist, darüber gibt es keinen Zweifel. Selbstverständlich darf man auch öffentlichen Druck aufbauen, wenn eine notwendige Kursänderung anders nicht zu bewerkstelligen ist. Aber man darf einen Menschen nicht dämonisieren. Dämonisieren heißt: ihn auf eine einzige, schlechte Seite reduzieren. Es gibt keinen Menschen, der nur schlecht ist, der nur Schlechtes tut und Schlechtes will. Es gibt keinen Menschen, der nur prunksüchtig ist oder verlogen oder krank. Auch nicht Franz Peter Tebartz-van Elst.

Christliche Kritik gibt es nur mit einem barmherzigen Blick. Der barmherzige Blick sucht zwischen allen Fehlern und aller Schwäche und aller Schuld auch das Gute, das Wertvolle. Unbeirrt und unbeeindruckt von der öffentlichen Stimmung. Der barmherzige Blick frägt nicht nur nach dem, was jemand tut, sondern auch nach dem, was jemand will. Er rechnet damit, dass in vielem unethischen, falschen, bösen Verhalten möglicherweise ein gutes Motiv verborgen ist. Oder vielleicht auch eine Sehnsucht oder ihr verschrecktes Gegenbild: eine Angst. Vielleicht hat ein Mensch Angst, dass Christentum und Kirche nichts gelten, wenn sie nicht in schönem Gewand daherkommen. In einer Welt, in der Status und Repräsentation viel zählen, wäre dies nicht völlig absurd. Vielleicht hat jemand auch Angst, als Mensch nichts zu gelten, wenn seine Rüstung nicht prächtig genug bemalt ist, wenn sie abfällt gegenüber den Rüstungen der Banker, Minister, Wirtschaftsführer. Ich weiß nicht, wie das in diesem konkreten Fall ist, dazu kenne ich den Menschen, den Christen, den Bischof Tebartz-van Elst zu wenig. Aber es kann so etwas geben unter Menschen und wahrscheinlich gibt es das oft und bestimmt gibt es das in meiner Person.

Und hier sind wir beim Thema „Armut“ in der Kirche. In einem früheren Artikel wurde schon einmal über Armut nachgedacht. Armut bedeutet, so wurde gesagt, dass mir etwas fehlt zum guten, glücklichen Leben. Dass mein Eigenes nicht ausreicht, dass ich auf Geschenke angewiesen bin. Was immer das ist – Geld, Lebensmut, Beziehungsfähigkeit, Glück, Gesundheit – mein Eigenes reicht nicht. Armut hat viele Gesichter. Und meist sucht sich der Mensch nicht aus, unter welchem Gesicht ihn die Armut besucht.

Es gibt aber in der Kirche, in der spirituellen Tradition des Christentums etwas ganz Revolutionäres: Armut als selbstgewählte Lebensform. Die christlichen Ordensleute legen drei Gelübde ab und eines davon heißt „Armut“. Sie geloben, ein Leben zu führen, in dem sie auf materiellen Besitz verzichten. Papst Franziskus ist Ordensmann, Jesuit, daran sei erinnert. Er hat ein Leben gewählt, dass in diesem Verzicht eine spirituelle Kraftquelle sieht. Nicht, weil es so schön wäre, nichts zu besitzen. Sondern um zu spüren, dass ich als Mensch mehr bin als das, was ich habe. Um zu spüren, dass ich vielleicht doch bestehen kann ohne all das, was in unserer Gesellschaft so viel zählt: Geld, Status, Prunk. Mehr noch: um zu spüren, ob stattdessen etwas von Gott in mich hineinkommt, was all das aufwiegt und überwiegt. Beim Apostel Paulus klingt das so: „Ich will mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Gottes auf mich herabkommt.“

Wenn mir das Christentum wirklich wichtig ist, wenn es mir wirklich um Kirche geht – dann ist die Frage nach Armut und Besitz ein echter Stachel. Eine Anfrage auch an meine Lebensform und Lebenshaltung. Wie viel Besitz und Prunk und Status brauche ich für das Gefühl, bestehen zu können? Wie fühlt sich für mich der Gedanke an, die prächtigen Rüstungen einmal abzulegen und mich mit meiner menschlichen Nacktheit hinzustellen, nur das zu sein, was ich bin, nicht mehr, nicht weniger? Wie viel innerer Kraft traue ich Gott dann zu, traue ich Gott überhaupt zu? Und dann bin ich plötzlich bei mir, nicht mehr beim und über dem Bischof von Limburg. Dann bin ich bei mir als Mensch – und vielleicht wird mein Herz warm dabei und mein Blick barmherzig. Bestimmt würde das unserer Kirche und unserer Welt gut tun, mehr vielleicht, als die härteste Kritik.