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Den Blick heben (2)

Haben Sie sich die Geschichte genau angeschaut? Haben Sie bemerkt, welche Dynamiken da beschrieben werden? Und wo, wenn man so will, Gott ins Spiel kommt? Ein paar Bemerkungen dazu nun auch von meiner Seite.

Vielleicht beginnen wir mit einer übersetzerischen Präzisierung. Wörtlich heißt es im ersten Satz: … als sie aus Jericho hinausgehend waren der Sohn des Timäus – Bartimäus – , ein blinder Bettler, saß neben dem Weg.
Sehen Sie den Unterschied zur Einheitsübersetzung? Es ist die Reihenfolge: Sohn – Bettler. Um wen geht es? Um den Sohn des Timäus, hebräisch: Bartimäus. Wie heißt er? Keine Ahnung. Auch der Erzähler übernimmt den allgemeinen Blick auf diesen Mann, es ist halt der „Sohn von…“. Und das einzig Persönliche, wenn man es so zynisch formulieren will, das sich über ihn sagen lässt, ist: er ist ein blinder Bettler.

Diese kleine Präzisierung ist in diesem Fall wichtig. Weil es das Thema dieses Mannes ist. Er wird als Person – mit einem eigenen Namen und eigenen Talenten – überhaupt nicht wahrgenommen. Gesehen wird er nur als Sohn – und als Bettler.

Sehen kann er nicht – wir werden noch erfahren, warum. Aber hören. Er hört Jesus – und jetzt müssen wir wieder präzisieren. Wörtlich heißt es: Und hörend, dass es Jesus von Nazaret ist, begann er zu schreien und zu reden. Was fehlt in der Einzeitsübersetzung? Das „er begann“. Das ist aber wichtig. Das, was er hört, wird diesem Mann zu einem Anfang, einem Beginn. Zum Beginn einer Handlung, einer doppelten Handlung: schreien und reden.

Reden, genauer: ansprechen. Er spricht Jesus an. Und wie? Als Sohn. „Sohn Davids“. Er spricht Jesus an in einer Weise, die sein eigenes Thema benennt und in Jesus, wenn man so will, eine Gemeinsamkeit, eine Solidar-Gemeinsamkeit entdeckt. Lass‘ uns reden – von Sohn zu Sohn… Warum? Weil Du mich vielleicht verstehst in meiner Not. Du, Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Nun wechselt die Perspektive. Ein neuer Akteur kommt ins Bild. Die Masse. Wörtlich heißt es: Und viele waren tadelnd ihn, damit er schweige. Die Masse tadelt, macht ihm Vorwürfe, schüchtert ihn ein. Sie möchte ihre Ruhe. Was will denn der? Der soll still sein. Zurück auf deinen Platz am Boden am Straßenrand!

Diesmal aber gelingt die Einschüchterung und Marginalisierung nicht. Er schrie noch viel mehr. Weil er einen konkreten Adressaten hat: Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Jetzt tritt Jesus in Aktion. Und stehen bleibend sagte Jesus… Die erste und wichtigste Aktion in dieser Situation: er bleibt stehen. Stehen bleiben, die Bewegung unterbrechen, den Lauf der Dinge unterbrechen. Und die zweite Aktion, eine Interaktion mit der Masse, ein Befehl: Ruft ihn. Im griechischen Wort dafür steckt der Begriff „Phone“: Stimme. Be-stimmt ihn. Gebt ihm eine Stimme!

Aktion und Interaktion zeigen Wirkung. Sie rufen den Blinden, sagend zu ihm: Hab Mut – präzise: fasse Mut! Erhebe dich! Er ruft dich. Zwei Imperative und ein Indikativ. Fasse Mut! Erhebe dich! Er – eine Person, nicht die Masse – ruft dich.

Nun tritt der Mann wieder in Aktion. Er aber, abwerfend den Mantel, kam zu Jesus. Er verändert, wenn man es so sagen will, seinen Status. Zunächst ändert er etwas, von dem wir jetzt erst erfahren: Er wirft seinen Mantel weg. Er legt seine Verhüllung ab. Er zeigt sich, so, wie er ist. Und so, wie er ist, kommt er zu Jesus.

Und jetzt müssen wir ganz genau hinschauen und präzisieren. Jesus tritt wieder in Aktion. Es heißt aber nicht „er fragte“, sondern „er antwortete“. Und antwortend ihm sagte Jesus: Die Actio liegt aufseiten des Mannes. Und die Reactio aufseiten Jesu. Jesus antwortet auf die, sagen wir: Kontaktaufnahme des Mannes. Er antwortet mit einer direkten, unmittelbaren Anrede an den Mann. Die meisten Übersetzungen stellen inzwischen hier schon heraus, dass es um den Willen dieses Mannes geht, und übersetzen: Was willst du, dass ich dir tue?  Genau besehen ist es, so meine ich, gar kein Fragesatz, sondern eine Aussage: Was du für dich willst, werde ich tun.

Und nun formuliert der Mann seinen Willen. Das, was er selbst für sich will. Für sich als Person mit einem eigenen Willen und einer eigenen Würde. Der Blinde aber sagte zu ihm: Rabbuni, dass ich aufblicke. Das Wort, das verwendet wird, bedeutet nicht einfach „sehen“. Es geht um das Heben des Blicks (ana-blepein). Der Mann ist deshalb blind, weil sein Blick auf den Boden gerichtet ist. Weil er ihn nicht zu heben vermag. Aus Scham vielleicht oder aus Gram. Und das soll jetzt ein Ende haben. Jetzt. In diesem Augenblick. Ich will aufblicken, den Blick heben, und meine Welt und die Menschen darin auf Augenhöhe wahrnehmen.

Ein kleines Detail in dieser Szene ist der Wechsel in der Anrede. Nicht mehr „Sohn Davids“ – von Sohn zu Sohn. Sondern „Rabbuni“. Das „i“ am Ende ist das Personalpronomen, das im Hebräischen angehängt wird: Mein Meister. Keine Leidensgenossenschaft mehr, sondern eine selbst gewählte Beziehungsaussage. Rabbuni, mein Meister.

Und in diesem Moment ist das Wunder geschehen: dass ein Mensch seine Würde spürt und seinem eigenen Willen traut und für sich eintritt. In dem Moment, wo er Jesus ins Angesicht sagt, dass er seinen Blick heben will, da geschieht eben dies. Er hebt den Blick.

Jesus bleibt nur noch, dies lapidar festzustellen. Nicht einfach „geh“, präziser: Verlass dich drauf! Dein Glaube, dein Vertrauen hat dich gerettet.

Und lapidar geht die Geschichte auch zu Ende. Die Geschichte eines Mannes, der beginnt, nach vorne zu schauen. Und geradewegs blickte er auf und folgte ihm auf dem Weg.