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Berufung und Dienst – zwei Gedanken zu Maria 2.0

Am Sonntag ist sie zu Ende gegangen, die große Aktion Maria 2.0. , mit der viele Frauen und Männer für Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche und eine neue, heilsamere Form dieser Kirche und ihrer Pastoral eingetreten sind. Auch in der Caritas gab es dazu Statements und Veranstaltungen. Viel Gutes wurde bedacht und gesagt in diesem Zusammenhang. Zwei Aspekte möchte ich dazulegen oder etwas verstärken. Einen Gedanken zur personalen Dimension von Berufung und einen zum Verständnis und zur Begründung des Amtes als Dienst.

Berufung ist in ihrem Kern ein personales Geschehen. Es ist eine personale Form der Kommunikation, bei der Gott – der personale, das heißt: der liebesfähige Gott – einen Menschen als Person in eine bestimmte Form der Nachfolge, das heißt: der Weggemeinschaft – nehmen möchte. Es gibt viele Formen der Nachfolge, viele Formen der Weggemeinschaft, viele Formen, wie die personale Berufung durch Gott konkret wird. Jeder Mensch hat eine – ihre und seine – Berufung. Jede gibt es so nur dieses eine Mal, weil es das Leben eines konkreten Menschen nur dieses eine Mal gibt. Immer aber ist die Berufung ein Geschehen von Person zu Person.

Die Identität einer Person bildet sich von innen heraus. Die verschiedenen Ebenen, auf denen ein menschliches Leben spielt  – physikalische, biologische, psychische, soziale, geistige und viele mehr – bilden ein Ganzes, sie werden von innen heraus zu einer Ganzheit geformt.  Menschsein, Personsein ist von innen heraus durchformte Existenz. Ich bin – auf der physikalischen Ebene betrachtet – eine schwere Masse, auf die verschiedene Kräfte wirken. Ich bin – auf der biologischen Ebene betrachtet – ein lebendiges Wesen, d.h. ein Wesen, das über die Fähigkeit von Selbsterhalt und Selbstbewegung verfügt. Ich bin – auf der psychologischen Ebene – ein Wesen, das bestimmte Gefühle hat. Ich bin ein Wesen, das bestimmte Gedanken denkt. Ich bin ein Wesen, das geschlechtlich ist, mit all dem, was dazu gehört. Aber all das und noch viel mehr bin ich in einer bestimmten Weise. All das ist von innen heraus zu einer Ganzheit geformt. Ich bin eben nicht nur Masse, Lebewesen, Mensch, Mann, sondern ich bin all das in einer einzigartigen, personalen Weise. In und aus all dem bin ich eine Person, ein Ich.

Die christliche Anthropologie (= Lehre vom Menschen) geht sogar noch weiter. Für sie ist der letzte, tiefste, heiligste Kern meiner selbst etwas, das über diese Welt hinausgeht. Es ist eine personale Form Gottes selbst. In meinem tiefsten Innern bin ich als Person im personalen Leben Gottes selbst gegründet. Paulus versucht diesen radikalen Gedanken in Worte zu fassen, wenn er schreibt: Ich lebe. Aber nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.

Wenn Berufung ein personales Geschehen ist, dann heißt es: Gott ruft nicht den physikalischen Körper, den Organismus, den Mensch, den Mann, sondern er ruft in alldem und mit alldem und durch alldas mich als Person. Er ruft mich als Person, die in ihm selbst gegründet ist. Diese existentielle, spirituelle Tiefe von Berufung sollte man sich, so meine ich, vor Augen halten. Und dann fragen, ob die Geschlechtergrenze wirklich ein angemessenes und legitimes Kriterium ist, um konkrete Berufungen zu scheiden.

Ein Zweites, das Verständnis des Amtes als Dienst. Das Zweite Vatikanum hat große Anstrengungen unternommen, den Dienstcharakter – oder wenn Sie es schärfer wollen: die Funktionalität – des Amtes in den Blick zu stellen. Es entwickelt die ganze Kirchenlehre von der Perspektive des Volkes Gottes her. Menschen unterwegs, pilgerndes Gottesvolk. Jede und jeder ist Ebenbild Gottes, erfüllt von seinem Heiligem Geist. Jede und jeder ist unterwegs mit einer eigenen, personalen Berufung. Und manche haben dabei die Aufgabe, die Pilgernden in ihrer Berufung zu stärken. Sie haben die Aufgabe, sie zu unterstützen, dass sie Gottes Heiligen Geist in sich spüren und daraus immer neue Kraft schöpfen können. Diese Aufgabe, Menschen in ihrer eigenen geistlichen, spirituellen Existenz zu stärken, kann man „geistliches Amt“ nennen. „Um Gottes Volk zu weiden und immerfort zu mehren hat Christus in seiner Kirche verschiedene die Dienste eingesetzt…“ heißt es etwas getragener in den Worten des Zweiten Vatikanums. Das „um – zu“ ist das Entscheidende. Diese Dienste sind kein Selbstzweck, sondern sie begründen sich aus ihrem Nutzen für das pilgernde Gottesvolk. Deshalb und nur deshalb gibt es diese Dienste.

Diesem funktionalen Dienstverständnis ist eine „Hermeneutik des Dürfens“ völlig fremd. Es geht nicht darum, wer wann etwas – lesen, beten, machen, entscheiden – darf, sondern wer einen Dienst leisten kann oder nicht. Eine Person, die eine andere in ihrem Glauben, ihrem geistlichen Leben unterstützen kann, hat eben darin ihre geistliche Berufung. Manche entscheiden sich, dafür einen großen Teil der Lebenszeit einzusetzen. Und manchmal, wie in Deutschland, sind die Rahmenbedingungen so, dass daraus ein Beruf werden kann, der das Auskommen sichert. Aber nie geht es in dieser Betrachtungsweise darum, etwas zu dürfen oder nicht zu dürfen. Was ist geschehen, dass diese Hermeneutik des Dürfens in die Diskussion um Dienste, Ämter, Weihen hineingekommen ist? Was ist geschehen, dass die Frage, wie wir einander im Leben und im Glauben stärken und begleiten können, an den Rand geraten ist? Und stattdessen die Fragen in den Mittelpunkt getreten ist: Wer darf in dieser Kirche was? Dass sogar die Frage in den Mittelpunkt kommen konnte: Was darf in dieser Kirche nur eine Handvoll Männer, sonst keiner und schon gar keine Frau?