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Spirituelles Leben (3): gebildete Aufmerksamkeit

P1040619-3Eine interessante Perspektive auf der Suche nach der Spiritualität, nach einem spirituellen Leben bringt der evangelisch-katholische Theologe Fulbert Steffensky (geb. 1933) ein. Eines seiner Bücher heißt „Schwarzbrot-Spiritualität“ (Stuttgart 2006) .

 

Es geht ihm darin um eine Spiritualität, die sich nicht in ein paar außerordentlichen „spirituellen Erfahrungen“ erschöpft oder ständig mit sich selbst beschäftigt ist. Er möchte eine Spiritualität, die alltagstauglich ist, für jeden Menschen nicht nur für ein paar Auserwählte. Es soll eine Spiritualität sein, die Kraft gibt und das Leben wirklich nährt, Schwarzbrot eben, keine Sahnetorte.

Steffenskys Schlüsselbegriff für eine solche Schwarzbrot – Spiritualität ist „gebildete Aufmerksamkeit“. Was bedeutet das? Zunächst heißt es: Spiritualität hat etwas mit Aufmerksamkeit zu tun. Es geht um eine bestimmte Art, etwas – oder jemand oder mich selbst – wahrzunehmen. Er schreibt: „Es gibt (…) einen Vorhof der ausdrücklich religiösen Spiritualität, es ist die Aufmerksamkeit im alltäglichen Leben. Bin ich fähig, wahrzunehmen und zu empfinden? Wie lese ich die Schmerzen der Menschen und wie lasse ich mich von ihnen berühren? Wie gehe ich mit den Dingen des alltäglichen Lebens um? Bin ich fähig, sie als Gaben zu ehren, oder bin ich ausschließlich Benutzer und Verfüger der Welt?“ (19)

Man sieht, worauf es ihm ankommt. Es geht um eine Aufmerksamkeit für den Eigenstand, die Würde der Dinge, der Ereignisse und, ausblickend, noch viel mehr der Menschen. Es geht um einen Blick, der nicht nur betrachtet unter der Rücksicht: Wozu kann ich das brauchen? Wie kann ich das nutzen? Was hat das mit mir zu tun? Sondern der zunächst einmal wahrnimmt, was ist.

Einfach wahrzunehmen, was ist, ist nicht so simpel, wie es sich anhört. Vielleicht kennen Sie das: wenn man innerlich oder äußerlich ständig am Reagieren ist. Einer sagt etwas, und ich entwickle im Innern bereits die Gegenrede. Einer zeigt etwas, und ich stelle sofort Vergleiche an mit meinen eigenen Bildern. Einer stellt sich vor, und alles, was ich sehe und höre ist: kann ich vor diesem Mensch bestehen? Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ich nehme gar nicht wirklich wahr, weil die Aufmerksamkeit zu stark auf mich selbst gerichtet ist. Deshalb wird der erste Schritt sein und sein müssen, die Selbstbezogenheit abzulegen. „Es kann wohl nur der ein spiritueller Mensch werden, der die lebenserleichternde Kunst gelernt hat, sich zu vergessen und sich selber nicht zu beabsichtigen.“ (19)

Was für eine schöne Formulierung: die lebenserleichternde Kunst, sich selber nicht zu beabsichtigen. Wie aber lernt man das? Wie bekommt man echte Aufmerksamkeit? Wie bekomme ich einen Blick, der wirklich wahrnimmt? Ein solcher Blick, eine solche Art der Aufmerksamkeit, ist nicht einfach da. Es ist das Ergebnis eines Prozesses der (Selbst-)Bildung. Steffensky schreibt: „Spiritualität ist gebildete Aufmerksamkeit. Der Mensch besteht nicht nur aus seiner eigenen Innerlichkeit und aus seinen guten Absichten. (…) Wie macht man sich deutlich und langfristig in seinen Absichten? Wie betreibt man das Handwerk der Spiritualität? Ja, Spiritualität ist Handwerk, sie besteht nicht aus der Genialität von religiösen Sonderbegabungen. Man kann das Handwerk lernen, wie man kochen und nähen lernen kann.“ (19 f.)

Spiritualität als Handwerk. Als Handwerk, das man erlernen kann. Es gibt ein paar Regeln, die hilfreich sind für dieses Handwerk, diese Kunst. Regeln, die Aufmerksamkeit zu bilden. Welche dies sind, was Fulbert Steffensky hier vorschlägt, darüber mehr im nächsten Beitrag.

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