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Cloud 7

Der heutige Impuls kommt diesmal aus meinem Freizeitsportbereich, dem Gleitschirmfliegen. Derzeit laufen die Red Bull X-Alps, ein Rennen, das aus gutem Grund als „the world’s toughest adventure race“ bezeichnet wird. Die Athleten legen eine Strecke von Salzburg nach Monaco ausschließlich mit dem Gleitschirm fliegend oder – den Gleitschirm auf dem Rücken tragend – zu Fuß zurück. Dabei sind zwölf Wendepunkte zu erreichen, darunter Zugspitze, Eiger und Montblanc. Mehrmals wird der Alpenhauptkamm überquert. Die Strecke misst in direkter Linie bereits 1.200 km, je nach Wetterbedingungen und Routenwahl werden es für die finisher 1.500 oder 1.600 km. Die Athleten fliegen an manchen Tagen über zweihundert Kilometer weit und sind dafür zehn Stunden in der Luft. Manche steigen an einem Tag zu Fuß mehr als 5.500 Höhenmeter auf. Wenn Sie sich einen Eindruck verschaffen wollen, schauen Sie mal rein unter www.redbullxalps.com

Und scheinbar hat das alles erstmal wenig mit christlichem Geist in sozial-caritativen Unternehmen zu tun. Aber vor ein paar Tagen gab es ein Ereignis, das mir ein Musterbeispiel für gelebte caritas zu sein scheint. Der auf Platz drei liegende österreichische Athlet Paul Guschlbauer steuerte am Abend eines extrem anstrengenden Tages – Aufstieg im Schnee auf mehr als 3.200 Meter, sehr schwierige und gefährliche Flugbedingungen, viele Kilometer Marsch im strömenden Regen – das Vereingelände eines schweizerischen Paraglidingclubs an. Dort waren alle versammelt, um die X-Alps zu verfolgen. Der österreichische Athlet wurde freundlich aufgenommen, sie kochten ihm ein Abendessen, bereiteten ihm ein Nachtlager und machten sich daran, seinen tropfnassen Schirm zu trocknen. Am Morgen konnte er gestärkt und mit wieder einsatzfähigem Material sein Rennen fortsetzen.

Das alleine wäre schon ein schönes Beispiel dafür, wie Menschen sich umeinander kümmern – das ist die Grundbedeutung des Wortes „caritas“: sich kümmern – , ein Beispiel, wie Gastfreundschaft und Solidarität konkret aussehen. Berührend war dabei aber noch etwas. Der Paragleiterclub, bei dem der österreischische Topathlet Aufnahme fand, war der seines härtesten Konkurrenten, des in Führung liegenden Schweizer Titelverteidigers Chrigel Maurer.

Ich finde das ein tiefsinniges Bild. Die Clubmitglieder wurden in dieser Nacht keine Fans des Österreichers. Sie hielten die Daumen weiterhin für ihren Athleten gedrückt. Aber sie haben sich trotzdem solidarisch gezeigt. Aus Respekt vor der Leistung des Athleten und aus Sensibilität für das, was ein Mensch als Mensch in einer solchen Situation an Hilfe bedarf und an Unterstützung verdient. Und so wurde der Hangar in dieser Nacht ein heilsamer und inspirierender Lebensort.

Der Club hatte übrigens einen, wenn man so will, theologieaffinen Namen: Cloud 7.

Armen ein Evangelium bringen

Der Geist Gottes ist auf mir. Er hat mich gesalbt, ein Evangelium zu bringen den Armen; geschickt hat er mich, zu verkünden den Gefangenen Freilassung und den Blinden neue Sicht, auszusenden Gebrochene in Freiheit, auszurufen ein Gnadenjahr Gottes.

Mit dieser programmatischen Rede tritt Jesus im Alter von etwa dreißig Jahren in das Licht der Öffentlichkeit. Jesus zeigt damit an, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Armut und Evangelium. Oder wenn wir es anders formulieren wollen: dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Kirche und Caritas.

„Armut“ ist ein existenzieller Begriff. Er meint mehr als  fehlende Geldmittel, auch mehr als materielle Not. Armut kann sich in allen Dimensionen des Menschseins zeigen. Arm ist ein Mensch, wo er an einem Mangel an Lebensmöglichkeiten leidet. Oder wie es in der modernen Diskussion heißt: Armut ist ein Mangel an Verwirklichungschancen (capability deprivation; Amartya Sen u.a.).

Jesus wendet sich mit dem, worum es ihm geht, an Menschen, deren Lebensmöglichkeiten – momentan über überhaupt – für ein gutes, glückliches, erfülltes Leben nicht ausreichen. Zeit seines Lebens sucht Jesus Kontakt zu diesen Armen, zu Menschen, die gelähmt sind, geblendet, krank, hungrig, heimatlos, beschämt, besessen oder tot an Herz und Seele. Manchen von ihnen wird er in einer konkreten Notlage helfen, sie heilen oder befreien. Allen aber bringt er ein Evangelium – das heißt: eine gute Nachricht, ein Wort, ein Zeichen, das für sie etwas Gutes ist.

Was hat das mit Kirche und Caritas zu tun? Nun, zunächst ruft es in Erinnerung, dass Jesus mit dem, was er sagt oder tut oder vermittelt, auf bestimmte Existenzsituationen reagiert. Auf Situationen, in denen ein Mensch in Not ist. Auch wenn es zuweilen vergessen worden ist: Das Christentum, die christiche Botschaft ist nicht primäer eine moralische Pflichtenlehre oder ein selbstreferetielles Gedankengebäude, sondern eine Antwort auf menschliche, personale, existentielle Not.

Wenn wir die biblischen Geschichten aus dieser Perspektive lesen, werden wir bemerken, wie vielschichtig die Notlagen sind, die darin beschrieben werden. Wie genau oft auch die inneren Kämpfe und Leiden beschrieben sind, in die diese Notlagen die Menschen bringen. Immer aber geschieht in diesen Geschichten dann etwas. Immer machen die Menschen eine Erfahrung, die ihnen in dieser Situation weiterhilft. Und immer bringen sie diese Erfahrung mit Gott in Verbindung. Sie erleben sie als Gottes Kraft, Gottes Beistand, Gottes Trost, Gottes Rat, Gottes Geleit.

Caritas – als innere Haltung – bedeutet: sensibel sein für menschliche Not, ein warmes, mitfühlendes Herz haben für menschliche Armut in ihrer ganzen Vielschichtigkeit. Und Kirche – als Ereignis – bedeutet: in Kontakt sein mit Gottes heilsamer Kraft. Wenn es Jesus also darum ging, Menschen in Not wahrzunehmen und mit Gottes Kraft in Verbindung zu bringen – dann gehören Caritas und Kirche zusammen.

Ich möchte mit Ihnen in den nächsten Einträgen einmal ein paar dieser existentiellen Geschichten – von menschlicher Not und Gottes stärkender, tröstender, helfender Kraft -anschauen. Sie können für Menschen in der sozialen Arbeit, so meine ich, inspirierend sein und ermutigend und nicht selten auch entlastend und befreiend.