Präsidentschaftskandidat mit Caritaskrawatte?

Viele haben es bemerkt. Ein Aufschrei gellte durch die Caritaslandschaft. Ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat hat jüngst bei einer umstrittenen Rede eine Krawatte getragen, die der Caritaskrawatte zumindest äußerst ähnlich sieht.

screenshot  - spiegel online

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Trump - caritas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass dieser Kandidat kein Mitarbeiter einer Caritasorganisation ist, und seine Positionen mit Überzeugungen christlicher Caritas häufig nicht übereinstimmen.

 

 

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Ist das christliche Profil marketingtauglich?

LogosDie Profildiskussion boomt. Kaum ein caritatives Unternehmen aufseiten von Caritas und Diakonie hat in den letzten Jahren nicht einen Profilbildungsprozess durchlaufen, Profilberaterinnen und -berater sind unterwegs, es gibt Regale voll Fachliteratur zur Profilfrage, Förderprogramme zur christlichen / kirchlichen / konfessionellen Profilstärkung werden aufgelegt.

Es gibt viele gute Gründe, nach dem eigenen Profil zu suchen – als diakonisches Unternehmen, als caritative Stiftung oder als sozialer Verband. Und sicherlich ist es auch gut, wenn im Kontext von Caritas und Diakonie dabei die christlichen und kirchlichen Fundamente (wieder-)entdeckt werden, wenn die eigene Spiritualität gesucht und gepflegt wird, damit ein wahrhaft christlicher – d.h. ein heilsamer und heilmachender – Geist die Einrichtungen und Dienste prägt.

Eines allerdings sollte man dabei bedenken: als Marketinginstrument, mit dem sich Anteile im umkämpften Sozialmarkt erobern und sichern lassen, taugt das Christentum nicht. Nur auf den ersten Blick trägt das „christliche Profil“ zur Imagebildung der „Marke Caritas“ bei, nur vordergründig erscheint es als Alleinstellungsmerkmal, als „unique selling point“, um Kunden an uns zu binden.

Ein Alleinstellungsmerkmal muss – deshalb heißt es so – dazu dienen, sich von anderen abzugrenzen, das Besondere und Einzigartige des Eigenen herauszustellen. Es muss etwas sein, was die anderen nicht haben oder nicht können, zumindest nicht so gut. In der Industrie sind es oft streng geheime Rezepte oder vielfach patentgeschützte Verfahren, exklusive Konstruktionspläne oder einzigartige Datensammlungen, die die Alleinstellung begründen. Durch emotionale Aufladung wird daraus ein symbolischer Mehrwert generiert, es entsteht die möglichst unverwechselbare Marke, das eigentliche Kapital des Unternehmens. Das Ganze wird eifersüchtig bewacht, gegen Spionage verteidigt, von Plagiaten abgegrenzt, durch Scharen von Anwälten juristisch abgesichert. Die Hintergrundbotschaft ist immer: Ganz anders und viel besser als alle anderen.

Viele Diskussionen in Caritas und Diakonie kreisen um dieses Thema. Was ist unser Alleinstellungsmerkmal? Worauf können wir verweisen, um die „Marke Caritas“ mit ihren vielen Submarken („Stiftung X“, „E.V. Y“, „Klinikverbund Z“…) als starke Marke aufzubauen und im (Kunden-)Bewusstsein zu platzieren? Was machen wir anders als das Rote Kreuz oder die AWO? Und ganz anders als die privaten Träger?

„Wir sind eine christliche Organisation“, tönt es dann oft schnell. „Grundlage unserer Arbeit ist das christliche Menschenbild. Wir haben eine Spiritualität, die in einer langen Tradition steht. Das Christliche, das ist unser Alleinstellungsmerkmal, darauf müssen wir verweisen – in Broschüren, Internetauftritten, Prospekten, in öffentlichen Stellungnahmen und nicht zuletzt in den Gesprächen mit unseren Klienten, Kunden und Geldgebern.“

Der erste Enthusiasmus, den „unique selling point“ der Caritas identifiziert zu haben, erhält allerdings nicht selten einen gewissen Dämpfer, wenn man darangeht, „das Christliche“ genauer zu beschreiben. Der Mensch, so wird gesagt, steht für die Christen im Mittelpunkt. Der Mensch mit einer unantastbaren Würde und mit Rechten, die er sich nicht verdienen muss und die er nicht verlieren kann. Für Menschenwürde und Menschenrecht einzutreten, unbedingt, ohne Wenn und Aber, das ist christlich. Und christlich ist, Menschen in Not zu helfen, sie wahrzunehmen als Personen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, und versuchen, sie zu unterstützen, damit ihr Leben gelingt.

Wohl wahr. Für Menschenwürde und Menschenrecht einzutreten, das ist christlich. Not sehen und handeln: das ist christlich. Personen auf Augenhöhe zu begegnen, ganz gleich, was sie getan haben und was aus ihnen geworden ist: das ist christlich. Aber: Tun das andere nicht auch? Nimmt das Rote Kreuz nicht auch Menschen in Not ernst und hilft ihnen? Begegnen die Sozialarbeiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbands ihren Klienten nicht auch auf Augenhöhe? Achten die Pflegerinnen der AWO die Würde der alten Menschen nicht auch? Sind sie nicht alle auf ihre Weise – auch wenn sie das vielleicht nicht so nennen würden – in christlichem Geist unterwegs?

Doch. Sie alle, alle, die für Menschenwürde und Menschenrecht eintreten, sind auch in christlichem Geist unterwegs. Gott sei Dank! Wenn es nur jeder Mensch wäre, ganz gleich, welcher Organisation, welcher Gruppe, welcher Nation, Kultur oder Religion er angehört. Ein echter Christ wird sich daran freuen, auch anderswo christlichen Geist zu finden. Er wird diesen Geist würdigen und fördern, gleich wo und in welcher Gestalt er ihn antrifft.

Hier spätestens sieht man, warum das Christentum nicht als Marketinginstrument taugt. Ziel des Christentums ist gerade nicht die Exklusivität, die Alleinstellung, sondern die Universalität. Das Christentum ist keine Firma, die Kunden an sich bindet, es ist kein Club, der Mitglieder wirbt. Das Christentum ist eine Bewegung, die die Welt verwandeln will. Verwandeln hin zu mehr Liebe und mehr Lebendigkeit, zu einem „Leben in Fülle“. Und wo immer etwas geschieht, was die Liebe und das Leben mehrt, da weiß der Christ Gottes Heiligen Geist am Werk.

Leicht zu schlucken ist dieses universale Grundprinzip des Christentums – sein wahrhaft „katholischer“, das heißt: allumfassender und ganzheitlicher Charakter – nicht immer. Schon die Apostel hatten damit ihre Schwierigkeiten. Das Markusevangelium (Mk 9, 38-40) berichtet, wie sie zu Jesus kommen und sich eifersüchtig beklagen: „Meister, wir sahen einen, der in deinem Namen böse Geister ausgetrieben hat. Und wir hinderten ihn daran, weil er uns nicht nachfolgte.“ Mit anderen Worten: Er war in christlichem Geist unterwegs und hat Gutes bewirkt, obwohl er kein Mitglied unserer Organisation ist. Das darf er doch nicht! Die Antwort Jesu ist aus Perspektive des Sozialmarketings eine schlichte Katastrophe: „Hindert ihn nicht daran. Wer nicht gegen uns ist – der ist für uns!“

Mehr lässt sich dazu nicht sagen. Wer nicht gegen uns ist, ist für uns. Wer nicht gegen Menschenwürde und Menschenrecht ist, der ist für uns, der ist in christlichem Geist unterwegs. Wir sind es auch. Das ist unser christliches Profil. Wir pflegen diesen Geist, gestalten und fördern eine Spiritualität, die unsere Einrichtungen und Dienste zum „Raum für Heilung und Heil“ (Bischof Dr. Gebhard Fürst) werden lässt. Wir tun das nicht, um uns dadurch von anderen abzugrenzen. Wir tun es, weil es uns wirklich wichtig ist.

Gönne dich dir selbst

Relax-kleinKürzlich bin ich auf einen Brief gestoßen. Er wurde bei einer Caritastagung verlesen. Und es war ganz so, als wäre er für genau diesen Anlass geschrieben worden. Für Menschen in der sozialen Arbeit. Für Menschen, die sich engagieren, die Verantwortung übernehmen, die sich rühren lassen von Not und Elend. Menschen, die da sein wollen für andere. 

Das stand drin in diesem Brief:

„Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei: wenn Du jetzt nicht erschrickst, ist Dein Herz schon so weit.

Das harte Herz ist allein; es ist sich selbst nicht zuwider, weil es sich selbst nicht spürt. Was fragst Du mich? Keiner mit hartem Herzen hat jemals das Heil erlangt, es sei denn, Gott habe sich seiner erbarmt und ihm, wie der Prophet sagt, sein Herz aus Stein weggenommen und ihm ein Herz aus Fleisch gegeben.

 Wenn Du Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben? Darin lobe ich Dich nicht. Ich glaube, niemand wird Dich loben, der das Wort Salomons kennt: „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit“ (Sir 38,25). Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht.

Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1. Kor 9,22), lobe ich Deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt sein, wenn Du Dich selber verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn, was würde es Dir nützen, wenn Du – nach dem Wort des Herrn (Mt 16,26) – alle gewinnen, aber als einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nicht von Dir alles haben? Wie lange bist Du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78,39)? Wie lange noch schenkst Du allen anderen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selber?

Ja, wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“

Geschrieben wurde er im zwölften Jahrhundert. Von einem Mönch, Bernhard von Clairvaux. Adressat war eine gestresste kirchliche Führungskraft, Papst Eugen III.

 

 

Refounding (1): die Antrittsrede Jesu

Beginnen wollen wir unsere Refounding – Serie mit einer Antrittsrede. Antrittsreden sind beliebte Anlässe für eine Rückbesinnung und Rückversicherung. Der Sprecher stellt sich selbst in eine Tradition und erläutert von hier aus sein Programm für die Zukunft. In manchen gesellschaftlichen Kontexten werden Antrittsreden besonders zelebriert und manche solcher Reden sind berühmt geworden. Die Antrittsrede John F. Kennedys zum Beispiel vom Januar 1961 mit ihrem Kernsatz: Ask not, what your country can do for you – ask, what you can do for your country. 

Auch Jesus hält eine Antrittsrede. Das Lukasevangelium berichtet uns davon, wie Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens (im Alter von etwa 30 Jahren) in der Synagoge seiner Heimatstadt das Wort ergreift und Folgendes sagt:

Der Geist Gottes ist auf mir. Er hat mich gesalbt, um den Armen ein Evangelium – eine gute Kunde – zu bringen; geschickt hat er mich, Gefangenen ihre Freilassung zu verkünden, Blinden eine neue Sicht zu geben, Gebrochene aufzurichten, und auszurufen ein Jahr der Gnade Gottes.

Was Jesus hier sagt, ist selbst schon ein Refounding-Text. Es ist ein freies Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja. Im Original heißt es: Der Geist Gottes ruht auf mir. Gott hat mich gesalbt. Gesandt hat er mich, damit ich den Armen eine frohe Kunde bringe, und alle heile, deren Herz zerbrochen ist. Damit ich den Gefangenen Entlassung verkünde und den Gefesselten Befreiung. Damit ich ein Jahr der Gnade Gottes ausrufe, einen Tag, an dem Gott vergilt. Damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt Verzweiflung.

Im Kern steckt in diesem Text alles drin, was das „Lebensprojekt“ Jesu ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was die Berufung und Verantwortung von Christen ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was den Sinn und die Existenzberechtigung von Kirche ausmacht. Und es steckt in ihm alles drin, was die Caritas zur Caritas macht.

Wozu seid ihr da? Wozu gibt es euch – euren Dienst, eure Organisation, euer Unternehmen, euren Verband? Wozu gibt es euch als Caritas und Diakonie? Um Armen – das heißt: Menschen in Not – ein Evangelium – das heißt: etwas Gutes in Wort und Tat – zu bringen. Es gibt uns, um Menschen, die gefangen sind – in eine Sucht, in ihren kranken oder alten Körper, in ihre Schulden, in ihre zerstörerischen Beziehungen – mehr Freiheit zu verschaffen. Es gibt uns, um Trauernden Trost zu sein. Trost zuallererst dadurch, dass jemand da ist, den dieses Schicksal interessiert. Es gibt uns, um Menschen, denen etwas im Leben zerbrochen ist – eine Beziehung, ein Lebensplan, die Selbstachtung, der Lebensmut – zu heilenden Erfahrungen zu verhelfen. Es gibt uns, um Menschen, die sich wie der letzte Dreck fühlen, spüren zu lassen, dass es in ihnen etwas Schönes, Ganzes, Wertvolles gibt, etwas, das Hochachtung verdient.

Die Liste ließe sich unendlich weiterführen. Jede und jeder, die in Caritas und Diakonie tätig sind – unmittelbar oder mittelbar – kann ihres dazulegen. Ihre Art, „Evangelium“ zu tun und zu sein. In der Beratung, in der Begleitung, am Pflegebett, im Wohnheim, im Jugendhaus und und und… Oder im Hintergrund, in den Meetings, politischen Verhandlungen, Struktur- und Finanzprozessen. Das ist alles ja kein Selbstzweck.

Mir tut es gut, diese Sätze immer wieder einmal zu lesen und auf mich wirken zu lassen. Weil sie eine Dimension in meine Arbeit und mein Leben einspielen, die anders ist als die ganzen selbstbezogenen Fragen, die mich umtreiben und quälen. Solange ich nur für mich selbst – für meinen Erfolg, mein Fortkommen, meinen Ertrag – arbeite und lebe, kann ich eine Erfahrung nicht machen: die Erfahrung von Sinn. Eine Sinnerfahrung mache ich dann, wenn ich spüre: genau dafür lohnt es sich, zu arbeiten. Genau dafür lohnt es sich, etwas von mir zu geben, mich – um das antiquierte Wort zu verwenden – „hinzugeben“. In seiner Antrittsrede sagt Jesus, wofür es sich lohnt. Genau dafür, um Armen – Menschen in Not – etwas Gutes zu bringen und sie nicht allein zu lassen.  

Refounding

Beim diesjährigen Forum Caritas und Theologie in Frankfurt trat ein Begriff in den Blick, der derzeit im Kontext von Organisations- und Unternehmensentwicklung neu entdeckt wird und der auch in der Politik eine wichtige Rolle spielt: REFOUNDING.

Impulsgeber war der Theologe und Unternehmensberater Meinrad Bumiller. Ein Interview mit ihm, worin er auf die Idee des „Refoundings“ eingeht, finden Sie hier .

Der Begriff „refounding“ ist zusammengesetzt aus der Vorsilbe „Re“ und „founding“. „Re“ bedeutet auf Deutsch „zurück“. In „Founding“ steckt „Found“: Grund, Fundament.  Refounding beschreibt einen Prozess der Neuausrichtung und Neuformung durch Bezug auf sein eigenes Fundament. Refoundingprozesse fragen an einer bestimmten Stelle der Entwicklung – eines Unternehmens oder einer Partei zum Beispiel – neu nach dem eigenen Grund. Warum wurden wir eigentlich ge-gründet? Welche Idee hatten unsere Gründer? Und was können wir daraus heute lernen? Was können wir daraus lernen für unser Selbstverständnis, unser Qualitätsverständnis, unsere Unternehmenskultur?

Auch der Caritas und ihren Organisationen und Unternehmen tut ein Refounding von Zeit zu Zeit gut. Oft ist die sozialpolitische und unternehmerische Entwicklung und Differenzierung weit fortgeschritten. Gerade dann ist es wichtig und gut, sich an die Gründungsgestalten und Gründungsideen zu erinnern. Was ist der Grund, weswegen es uns gibt? Was ist der Grund, in dem wir unsere Wurzeln haben? Was können wir lernen von unseren Gründerinnen und Gründern mit ihren Ideen und Wertvorstellungen? Was können wir lernen und wie können wir uns neu verwurzeln? Und wie können wir aus unseren Wurzeln neu Kraft schöpfen? Als Organisation, Unternehmen, als Einrichtung, Abteilung und Team? Und auch ganz persönlich als Mitarbeiterin und Mitarbeiter der Caritas?

Um solche Fragen geht es in der neuen Kategorie „Refounding“ in diesem Blog. Sie finden darin verschiedene Auseinandersetzungen mit unserem biblischen Ursprung, mit unserer Gründungsgestalt Jesus von Nazareth und seiner Art, mit Menschen umzugehen, besonders mit denen, die gebrochen sind und ausgegrenzt. Was können wir lernen daraus, heute, für unsere Arbeit in Caritas und Diakonie?

 

Zwischenruf: Islamischer Wohlfahrtsverband?

Gestern wurde vom Bundesinnenminister die neue Runde der deutschen Islamkonferenz eingeleitet. Ein Schwerpunkt der Beratungen soll die Frage nach einem Islamischen Wohlfahrtsverband “nach dem Vorbild von Caritas und Diakonie” sein. In diesem Zusammenhang wurde nun schon mehrfach von führenden Vertretern sowohl der Islamischen Verbände als auch der Politik eine Argumentation vorgetragen, die ein gravierendes Missverständnis enthält. Deswegen dieser Zwischenruf.
Es wird argumentiert, der Islamische Wohlfahrtsverband solle für Muslime soziale Hilfeleistungen organisieren, so wie es Caritas und Diakonie für die evangelischen und katholischen Christen / Kirchenmitglieder täten. Das ist ein gravierender Irrtum. Caritas und Diakonie sind nicht Wohlfahrtsverbände für die Kirchenmitglieder! Sie sind keine Lobbygruppe, die ihre eigenen Leute versorgt. Caritas und Diakonie leisten soziale Arbeit für Menschen in Not, für alle Menschen, die sich in ihrer Not an sie wenden. Für alle Menschen mit ihrer jeweiligen weltanschaulichen und spirituellen Beheimatung.
Sie tun das – das ist ihr christliches Profil – aus christlicher Motivation und auf Grundlage eines christlichen Menschenbildes. Das heißt: sie helfen Menschen in Not, weil es für Christen zur menschlichen Würde gehört, das niemand mit seiner Not allein gelassen wird. Weil es für sie zur menschlichen Verantwortung gehört, nicht vorbeizugehen, wenn jemand am Boden liegt. Weil sie in jedem Menschen, ganz gleich welche Brüche sein Leben hat, ein Ebenbild Gottes sehen. Deshalb machen Caritas und Diakonie soziale Arbeit. Aber sie machen sie für jeden Menschen, nicht für die eigenen Mitglieder.
Wenn der Islam dieses Motiv auch kennt, wenn es für Muslime wichtig ist, aufgrund ihres Menschenbildes und ihres Verantwortungsbewusstseins Menschen in Not zu helfen, dann kann die Gründung eines eigenen Wohlfahrtsverbands ein guter Schritt sein. Oder wenn eine Notlage gesehen wird, auf die muslimische sozial Engagierte mit besonderer Sensibilität reagieren können, auch dann ist ein solcher Wohlfahrtsverband eine Bereicherung.
Wenn es aber vorwiegend darum geht, die soziale Versorgung von Muslimen sicherzustellen, dann ist zumindest der Hinweis, dies geschehe “nach dem Vorbild von Caritas und Diakonie” falsch und irreführend.