Erklärungen oder Beispiele? – Gedanken zur Familiensynode

Gestern ist sie zu Ende gegangen, die außerordentliche Bischofssynode in Rom unter der Überschrift „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“. Nach zwei Wochen der Diskussionen und vermutlich auch der Machtkämpfe wurde eine Schlusserklärung veröffentlicht. Diese wird nun von Teilnehmenden und Beobachtern in den Medien genutzt, um die eigene Position noch einmal, wieder, noch klarer darzustellen.

Deutlich geworden ist, so meine ich, zum einen: die Bischöfe und der Papst möchten gerne einen Beitrag leisten in dieser Frage. Sie möchten etwas beitragen zur Diskussion um das gute und glückliche Leben miteinander, in welchen Formen auch immer. Das gilt, so denke ich, für alle, welche Position sie auch vertreten haben. Zum anderen wurde noch einmal deutlich, was jeder schon wusste: menschliches Leben ist sehr komplex. Die Sehnsucht nach gelingender Liebe ist groß, aber die Wege dazu sind vielfältig, verschlungen, versperrt auch oft durch viele Hindernisse. Gerade weil die Sehnsucht nach der Liebe und nach einer Heimat im Leben so groß ist, tun Brüche und Verletzungen so weh.

Ich bin mir nicht sicher, was eine lehramtliche Erklärung bei diesem Thema überhaupt beitragen kann, gleich, wie sie ausfällt. Mehr als Erklärungen werden wohl Beispiele weiterhelfen. Wenn Menschen erzählen, wie sie es probieren mit Familie, mit Partnerschaft, mit Gemeinschaft zwischen Generationen. Beispiele, wie etwas gelingen kann; als Ermutigung und Inspiration. Beispiele auch, wie etwas nicht gelingt, wie das Feuer erlischt, wie die Hoffnungen schwinden, die Sprache verstummt. Auch das hilft in dieser Frage, wenn jemand den Mut hat, davon zu erzählen – und von dem, was danach kommt. Wie es weitergehen kann, irgendwie. Und dann die vielen Lebensversuche dazwischen, wo Menschen sich mühen, es gut zu machen, es miteinander gut zu machen. Davon zu erzählen, Beispiele zu sammeln, so viele und so vielfältige, wie nur möglich, das scheint mir wichtiger als Erklärungen.

Ganz Jesuanisch ist das, im Übrigen. Jesus ist ein Erzähler, einer, der Beispielgeschichten erzählt. Er ist auch einer, der Lebensgeschichten ernst nimmt. In ihrer Einzigartigkeit, in ihrer eigenen Kompliziertheit, in ihrer komplexen Beziehungsdynamik. Und er ist einer, der selbst ein Beispiel geben möchte.

Eine Erfahrung macht Jesus immer, am Ende zumindest: dass Gott ihn nicht alleine lässt. Diese Erfahrung will er weitergeben, will sie auch anderen spürbar machen. Gott lässt dich nicht alleine. Und diese theologische „Erklärung“ ist tatsächlich wichtig und hilfreich, wenn es um Familie, Partnerschaft, Sexualität, Liebe, Leben geht. Niemand ist bei seiner Suche nach der Liebe ganz alleine.

Dazu siehe auch den Beitrag: Dankbarkeit für die geglückte Halbheit.

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Dankbarkeit für die geglückte Halbheit

Beim DiCV – Theologennetzwerk am letzten Dienstag stand noch einmal das Jahresthema des Deutschen Caritasverbands im Mittelpunkt: „Familie schaffen wir nur gemeinsam“. Die soziologischen Analysen zeigen immer wieder aufs Neue, wie stark der Wunsch nach einer guten Familie ist. Quer durch alle Altersstufen und quer durch alle Lebensphasen. Familie scheint so etwas wie eine Ur – Sehnsucht zu sein, eine Sehnsucht mit einer gewaltigen existentiellen Kraft.

Und es geht bei dieser Sehnsucht nach Familie wohl um mehr als um ein bestimmtes Sozialmodell. Es wird in der Tiefe eine Sehnsucht nach der unbedingten – im Wortsinn: un – bedingten – Liebe sein, die sich darin offenbart. Familie spiegelt die Sehnsucht, dass es eine Gemeinschaft gebe, zu der ich gehöre einfach deshalb, weil ich bin. Ohne Leistung, ohne Verdienst. Es ist die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der ich sein kann, wie ich bin und was ich bin, ohne Maske, ohne Schminke. Eine Gemeinschaft, die unverbrüchlich zu mir hält, was immer auch kommt, ein Leben lang. Eine Schicksalsgemeinschaft im vollen Sinne.

Existentielle Sehnsucht hat ihren Preis. Der Mangel tut besonders weh, das Scheitern ist besonders erschütternd. Erfahrungen in und mit der eigenen Familie tragen Menschen oft ein Leben lang mit sich, gute und bittere. Familiäre Beziehungsmuster wirken oft über Generationen weiter, gelungene und zerstörerische. Man kann wachsen in einer Familie, als lebens- und liebesfähige Person. Und man kann Wunden davontragen, auch solche, die lange nicht heilen.

Wir haben überlegt, was ein theologischer Blick auf dieses Thema beitragen kann. Was kann das Evangelium sein und sagen hinsichtlich der Familie? Man kann ja nicht einfach bestimmte Familienbilder aus der Bibel als Modelle für die heutige Lebenspraxis übertragen. Nicht einmal das der „heiligen Familie“, die ja im Übrigen alles andere als eine heile Familie war.

Was also kann der Beitrag sein? Eines vielleicht zuerst, eine Perspektive: Jesus stellt den Menschen immer über die Institution (Stichwort: „der Sabbat ist für den Menschen da…“). Er prüft Institutionen sehr genau, ob sie dem menschlichen Leben wirklich dienlich sind. Ob sie im konkreten Einzelfall – der Mensch lebt ja immer im konkreten Einzelfall – dienlich sind. Und er scheut sich nicht, neue Wege zu gehen, auch ganz neue, und ermutigt Menschen, es mit ihm zu wagen. Vielleicht ist die „klassische“ Ehe, die klassische Familie nicht immer der bestmögliche Weg. Vielleicht gibt es ein Leben, ein Beziehungsgefüge, ein Lebensschicksal, das eine neue Form braucht, damit das Leben und die Liebe nicht erstickt. Am Ende ist das der Maßstab des Christentums: die Liebe und die Fülle des Lebens.

Ein Zweites, eine Entlastung. So wichtig Beziehung, Partnerschaft, Familie sein mag: sie muss nicht alles sein. Sie darf nicht alles sein. Nicht der einzige Maßstab für gelungenes Leben, nicht die einzige Quelle des Glücks. Das wäre eine Vergötzung der Familie. Vergötzung entsteht, wenn etwas – und sei es noch so wichtig – in einem Leben zum „ein und alles“ wird, zum Zentrum, um sich alles andere dreht. Familie ist wichtig, aber sie ist nicht alles.

Und ein Drittes, eine Ermutigung. Familie muss nicht perfekt sein, um etwas zu gelten und zu geben. Der Maßstab der perfekten Partnerschaft, der perfekten Familie, des perfekten Mutter- und Vaterseins, der perfekten Betreuung und Pflege der alten Eltern und noch vieles mehr: dieser Perfektionsanspruch drückt das Leben zu Boden. Dagegen hilft eine Haltung, für die der katholisch-evangelische Theologe Fulbert Steffensky ein schönes Wort geprägt hat: Dankbarkeit für die geglückte Halbheit. Dankbarkeit, für das, was gut ist – auch wenn vieles vielleicht nicht gut ist. Dankbarkeit für das, was gelingt – auch wenn vieles vielleicht scheitert. Gerade bei dieser existentiellen Sehnsucht nach Familie ist das, so glaube ich, eine gute Haltung: Dankbarkeit für die geglückte Halbheit. Ich muss dann nichts schönreden. Das Bittere bleibt bitter. Aber ich muss auch nichts dadurch entwerten lassen, dass es nicht perfekt geworden ist. Es gibt auch die geglückte Halbheit.