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Wüstenzeit und Fastenzeit – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (1)

Der erste Impuls bietet zwei verschiedene Bilder, diese Zeit zu betrachten. Zwei Überschriften gewissermaßen über diese Zeit. Beide sind in der christlich-spirituellen Tradition seit langer Zeit in Gebrauch. Die Bilder, die ich Ihnen anbieten möchte, als Überschriften über eine bestimmte Zeit und / oder Lebensphase, sind: Wüstenzeit und Fastenzeit. Für manche sind diese Bilder mehr oder minder Synonyme. Wir werden aber sehen, dass sie qualitativ sehr unterschiedliche Akzente setzen.

Das Bild von der Wüste oder von einer Wüstenzeit ist ein Existenzbild, das schon im Alten Testament in großen Erzählungen – Meistererzählungen für die jüdisch-christliche Welt – ausgebreitet wird. Wüste steht – als Existenzbild – für ein Lebensumfeld, das dem Leben feindlich gegenübersteht. Ungeschützt ist der Mensch darin und ungenährt. Kein Wasser, keine Nahrung, extreme Temperaturen. Die Wüste steht für eine Lebenswelt, die selbst das Lebensnotwendigste nicht bereithält. Völlige Schutzlosigkeit, reiner Mangel. Der Mensch ist darin ganz auf sich gestellt. Ich bin angewiesen auf das, was ich dabei habe, hier und jetzt. Ich muss leben allein aus meinem eigenen Vorrat – körperlich, seelisch, sozial, spirituell. Und Frage ist: Was ist mein Vorrat? Woraus kann ich jetzt leben, womit kann ich überleben in dieser Wüstenzeit?

Man muss und darf die aktuelle Situation natürlich nicht dramatisieren. Wir sind, in Deutschland jedenfalls, aktuell nicht in einer lebensbedrohlichen Mangelsituation. Aber man kann in der Corona-Krise doch so etwas wie beginnende „Wüsten-„Elemente entdecken. Es werden, wenn man so will, Nachschubwege abgeschnitten. Orte, sich sozial zu nähren, werden still gelegt. Unterhaltungsmöglichkeiten fallen aus. Settings sozialer Betreuung und Bildung – KiTas etwa oder Schulen – brechen weg. Mobilitätsangebote werden weniger. In vielen Bereichen des Lebens verengt sich der Zugang zu externen Ressourcen. Und ich bin angewiesen, aus dem zu leben, was ich– im weiten Sinne verstanden – an Vorrat habe.

Wir werden in den nächsten Impulsen einige Anregungen und Verheißungen zusammentragen, die die christlich-spirituelle Tradition in und für Wüstenzeiten, Wüstenwanderungen, Wüstenerfahrungen bereithält. Da gibt es einiges, was erstaunlich aktuell ist. Heute aber geht es um einen anderen Akzent.

„Wüstenzeit“ ist eine Charakterisierung von außen. Eine Wüstenzeit kommt dadurch zustande, dass etwas fehlt. Wüstenzeit ist Mangelzeit. Demgegenüber steht das Bild der „Fastenzeit„. Fastenzeit ist eine Qualifizierung von innen. Die Grundbedeutung des Wortes „fasten“ ist „festmachen“, „sich festmachen“. Im Englischen findet sich diese Verwendung noch („fasten your seatbelts“). Fastenzeit ist eine Zeit, sich innerlich neu festzumachen. Es ist eine Zeit, in der ich neu prüfe, was fest genug ist, mich zu tragen in meinem Leben. Es ist eine Zeit, in der ich meine ganzen Lebensmuster und Routinen und Sicherheiten einmal bewusst und mutig anschaue. Und frage und prüfe: Was davon trägt mich wirklich? Was kann mich halten im Leben? Was ist stark genug, dass ich mich mit meiner ganzen Sehnsucht nach Liebe und Glück daran festmache?

Man kann diese Corona-Krisen-Zeit auch zur persönlichen Fastenzeit machen. Ich kann versuchen, die Einschränkungen, den Mangel, das Zurückgeworfensein bewusst anzunehmen – als Chance, mich neu in meinem Leben festzumachen. Ich kann die Zeit nutzen, um Erfahrungen zu machen, was mir wirklich fehlt – und was vielleicht auch nicht. Fasten ist etwas Aktives. Ich nehme den Mangel bewusst an – im Vertrauen darauf, dass sich das für mein Leben Wesentliche darin deutlicher zeigen wird. Dass ich dies neu wertschätzen und dafür danken lerne. Und ich vielleicht freier werde von allem Überflüssigen, von allem, was mich unnötig belastet und beschwert.