Liturgische Feiern gestalten

p1030593-grossVor lauter adventlicher Besinnlichkeit komme ich kaum dazu, den im vorletzten Post angekündigten Abschlussbeitrag zu unserer Serie „Gebetskultur“ einzustellen …
Nun also endlich noch einige Hinweise, worauf zu achten lohnt bei der Gestaltung gemeinschaftlicher liturgischer Feiern im Kontext von Caritas und Diakonie.

Gemeinschaftscharakter
Eine gemeinschaftliche Gebetsform setzt voraus, dass die Mitfeiernden tatsächlich eine Gottesdienstgemeinschaft sind. Sie müssen sich dem liturgischen „Wir“ zugehörig fühlen und zu dem, was gesagt und getan wird, ihr „Amen“ sprechen können. Es lohnt sehr, sich bei der Vorbereitung von Gottesdiensten die möglichen Mitfeiernden vor Augen zu führen und zu fragen, welche Gottesdienstform und welche liturgischen Elemente für die (möglichst viele) Mitfeiernden geeignet sind.
Mitarbeitende der Caritas sind selten uniform katholisch, nicht wenige gehören anderen Konfessionen an und gerade in der Großstadtcaritas ist ein nicht unerheblicher Teil der Mitarbeiter möglicherweise gar nicht christlich. Die Eucharistiefeier als Hochform katholischer Liturgie wird hier nicht die Gottesdienstform erster Wahl sein können. Sinnvoller wird es sein, auf andere, niederschwelligere Feierformen zurückzugreifen oder selbst eine angemessene liturgische Form zu gestalten, die der pluralen Wirklichkeit der Feiernden entspricht. Die Forderung einer differenzierten Liturgie findet sich im Übrigen auch in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils wenn es heißt: „Die Seelsorger sollen eifrig und geduldig bemüht sein um (…) die tätige Teilnahme der Gläubigen, die innere und die äußere, je nach deren Alter, Verhältnissen, Art des Lebens und Grad der religiösen Entwicklung.“ (Sacrosanctum concilium, 19)

Liturgie und Leben
Liturgie ist eine Möglichkeit – aufsteigend – die eigene Situation im Zeichen zu verdichten und vor Gott zu bringen, oder – absteigend – Gottes Beistand im Zeichen zu verdichten und ins Leben zu tragen. Wenn die Vorbereitung mit einer gewissen Sensibilität für existenziell bedeutsame Themen oder sensible Zeiten („heilige Zeiten“) in Organisationen oder Einrichtungen geschieht, können liturgische Feiern für das Leben und Arbeiten bei Diakonie und Caritas eine wirkliche Bereicherung sein, die neue Dimensionen eröffnet. Manche liturgischen Feiern verspielen hier ihre Chance, indem sie etwas ganz anderes als das, was die Mitfeiernden gerade berührt, zum Thema machen. Eine „Mittagsbesinnung“ etwa, die zu den am Vormittag gemachten Erfahrungen nicht anschlussfähig ist, bleibt wahrscheinlich ein Fremdkörper im Tagesablauf der Mitarbeitenden. Vollends korrumpiert wird Liturgie, wenn sie in Widerspruch steht zum Lebens- und Arbeitsalltag.

Heilsame Unterbrechung
Ein Gottesdienst ist eine Form heilsamer Unterbrechung. Er durchbricht das eigene Nachdenken, Planen und Tun. Es geht in den Minuten einmal nicht um die Überlegung: Was kommt als nächstes? Wie ist das zu erledigen? Wer wartet auf meinen Rückruf? Das eigene Sprechen und Handeln wird den Feiernden für ein paar Minuten aus der Hand genommen: man hört zu, spricht vorgegebene Worte, singt, betrachtet.
Vor allem im Hinblick auf Mitarbeitergottesdienste ist darauf zu achten, dass der Unterbrechungscharakter gewahrt und geschützt wird. Dies setzt zuallererst voraus, dass die Mitfeiernden für die Dauer des Gottesdienstes von beruflichen Pflichten entbunden sind. Wenn beispielsweise Mitarbeiter in der Altenpflege die Aufgabe haben, Bewohner oder Klienten in Gottesdienste zu begleiten, oder wenn sie für Angehörige eine Abschiedsfeier gestalten, sind dies für sie selbst keine heilsamen Unterbrechungen. Hier sollte man fair sein und die Dinge beim Namen nennen. Der Hinweis „Bei uns gibt es doch viele Gottesdienste, an denen die Mitarbeiter teilnehmen können.“ alleine ist noch kein Beleg für eine spirituelle Kultur, wenn der Unterbrechungscharakter für die Mitfeiernden nicht gewährleistet ist.

Perspektivenwechsel
Geistlich gesehen wenden sich die Feiernden im Gottesdienst nicht einander zu (auch nicht, wenn sie im Kreis sitzen), sie betrachten auch nicht einfach sich selbst (wie beim persönlichen Nachdenken über das eigene Leben). Im Gottesdienst kann ich mich mit dem, was mich beschäftigt, Gott zuwenden. Ich kehre mein Inneres gewissermaßen gen Himmel, um von dort her geschenkt zu bekommen, was ich selbst nicht machen kann. Dass Gott der Adressat ist, unterscheidet ein Gebet von einem zwischenmenschlichen Gespräch. Es lohnt sich sehr, in Gottesdiensten diesen spezifischen Perspektivwechsel konsequent beizubehalten.
Vor allem Fürbitten bergen hier ein gewisses Risiko. In manchen Caritas-Gottesdiensten werden sie unversehens zu moralischen Appellen umfunktioniert. Sie werden dann formuliert nach Art von: „Lieber Gott, mach‘ dass wir endlich alle einsehen, dass wir mit den Armen teilen müssen…“ Nicht, dass ethische Forderungen oder anwaltschaftliches Eintreten gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit nicht zum Auftrag der Caritas gehören würden. Aber ein Fürbittgebet ist hierfür nicht der richtige Ort. Die Chance des Fürbittgebets ist es, Menschen in Not zu benennen und sie Gott gewissermaßen entgegenzuhalten. Es ist eine Form, das „himmelschreiende“ Leid buchstäblich zum Himmel zu schreien.

Form
Ein technischer Hinweis könnte insbesondere in Feldern sozialer Arbeit, wo ein eher lockerer, zwangloser Umgang gepflegt wird, nicht ganz unnötig sein: Liturgische Feiern unterscheiden sich von spontanen Zusammenkünften durch eine gewisse Form. Ein Gottesdienst – und sei er noch so kurz – ist in irgendeiner Weise gestaltet. Er hat einen Anfang, einen bestimmten Verlauf und ein Ende. Er ist, wenn man so will, eine Inszenierung mit einer inneren Dramaturgie. Ihre Elemente sind so gewählt, dass sie zum Anlass und zu den Mitfeiernden passen. Möglicherweise gibt es verschiedene Rollen im Gottesdienst. Diese sind vor der Feier verteilt. Auf jeden Fall aber gibt es jemand, der die Feier leitet. Das ästhetische Leitbild, der die liturgische Form verpflichtet ist, kann man „schlichte Schönheit“ nennen. Das Zweite Vatikanum formuliert: „Die Riten mögen den Glanz edler Einfachheit an sich tragen und knapp, durchschaubar und frei von unnötigen Wiederholungen sein. Sie seien der Fassungskraft der Gläubigen angepasst und sollen im allgemeinen nicht vieler Erklärungen bedürfen.“ (SC 34) Ich meine, dass dieses ästhetische Ideal der Liturgie in besonderer Weise zum Wesen von Caritas und Diakonie passt.

Feier
Und last but not least: Ein Gottesdienst ist kein Ort der Diskussion, kein Ort der Glaubens- oder Lebensunterweisung, keine Bildungs- oder Informationsveranstaltung. Ein Gottesdienst ist zuallererst eine Form der Feier. Es geht darum, wie es im Hochgebet der Eucharistie heißt, „die Herzen zu erheben“. Der Feiercharakter setzt vor allem voraus, dass jeder Mitfeiernde im Gottesdienst so sein darf, wie er ist. Wenn ich das Gefühl habe, im Gottesdienst ein bestimmtes „Gesicht“ aufsetzen zu müssen – etwa, um mich meinem Vorgesetzten oder dem Aufsichtsrat oder dem Bischof als „kirchentreu“ zu präsentieren – ist es für mich keine Feier mehr. Das bedeutet auch: die Teilnahme an einer liturgischen Feier muss grundsätzlich freiwillig sein. Niemand muss begründen, warum er oder sie kommt oder wegbleibt. Eingeladen sind alle, denen eine solche Feier etwas bedeutet. Jeder darf, niemand muss kommen. Zur Feier gehört weiterhin, dass sie ein Schutzraum ist. Die Gefühle, die eine liturgische Feier möglicherweise in einer Person auslöst, sind unbedingt zu achten und zu schützen (vor, während und nach dem Gottesdienst). Auch gibt es Rückzugsmöglichkeiten. Es ist in Ordnung, wenn jemand nur am Rande dabei sein will oder während der Feier geht.

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Advent

P1020659In letzter Zeit gab es vermehrt Anfragen, ob denn hier in diesem Blog gar nichts zum Advent kommt. Alle Blogs und Webseiten mit spirituellen Impulsen würden doch jetzt in die Advents- und Weihnachtsthematik einstimmen.

Nun gut, das eben könnte ja ein Grund sein, warum es nicht unbedingt nötig ist, auch hier noch was zu bringen. Diejenigen, die schon länger diese Seite verfolgen, erinnern sich zudem vielleicht auch, dass es in früheren Jahren explizite „Specials“ gab zu den geprägten Zeiten des Kirchenjahrs (Advents- und Weihnachtszeit, Fasten- und Osterzeit). Die wurden allerdings inzwischen gelöscht.

Einige Gedanken daraus passen aber auch in diese Serie über Gebetskultur. Deshalb hier an dieser Stelle – als Zwischenbemerkung gewissermaßen – eine (etwas grundsätzlichere) adventliche Reflexion.

Mit dem ersten Adventssonntag beginnt bekanntlich das neue Kirchenjahr. Das Kirchenjahr ist anders als das allgemeine Kalenderjahr. Es ist nicht einfach eine Abfolge von Kalendertagen. Das Kirchenjahr will den Zeiten jeweils ein bestimmtes Gepräge, eine bestimmte Charakteristik geben. Es unterscheidet zum Beispiel Feiertage und Arbeitstage und es kennt einen Rhythmus von Fastenzeiten und Festzeiten. Diese qualitative Prägung der Zeit will im Innern des Menschen unterschiedliche Themen, Fragen, Gedanken, Gefühle anrühren. Das Kirchenjahr ist so etwas wie ein existentieller Resonanzraum, der bei dem Menschen, der sich darauf einlässt, verschiedene „Saiten“ seiner Seele anschlägt und klingen lässt.

Der Mensch wiederum kann darauf in unterschiedlicher Weise antworten. Er kann zunächst wahrnehmen, was ist. Kann sich selbst in einer bestimmten Weise wahrnehmen. Besinnung ist eigentlich zunächst und zuerst dies: achtsam wahrnehmen, was ist.

Er kann das, was in ihm durch die Impulse angeregt wird, aber auch buchstäblich „ins Gebet nehmen“. Kann sich mit dem, was er in sich und an sich wahrnimmt, an Gott wenden und mit ihm darüber in Dialog treten. Dann würde das Kirchenjahr nicht nur ein existentieller Resonanzraum, sondern auch ein Gebetsraum.

Ich möchte Ihnen das Gesagte an einem adventlichen Schrifttext veranschaulichen. Die Texte, die im Kirchenjahr gelesen werden, sind eine wichtige Methode, die unterschiedlichen Zeiten zu prägen. Es gibt eine sorgsam gestaltete Leseordnung, durch die bestimmte biblische Geschichten – und durch sie bestimmte existentielle Bilder – jeweils für eine bestimmte Zeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

 

Steh‘ auf! Die Nacht geht zu Ende, der Tag ist nah.

Das erste Adventsbild, das in den Blick gestellt wird, ist ein Weckruf. Wach‘ auf! Steh‘ auf! Der Advent beginnt mit diesem Ruf. In allen drei Lesejahren laufen die biblischen Texte der ersten Woche auf diesen Ruf zu. Immer mit einer anderen Schattierung. In diesem Jahr liest es sich so:

Bedenkt die gegenwärtige Zeit. Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Es gibt die Nacht als Lebenssituation. Wenn sich das Leben verfinstert. Wenn das Licht aus dem Leben schwindet und mit ihm die Farben. Es kann eine Krankheit sein, die dem Leben das Licht entzieht. Oder wenn eine Beziehung zerbricht und es dunkel wird im Herzen. Wenn berufliche Perspektiven verblassen. Wenn Schulden über den Kopf wachsen. Oder was auch immer einen Menschen in die Krise bringt, in die existentielle Nacht. Wenn sich dann die innere Müdigkeit einstellt, wenn man nur noch schlafen will, äußerlich und innerlich , weil man nicht mehr kann. Ermüdet vom Leben, zu müde zum Leben. Vielleicht schläft man auch nicht, kann nicht schlafen, liegt wach in der Nacht, und die Gedanken und Gefühle treiben ihr grausames Spiel. Die Scham und die Verzweiflung und die Wut und die Ratlosigkeit und die Demütigung und die Bitternis und die Angst. Und man hört die Turmuhr schlagen, Viertelstunde um Viertelstunde, und die Nacht will nicht enden, die Dunkelheit nicht weichen.

Und dahinein auf einmal der Gedanke, die Hoffnung, der Ruf: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Der Tag ist nahe! Sie nimmt doch ein Ende, die Nacht. Es wird wieder Licht. Und mit dem Licht kommen die Farben. Und der Mut zum Leben und die Kraft zum Kämpfen und vielleicht sogar die Kraft, wieder zu schmecken und zu riechen und zu freuen.

Wach‘ auf! Denk‘ an die Gegenwart. An das Jetzt, in dem allein der Mensch tatsächlich leben kann. Leg‘ sie ab, die Werke der Finsternis – die Müdigkeit und die bösen Träume und die Ängste und die Qualen – leg an die Waffen des Lichts. Was für ein starkes und schönes Bild: die Waffen des Lichts. Komm. Es ist Zeit. Deine Stunde ist gekommen. Steh auf. Lass sie zurück die Nacht. Leg sie ab, die Finsternis in dir. Rüste dich mit Licht.

Das ist die Reflexion, die Betrachtung. Gedanken dazu, meine Gedanken .

Ins Gebet bringe ich diese Gedanken dadurch, dass ich Sie an Gott richte. Ich sehe, spüre meine Finsternis. Siehst Du sie auch, Gott? Was soll ich tun damit? Weißt Du weiter? Ich höre auch die Verheißung: der Tag ist nahe. Und die Ermutigung: kleide dich in Licht. Und die Mahnung: sei wachsam. Was meinst Du damit – hier, jetzt, für mich? Bringst Du mich durch die Nacht? Kannst Du mir Licht sein? Kannst Du  mir helfen, mich zu rüsten mit den Waffen des Lichts?

So wird aus der Reflexion ein Gebet. Wenn sie mögen, schauen Sie mal unter dieser Rücksicht die adventlichen Lieder an. Achten Sie einmal darauf, wie in Ihnen auf die adventlichen Bilder geantwortet wird. Und wie in Ihnen versucht wird, aus der Betrachtung ins Gebet zu kommen.

Ihnen allen eine gute, gesegnete Adventszeit!

Liturgische Feiern sind eine komplexe Sache

labyrinth-kleinZuweilen wird, so mein Eindruck, die Komplexität liturgischer Gestaltung in caritativen Einrichtungen und Unternehmen etwas unterschätzt. Es ist kein Geheimnis, dass symbolische Kommunikation eine weit größere Kraft besitzt als das reine Wort und deshalb grundsätzlich einer hohen Sorgfalt bedarf. Dies gilt in der Liturgie, die ja eine stark verdichtete Form symbolischer Kommunikation ist, im besonderen Maße.

Es lohnt sich sehr, hier gezielt auszuwählen und bewusst zu gestalten.

Zwei Beispiele misslungener liturgischer Gestaltung sollen verdeutlichen, warum es einer besonderen Sorgfalt bedarf. Sie sind beide fiktiv aber doch so typisch, dass sie sich in nahezu jeder sozialen Organisation christlicher Prägung ereignet haben könnten.

Beispiel 1:
Beim Hausgottesdienst, der einmal im Monat unter der Leitung des Caritasdirektors stattfindet, reicht ein Bereichsleiter seiner Mitarbeiterin die Hand zum Friedensgruß. Ein Mitarbeiter weiter hinten flüstert zu seinem Kollegen: „Das ist für mich die typisch kirchliche Scheinheiligkeit. Erst haut er uns in die Pfanne und dann sollen wir freundlich grinsen…“ Was war geschehen? Der Bereich befand sich mitten in einem heiklen Umbauprozess, der mit empfindlichen Einschnitten in die Kompetenzen der Mitarbeiter(innen) verbunden war. Der Bereichsleiter war verantwortlich, die Umstrukturierung umzusetzen, und hatte damit begonnen, entsprechende Mitarbeitergespräche zu führen. Dabei kam es – wie zu erwarten war – zu persönlichen Verletzungen, u. a. auch bei besagter Mitarbeiterin. Sach- und Beziehungsebene waren bei vielen Beteiligten noch stark vermischt. Klärungen standen noch aus. Ein – ritualisierter – Friedensgruß musste zu diesem Zeitpunkt Irritationen auslösen. Die liturgische Form und die persönliche (alltägliche) Erfahrung passten nicht zusammen.

Beispiel 2:
Zum 20 jährigen Jubiläum einer Caritas-Suchtberatungsstelle soll auch ein Gottesdienst stattfinden. Dazu wird der katholische Pfarrer, auf dessem Gemeindegebiet die Beratungsstelle liegt, angefragt. Er zelebriert eine festliche Eucharistiefeier. Bei der Kommunionausteilung bleibt Herr X, der die Beratungsstelle mit aufgebaut hat, hinten stehen. Nach dem Gottesdienst sagt er: „Das hättet ihr mir nicht so spüren lassen müssen, dass ich hier nicht richtig dazugehöre.“ Der Mitarbeiter war evangelisch. Die „exklusive“ Gottesdienstform „Eucharistie“ war der Gemeinschaft der Mitfeiernden nicht angemessen.

Von Unternehmen der „Caritas“, welche auf dem Boden der liturgisch hochkompetenten katholischen Kirche gewachsen ist, kann man, so meine ich, in liturgischen Dingen eine besondere Stilsicherheit erwarten. Dazu wird es sicherlich sinnvoll sein, für eine angemessene liturgische Bildung von Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Sorge zu tragen. Ihr Ziel ist zunächst und zuerst ein wacher Blick für verschiedene Formen symbolischer Kommunikation, für gelebte Rituale oder Inszenierungen etc. Dann wird eine gute liturgische Bildung die Urteilskraft schärfen, um heilsame von unheilsamen Ritualen und Symbolisierungen zu unterscheiden. Und schließlich wird sie die Fähigkeit fördern zur eigenen – bewussten und heilsamen – Gestaltung liturgischer Formen und Feiern.

Dabei wird liturgische Bildung ermutigen, sich der eigenen Kreativität und künstlerischen Gestaltungskraft zu bedienen. Sie wird aber auch hinführen zum reichen spirituellen Schatz der liturgischen Traditionen mit ihren vielen gewachsenen und als heilsam bewährten Symbolen, Ritualen und gottesdienstlichen Feiern.

Einige Hinweise, worauf bei der Vorbereitung und „Durchführung“ liturgischer Feiern geachtet werden sollte, werden ohne Anspruch auf Vollständigkeit im nächsten Beitrag dieser kleinen Serie gegeben werden.

Verdichten und verbinden

Betrachtet man sorgfältig gestaltete Gebetssituationen einmal genauer, sieht man, dass dabei immer zwei Prozess-Schritte stattfinden: Verdichtung und Verbindung. Und beides kann in zwei Existenzrichtungen erfolgen: aufsteigend oder absteigend.

Was bedeutet das?

Verdichtung bedeutet: Meine oder unsere Situation wird in irgendeiner Weise ins Wort gebracht und / oder ins Zeichen. Als Beispiel: Eine Kollegin ist plötzlich verstorben. Das Team gestaltet für sich eine kleine Trauerfeier. Dabei wird vielleicht durch die Teamleitung oder durch einzelne Kolleg(inn)en ein wenig ins Wort gefasst, was dieser Tod in ihnen auslöst. Und es wird – als Zeichen – ihr Bild aufgestellt und eine Kerze davor angezündet.
Zum Gebet wird diese Feier, wenn das, was gesagt und gezeigt wird, auch an Gott adressiert wird. Wenn die Kerze beispielsweise auch entzündet wird als Zeichen – als verdichtetes Zeichen – für die Bitte an Gott, er möge mit seiner Kraft und seinem Trost mithelfen, den Schmerz auszuhalten und den nächsten Schritt zu finden.

Die existentielle Gebetsrichtung wäre hier aufsteigend (der theologische Fachterminus ist: anabatisch). Ich verdichte meine Situation – und schicke sie gewissermaßen gen Himmel.

Absteigend (katabatisch) dagegen bedeutet: Ich verdichte den Beistand Gottes im Wort und / oder im Zeichen. Und bringe ihn mit meiner Situation in Verbindung. Ein Beispiel wäre etwa eine Segnung, in der man der oder dem Gesegneten ein Kreuz auf die Stirn zeichnet oder die Hand auflegt. Im Segen wird einem Menschen der Beistand Gottes zugesprochen (segnen, lat: bene dicere = gut zusprechen). Und man versucht, diesen Zuspruch auch spürbar – körperlich spürbar – werden zu lassen. Durch eine Berührung etwa oder eine Salbung oder durch eine Besprengung mit Wasser oder Ähnliches. Die existentielle Bewegung geht hier von oben aus. Es ist der Beistand Gottes, der im Wort und im Zeichen verdichtet und dann mit meiner Situation in Verbindung gebracht wird. Deshalb absteigend: vom Himmel zur Erde.

Immer aber geht es um das Leben. Es ist mein Leben, unser Leben, das im Gebet verdichtet und mit dem Leben Gottes in Verbindung gebracht wird. Und es ist das Leben Gottes, das im Gebet – im Wort und im Zeichen – verdichtet und mit meinem Leben in Verbindung gebracht wird. Dieser Lebensbezug ist essentiell für das christliche Verständnis von Gebet. Es geht nicht darum, irgendwelche Formeln zu sprechen oder Texte zu rezitieren um ihrer selbst willen. Sondern es geht um Leben, um menschliches und göttliches Leben. Im Gebet verdichtet und miteinander verbunden.

Individuelles und gemeinschaftliches Beten

churchyard-smallIn der Theologie unterscheidet man gemeinhin das individuelle und das gemeinschaftliche Beten.

Die Unterscheidung ist keine grundsätzliche. In beiden Fällen treten Menschen in Beziehung zu Gott, kommunizieren, verstehen und gestalten ihre Existenz im Bewusstsein des liebenden Blickes Gottes.

Im einen Fall tue ich das als einzigartige, unverwechselbare Person. Ich – so wie ich bin, mit dem Leben, das ich habe – trete vor meinen Gott. In mir wird darin etwas lebendig, was es so nur in dieser Beziehung gibt. Und auch von Gott wird, wenn man so will, eine „Beziehungsseite“ lebendig, die in dieser Weise nur und allein in der Beziehung zu mir lebendig werden kann.

In allen lebendigen Beziehungen ist das so. Es gehört zum Charakter personaler Existenz, dass ich nicht alles schon habe, aus mir allein heraus schon habe, sondern dass zum gelingenden Ganzen etwas kommen muss, was sich erst im Raum personaler Beziehungen realisieren kann. Etwas, das in diesen Beziehungen gewissermaßen geweckt, zum Leben erweckt wird.

Ich und mein Gott. Ich und Du. Das sind die Pole des individuellen, persönlichen Betens. Im gemeinschaftlichen Beten dagegen geht es nicht um mich, sondern um uns. Nicht ich und mein Gott – sondern wir und unser Gott. Im gemeinschaftlichen Beten tritt der Mensch ein in eine Gebetsgemeinschaft – und in und mit dieser Gebetsgemeinschaft tritt er hin vor Gott. Der theologische Fachbegriff für das gemeinschaftliche Beten – das geformte gemeinschaftliche Beten – ist „Liturgie“.

Das Wort kommt aus dem Griechischen. Das „Lit“  leitet sich vom Begriff „laos“ ab. Laos bedeutet „Volk“. Theologisch: Gottes Volk. Liturgie ist ein Werk – „ourgos“ ist jemand, der etwas macht – des Gottesvolkes. Und „Gottes Volk“ ist aus christlicher Sicht eine besonders treffende Bezeichnung für die Menschheit.

Äußeres Kennzeichen gemeinschaftlicher, liturgischer Gebete ist die „Wir“–Form. Die großen christlichen Gottesdienstformen sind alle in der Wir–Form. Nur ganz selten wird dabei der gemeinschaftliche Charakter durchbrochen und ein persönliches „Ich-Element“ eingesetzt. Interessanterweise ist auch das zentrale Gebet des Christentums – das „Vater unser“ – ein gemeinschaftliches, liturgisches Gebet.

Die Gestaltung und Pflege einer Gebetskultur in Unternehmen und Einrichtungen von Caritas und Diakonie wird beides in den Blick nehmen: individuelles und gemeinschaftliches Beten. Beides hat seine besonderen Herausforderungen. Eine gemeinschaftliche Gebetsform setzt voraus, dass die Mitfeiernden tatsächlich eine Gottesdienstgemeinschaft sind. Sie müssen sich dem liturgischen „Wir“ zugehörig fühlen und zu dem, was gesagt und getan wird, ihr „Amen“ sprechen können. Individuelles, persönliches Beten braucht dagegen einen Schutzraum. Hier geht es darum, das Einzigartige, Unverwechselbare zu kultivieren. Und dieses ganz Persönliche, Private, Intime nicht zwanghaft ans Licht zu zerren und bloßzustellen.

Für beides, die individuelle und die gemeinschaftliche Gebetskultur, braucht es Sensibilität und Sorgfalt. Und sehr viel Zeit, damit etwas so Zartes wie eine Gebetsbeziehung in aller Ruhe wachsen kann.

Gebet als Existenzhaltung

In unserem Grundkurs Christentum wurde schon ein wenig über das Gebet gesprochen. In der Tiefe bedeutet „Gebet“ mehr als „ein Gebet sprechen“. Beten ist eine Existenzhaltung. Im Gebet setzt sich ein Mensch in Beziehung zu einer Realität, die nicht mehr nur weltlich ist. Er tritt ein in eine Beziehung zu etwas „Höherem“, Überweltlichem, Göttlichem.

Die Christen sind überzeugt, dass diese Realität ein personaler – das heißt: ein liebesfähiger – Gott ist. Sie sind überzeugt, dass es möglich ist, mit Gott eine Beziehung zu haben und zu pflegen von Person zu Person. Dass es eine Form der Kommunikation gibt zwischen Mensch und Gott. Beten heißt aus christlicher Sicht eben dies: in Beziehung sein mit Gott, mit ihm eine liebevolle Kommunikation zu pflegen.

Wenn im Folgenden über Gebetskultur gesprochen wird, dann geht es darum. Das, was bedacht und beschrieben wird, setzt ein bestimmtes Gottesbild voraus und ein bestimmtes Menschenbild. Es setzt, christlich gesprochen, voraus, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist – fähig, mit ihm auf Augenhöhe zu kommunizieren, mit ihm eine Beziehung zu haben, ihn zu lieben. Und es setzt voraus, dass Gott ein personales, das beziehungsfähiges, liebesfähiges Wesen ist. Ein Wesen, das in sich selbst Beziehung lebt – das meint die Rede von der Dreieinigkeit (Trinität) – und ein Wesen, dass zum Menschen – zu jedem einzelnen – eine liebevolle Beziehung eingehen kann und will.

Das Gesagte hat Auswirkungen auf die Frage nach der Gebetsfähigkeit von Menschen:

Ein Mensch, der wirklich davon überzeugt ist, dass es nur das „Weltliche“ gibt, d.h. die Materie und deren Wechselwirkungen, kann nicht beten. Für ihn wäre es völlig unsinnig, sich zu einer überweltlichen Realität in Beziehung zu setzen. Dieser Mensch kann natürlich Gebete sprechen, vielleicht gehört dies irgendeiner Weise zu seinen Berufsanforderungen, beispielsweise als Mitarbeiter in einem Pflegeheim. Aber er wird dadurch nicht beten, sondern besten- (oder schlechtesten-)falls „so tun, als ob“.

Auch ein Mensch, der vielleicht von einer überweltlichen Realität ausgeht, diese aber als etwas Nicht – Personales versteht – als göttliche Energie etwa oder als All-Einende-Natur o.ä. – kann nicht das tun, was ein Christ (oder auch ein Moslem) unter Beten versteht. Eine echte Beziehung, eine Liebesbeziehung setzt ein personales Du voraus. Es setzt ein Wesen voraus, das es wirklich kümmert, wie es mir geht und was aus mir wird. Diese Fähigkeit und diese Haltung – es kümmert mich, wie es dir geht – heißt im Lateinischen „caritas“. Nur zu einem Gott, der „caritas“ hat – mehr: der „caritas“ ist (Deus caritas est) kann man eine Gebetsbeziehung eingehen, in der die „Partner“ aneinander Anteil nehmen.

 

Neue Serie: Gebetskultur

p1060164Auf der Suche nach dem christlichen Profil verweisen nicht wenige caritative Einrichtungen und Unternehmen darauf, dass es bei ihnen so etwas wie eine Gottesdienst- und Gebetskultur gibt. Nicht selten wird darauf sogar als erstes hingewiesen, wenn gefragt wird, worin sich der „christliche Geist“ des Hauses denn zeige.

 

Eine wirkliche Gebetskultur in caritativen Einrichtungen und Unternehmen zu gestalten und zu pflegen ist meiner Erfahrung nach eine komplexe Angelegenheit. Sie ist komplex, will man dabei mehr beschreiben als ein paar „christliche Angebote“, einen Hausgottesdienst vielleicht oder eine Segensfeier. Oder eine Broschüre mit Gebeten und einem Segensspruch, vielleicht auch ein Kreuz an der Wand, und wenn man besonders interreligiös ist noch einen Halbmond dazu. Sicherlich: das alles kann Ausdruck einer Gebetskultur sein, vielleicht, aber die Tatsache allein, dass es so etwas gibt, sagt darüber noch nicht viel aus.

Eine echte und gute Gebetskultur braucht einiges an Sorgfalt und an konzeptioneller Klarheit, besonders, wenn es sich dabei um Gebetskultur in einem pluralen Kontext– d.h. mit weltanschaulich und religiös vielfältigen Bewohner(innen), Klient(inn)en und Mitarbeitenden – handeln soll. Diese Serie will einen Beitrag leisten zur Diskussion um Gebetskultur in caritativen Einrichtungen und Unternehmen. Manches davon kann vielleicht auch ein Impuls sein für die Gestaltung und Pflege einer persönlichen Gebetskultur.

Es werden in den nächsten Wochen einige Überlegungen vorgetragen zu Wesen und Sinn des Gebets, zu privatem und gemeinschaftlichen Beten, zu Liturgie und liturgischer Bildung. Es werden Anregungen gegeben zur Pflege heilsamer Rituale und zur Gestaltung sinn- und stilvoller liturgischer Feiern. Und nicht zuletzt werden einige grundsätzliche Fragen angestoßen: Kann ein Atheist einen Beitrag zu einer Gebetskultur leisten? Gibt es multireligiöse Feiern wirklich? Und welche Theologie setzt eine echte interreligiöse Unternehmenskultur voraus?