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Spirituelles Leben (1): präsent sein

Der Begriffe „Spiritualität“ oder „spirituell“ sind, darauf wurde hingewiesen, recht vieldeutig und unbestimmt. Deshalb wird versucht, sie mit anderen Begriffen in Verbindung zu bringen. Die Hoffnung ist, dass dadurch das, was ein „spirituelles Leben“ sein soll oder sein kann, klarer und deutlicher herauskommt.

Der erste Begriff, der in den Blick genommen wird, ist „Präsenz“. Spirituelles Leben hat etwas mit Präsenz zu tun, damit, in seinem Leben als Person präsent zu sein.

In den Lexika wird Präsenz meist definiert als „räumliches und zeitliches Gegenwärtigsein“ oder „räumliche und zeitliche Anwesenheit“. Ursprünglich kommt das Wort „Präsenz“ aus dem Lateinischen. Darin steckt das Wort „sensus“: Sinn. „Prae-sens“ bedeutet wörtlich: vor dem Sinn. Mit anderen Worten: präsent bin ich dann und dort, wo ich mit allen meinen Sinnen – den äußeren und den inneren – in einer Situation anwesend bin. Das Gegenteil wäre absent – meine Sinne sind anderswo. Oder dissent – meine Sinne sind zerstreut.

Wirklich präsent zu sein, ist für den Menschen eine schwierige Aufgabe. Für ein Tier ist es wohl einfacher. Aufgrund seiner sogenannten „Umweltpassung“ ist immer es selbst und immer in der Gegenwart. Der Mensch hingegen verfügt über eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft. Und er verfügt über eine Vorstellung vom Raum der Möglichkeiten. Wenn ich an einem Ort bin, kann ich immer dazu denken: Wie wäre es, jetzt an einem anderen Ort zu sein? Wenn ich etwas tue, kann ich immer dazu denken: Warum tue ich jetzt nicht etwas anderes? Immer läuft sozusagen ein Hintergrundfilm, der mir all die Möglichkeiten präsentiert (prae-sentiert), die ich jetzt und hier gerade nicht verwirkliche.

Im alltäglichen Leben erzeugt dieser Hintergrundfilm nicht selten einen erheblichen Druck. Ich beginne mit einer Aufgabe – und sofort leuchtet eine Vielzahl von Lämpchen auf, die andere Aufgaben anzeigen, die ich gerade nicht erledige. „Ich müsste auch noch … und dann ja auch noch…“ Nicht nur, dass dadurch das schlechte Gewissen gefüttert wird – es saugt mir auch einen erheblichen Teil der Kraft ab, die ich eigentlich für das, was ich gerade tue, verwenden könnte. Es kann sein, dass der Schwung und die Tatkraft, mit der ich herangegangen bin, binnen kürzester Zeit erlahmen, und die Freude, die ich eigentlich hatte, plötzlich schal und madig wird.

Auch bei schönen Dingen kann dieser Hintergrundfilm Lebensenergie und Lebensfreude kaputt machen. Weil er mir all das präsentiert, was ich gerade verpasse. Das Smartphone auf dem Tisch im Restaurant ist ein Sinnbild dafür. Ich treffe mich mit Freunden – mit genau diesen Freunden genau in dieser Kneipe – und das Smartphone repräsentiert all jene Menschen, bei denen ich jetzt nicht bin. Es träufelt in die Kommunikation hier und jetzt das Gift der Kommunikation, an der ich gerade nicht teilnehme. Es hält mir all die großen und kleinen Feste vor, die jetzt ohne mich gefeiert werden. Und es kann sein, dass sich langsam tief im Innern die Überzeugung breitmacht: „Du bist nicht am richtigen Ort. Das Leben ist anderswo.“

Zwei Beispiele von vielen. Beispiele mangelnder Präsenz. Nicht als moralische Mahnung. Eher als Ausdruck einer Not, als Ausdruck einer Sehnsucht auch. Sehnsucht nach einem Leben ohne dieses latente Gefühl, stets etwas anderes sein oder machen zu müssen als das, was gerade ist.

„Hier bin ich.“ Das ist die Zauberformel der Präsenz. Präsenz beginnt mit diesem Wort. Hier bin ich! Genau hier, genau jetzt. Genau bei dem, was jetzt geschieht. Genau deshalb bin ich jetzt da. „Hier bin ich“ ist eine Bejahung und eine Absage zugleich. Eine Absage an all das, was ich jetzt und hier nicht bin. Ich bin hier – nicht dort. Aber hier – nicht dort – bin ich wirklich gegenwärtig.

Mir hilft es, besonders wenn es mich hin- und hertreibt, meine Situation – nur für mich – kurz zu beschreiben. Ich bin jetzt hier und mache das. Ich sitze jetzt am Schreibtisch und schreibe diesen Text. Genau deshalb bin ich hier. Um diesen Text zu schreiben. Oft wird es dadurch ein wenig ruhiger in mir. Auf jeden Fall gewinne ich einen besseren Stand. Weil ich dem flimmernden Film der tausend Möglichkeiten etwas entgegensetze: die klare Benennung meiner Wirklichkeit.

„Hier bin ich.“ In den biblischen Geschichten antworten Menschen mit dieser Formel auf den Anruf Gottes. Hier bin ich. Dieser Satz hilft ihnen, inmitten der vielen Ansprüche und Erwartungen und Lockrufe den entscheidenden herauszuhören. Oder wenigstens die vielen Stimmen erst einmal zum Schweigen zu bringen. Hier bin ich. An diesem Ort in diesem Augenblick mit all meinen Sinnen. Wahrhaft präsent.

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