Gebet als Existenzhaltung

In unserem Grundkurs Christentum wurde schon ein wenig über das Gebet gesprochen. In der Tiefe bedeutet „Gebet“ mehr als „ein Gebet sprechen“. Beten ist eine Existenzhaltung. Im Gebet setzt sich ein Mensch in Beziehung zu einer Realität, die nicht mehr nur weltlich ist. Er tritt ein in eine Beziehung zu etwas „Höherem“, Überweltlichem, Göttlichem.

Die Christen sind überzeugt, dass diese Realität ein personaler – das heißt: ein liebesfähiger – Gott ist. Sie sind überzeugt, dass es möglich ist, mit Gott eine Beziehung zu haben und zu pflegen von Person zu Person. Dass es eine Form der Kommunikation gibt zwischen Mensch und Gott. Beten heißt aus christlicher Sicht eben dies: in Beziehung sein mit Gott, mit ihm eine liebevolle Kommunikation zu pflegen.

Wenn im Folgenden über Gebetskultur gesprochen wird, dann geht es darum. Das, was bedacht und beschrieben wird, setzt ein bestimmtes Gottesbild voraus und ein bestimmtes Menschenbild. Es setzt, christlich gesprochen, voraus, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist – fähig, mit ihm auf Augenhöhe zu kommunizieren, mit ihm eine Beziehung zu haben, ihn zu lieben. Und es setzt voraus, dass Gott ein personales, das beziehungsfähiges, liebesfähiges Wesen ist. Ein Wesen, das in sich selbst Beziehung lebt – das meint die Rede von der Dreieinigkeit (Trinität) – und ein Wesen, dass zum Menschen – zu jedem einzelnen – eine liebevolle Beziehung eingehen kann und will.

Das Gesagte hat Auswirkungen auf die Frage nach der Gebetsfähigkeit von Menschen:

Ein Mensch, der wirklich davon überzeugt ist, dass es nur das „Weltliche“ gibt, d.h. die Materie und deren Wechselwirkungen, kann nicht beten. Für ihn wäre es völlig unsinnig, sich zu einer überweltlichen Realität in Beziehung zu setzen. Dieser Mensch kann natürlich Gebete sprechen, vielleicht gehört dies irgendeiner Weise zu seinen Berufsanforderungen, beispielsweise als Mitarbeiter in einem Pflegeheim. Aber er wird dadurch nicht beten, sondern besten- (oder schlechtesten-)falls „so tun, als ob“.

Auch ein Mensch, der vielleicht von einer überweltlichen Realität ausgeht, diese aber als etwas Nicht – Personales versteht – als göttliche Energie etwa oder als All-Einende-Natur o.ä. – kann nicht das tun, was ein Christ (oder auch ein Moslem) unter Beten versteht. Eine echte Beziehung, eine Liebesbeziehung setzt ein personales Du voraus. Es setzt ein Wesen voraus, das es wirklich kümmert, wie es mir geht und was aus mir wird. Diese Fähigkeit und diese Haltung – es kümmert mich, wie es dir geht – heißt im Lateinischen „caritas“. Nur zu einem Gott, der „caritas“ hat – mehr: der „caritas“ ist (Deus caritas est) kann man eine Gebetsbeziehung eingehen, in der die „Partner“ aneinander Anteil nehmen.

 

Advertisements