Schlagwort-Archive: Heiliger Geist

Gotteserfahrungen

Beruflich und freiberuflich arbeite ich oft mit diakonischen Unternehmen zusammen, die auf der Suche sind nach ihrem spezifisch christlichen Profil. Sie bemühen sich, dieses herauszubilden, zu stärken und zu pflegen. Sie fragen nach dem, was ein caritatives Unternehmen zu einem christlich-caritativen Unternehmen macht. Oft wird in diesem Zusammenhang die Frage gestellt nach dem Unterscheidenden, der Unterscheidung des Christlichen.

In der Regel versuche ich, den Focus vom Unterscheidenden wegzulenken. Ermutige, nach dem zu suchen, was der Einrichtung oder der Organisation von innen heraus wichtig und wertvoll ist, unabhängig davon, ob es sich dadurch von anderen unterscheidet oder nicht. Aber manchmal wird dann weitergefragt, ob es nicht doch etwas ganz Eigenes gäbe, was Caritas oder Diakonie aus ihrem christlichen Horizont heraus ihr Gepräge gibt.

Zuweilen wird die Antwort schon in eine bestimmte Richtung gewiesen. Es gäbe doch sicherlich so etwas wie spezifisch christliche Werte, ein christliches Ethos. Ich glaube das nicht. Nicht auf Ebene der Werte im Sinne der Handlungsorientierung. Ich würde vermuten, dass die meisten Menschen guten Willens und offenen Herzens, sofern sie nicht ideologisch schwer verblendet worden sind, früher oder später auf so etwas wie eine gemeinsame ethische Grundlage kommen.

Das unterscheidend Christliche würde ich anderswo suchen – ohne in Anspruch nehmen zu wollen, dass dies nur für die Christen gilt. Mit aller Vorsicht gesagt könnte ein wirkliches Spezifikum eines christlich diakonischen Unternehmens darin liegen, dass es mit Gotteserfahrungen rechnet. Christinnen und Christen halten es für möglich, Gott – oder vorsichtiger: etwas von Gott – im eigenen Leben wirklich erfahren zu können. Sie sind offen dafür und rechnen damit, dass sich in ihren Erfahrungen und Erlebnissen – den alltäglichen oder den besonderen – möglicherweise auch Gott selbst zeigt. Würde man einen Christen oder eine Christin fragen: Warum glaubst Du eigentlich an Gott? wäre eine Antwort – laut oder leise, überzeugt oder vorsichtig: Weil ich ihn oder sie in meinem Leben erfahren habe. Weil ich meine Erfahrungen gemacht habe mit Gott und immer wieder mache.

Ernsthaft von Gotteserfahrung zu reden, ist nicht einfach. Nicht umsonst zählt das Thema zu den schwierigsten und komplexesten der Religionsphilosophie und Religionspsychologie. Was ist das für eine Erfahrung? Woran merkt man, dass es eine Erfahrung Gottes ist? Wie kann man eine Gotteserfahrung von einer Wahnvorstellung unterscheiden? Es ist wichtig, diese Fragen ernst zu nehmen, denn es geht ja um mehr als ein paar Psychotricks.

Gemeinhin unterscheidet man zwei Arten von Gotteserfahrung. Die eine wäre so etwas wie eine unmittelbare, besondere Erfahrung Gottes. Von solchen Erfahrungen berichtet etwa die Pfingsterzählung, oder christliche Mystiker oder Heilige. Sie sagen, dass diese Erfahrung einzigartig war, mit nichts anderem zu vergleichen. Und fast immer hat diese Erfahrung das Leben nachhaltig umgeprägt, nichts war danach mehr wie vorher.

Die meisten Christen freilich haben solche Erfahrungen nicht gemacht und werden sie vermutlich auch nicht machen. Ihr Weg ist ein anderer. Sie glauben, dass es auch eine Gotteserfahrung inmitten ganz alltäglicher Erfahrungen gibt. Dass beispielsweise ein bestimmtes Lebensereignis – auch – ein Hinweis Gottes sein kann, der mir den nächsten Schritt zeigt. Oder dass ich Menschen begegne, die mir in einem bestimmten Moment zum „Engel“ – d.h. zum Boten Gottes – werden. Oder dass in mir Gefühle aufkeimen, die auch „Heiliger Geist“ sind, die mir etwas von Gottes Kraft und Liebesfähigkeit weitergeben. Erfahrungen mit Gott zu machen, bedeutet hier: ich schaue meine ganz konkreten Lebenserfahrungen an und frage: Hast Du – Gott – mir darin etwas gezeigt? Hast Du darin etwas bewirkt? Was ist es, was Du mir gezeigt hast? Was hast Du mit mir gemacht? Die einzelnen Ereignisse und Erfahrungen für sich genommen geben da noch nicht so viel her. Aber wenn ich sie zusammennehme, dann entdecke ich vielleicht so etwas wie einen roten Faden, entdecke ich Lebenslinien, die Gott mir legt.

Ich meine, dass sich dadurch etwas verändern kann. Im persönlichen Leben und in der Kultur eines caritativen Unternehmens. Wenn ich – ganz vorsichtig und tastend vielleicht nur – damit rechne, dass in den Lebenserfahrungen von Patienten, Klienten, Bewohnern, Mitarbeitenden auch etwas von Gott mit erfahrbar ist. Wenn es vielleicht sogar so etwas wie eine gestaltete Suche gibt nach diesen Impulsen, die Gott im menschlichen Leben – für den je eigenen Weg – vielleicht gegeben hat. Ganz sicher werden wir uns nie sein, ob wir die Erfahrungen richtig deuten. Aber wenn sich die Zeichen häufen, kann ich es wagen, den Hinweisen auch einmal zu folgen. Und dann schaue ich, was geschieht. Wenn mich der Schritt liebevoller macht oder wahrhaftiger, wenn meine Welt oder die Welt von Diakonie und Caritas dadurch ein klein wenig lichter und heiler wird – dann könnte es tatsächlich eine Erfahrung mit Gott gewesen sein.