Grundkurs Christentum (6): diakonische Perspektive

PerspektiveWie liest man nun biblische Geschichten? Wie sind sie zu verstehen?

Ohne groß in textkritische Fragen einzusteigen als Tipp nur soviel: Nehmen Sie bei der Lektüre eine diakonische Perspektive ein. Das heißt: Fragen Sie bei den biblischen Geschichten immer: Was daran ist – für mich, in meiner Lebenssituation – die gute Nachricht? Was wollen mir die Texte sagen, um mich – das meint „diakonisch“ – zu stärken, zu trösten, mir Mut zu machen? Wie wollen mir die Geschichten helfen, mich und mein Leben in einer heilsamen Perspektive zu betrachten?

Und, das ist der zweite Tipp: Fragen Sie immer auch: Was wollen mir die biblischen Geschichten über Gott – über den Beistand Gottes in meinem und für mein Leben – sagen? Denn das ist der rote Faden der ganzen Bibel. Sie erzählt von heilsamen Erfahrungen von Menschen mit Gott. Sie erzählt davon, wie Gott für Menschen etwas tut. Wie Gott Menschen nahe kommt – gerade in Lebenssituationen, wo ihre eigene Kraft nicht reicht.

In der Reihe Refounding haben wir einige biblische Texte zusammengestellt, die für die soziale Arbeit eine besondere Bedeutung haben. Wenn Sie wollen, klicken Sie mal rein und lassen Sie sich davon inspirieren. Und vor allem: Lassen Sie sich davon aufrichten und positiv ausrichten.

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Uti und frui

uti - fruiDas erste Instrument unseres seelischen Werkzeugkastens soll ein Begriffspaar sein. Zwei Stichworte, die zueinander in Spannung stehen. Die Begriffe spielen eine wichtige Rolle in der Theologie des heiligen Augustinus (354 – 430 n.Chr.), deshalb nennen wir sie zuerst auf Latein: „uti“ und „frui“. „Uti“ bedeutet: nützen, nützlich sein, zu etwas taugen. „Frui“ dagegen meint: genießen, sich an etwas erfreuen, sich eine Frucht (engl. fruit) schmecken lassen. „Uti“ und „frui“ können so etwas wie zwei Überschriften über das Leben sein, Untertitel, die anzeigen, was meinem Dasein, meiner Lebenszeit jeweils ihr Gepräge gibt.

Es gibt Zeiten, in denen bin ich nützlich, bin zu etwas nütze, bringe darin einen Nutzen. Es sind die Zeiten, in denen ich – um das Bild der Früchte aufzugreifen – selbst Früchte bringe oder daran arbeite, dass etwas Früchte bringt. Die Arbeit steht zunächst und zuerst unter dieser Überschrift: uti – nützlich sein. Wenn ich arbeite, dann lasse ich mich in irgendeiner Weise in den Dienst nehmen von etwas oder jemand. Ich stelle meine Fähigkeiten und meine Kraft zur Verfügung, um damit einen Nutzen zu bringen. Für die Caritas zum Beispiel und über sie für Klienten, Bewohner oder für das soziale Klima meiner Stadt. Und natürlich kann und darf mich das auch erfreuen, aber die Überschrift bleibt doch „uti – nützlich sein“.

Ganz anders, von ihrem Charakter her ganz anders, sind Zeiten unter der Überschrift „frui – genießen“. In diesen Zeiten kommt es nicht darauf an, ob etwas „herauskommt“ für irgendjemand oder irgendetwas. Es spielt keine Rolle, ob irgendjemand etwas davon „hat“ von dem, was ich in einer solchen Zeit tue oder was in einer solchen Zeit geschieht. Wichtig ist nur, dass ich selbst etwas davon schmecke, dass ich selbst das Gute und Schöne, das darin für mich bereit liegt, aufnehme, mich daran erfreue, mich – um diesen alten Ausdruck zu verwenden – daran labe. Es gibt auch da eine eigene Kunst. Die Kunst, das Gute des Lebens bewusst und vollen Herzens zu genießen: das ist die „ars vivendi“, die Lebenskunst.

Betrachten Sie Ihr Leben einmal in diesem Prisma. Versuchen Sie einmal, für Ihren Lebensalltag die entsprechenden Untertitel oder Überschriften zu vergeben. Vielleicht stellen Sie fest, dass es gar nicht so einfach ist, Zeiten zu identifizieren, die voll und ganz unter die Kategorie „Genießen“ fallen. Das Ende der Arbeitszeit, der Dienstschluss ist in den seltensten Fällen der Beginn eines wirklichen „Feier-Abends“. Meist ist es so, dass dann andere Aufgaben warten, dass ich weiterhin nützlich bin und nützlich sein muss, dass ich weiterhin im Dienst und in der Pflicht stehe für anderes und andere: Familie, Haushalt, Garten, Soziales uvm. Auch Training oder Lernen oder Weiterbildung oder andere Formen der Selbstoptimierung sind erst einmal Spielarten des „uti – des Nützlichen“. Ich will die Zeit nützen, um in Form zu bleiben, um voranzukommen. Das alles kann auch Freude machen, keine Frage, verstehen sie mich nicht falsch. Aber es sind dies keine zweckfreie Zeiten, keine Zeiten, die nur zum Genießen da sind.

 Für ein ausgewogenes und erfülltes Leben ist es wichtig, dass es beides gibt: uti und frui, nützlich sein und sich erfreuen, Früchte bringen und Früchte genießen. Mir hilft es, bei dem, was ich gerade tue, von Zeit zu Zeit den Untertitel einzublenden. Manchmal stelle ich fest, dass das „uti“ sich zu weit ausgebreitet hat und das „frui“ zu kurz kommt. Manchmal stelle ich auch fest, dass ich etwas tue, was eigentlich nur zu meinem Genuss da ist – dass ich selbst aber gewissermaßen im falschen Modus bin. Zu angespannt, zu konzentriert darauf, es richtig, gut, effektiv, effizient … zu machen. Dann hilft es mir zuweilen, ganz bewusst zu sagen: das, was ich gerade tue, ist nur dazu da, mich zu erfreuen. Manchmal ist es auch umgekehrt. Da hilft es, mir in bestimmten Situationen vor Augen zu führen: es geht hier nicht um mich. Es geht vor allem darum, hier und jetzt einen Nutzen, gute Früchte zu bringen für Anderes und Andere.

 Uti und frui – nützlich sein und genießen. Beides ist wichtig. Jedes zu seiner Zeit.