Spirituelles Leben: spüren, was an der Zeit ist

Spirituelles Leben hat etwas damit zu tun, präsent zu sein, hier und jetzt gegenwärtig. Damit zusammen hängt ein bestimmtes Zeitverständnis, eine bestimmte Art, Zeit zu erleben. Das ist der zweite Gedanke dieser kleinen Serie. Spirituelles Leben bedeutet: spüren, was an der Zeit ist.  

Es ist insgesamt ein Kennzeichen eines, wenn man es so nennen will, „spirituellen Erlebens“, dass ein Mensch in dem, was er in seinem Leben erfährt, noch etwas anderes erkennt. Er sieht in dem, was ihm unmittelbar vor die Sinne kommt, eine Bedeutung, die darüber hinausgeht. Das setzt eine innere Offenheit voraus. Eine Haltung, die damit rechnet, dass es so etwas geben kann wie Zeichen; Zeichen, die für mich und mein Leben eine Bedeutung haben.

Hier nun wird die Zeit als bedeutsam erfahren. Ein Mensch, der ein spirituelles Leben pflegt, sieht in den Stunden eines Tages nicht nur Zahlen auf einem Ziffernblatt, die mechanisch ablaufen. Er sieht in der Zeit auch nicht nur eine Art Vorrat, den ich „verbrauche“ wie einen Sack voll Sand. Sondern er rechnet damit, dass die Zeit mir etwas zu sagen, zu künden hat. Er rechnet damit, dass es so etwas gibt wie den „rechten Augenblick“, in dem etwas auf mich wartet, als Chance oder Aufgabe. Das gilt es wahrzunehmen. Es geht darum, zu hören und zu spüren, was – genau jetzt, genau hier, genau für mich – “an der Zeit ist”.

Der amerikanische Benediktiner David Steindl-Rast hat es einmal so ausgedrückt: “Aus der mönchischen Perspektive ist die Zeit immer eine Reihe von Gelegenheiten, von Begegnungen. Wir leben im Jetzt, indem wir uns auf den Ruf eines jeden Augenblicks einstimmen, indem wir hören, was jede Stunde und jede Situation von uns verlangt, und indem wir darauf antworten.” (Steindl-Rast, David: Musik der Stille. Freiburg 2008, 23)

Den „Ruf des Augenblicks“ spüren, das gehört zum spirituellen Leben. Hier sind wir wieder bei der Präsenz. Es geht darum, im Hier und Jetzt wirklich präsent, wirklich gegenwärtig zu sein. Um das zu spüren, was dieses Hier und Jetzt für mich als Chance oder Aufgabe bereit hält. Eine solche Haltung denkt viel weniger von der eigenen To-do-Liste her. Sie spürt viel eher nach: Was ist jetzt dran? Was ist jetzt an der Zeit? Was ist die besondere Chance dieses Moments? Eine solche Haltung lässt sich viel weniger leiten und treiben von der Frage: Was muss ich alles noch tun? Sie nimmt viel stärker wahr: Was ist für mich bereitet, was wartet auf mich, hier und jetzt?

Eine gute Übung, diese offene, empfangende Haltung einzuüben, ist das achtsame Wahrnehmen der Tageszeiten. Die Stunden des Tages haben ja alle ihre besondere Qualität, manchmal auch ihren besonderen Zauber. Die frühe Morgenstunde ist anders als die Stunde, wenn der Tag sich zur Nacht hin neigt. Mittag ist anders als Mitternacht. Nicht nur, weil es einmal hell und einmal dunkel ist. Alle sind Stunden eines – meines – Lebenstages. Ein Lebenstag, den ich am Morgen bewusst annehmen kann. Den ich Laufe des Tages gestalte, mit all dem, was er mit sich bringt. Und den ich am Abend abschließe, den ich gehen lasse, den ich vielleicht auch in Gottes Hand zurückgebe.

Jesus spricht oft vom „Kairos“, vom rechten Augenblick, den es auszuschöpfen gilt. Und er ein Gespür für das, was er „meine Stunde“ nennt. Meine Stunde, das heißt: der rechte Moment, um etwas, das ich in mir trage, zu verwirklichen. Der rechte Moment, um mich einer Aufgabe zu stellen – mit allem, was sie dann von mir fordert. Der rechte Moment auch, um das, was ich brauche an seelischer Nahrung, aufzunehmen. Aus christlicher Sicht sind das alles Momente der Gottbegegnung. Gott kann mir in der Zeit begegnen. Er hält für mich Tag um Tag, Stunde um Stunde, etwas bereit. Und es geht darum, das wahrzunehmen, das zu spüren. Zu spüren, was Gott – genau jetzt – für mich bereithält. Und mich davon inspirieren, beleben und stärken zu lassen.      

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