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Armen ein Evangelium bringen

Der Geist Gottes ist auf mir. Er hat mich gesalbt, ein Evangelium zu bringen den Armen; geschickt hat er mich, zu verkünden den Gefangenen Freilassung und den Blinden neue Sicht, auszusenden Gebrochene in Freiheit, auszurufen ein Gnadenjahr Gottes.

Mit dieser programmatischen Rede tritt Jesus im Alter von etwa dreißig Jahren in das Licht der Öffentlichkeit. Jesus zeigt damit an, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Armut und Evangelium. Oder wenn wir es anders formulieren wollen: dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Kirche und Caritas.

„Armut“ ist ein existenzieller Begriff. Er meint mehr als  fehlende Geldmittel, auch mehr als materielle Not. Armut kann sich in allen Dimensionen des Menschseins zeigen. Arm ist ein Mensch, wo er an einem Mangel an Lebensmöglichkeiten leidet. Oder wie es in der modernen Diskussion heißt: Armut ist ein Mangel an Verwirklichungschancen (capability deprivation; Amartya Sen u.a.).

Jesus wendet sich mit dem, worum es ihm geht, an Menschen, deren Lebensmöglichkeiten – momentan über überhaupt – für ein gutes, glückliches, erfülltes Leben nicht ausreichen. Zeit seines Lebens sucht Jesus Kontakt zu diesen Armen, zu Menschen, die gelähmt sind, geblendet, krank, hungrig, heimatlos, beschämt, besessen oder tot an Herz und Seele. Manchen von ihnen wird er in einer konkreten Notlage helfen, sie heilen oder befreien. Allen aber bringt er ein Evangelium – das heißt: eine gute Nachricht, ein Wort, ein Zeichen, das für sie etwas Gutes ist.

Was hat das mit Kirche und Caritas zu tun? Nun, zunächst ruft es in Erinnerung, dass Jesus mit dem, was er sagt oder tut oder vermittelt, auf bestimmte Existenzsituationen reagiert. Auf Situationen, in denen ein Mensch in Not ist. Auch wenn es zuweilen vergessen worden ist: Das Christentum, die christiche Botschaft ist nicht primäer eine moralische Pflichtenlehre oder ein selbstreferetielles Gedankengebäude, sondern eine Antwort auf menschliche, personale, existentielle Not.

Wenn wir die biblischen Geschichten aus dieser Perspektive lesen, werden wir bemerken, wie vielschichtig die Notlagen sind, die darin beschrieben werden. Wie genau oft auch die inneren Kämpfe und Leiden beschrieben sind, in die diese Notlagen die Menschen bringen. Immer aber geschieht in diesen Geschichten dann etwas. Immer machen die Menschen eine Erfahrung, die ihnen in dieser Situation weiterhilft. Und immer bringen sie diese Erfahrung mit Gott in Verbindung. Sie erleben sie als Gottes Kraft, Gottes Beistand, Gottes Trost, Gottes Rat, Gottes Geleit.

Caritas – als innere Haltung – bedeutet: sensibel sein für menschliche Not, ein warmes, mitfühlendes Herz haben für menschliche Armut in ihrer ganzen Vielschichtigkeit. Und Kirche – als Ereignis – bedeutet: in Kontakt sein mit Gottes heilsamer Kraft. Wenn es Jesus also darum ging, Menschen in Not wahrzunehmen und mit Gottes Kraft in Verbindung zu bringen – dann gehören Caritas und Kirche zusammen.

Ich möchte mit Ihnen in den nächsten Einträgen einmal ein paar dieser existentiellen Geschichten – von menschlicher Not und Gottes stärkender, tröstender, helfender Kraft -anschauen. Sie können für Menschen in der sozialen Arbeit, so meine ich, inspirierend sein und ermutigend und nicht selten auch entlastend und befreiend.

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Verheißung

Urlaubsbedingt kommt dieser Beitrag etwas später. Und gefühlt ist die Weihnachtszeit für viele bereits vorbei. Trotzdem oder gerade deshalb noch einmal ein wenig Nachdenken über die weihnachtlichen Existenzbilder und Narrative.

Wir sind im Zusammenhang mit der nächtlichen Verkündigung des Engels an die Hirten schon darauf gestoßen. Da ist von einem Retter die Rede, von einem Messias (das griechisch Wort dafür ist „Christos“, das deutsche „Gesalbter“). Und ich will jetzt gar nicht so sehr auf den Erwartungshorizont oder die Erwartungshorizonte, die damals mit diesen Worten verbunden waren, eingehen. Sondern das Motiv als solches in den Blick rücken. Den Gedanken, dass in ein menschliches Leben – in Ihres oder in meins – Gott selbst heilsam eingreift. Dass Gott in irgend einer Weise an meinem Glück – aufs Ganze gehend: an meinem Heil – mitwirkt.

Das ist eine Grunddimension christlicher Existenz. Die Überzeugung, dass es im Leben mehr gibt als meine eigene Kraft, überhaupt mehr als menschliche Kraft. Die Überzeugung und die Hoffnung, dass Gott an meinem Leben und meinem Glück Interesse hat, dass er mir Gutes will. Und dass er dieses Gute auch bewirken kann. Oder vorsichtiger ausgedrückt: dass er seinen Teil dazu beitragen kann.

Diesen existentiellem Horizont bezeichnet der Begriff „Verheißung“. Gott verspricht, im menschlichen Leben präsent und wirksam zu sein – und Menschen vertrauen darauf, hoffen darauf, richten ihre Existenz darauf aus.

Nicht nur auf das Wirken Gottes, das wäre ein Missvertsändnis. Die eigene Kraft ist auch wirksam und wichtig. Aber sie muss nicht alles sein. Ich muss nicht alles sein. Und auch Du musst mir nicht alles sein. Es bleibt eine Perspektive offen, ein Blick zum Himmel gewissermaßen.

Die Sterndeuter stehen in der Weihnachtsgeschichte für diese Perspektive. „Magoi“ heißen sie im Text. Magier. Menschen, die mit mehr rechnen, als es den Anschein hat.

Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu huldigen. Der Stern steht für die Sehnsucht und die Hoffnung auf dieses „Mehr“. Und das „huldigen“ steht für die Bereitschaft und Sehnsucht, sich dieser Kraft Gottes anzuvertrauen, sich Gott gewissermaßen zu Füßen zu legen, auf dass er mir und aus mir und meinem Leben etwas Gutes, Heilsames mache.

Als die Magier schließlich, geleitet vom Stern, zum Stall – zum Ort ihrer Gottesbegegnung – kommen, da heißt es wörtlich: Sie freuten sich eine große Freude sehr. Eine rührende Formulierung ist das: Sie freuten sich eine große Freude sehr. Und auch ein guter Wunsch für das neue Jahr. Dass Sie immer wieder Momente der Gottbegegnung erleben, Momente, in denen Sie eine Kraft erfahren, die mehr ist als das, was Sie selbst haben. Und dass diese Erfahrung Sie mit Freude erfüllt und Sie sich, wenigstens einen Augenblick lang, freuen eine große Freude sehr.