Schlagwort-Archive: Kultur

Natur und Kultur

Um die Besonderheit des liturgischen Jahres richtig wahrzunehmen, ist es möglicherweise hilfreich, eine Betrachtung vorzuschalten. Dass die Zeit zyklisch voranschreitet, ist kein künstliches Konstrukt. Dieser Vorstellung liegt die Beobachtung der Natur zugrunde. In der Natur gibt es verschiedene Kreisverläufe. Tag und Nacht, Mondphasen, Jahresverläufe mit verschiedenen Jahreszeiten. Aber auch biologische Kreisläufe, Fruchtbarkeitszyklen etwa oder regelmäßige Abfolgen von Wachstum, Frucht, Verwelken und Erneuerung.

Manche menschlichen Lebenskulturen sind stark auf die Kreisläufe der Natur bezogen. Das Menschenjahr orientiert sich gewissermaßen an einem bestimmten Naturjahr. Das Jahr des Bauern etwa – die Landwirtschaft sei hier einmal als eine bestimmte Lebensform stilisiert – ist geprägt durch die Zyklen der Natur. Ackern, säen, pflegen, ernten, Brache. Alles zu seiner Zeit. In bäuerlichen Gesellschaften prägte oder prägt dieser Naturablauf auch stark das gesellschaftliche Leben und wurde oder wird durch entsprechende Feste kulturell verdichtet.
Auch andere, nennen wir es so, Lebensformen gibt es, die sich an die Naturverläufe anlehnen und durch sie das kulturelle Jahr prägen lassen. Das jagerische Jahr etwa, das Jahr des Jägers oder der Jägerin, mit seiner Abfolge von Hegezeiten, Schonzeiten und spezifischen Jagdzeiten. Oder das Gartenjahr mit seiner charakteristischen Abfolge von jahreszeittypischen Tätigkeiten, je nachdem, was wachsen und blühen soll. Oder überhaupt Lebensformen, die sich draußen in der Natur abspielen. Da geben die verschiedenen Jahreszeiten verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten vor, es gibt vielleicht so etwas wie eine Sommer- und Wintersaison oder eine Abfolge von besonderen Möglichkeiten oder Herausforderungen. Im Outdoorsportbereich lässt sich dieser Zyklus zuweilen sogar in den Unfallstatistiken nachvollziehen.

Viele weitere Beispiele ließen sich finden. Und es gibt spirituelle Ratgeber, die dazu einladen, sich auf solche Naturzyklen einzulassen, um aus ihnen einen heilsamen Lebensrhythmus zu gewinnen. Mir geht es besonders in der Zeit des Jahreswechsels oft so, dass ich die Sehnsucht verspüre, stärker und bewusster in die Rhythmen der Natur einzutreten. In mir erwacht der Wunsch, die Jahreszeiten bewusster mitzuerleben, die naturgegebenen spezifischen jahreszeitlichen Möglichkeiten achtsamer wahrzunehmen, mich davon inspirieren und beleben zu lassen.
Meist wird es im Lauf des Jahres dann doch nicht so achtsam und bewusst. Das Interesse an der Natur lässt wieder nach, zumindest dort, wo es nicht gerade aktiv mit einer eigenen Tätigkeit verknüpft ist. Ich muss mich ja auch nicht daran orientieren. Der Kreislauf der Natur spielt für mein alltägliches Leben keine Rolle. Selbst der Vorsatz, mich saisonal zu ernähren, wird schwach angesichts des Angebots in den Läden. Jedes Gemüse und jede Frucht ist zu jeder Zeit verfügbar. Irgendwo ist immer Erntezeit.
Aber wenn ich dann doch einmal wieder durch den Wald gehe, der jetzt immer lichter und immer stiller wird, oder wenn dann der erste Schnee fällt und sich vielleicht in einer mondhellen Nacht die Spur eines Fuchses auf der weiß glitzernden Decke abzeichnet oder wenn ich dem Eichhörnchen zuschaue, wie es emsig seine Vorratskammern befüllt und ich darüber nachdenke, was denn in meinen Vorratskammern ist für den Winter, dann kommt das Gefühl wieder, es wäre doch gut, auch diesen Rhythmus irgendwie in mein Leben aufzunehmen.

Advertisements