Verdichten und verbinden

Betrachtet man sorgfältig gestaltete Gebetssituationen einmal genauer, sieht man, dass dabei immer zwei Prozess-Schritte stattfinden: Verdichtung und Verbindung. Und beides kann in zwei Existenzrichtungen erfolgen: aufsteigend oder absteigend.

Was bedeutet das?

Verdichtung bedeutet: Meine oder unsere Situation wird in irgendeiner Weise ins Wort gebracht und / oder ins Zeichen. Als Beispiel: Eine Kollegin ist plötzlich verstorben. Das Team gestaltet für sich eine kleine Trauerfeier. Dabei wird vielleicht durch die Teamleitung oder durch einzelne Kolleg(inn)en ein wenig ins Wort gefasst, was dieser Tod in ihnen auslöst. Und es wird – als Zeichen – ihr Bild aufgestellt und eine Kerze davor angezündet.
Zum Gebet wird diese Feier, wenn das, was gesagt und gezeigt wird, auch an Gott adressiert wird. Wenn die Kerze beispielsweise auch entzündet wird als Zeichen – als verdichtetes Zeichen – für die Bitte an Gott, er möge mit seiner Kraft und seinem Trost mithelfen, den Schmerz auszuhalten und den nächsten Schritt zu finden.

Die existentielle Gebetsrichtung wäre hier aufsteigend (der theologische Fachterminus ist: anabatisch). Ich verdichte meine Situation – und schicke sie gewissermaßen gen Himmel.

Absteigend (katabatisch) dagegen bedeutet: Ich verdichte den Beistand Gottes im Wort und / oder im Zeichen. Und bringe ihn mit meiner Situation in Verbindung. Ein Beispiel wäre etwa eine Segnung, in der man der oder dem Gesegneten ein Kreuz auf die Stirn zeichnet oder die Hand auflegt. Im Segen wird einem Menschen der Beistand Gottes zugesprochen (segnen, lat: bene dicere = gut zusprechen). Und man versucht, diesen Zuspruch auch spürbar – körperlich spürbar – werden zu lassen. Durch eine Berührung etwa oder eine Salbung oder durch eine Besprengung mit Wasser oder Ähnliches. Die existentielle Bewegung geht hier von oben aus. Es ist der Beistand Gottes, der im Wort und im Zeichen verdichtet und dann mit meiner Situation in Verbindung gebracht wird. Deshalb absteigend: vom Himmel zur Erde.

Immer aber geht es um das Leben. Es ist mein Leben, unser Leben, das im Gebet verdichtet und mit dem Leben Gottes in Verbindung gebracht wird. Und es ist das Leben Gottes, das im Gebet – im Wort und im Zeichen – verdichtet und mit meinem Leben in Verbindung gebracht wird. Dieser Lebensbezug ist essentiell für das christliche Verständnis von Gebet. Es geht nicht darum, irgendwelche Formeln zu sprechen oder Texte zu rezitieren um ihrer selbst willen. Sondern es geht um Leben, um menschliches und göttliches Leben. Im Gebet verdichtet und miteinander verbunden.

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Not sehen – und ?

Not sehen„Not sehen und handeln“, so heißt bekanntlich der Leitspruch der deutschen Caritas. Not sehen und handeln. Der „Barmherzige Samariter“ aus der Geschichte wird oft als Beispiel genommen, wie das geht: Not sehen und handeln. Ein Mensch gerät in Not, ein anderer sieht diese Not – und handelt. Ganz einfach.

Oder doch nicht? Zwei Menschen sehen die Not auch. Aber sie handeln nicht, nicht im Sinne des Notleidenden. Sie gehen vorbei. Warum gehen zwei vorbei und einer nicht? Am Sehen kann es nicht liegen. Alle drei sehen den Notleidenden. Alle drei wissen, dass da ein Mensch liegt, dem es sehr schlecht geht.

Die Geschichte, die Jesus erzählt, nimmt das „und“ in den Blick. Das „und“ zwischen Not sehen und handeln. Irgendetwas muss geschehen, damit aus dem Sehen ein helfendes und heilendes Handeln werden kann. Aber was?

Blenden wir noch einmal zurück. Die Frage war: Wer ist mein Nächster? Und die Frage kam auf, weil Jesus – und mit ihm die ganze jüdisch-christliche Tradition – der Überzeugung ist, dass wahres Leben und liebevolle Beziehungen zusammengehören. Zu Gott, zu mir selbst und zu meinen Nächsten. Wodurch aber wird mir jemand zum Nächsten? Was muss da geschehen?

Die entscheidende Formulierung in der Geschichte kommt nach dem „sehen“. Im Griechischen Text steht da zweimal ein ganz interessanter Begriff: antiparelton. „Parelton “ heißt: sie gingen vorbei. Aber nicht einfach so. Sondern bewusst, aktiv auf Distanz bedacht. Das bedeutet die Vorsilbe „anti“: gegen. Sie sehen die Not – und Ihre Handlung, wenn man so will, besteht darin, aktiv dagegen anzukämpfen, dass sie diese Not rührt. Sie lassen sich diese Not nicht nahe gehen. Sie kämpfen dagegen an, dass ihnen das nahegeht. Sie kämpfen dagegen an – um an dem Notleidenden vorbeizukommen.

Der dritte Mensch hingegen kämpft nicht dagegen an. Er lässt sich diese Not nahe gehen. Das ist das Erste und das Entscheidende. Er wehrt sich nicht. Und deshalb geschieht mit ihm etwas. „Er wurde von Erbarmen erfüllt“, heißt es. Der Samariter lässt zu, von Erbarmen erfüllt zu werden. Und deshalb, weil ihn dieses Erbarmen erfüllt, handelt er schließlich.

Wenn Sie genau hinschauen, dreht Jesus am Ende der Geschichte die Formulierung um: „Was meinst du, wer von den dreien ist der Nächste dessen geworden, der unter die Räuber gefallen ist?“ Nicht mehr: Wer ist mein Nächster? Sondern: Wem werde ich zum Nächsten? Echte Solidarität beginnt damit, dass ich mir etwas – mehr: jemand – nahe gehen lasse. Dass ich mich nicht dagegen wehre, dass mich Mitleid und Erbarmen erfüllt. Und damit beginnt auch Leben und Lebendigkeit, dass es diese Empfindungen in mir gibt und geben darf.

Geht das, werden Sie fragen, in der sozialen Arbeit? Kann es da Nähe geben und Mitleid und Erbarmen? Darf es das geben in der Pflege, in der Beratung, in der Erziehung, in der Begleitung? Wo wir so sehr darauf bedacht sind, Distanz zu wahren zu den Schicksalen, mit denen wir zu tun bekommen? Wo wir die „professionelle Distanz“ einhalten und einfordern zu den Menschen mit diesen Schicksalen? Auch um des eigenen Schutzes willen.

Schwer zu sagen. Eine pauschale Antwort wird es nicht geben auf diese Fragen. Deshalb ist die Geschichte vom Barmherzigen Samariter auch kein einfaches Leitbild für die Arbeit der professionellen Caritas und Diakonie. Aber die Frage bleibt auch: Wodurch wird Leben lebendig? Wodurch werde ich lebendig? Wodurch werde ich in der sozialen Arbeit lebendig? Wenn mir nichts und niemand mehr nahegeht, welche Beziehungen lebe ich dann noch? Wenn ich immer nur darauf bedacht bin, mich zu wehren gegen Nähe, Erbarmen und Mitleid – stirbt dann früher oder später nicht das Leben ab?

Das Leben und die Liebe

Was muss ich tun, um wirklich zu leben? Wie und wodurch wird menschliches Leben lebendig? Richtig lebendig? Worauf kommt es an in diesem und für dieses Leben? Bis heute stellen Menschen solche Fragen. Weil menschliches Leben nicht einfach „fertig“ ist. Weil es einen Unterschied gibt zwischen dem bloßen „Dahinleben“ und dem, was Leben eigentlich sein kann und sein soll. Weil wir Menschen spüren, dass das ein Unterschied ist. In Momenten der Erfüllung spüren wir das. Und in Momenten der Ödnis. Leben ist mehr. Deshalb diese Frage. Was muss ich tun, um das Leben zu gewinnen?

Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben.

Was ist das für eine Antwort, die Jesus hier gibt?

Zunächst: Jesus stellt sich in einen Erfahrungskontext. Was liest du im Gesetz? „Gesetz“, da holpert die deutsche Übersetzung. Gesetz ist bei uns etwas Juristisches. Oder etwas Physikalisches. Was Jesus meint, heißt biblisch „Tora“. Tora bedeutet: Wegweisung. Wegweisung, gewonnen aus menschlicher Lebenserfahrung. Tora heißt: Verdichtete Lebenserfahrung. Das ist wichtig. Auf die Frage: Wie gewinne ich Leben und Lebendigkeit? brauche ich Antworten, die auf Erfahrung gründen. Keine theoretischen Konstrukte. Keine blutleeren Lebensratgeber. Erfahrungen.

Was sind diese Erfahrungen? Was ist ihnen gemeinsam? Was ist ihr Kern? Im Kern, im Zentrum steht ein Wort: LIEBE. Das ist die Zentralerfahrung. Leben, wirkliches, lebendiges – ewiges – Leben hängt mit Liebe zusammen. Ein lebendiger Mensch ist ein liebender Mensch. Das ist die erste Antwort: wenn du das Leben suchst, dann such‘ die Liebe. An ihr hängt alles.

Unausgesprochen heißt dies, ex negativo: auf alles andere kommt es am Ende und aufs Ganze gesehen nicht an. Alles andere ist zu wenig, um Leben darauf zu bauen. Ruhm, Erfolg, Reichtum, Behaglichkeit, Erlebnis, Gesundheit, Macht – das alles und noch viel mehr – reicht nicht aus, um Leben lebendig zu machen. Es ist in sich zu wenig. Aus sich heraus kann all das den Lebenshunger nicht stillen. Auf die Liebe kommt es an. Auf sie allein.

Aber was heißt das, Lieben? Zum einen, klar: Liebe hat mit Beziehung zu tun. Liebe ist eine Art, Beziehungen zu gestalten. Liebe ist ein Lebensakt, der ein Gegenüber voraussetzt. Welches Gegenüber? Liebe zu wem?

Was Jesus darauf entfaltet, wird manchmal das „christliche Beziehungsdreieck“ genannt. In ihm konzentriert sich das christliche Menschenbild und die christliche Ethik. Die Überzeugung – die auf Erfahrung gründende Überzeugung ist: Der Mensch steht auf drei Ebenen, in drei Dimensionen, wenn man so will, in Beziehung. Er hat eine Beziehung – viele Beziehungen -: zu andern Menschen („den Nächsten lieben“). Er hat eine Beziehung zu sich selbst („wie dich selbst“). Das ist etwas Besonderes. Der Mensch hat eine Beziehung zu sich. Er kann sich selbst annehmen oder ablehnen. Kann zu sich barmherzig sein oder hart, offen oder verschlossen, feindselig oder liebevoll. Und der Mensch steht in einer Beziehung, die über das Weltliche hinausgeht. Eine Beziehung zu Gott, zu einem personalen – das heißt: einem liebesfähigen – Gott.

Echtes, gutes, wahres, lebendiges Leben hängt mit der Art zusammen, wie ein Mensch diese Beziehungen lebt. Leben wird lebendig durch liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen. Leben wird lebendig, durch eine liebevolle Beziehung zu mir selbst. Leben wird lebendig durch eine liebevolle Beziehung zu dem in mir, was über mich und dich hinausgeht. Eine liebevolle Beziehung zu dem, wovon meine Sehnsucht nach Leben kündet und von dem ich ahne, dass ich es mir selbst nicht geben kann – und auch du nicht, niemand von uns. Das heißt Gottesliebe. Da in Kontakt bleiben. Und im Gespräch, im Gebet.

Und irgendwie hängt das miteinander zusammen. Deshalb das „Beziehungsdreieck“. Die Beziehung zu mir selbst und die zu Anderen und die zu Gott: sie haben miteinander zu tun. Wenn ich mich schwer tue, mich anzunehmen – mich mit mir zu befreunden, wie Aristoteles sagen würde – dann hat das Auswirkungen auf meine Liebesfähigkeit anderen Menschen gegenüber. Irgendwie. Und auf meine Liebeskraft und Liebessehnsucht über mich und dich hinaus. Und umgekehrt. Wenn eine Beziehungsdimension stark und warm wird, macht das auch mit den anderen Beziehungsebenen etwas.

Wichtig ist, besonders wenn ich spüre, dass mir das Leben zerrinnt, irgendwo anzufangen. Anzufangen, die Liebe wieder zu wärmen und zu nähren. Die Liebe zum Mitmensch zum Beispiel. Genauer: die Liebe zum Nächsten.

Aber, ganz ernst gefragt: Wer ist das eigentlich, mein Nächster?

Was Jesus auf diese Frage antwortet, lesen Sie Im nächsten Beitrag. Bleiben Sie dran.

Ora et labora

Auch die zweite Betrachtung über die Kunst der Arbeit rückt einen Spannungspol in den Blick. Noch einmal wollen wir ein lateinisches Begriffspaar einspielen. Geprägt hat es der Gründervater des westkirchlichen Ordenslebens, der heilige Benedikt (480 – 547). Bis heute berufen sich viele klösterliche Gemeinschaften auf seine sogenannte „Benediktsregel“, die beschreibt, wie eine solche Lebensform auf eine nüchterne, gesunde Art gelingen kann. Und es ist nicht verwunderlich, dass sich Impulse daraus inzwischen auch in Managementhandbüchern, Abhandlungen über Unternehmenskultur oder überhaupt in Lebensratgebern wiederfinden.

Das benediktinische Spannungspaar, das wir in den Blick rücken wollen, ist ziemlich bekannt: „Ora et labora. – Bete und arbeite.“ Bete und arbeite – was bedeutet das? Was meint das im Zusammenhang mit unserer Suche nach der Kunst der Arbeit?

Es ist zum einen, ganz menschlich, eine Ermutigung, den Arbeitsprozessen ein Gegengewicht entgegenzusetzen. Ein Gegengewicht, das verhindert, davon völlig vereinnahmt zu werden. Vielleicht kennen Sie das, wenn man ein Thema oder eine Aufgabe oder einen Teamkonflikt oder was auch immer nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Wenn man davon richtiggehend mitgenommen, mitgerissen wird. Vielleicht sogar über die Arbeitszeit hinaus, manchmal bis hinein in die Nacht. Da ist es wichtig, irgendwie zu einer Unterbrechung zu kommen. Eine Möglichkeit zu suchen, einen Moment auszusteigen, die Perspektive zu wechseln, den Kopf wieder freizukriegen. Manchmal hilft es schon, tief durchzuatmen oder die Augen zu schließen oder eine Runde um den Block zu laufen. Entscheidend ist, zu spüren, dass man diesen Reiz-Reaktions-Mechanismen nicht völlig ausgeliefert ist, sondern sie selbst –und sei es nur einen innerlichen Moment – unterbrechen kann.

In den Klöstern wird diese Unterbrechungserfahrung gepflegt durch einen strengen Zeitplan. Zu bestimmten Stunden lassen die Nonnen und Mönche buchstäblich alles stehen und liegen, verlassen den Arbeitsplatz und begeben sich zum Gebet. Und sie machen dabei die Erfahrung, dass nichts so wichtig ist, dass es nicht unterbrochen werden könnte. Und dass nichts so mächtig ist, dass es sie daran hindern könnte, diese Erfahrung – ich kann das unterbrechen – zu machen. Das ist eine Freiheitserfahrung. Für Menschen außerhalb des Klosters ist das natürlich nicht ganz so strikt möglich. Ich kann nicht plötzlich eine Besprechung verlassen oder eine Operation unterbrechen oder meinen Klienten hinausschicken. Aber ein wenig von dieser Freiheitserfahrung – ich kann das alles unterbrechen – lässt sich zumindest innerlich schon auch in unseren Arbeitsalltag einbauen.

Zum Gebet wird diese Unterbrechung, wenn ich mich dabei innerlich an Gott wende. Es gab ja schon mal ein paar Gedanken über das Gebet. Im Grunde ist es ganz einfach. Ich muss nur meine Gedanken und Gefühle innerlich an einen Anderen – an Gott – richten. „Hier, schau her, so geht es mir gerade. Das beschäftigt mich. Das treibt mich um. Was hältst denn Du davon?“ Probieren Sie es einmal aus. Damit verändert sich etwas. Das ist wirklich eine Erfahrung. Damit verändert sich etwas. Weil man dadurch Gott gewissermaßen Raum schafft, wo er das Seine beitragen kann. Eigentlich ist es fast so etwas wie eine Kooperationsvereinbarung, dieses „ora et labora“: ich mache das Meine – labora – und dann höre ich und warte – ora -, was Du Gott dazu beisteuerst.

Es gibt eine schöne Formulierung im Stundengebet, die diese „Kooperation“ beschreibt. Man kann sie sprechen am Beginn und am Ende seines Arbeitstags und damit diesen Tag gewissermaßen als Ganzen ins Gebet nehmen, sich so etwas wie einen geistlichen Rahmen darum bauen: Herr, unser Gott, komm‘ unserem Beten und Arbeiten mit deiner Gnade zuvor und begleite es, damit alles, was wir beginnen, bei Dir seinen Anfang nehme und durch Dich vollendet werde.

Uti und frui

uti - fruiDas erste Instrument unseres seelischen Werkzeugkastens soll ein Begriffspaar sein. Zwei Stichworte, die zueinander in Spannung stehen. Die Begriffe spielen eine wichtige Rolle in der Theologie des heiligen Augustinus (354 – 430 n.Chr.), deshalb nennen wir sie zuerst auf Latein: „uti“ und „frui“. „Uti“ bedeutet: nützen, nützlich sein, zu etwas taugen. „Frui“ dagegen meint: genießen, sich an etwas erfreuen, sich eine Frucht (engl. fruit) schmecken lassen. „Uti“ und „frui“ können so etwas wie zwei Überschriften über das Leben sein, Untertitel, die anzeigen, was meinem Dasein, meiner Lebenszeit jeweils ihr Gepräge gibt.

Es gibt Zeiten, in denen bin ich nützlich, bin zu etwas nütze, bringe darin einen Nutzen. Es sind die Zeiten, in denen ich – um das Bild der Früchte aufzugreifen – selbst Früchte bringe oder daran arbeite, dass etwas Früchte bringt. Die Arbeit steht zunächst und zuerst unter dieser Überschrift: uti – nützlich sein. Wenn ich arbeite, dann lasse ich mich in irgendeiner Weise in den Dienst nehmen von etwas oder jemand. Ich stelle meine Fähigkeiten und meine Kraft zur Verfügung, um damit einen Nutzen zu bringen. Für die Caritas zum Beispiel und über sie für Klienten, Bewohner oder für das soziale Klima meiner Stadt. Und natürlich kann und darf mich das auch erfreuen, aber die Überschrift bleibt doch „uti – nützlich sein“.

Ganz anders, von ihrem Charakter her ganz anders, sind Zeiten unter der Überschrift „frui – genießen“. In diesen Zeiten kommt es nicht darauf an, ob etwas „herauskommt“ für irgendjemand oder irgendetwas. Es spielt keine Rolle, ob irgendjemand etwas davon „hat“ von dem, was ich in einer solchen Zeit tue oder was in einer solchen Zeit geschieht. Wichtig ist nur, dass ich selbst etwas davon schmecke, dass ich selbst das Gute und Schöne, das darin für mich bereit liegt, aufnehme, mich daran erfreue, mich – um diesen alten Ausdruck zu verwenden – daran labe. Es gibt auch da eine eigene Kunst. Die Kunst, das Gute des Lebens bewusst und vollen Herzens zu genießen: das ist die „ars vivendi“, die Lebenskunst.

Betrachten Sie Ihr Leben einmal in diesem Prisma. Versuchen Sie einmal, für Ihren Lebensalltag die entsprechenden Untertitel oder Überschriften zu vergeben. Vielleicht stellen Sie fest, dass es gar nicht so einfach ist, Zeiten zu identifizieren, die voll und ganz unter die Kategorie „Genießen“ fallen. Das Ende der Arbeitszeit, der Dienstschluss ist in den seltensten Fällen der Beginn eines wirklichen „Feier-Abends“. Meist ist es so, dass dann andere Aufgaben warten, dass ich weiterhin nützlich bin und nützlich sein muss, dass ich weiterhin im Dienst und in der Pflicht stehe für anderes und andere: Familie, Haushalt, Garten, Soziales uvm. Auch Training oder Lernen oder Weiterbildung oder andere Formen der Selbstoptimierung sind erst einmal Spielarten des „uti – des Nützlichen“. Ich will die Zeit nützen, um in Form zu bleiben, um voranzukommen. Das alles kann auch Freude machen, keine Frage, verstehen sie mich nicht falsch. Aber es sind dies keine zweckfreie Zeiten, keine Zeiten, die nur zum Genießen da sind.

 Für ein ausgewogenes und erfülltes Leben ist es wichtig, dass es beides gibt: uti und frui, nützlich sein und sich erfreuen, Früchte bringen und Früchte genießen. Mir hilft es, bei dem, was ich gerade tue, von Zeit zu Zeit den Untertitel einzublenden. Manchmal stelle ich fest, dass das „uti“ sich zu weit ausgebreitet hat und das „frui“ zu kurz kommt. Manchmal stelle ich auch fest, dass ich etwas tue, was eigentlich nur zu meinem Genuss da ist – dass ich selbst aber gewissermaßen im falschen Modus bin. Zu angespannt, zu konzentriert darauf, es richtig, gut, effektiv, effizient … zu machen. Dann hilft es mir zuweilen, ganz bewusst zu sagen: das, was ich gerade tue, ist nur dazu da, mich zu erfreuen. Manchmal ist es auch umgekehrt. Da hilft es, mir in bestimmten Situationen vor Augen zu führen: es geht hier nicht um mich. Es geht vor allem darum, hier und jetzt einen Nutzen, gute Früchte zu bringen für Anderes und Andere.

 Uti und frui – nützlich sein und genießen. Beides ist wichtig. Jedes zu seiner Zeit.

Ars laborandi – über die Kunst, seine Arbeit zu tun und dabei mehr Mensch zu werden

Bevor für viele Mitarbeiter(innen) die – gefühlte oder tatsächliche – große Sommerpause beginnt, startet hier noch eine kleine Serie. Eine Serie über – nicht den Urlaub, sondern die Arbeit. Genauer gesagt: über die Kunst der Arbeit. So, wie es eine ars vivendi – eine Kunst, zu leben – gibt, gibt es auch eine ars laborandi – eine Kunst, zu arbeiten. Eine Kunst, seine Arbeit so zu tun, dass sie dem christlichen Doppelziel nahe kommt: anderen einen Nutzen zu bringen – und selbst dabei menschlich zu wachsen.

Hauptaufgabe einer Mitarbeiterseelsorge ist es, verzeihen Sie mir den penetranten Hinweis, in einem Unternehmen mit dafür zu sorgen, dass dieses zweite Ziel von Arbeit – mein eigenes menschliches Wachstum – nicht vergessen wird oder unter die Räder kommt. Die Mitarbeitenden und Führungskräfte immer wieder zu erinnern und zu ermutigen, selbst diese Sorge für sich anzunehmen, sich selbst als Mensch auch dieser „Mühe wert“ zu sein und mitzuhelfen, dass eine seelsorgliche Kultur – eine Kultur des sorgsamen Umgangs mit dem Menschen – im Unternehmen gedeiht.

In seelsorglichen Settings – bei Teamgesprächen oder in Klausurtagen etwa – gehen wir oft in Ruhe und mit Sorgfalt auf die Suche nach dem eigenen Menschsein in der Arbeit. Innehalten, sein Leben wahrnehmen, sich selbst spüren. Den eigenen Krafthaushalt anschauen und bewerten. Wo stehe ich, hier und jetzt, nicht auf der Karriereleiter, sondern auf meinem persönlichen Lebensweg? Was ist aus mir geworden, nicht fachlich, sondern menschlich? Welche Bedeutung hat die Arbeit eigentlich in meinem Leben? Grundsätzlich, nicht nur im Detail? Wie wichtig ist sie für mich, wie mächtig mir gegenüber? Gibt es noch andere Gewichte in meinem Dasein, Gegengewichte, die verhindern können, dass sich meine Identität verengt? Welche Strategien, Handlungen, Haltungen sind hilfreich, um seine Arbeit gut zu tun und dabei selbst mehr Mensch zu werden? Man kann hier viel voneinander lernen.

Oft gehe ich selbst mit neuen Inspirationen aus solchen Gesprächen oder Tagen. Manches kommt häufiger vor, als Ratschlag und gute Erfahrung. Es scheint zum bewährten Handwerkszeug zu gehören für die Kunst der Arbeit, erprobt von vielen Menschen in vielen Arbeitsfeldern. Und zuweilen stellt man fest, dass sich nicht wenig davon auch in der spirituellen Tradition des Christentums wiederfindet. Dass es so etwas wie eine christliche „Spiritualität der Arbeit“ gibt mit Erfahrungen und Ratschlägen, die Menschen bis heute gut tun können.

Unsere kleine Serie will diesen „seelischen Werkzeugkasten“ mit seinen „weltlichen“ und geistlichen Instrumenten mal ein wenig sortieren und ausbreiten. Nehmen Sie sich heraus, was sie für ihre Arbeits- und Lebenssituation gerade gut brauchen können. Und legen Sie, wenn Sie mögen, selbst etwas hinein, eine gute eigene Erfahrung, oder eine erlebte Warnung oder einen tief empfundenen Wunsch – selbst wenn es vielleicht noch nicht gelungen ist, ihn zu realisieren. Ach ja, zum Stichwort „Urlaub“ noch. Wie erholsam und / oder inspirierend ein Urlaub ist, hängt nicht zuletzt von meiner persönlichen „ars laborandi“, meiner Arbeitskunst ab. Von meiner Fertigkeit, Arbeit und Ruhe, Nützlichkeit und Genuss zueinander in ein gutes Verhältnis zu setzen. Aber dazu mehr im nächsten Impuls. Lesen Sie dazu auch Beiträge zum Stichwort Resilienz

Refounding (3): Steh‘ auf, nimm deine Bahre und geh!

Wir machen noch ein bisschen weiter mit unserer kleinen Serie. Lernen von Jesus für uns selbst und unsere caritative Arbeit. Eine Rede haben wir schon angeschaut, dann eine Geschichte, die Geschichte einer Begegnung. Heute soll uns ein Wunder inspirieren.

Wunderberichte sind eine eigene Art von Text. Es geht darin nicht so sehr um irgendwelche überirdischen Spektakel. Es geht mehr um innere Vorgänge. Darum, wie es gelingen kann, innere Sperren zu überwinden und der menschlichen Sehnsucht nach Leben Raum zu schaffen und Bahn zu brechen.

In der Wundergeschichte, die ich Ihnen anbieten möchte, geht es um Lähmung. Lähmung – als Existenzbild – meint mehr als eine Erkrankung der Nerven oder des Muskelapparats. Das Bild steht für all das, was einen Menschen daran hindert, in Bewegung zu kommen. Die Sehnsucht nach Aktivität, nach tätigem Leben ist da – aber irgendetwas hemmt den Menschen. Irgendetwas hält ihn im Bann und verhindert, dass die Kräfte, die in ihm vorhanden sind, zur Entfaltung und zur Wirkung kommen. In diesem Fall sind die lähmenden Muster auch schon sehr lange eingefahren. Bis Jesus kommt.

Mehr soll nicht gesagt werden. Schauen Sie sich die Geschichte einfach mal genau an. Schauen Sie, wie Jesus, wie es in der sozialen Arbeit heißt, „interveniert“. Wie die erste Reaktion ist und wie es sich weiter entwickelt. Möglicherweise entdecken Sie bestimmte Muster aus Ihrer Arbeit wieder. Und es könnte sein, vielleicht, dass Sie selbst als Berater(in), Begleiter(in) oder Pflegende sogar selbst schon an einem solchen Wunder mitgewirkt haben.

In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf hebräisch Betesda. In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. Ein Engel des Herrn aber stieg zu bestimmter Zeit in den Teich hinab und brachte das Wasser zum Aufwallen. Wer dann als erster hineinstieg, wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.  Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre und geh! Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre und ging.