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Ars laborandi (2): Ora et labora

Auch die zweite Betrachtung über die Kunst der Arbeit rückt einen Spannungspol in den Blick. Noch einmal wollen wir ein lateinisches Begriffspaar einspielen. Geprägt hat es der Gründervater des westkirchlichen Ordenslebens, der heilige Benedikt (480 – 547). Bis heute berufen sich viele klösterliche Gemeinschaften auf seine sogenannte „Benediktsregel“, die beschreibt, wie eine solche Lebensform auf eine nüchterne, gesunde Art gelingen kann. Und es ist nicht verwunderlich, dass sich Impulse daraus inzwischen auch in Managementhandbüchern, Abhandlungen über Unternehmenskultur oder überhaupt in Lebensratgebern wiederfinden.

Das benediktinische Spannungspaar, das wir in den Blick rücken wollen, ist ziemlich bekannt: „Ora et labora. – Bete und arbeite.“ Bete und arbeite – was bedeutet das? Was meint das im Zusammenhang mit unserer Suche nach der Kunst der Arbeit?

Es ist zum einen, ganz menschlich, eine Ermutigung, den Arbeitsprozessen ein Gegengewicht entgegenzusetzen. Ein Gegengewicht, das verhindert, davon völlig vereinnahmt zu werden. Vielleicht kennen Sie das, wenn man ein Thema oder eine Aufgabe oder einen Teamkonflikt oder was auch immer nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Wenn man davon richtiggehend mitgenommen, mitgerissen wird. Vielleicht sogar über die Arbeitszeit hinaus, manchmal bis hinein in die Nacht. Da ist es wichtig, irgendwie zu einer Unterbrechung zu kommen. Eine Möglichkeit zu suchen, einen Moment auszusteigen, die Perspektive zu wechseln, den Kopf wieder freizukriegen. Manchmal hilft es schon, tief durchzuatmen oder die Augen zu schließen oder eine Runde um den Block zu laufen. Entscheidend ist, zu spüren, dass man diesen Reiz-Reaktions-Mechanismen nicht völlig ausgeliefert ist, sondern sie selbst –und sei es nur einen innerlichen Moment – unterbrechen kann.

In den Klöstern wird diese Unterbrechungserfahrung gepflegt durch einen strengen Zeitplan. Zu bestimmten Stunden lassen die Nonnen und Mönche buchstäblich alles stehen und liegen, verlassen den Arbeitsplatz und begeben sich zum Gebet. Und sie machen dabei die Erfahrung, dass nichts so wichtig ist, dass es nicht unterbrochen werden könnte. Und dass nichts so mächtig ist, dass es sie daran hindern könnte, diese Erfahrung – ich kann das unterbrechen – zu machen. Das ist eine Freiheitserfahrung. Für Menschen außerhalb des Klosters ist das natürlich nicht ganz so strikt möglich. Ich kann nicht plötzlich eine Besprechung verlassen oder eine Operation unterbrechen oder meinen Klienten hinausschicken. Aber ein wenig von dieser Freiheitserfahrung – ich kann das alles unterbrechen – lässt sich zumindest innerlich schon auch in unseren Arbeitsalltag einbauen.

Zum Gebet wird diese Unterbrechung, wenn ich mich dabei innerlich an Gott wende. Es gab ja schon mal ein paar Gedanken über das Gebet. Im Grunde ist es ganz einfach. Ich muss nur meine Gedanken und Gefühle innerlich an einen Anderen – an Gott – richten. „Hier, schau her, so geht es mir gerade. Das beschäftigt mich. Das treibt mich um. Was hältst denn Du davon?“ Probieren Sie es einmal aus. Damit verändert sich etwas. Das ist wirklich eine Erfahrung. Damit verändert sich etwas. Weil man dadurch Gott gewissermaßen Raum schafft, wo er das Seine beitragen kann. Eigentlich ist es fast so etwas wie eine Kooperationsvereinbarung, dieses „ora et labora“: ich mache das Meine – labora – und dann höre ich und warte – ora -, was Du Gott dazu beisteuerst.

Es gibt eine schöne Formulierung im Stundengebet, die diese „Kooperation“ beschreibt. Man kann sie sprechen am Beginn und am Ende seines Arbeitstags und damit diesen Tag gewissermaßen als Ganzen ins Gebet nehmen, sich so etwas wie einen geistlichen Rahmen darum bauen: Herr, unser Gott, komm‘ unserem Beten und Arbeiten mit deiner Gnade zuvor und begleite es, damit alles, was wir beginnen, bei Dir seinen Anfang nehme und durch Dich vollendet werde.

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Ars laborandi (1): Uti und frui

uti - fruiDas erste Instrument unseres seelischen Werkzeugkastens soll ein Begriffspaar sein. Zwei Stichworte, die zueinander in Spannung stehen. Die Begriffe spielen eine wichtige Rolle in der Theologie des heiligen Augustinus (354 – 430 n.Chr.), deshalb nennen wir sie zuerst auf Latein: „uti“ und „frui“. „Uti“ bedeutet: nützen, nützlich sein, zu etwas taugen. „Frui“ dagegen meint: genießen, sich an etwas erfreuen, sich eine Frucht (engl. fruit) schmecken lassen. „Uti“ und „frui“ können so etwas wie zwei Überschriften über das Leben sein, Untertitel, die anzeigen, was meinem Dasein, meiner Lebenszeit jeweils ihr Gepräge gibt.

Es gibt Zeiten, in denen bin ich nützlich, bin zu etwas nütze, bringe darin einen Nutzen. Es sind die Zeiten, in denen ich – um das Bild der Früchte aufzugreifen – selbst Früchte bringe oder daran arbeite, dass etwas Früchte bringt. Die Arbeit steht zunächst und zuerst unter dieser Überschrift: uti – nützlich sein. Wenn ich arbeite, dann lasse ich mich in irgendeiner Weise in den Dienst nehmen von etwas oder jemand. Ich stelle meine Fähigkeiten und meine Kraft zur Verfügung, um damit einen Nutzen zu bringen. Für die Caritas zum Beispiel und über sie für Klienten, Bewohner oder für das soziale Klima meiner Stadt. Und natürlich kann und darf mich das auch erfreuen, aber die Überschrift bleibt doch „uti – nützlich sein“.

Ganz anders, von ihrem Charakter her ganz anders, sind Zeiten unter der Überschrift „frui – genießen“. In diesen Zeiten kommt es nicht darauf an, ob etwas „herauskommt“ für irgendjemand oder irgendetwas. Es spielt keine Rolle, ob irgendjemand etwas davon „hat“ von dem, was ich in einer solchen Zeit tue oder was in einer solchen Zeit geschieht. Wichtig ist nur, dass ich selbst etwas davon schmecke, dass ich selbst das Gute und Schöne, das darin für mich bereit liegt, aufnehme, mich daran erfreue, mich – um diesen alten Ausdruck zu verwenden – daran labe. Es gibt auch da eine eigene Kunst. Die Kunst, das Gute des Lebens bewusst und vollen Herzens zu genießen: das ist die „ars vivendi“, die Lebenskunst.

Betrachten Sie Ihr Leben einmal in diesem Prisma. Versuchen Sie einmal, für Ihren Lebensalltag die entsprechenden Untertitel oder Überschriften zu vergeben. Vielleicht stellen Sie fest, dass es gar nicht so einfach ist, Zeiten zu identifizieren, die voll und ganz unter die Kategorie „Genießen“ fallen. Das Ende der Arbeitszeit, der Dienstschluss ist in den seltensten Fällen der Beginn eines wirklichen „Feier-Abends“. Meist ist es so, dass dann andere Aufgaben warten, dass ich weiterhin nützlich bin und nützlich sein muss, dass ich weiterhin im Dienst und in der Pflicht stehe für anderes und andere: Familie, Haushalt, Garten, Soziales uvm. Auch Training oder Lernen oder Weiterbildung oder andere Formen der Selbstoptimierung sind erst einmal Spielarten des „uti – des Nützlichen“. Ich will die Zeit nützen, um in Form zu bleiben, um voranzukommen. Das alles kann auch Freude machen, keine Frage, verstehen sie mich nicht falsch. Aber es sind dies keine zweckfreie Zeiten, keine Zeiten, die nur zum Genießen da sind.

Für ein ausgewogenes und erfülltes Leben ist es wichtig, dass es beides gibt: uti und frui, nützlich sein und sich erfreuen, Früchte bringen und Früchte genießen. Mir hilft es, bei dem, was ich gerade tue, von Zeit zu Zeit den Untertitel einzublenden. Manchmal stelle ich fest, dass das „uti“ sich zu weit ausgebreitet hat und das „frui“ zu kurz kommt. Manchmal stelle ich auch fest, dass ich etwas tue, was eigentlich nur zu meinem Genuss da ist – dass ich selbst aber gewissermaßen im falschen Modus bin. Zu angespannt, zu konzentriert darauf, es richtig, gut, effektiv, effizient … zu machen. Dann hilft es mir zuweilen, ganz bewusst zu sagen: das, was ich gerade tue, ist nur dazu da, mich zu erfreuen. Manchmal ist es auch umgekehrt. Da hilft es, mir in bestimmten Situationen vor Augen zu führen: es geht hier nicht um mich. Es geht vor allem darum, hier und jetzt einen Nutzen, gute Früchte zu bringen für Anderes und Andere.

Uti und frui – nützlich sein und genießen. Beides ist wichtig. Jedes zu seiner Zeit.

Neue Serie: Ars laborandi – über die Kunst, seine Arbeit zu tun und dabei mehr Mensch zu werden

Heute startet eine neue Serie. Gedanken über die Arbeit, genauer gesagt: über die Kunst der Arbeit. So, wie es eine ars vivendi – eine Kunst, zu leben – gibt, gibt es auch eine ars laborandi – eine Kunst, zu arbeiten. Eine Kunst, seine Arbeit so zu tun, dass sie dem christlichen Doppelziel nahe kommt: anderen einen Nutzen zu bringen – und selbst dabei menschlich zu wachsen.

Hauptaufgabe einer Mitarbeiterseelsorge ist es, verzeihen Sie mir den penetranten Hinweis, in einem Unternehmen mit dafür zu sorgen, dass dieses zweite Ziel von Arbeit – mein eigenes menschliches Wachstum – nicht vergessen wird oder unter die Räder kommt. Die Mitarbeitenden und Führungskräfte immer wieder zu erinnern und zu ermutigen, selbst diese Sorge für sich anzunehmen, sich selbst als Mensch auch dieser „Mühe wert“ zu sein und mitzuhelfen, dass eine seelsorgliche Kultur – eine Kultur des sorgsamen Umgangs mit dem Menschen – im Unternehmen gedeiht.

In seelsorglichen Settings – bei Teamgesprächen oder in Klausurtagen etwa – gehen wir oft in Ruhe und mit Sorgfalt auf die Suche nach dem eigenen Menschsein in der Arbeit. Innehalten, sein Leben wahrnehmen, sich selbst spüren. Den eigenen Krafthaushalt anschauen und bewerten. Wo stehe ich, hier und jetzt, nicht auf der Karriereleiter, sondern auf meinem persönlichen Lebensweg? Was ist aus mir geworden, nicht fachlich, sondern menschlich? Welche Bedeutung hat die Arbeit eigentlich in meinem Leben? Grundsätzlich, nicht nur im Detail? Wie wichtig ist sie für mich, wie mächtig mir gegenüber? Gibt es noch andere Gewichte in meinem Dasein, Gegengewichte, die verhindern können, dass sich meine Identität verengt? Welche Strategien, Handlungen, Haltungen sind hilfreich, um seine Arbeit gut zu tun und dabei selbst mehr Mensch zu werden? Man kann hier viel voneinander lernen.

Oft gehe ich selbst mit neuen Inspirationen aus solchen Gesprächen oder Tagen. Manches kommt häufiger vor, als Ratschlag und gute Erfahrung. Es scheint zum bewährten Handwerkszeug zu gehören für die Kunst der Arbeit, erprobt von vielen Menschen in vielen Arbeitsfeldern. Und zuweilen stellt man fest, dass sich nicht wenig davon auch in der spirituellen Tradition des Christentums wiederfindet. Dass es so etwas wie eine christliche „Spiritualität der Arbeit“ gibt mit Erfahrungen und Ratschlägen, die Menschen bis heute gut tun können.

Unsere kleine Serie will diesen „seelischen Werkzeugkasten“ mit seinen „weltlichen“ und geistlichen Instrumenten mal ein wenig sortieren und ausbreiten. Nehmen Sie sich heraus, was sie für ihre Arbeits- und Lebenssituation gerade gut brauchen können. Und legen Sie, wenn Sie mögen, selbst etwas hinein, eine gute eigene Erfahrung, oder eine erlebte Warnung oder einen tief empfundenen Wunsch – selbst wenn es vielleicht noch nicht gelungen ist, ihn zu realisieren. Ach ja, zum Stichwort „Urlaub“ noch. Wie erholsam und / oder inspirierend ein Urlaub ist, hängt nicht zuletzt von meiner persönlichen „ars laborandi“, meiner Arbeitskunst ab. Von meiner Fertigkeit, Arbeit und Ruhe, Nützlichkeit und Genuss zueinander in ein gutes Verhältnis zu setzen. Aber dazu mehr im nächsten Impuls. Lesen Sie dazu auch Beiträge zum Stichwort Resilienz

Neue Serie: spirituelles Leben

P1040476Nach längerer Umbaupause startet in diesem Blog eine neue Serie. Etwas ungelenk trägt sie die Überschrift „spirituelles Leben“. In der Vergangenheit gab es schon einige Überlegungen zum Begriff „Spiritualität“ und zu einer Spiritualität (in) der caritativen Arbeit.

Es dürfte deutlich geworden sein, dass ich kein Freund eines „addidiven“ Spiritualitätsverständnisses bin. Es geht, so meine ich, nicht so sehr darum, in oder neben der Arbeit auch noch „etwas Spirituelles“ zu machen, eine Kerze zu entzünden oder sonst ein Ritual zu veranstalten oder einen – nicht selten doch recht isolierten – „spirituellen Impuls“ zu verlesen oder so etwas. Das alles kann natürlich für sich genommen durchaus etwas Sinnvolles sein. Entscheidender scheint mir aber, ob und wie „das Spirituelle“ zum Gesamt der Arbeit und des Lebens passt.

Jeder Mensch hat, darauf wurde immer wieder hingewiesen, Spiritualität. Weil jeder Mensch etwas hat, was ihm wichtig ist. Jede und jeder hat eine Vorstellung vom guten Leben, von dem, was ihr und ihm wertvoll oder gar heilig ist. Jede und jeder hat eine Art, das eigene Leben zu gestalten. Jede und jeder bringt dies auch in seine Arbeit mit, es prägt– bewusst oder unbewusst – die Art, Menschen zu pflegen, zu beraten, zu begleiten, zu führen. Und es ist diese ganz persönliche Spiritualität, durch die unsere Mitarbeitenden und Führungskräfte die „Spiritualität der Caritas“ mitprägen und mitgestalten. „Spirituelles Leben“ in Caritas und Diakonie wird damit beginnen, diese verschiedenen, je eigenen Spiritualitäten in einen fruchtbaren und respektvollen Dialog zu bringen.

Auf der anderen Seite ist „Spiritualität“ aber auch so etwas wie ein Wert- und Sehnsuchtsbegriff. Wenn Menschen auf die Suche gehen nach Spiritualität, wenn sie „spirituelle Übungen“ machen oder „spirituelle Ratgeber“ befragen, dann spiegelt sich darin auch die Suche nach Orientierung, die Suche nach Kraft und Lebendigkeit. Das „spirituelle Leben“ wird als Gegenentwurf gesehen zu einem Leben, das nur von außen gesteuert ist. Wo ich nur damit beschäftigt bin, Anforderungen und Erwartungen anderer zu genügen. Wo ich mit einer inneren To-do-Liste durch die Tage hetze und den Kontakt zu meinem eigenen, meinem inneren Leben verloren habe oder dabei bin, ihn zu verlieren.

Oft werde ich gebeten, bei Klausurtagungen oder Seminaren ein „spirituelles Angebot“ zu machen. Und wenn ich dann frage, was sich denn die Auftraggeber davon versprechen, dann kommen Antworten wie: zur Ruhe kommen, sich sammeln, sich sortieren, Kraft schöpfen, sich selbst wieder spüren, die eigenen Ideale wieder leuchten sehen. Die spirituellen Übungen sind dabei eigentlich nicht das Wichtige. Wichtig ist das, was in ihnen neu in den Blick kommt. Und wichtig ist das, was jemand dabei erfährt – nicht als Fremderfahrung, sondern als Erfahrung aus dem eigenen Inneren.

Ausgehend davon wird es also in nächster Zeit in diesem Blog einige Betrachtungen über „spirituelles Leben“ geben. Eigene Überlegungen und solche aus dem reichen Schatz der verschiedenen spirituellen Traditionen. Es sind Betrachtungen, Beobachtungen, Berichte, keine Abhandlungen oder Patentrezepte. Nehmen Sie sich das heraus, was Ihnen nützlich und hilfreich ist. Und wenn Sie mögen, reichern Sie das Gesagte an durch eigene Gedanken und Geschichten.