Das Leben und die Liebe

Was muss ich tun, um wirklich zu leben? Wie und wodurch wird menschliches Leben lebendig? Richtig lebendig? Worauf kommt es an in diesem und für dieses Leben? Bis heute stellen Menschen solche Fragen. Weil menschliches Leben nicht einfach „fertig“ ist. Weil es einen Unterschied gibt zwischen dem bloßen „Dahinleben“ und dem, was Leben eigentlich sein kann und sein soll. Weil wir Menschen spüren, dass das ein Unterschied ist. In Momenten der Erfüllung spüren wir das. Und in Momenten der Ödnis. Leben ist mehr. Deshalb diese Frage. Was muss ich tun, um das Leben zu gewinnen?

Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben.

Was ist das für eine Antwort, die Jesus hier gibt?

Zunächst: Jesus stellt sich in einen Erfahrungskontext. Was liest du im Gesetz? „Gesetz“, da holpert die deutsche Übersetzung. Gesetz ist bei uns etwas Juristisches. Oder etwas Physikalisches. Was Jesus meint, heißt biblisch „Tora“. Tora bedeutet: Wegweisung. Wegweisung, gewonnen aus menschlicher Lebenserfahrung. Tora heißt: Verdichtete Lebenserfahrung. Das ist wichtig. Auf die Frage: Wie gewinne ich Leben und Lebendigkeit? brauche ich Antworten, die auf Erfahrung gründen. Keine theoretischen Konstrukte. Keine blutleeren Lebensratgeber. Erfahrungen.

Was sind diese Erfahrungen? Was ist ihnen gemeinsam? Was ist ihr Kern? Im Kern, im Zentrum steht ein Wort: LIEBE. Das ist die Zentralerfahrung. Leben, wirkliches, lebendiges – ewiges – Leben hängt mit Liebe zusammen. Ein lebendiger Mensch ist ein liebender Mensch. Das ist die erste Antwort: wenn du das Leben suchst, dann such‘ die Liebe. An ihr hängt alles.

Unausgesprochen heißt dies, ex negativo: auf alles andere kommt es am Ende und aufs Ganze gesehen nicht an. Alles andere ist zu wenig, um Leben darauf zu bauen. Ruhm, Erfolg, Reichtum, Behaglichkeit, Erlebnis, Gesundheit, Macht – das alles und noch viel mehr – reicht nicht aus, um Leben lebendig zu machen. Es ist in sich zu wenig. Aus sich heraus kann all das den Lebenshunger nicht stillen. Auf die Liebe kommt es an. Auf sie allein.

Aber was heißt das, Lieben? Zum einen, klar: Liebe hat mit Beziehung zu tun. Liebe ist eine Art, Beziehungen zu gestalten. Liebe ist ein Lebensakt, der ein Gegenüber voraussetzt. Welches Gegenüber? Liebe zu wem?

Was Jesus darauf entfaltet, wird manchmal das „christliche Beziehungsdreieck“ genannt. In ihm konzentriert sich das christliche Menschenbild und die christliche Ethik. Die Überzeugung – die auf Erfahrung gründende Überzeugung ist: Der Mensch steht auf drei Ebenen, in drei Dimensionen, wenn man so will, in Beziehung. Er hat eine Beziehung – viele Beziehungen -: zu andern Menschen („den Nächsten lieben“). Er hat eine Beziehung zu sich selbst („wie dich selbst“). Das ist etwas Besonderes. Der Mensch hat eine Beziehung zu sich. Er kann sich selbst annehmen oder ablehnen. Kann zu sich barmherzig sein oder hart, offen oder verschlossen, feindselig oder liebevoll. Und der Mensch steht in einer Beziehung, die über das Weltliche hinausgeht. Eine Beziehung zu Gott, zu einem personalen – das heißt: einem liebesfähigen – Gott.

Echtes, gutes, wahres, lebendiges Leben hängt mit der Art zusammen, wie ein Mensch diese Beziehungen lebt. Leben wird lebendig durch liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen. Leben wird lebendig, durch eine liebevolle Beziehung zu mir selbst. Leben wird lebendig durch eine liebevolle Beziehung zu dem in mir, was über mich und dich hinausgeht. Eine liebevolle Beziehung zu dem, wovon meine Sehnsucht nach Leben kündet und von dem ich ahne, dass ich es mir selbst nicht geben kann – und auch du nicht, niemand von uns. Das heißt Gottesliebe. Da in Kontakt bleiben. Und im Gespräch, im Gebet.

Und irgendwie hängt das miteinander zusammen. Deshalb das „Beziehungsdreieck“. Die Beziehung zu mir selbst und die zu Anderen und die zu Gott: sie haben miteinander zu tun. Wenn ich mich schwer tue, mich anzunehmen – mich mit mir zu befreunden, wie Aristoteles sagen würde – dann hat das Auswirkungen auf meine Liebesfähigkeit anderen Menschen gegenüber. Irgendwie. Und auf meine Liebeskraft und Liebessehnsucht über mich und dich hinaus. Und umgekehrt. Wenn eine Beziehungsdimension stark und warm wird, macht das auch mit den anderen Beziehungsebenen etwas.

Wichtig ist, besonders wenn ich spüre, dass mir das Leben zerrinnt, irgendwo anzufangen. Anzufangen, die Liebe wieder zu wärmen und zu nähren. Die Liebe zum Mitmensch zum Beispiel. Genauer: die Liebe zum Nächsten.

Aber, ganz ernst gefragt: Wer ist das eigentlich, mein Nächster?

Was Jesus auf diese Frage antwortet, lesen Sie Im nächsten Beitrag. Bleiben Sie dran.

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