Ars laborandi – über die Kunst, seine Arbeit zu tun und dabei mehr Mensch zu werden

Bevor für viele Mitarbeiter(innen) die – gefühlte oder tatsächliche – große Sommerpause beginnt, startet hier noch eine kleine Serie. Eine Serie über – nicht den Urlaub, sondern die Arbeit. Genauer gesagt: über die Kunst der Arbeit. So, wie es eine ars vivendi – eine Kunst, zu leben – gibt, gibt es auch eine ars laborandi – eine Kunst, zu arbeiten. Eine Kunst, seine Arbeit so zu tun, dass sie dem christlichen Doppelziel nahe kommt: anderen einen Nutzen zu bringen – und selbst dabei menschlich zu wachsen.

Hauptaufgabe einer Mitarbeiterseelsorge ist es, verzeihen Sie mir den penetranten Hinweis, in einem Unternehmen mit dafür zu sorgen, dass dieses zweite Ziel von Arbeit – mein eigenes menschliches Wachstum – nicht vergessen wird oder unter die Räder kommt. Die Mitarbeitenden und Führungskräfte immer wieder zu erinnern und zu ermutigen, selbst diese Sorge für sich anzunehmen, sich selbst als Mensch auch dieser „Mühe wert“ zu sein und mitzuhelfen, dass eine seelsorgliche Kultur – eine Kultur des sorgsamen Umgangs mit dem Menschen – im Unternehmen gedeiht.

In seelsorglichen Settings – bei Teamgesprächen oder in Klausurtagen etwa – gehen wir oft in Ruhe und mit Sorgfalt auf die Suche nach dem eigenen Menschsein in der Arbeit. Innehalten, sein Leben wahrnehmen, sich selbst spüren. Den eigenen Krafthaushalt anschauen und bewerten. Wo stehe ich, hier und jetzt, nicht auf der Karriereleiter, sondern auf meinem persönlichen Lebensweg? Was ist aus mir geworden, nicht fachlich, sondern menschlich? Welche Bedeutung hat die Arbeit eigentlich in meinem Leben? Grundsätzlich, nicht nur im Detail? Wie wichtig ist sie für mich, wie mächtig mir gegenüber? Gibt es noch andere Gewichte in meinem Dasein, Gegengewichte, die verhindern können, dass sich meine Identität verengt? Welche Strategien, Handlungen, Haltungen sind hilfreich, um seine Arbeit gut zu tun und dabei selbst mehr Mensch zu werden? Man kann hier viel voneinander lernen.

Oft gehe ich selbst mit neuen Inspirationen aus solchen Gesprächen oder Tagen. Manches kommt häufiger vor, als Ratschlag und gute Erfahrung. Es scheint zum bewährten Handwerkszeug zu gehören für die Kunst der Arbeit, erprobt von vielen Menschen in vielen Arbeitsfeldern. Und zuweilen stellt man fest, dass sich nicht wenig davon auch in der spirituellen Tradition des Christentums wiederfindet. Dass es so etwas wie eine christliche „Spiritualität der Arbeit“ gibt mit Erfahrungen und Ratschlägen, die Menschen bis heute gut tun können.

Unsere kleine Serie will diesen „seelischen Werkzeugkasten“ mit seinen „weltlichen“ und geistlichen Instrumenten mal ein wenig sortieren und ausbreiten. Nehmen Sie sich heraus, was sie für ihre Arbeits- und Lebenssituation gerade gut brauchen können. Und legen Sie, wenn Sie mögen, selbst etwas hinein, eine gute eigene Erfahrung, oder eine erlebte Warnung oder einen tief empfundenen Wunsch – selbst wenn es vielleicht noch nicht gelungen ist, ihn zu realisieren. Ach ja, zum Stichwort „Urlaub“ noch. Wie erholsam und / oder inspirierend ein Urlaub ist, hängt nicht zuletzt von meiner persönlichen „ars laborandi“, meiner Arbeitskunst ab. Von meiner Fertigkeit, Arbeit und Ruhe, Nützlichkeit und Genuss zueinander in ein gutes Verhältnis zu setzen. Aber dazu mehr im nächsten Impuls. Lesen Sie dazu auch Beiträge zum Stichwort Resilienz

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Gönne dich dir selbst

Relax-kleinKürzlich bin ich auf einen Brief gestoßen. Er wurde bei einer Caritastagung verlesen. Und es war ganz so, als wäre er für genau diesen Anlass geschrieben worden. Für Menschen in der sozialen Arbeit. Für Menschen, die sich engagieren, die Verantwortung übernehmen, die sich rühren lassen von Not und Elend. Menschen, die da sein wollen für andere. 

Das stand drin in diesem Brief:

„Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei: wenn Du jetzt nicht erschrickst, ist Dein Herz schon so weit.

Das harte Herz ist allein; es ist sich selbst nicht zuwider, weil es sich selbst nicht spürt. Was fragst Du mich? Keiner mit hartem Herzen hat jemals das Heil erlangt, es sei denn, Gott habe sich seiner erbarmt und ihm, wie der Prophet sagt, sein Herz aus Stein weggenommen und ihm ein Herz aus Fleisch gegeben.

 Wenn Du Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben? Darin lobe ich Dich nicht. Ich glaube, niemand wird Dich loben, der das Wort Salomons kennt: „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit“ (Sir 38,25). Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht.

Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1. Kor 9,22), lobe ich Deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt sein, wenn Du Dich selber verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn, was würde es Dir nützen, wenn Du – nach dem Wort des Herrn (Mt 16,26) – alle gewinnen, aber als einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nicht von Dir alles haben? Wie lange bist Du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78,39)? Wie lange noch schenkst Du allen anderen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selber?

Ja, wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“

Geschrieben wurde er im zwölften Jahrhundert. Von einem Mönch, Bernhard von Clairvaux. Adressat war eine gestresste kirchliche Führungskraft, Papst Eugen III.