Not sehen – und ?

Not sehen„Not sehen und handeln“, so heißt bekanntlich der Leitspruch der deutschen Caritas. Not sehen und handeln. Der „Barmherzige Samariter“ aus der Geschichte wird oft als Beispiel genommen, wie das geht: Not sehen und handeln. Ein Mensch gerät in Not, ein anderer sieht diese Not – und handelt. Ganz einfach.

Oder doch nicht? Zwei Menschen sehen die Not auch. Aber sie handeln nicht, nicht im Sinne des Notleidenden. Sie gehen vorbei. Warum gehen zwei vorbei und einer nicht? Am Sehen kann es nicht liegen. Alle drei sehen den Notleidenden. Alle drei wissen, dass da ein Mensch liegt, dem es sehr schlecht geht.

Die Geschichte, die Jesus erzählt, nimmt das „und“ in den Blick. Das „und“ zwischen Not sehen und handeln. Irgendetwas muss geschehen, damit aus dem Sehen ein helfendes und heilendes Handeln werden kann. Aber was?

Blenden wir noch einmal zurück. Die Frage war: Wer ist mein Nächster? Und die Frage kam auf, weil Jesus – und mit ihm die ganze jüdisch-christliche Tradition – der Überzeugung ist, dass wahres Leben und liebevolle Beziehungen zusammengehören. Zu Gott, zu mir selbst und zu meinen Nächsten. Wodurch aber wird mir jemand zum Nächsten? Was muss da geschehen?

Die entscheidende Formulierung in der Geschichte kommt nach dem „sehen“. Im Griechischen Text steht da zweimal ein ganz interessanter Begriff: antiparelton. „Parelton “ heißt: sie gingen vorbei. Aber nicht einfach so. Sondern bewusst, aktiv auf Distanz bedacht. Das bedeutet die Vorsilbe „anti“: gegen. Sie sehen die Not – und Ihre Handlung, wenn man so will, besteht darin, aktiv dagegen anzukämpfen, dass sie diese Not rührt. Sie lassen sich diese Not nicht nahe gehen. Sie kämpfen dagegen an, dass ihnen das nahegeht. Sie kämpfen dagegen an – um an dem Notleidenden vorbeizukommen.

Der dritte Mensch hingegen kämpft nicht dagegen an. Er lässt sich diese Not nahe gehen. Das ist das Erste und das Entscheidende. Er wehrt sich nicht. Und deshalb geschieht mit ihm etwas. „Er wurde von Erbarmen erfüllt“, heißt es. Der Samariter lässt zu, von Erbarmen erfüllt zu werden. Und deshalb, weil ihn dieses Erbarmen erfüllt, handelt er schließlich.

Wenn Sie genau hinschauen, dreht Jesus am Ende der Geschichte die Formulierung um: „Was meinst du, wer von den dreien ist der Nächste dessen geworden, der unter die Räuber gefallen ist?“ Nicht mehr: Wer ist mein Nächster? Sondern: Wem werde ich zum Nächsten? Echte Solidarität beginnt damit, dass ich mir etwas – mehr: jemand – nahe gehen lasse. Dass ich mich nicht dagegen wehre, dass mich Mitleid und Erbarmen erfüllt. Und damit beginnt auch Leben und Lebendigkeit, dass es diese Empfindungen in mir gibt und geben darf.

Geht das, werden Sie fragen, in der sozialen Arbeit? Kann es da Nähe geben und Mitleid und Erbarmen? Darf es das geben in der Pflege, in der Beratung, in der Erziehung, in der Begleitung? Wo wir so sehr darauf bedacht sind, Distanz zu wahren zu den Schicksalen, mit denen wir zu tun bekommen? Wo wir die „professionelle Distanz“ einhalten und einfordern zu den Menschen mit diesen Schicksalen? Auch um des eigenen Schutzes willen.

Schwer zu sagen. Eine pauschale Antwort wird es nicht geben auf diese Fragen. Deshalb ist die Geschichte vom Barmherzigen Samariter auch kein einfaches Leitbild für die Arbeit der professionellen Caritas und Diakonie. Aber die Frage bleibt auch: Wodurch wird Leben lebendig? Wodurch werde ich lebendig? Wodurch werde ich in der sozialen Arbeit lebendig? Wenn mir nichts und niemand mehr nahegeht, welche Beziehungen lebe ich dann noch? Wenn ich immer nur darauf bedacht bin, mich zu wehren gegen Nähe, Erbarmen und Mitleid – stirbt dann früher oder später nicht das Leben ab?

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