Grundkurs Christentum (1): Jesus

Jesus - JohannesFür die Christen spielt ein Mensch namens Jesus eine wichtige Rolle. Er lebte vor etwa 2000 Jahren im heutigen Israel. Seine religiöse Beheimatung hatte Jesus im Judentum. Er war überzeugt, dass es einen Gott gibt, der sich für jeden Menschen interessiert und sich um ihn kümmert. Der Name „Jesus“ heißt übersetzt übrigens so etwas wie „Gott macht heil“.

Im Lauf seines Lebens spürt Jesus, dass Gott mit ihm etwas vorhat. Sein „Lebensprogramm“, seine „Berufung“ wird es, Menschen von Gott zu erzählen. Genauer: Menschen zu sagen und zu zeigen, dass Gott auf ihrer Seite ist. Besonders wendet er sich dabei Menschen zu, die sich selbst nicht sehr geliebt fühlen. Weil sie in Not sind oder weil sie in der Gesellschaft nichts gelten, weil sie sich schämen oder sich in ihrem Leben verstrickt haben. Ihnen versucht Jesus Mut zu machen. Vor allem durch die Art, wie er ihnen begegnet.

Er erinnert sie daran, dass jeder Mensch in sich etwas ganz Heiliges hat, das nicht zerbrechen und nicht besudelt werden kann. Und er versucht, ihr Vertrauen auf Gott zu stärken. Es gibt mehr als das, was du selbst hast oder kannst. Auch mehr, als dir die Anderen geben. In dir gibt es so etwas wie eine himmlische Quelle, aus der du Kraft oder Mut oder Klarheit oder Trost schöpfen kannst.

Was hat das mit der sozialen Arbeit zu tun? Nun, in gewisser Weise setzen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Caritas oder Diakonie dieses „Programm“ Jesu heute fort. Sie wenden sich Menschen zu – besonders Menschen in Not. Und durch diese Zuwendung – noch vor der konkreten Pflege- oder Beratungs- oder Hilfeleistung – können Menschen spüren: da interessiert sich jemand für mich und mein Leben. Es kümmert eine oder einen, wie es mir geht.

Manchmal spürt jemand in dieser menschlichen Zuwendung vielleicht auch noch mehr. Manchmal spürt sie oder er darin auch so etwas wie die Nähe Gottes. Ohne dass davon extra die Rede ist, vielleicht auch ganz unabhängig, ob ein Pflegender oder eine Beraterin oder ein(e) Begleiter(in) damit etwas anfangen kann.

Reflexions- / Diskussionsfragen:

  • Haben Sie das Gefühl, dass Ihr berufliches Engagement mit dem „Programm“ Jesu etwas zu tun hat?
  • Wie empfinden Sie die Vorstellung, dass jemand durch Sie die Nähe Gottes spürt?
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Not sehen – und ?

Not sehen„Not sehen und handeln“, so heißt bekanntlich der Leitspruch der deutschen Caritas. Not sehen und handeln. Der „Barmherzige Samariter“ aus der Geschichte wird oft als Beispiel genommen, wie das geht: Not sehen und handeln. Ein Mensch gerät in Not, ein anderer sieht diese Not – und handelt. Ganz einfach.

Oder doch nicht? Zwei Menschen sehen die Not auch. Aber sie handeln nicht, nicht im Sinne des Notleidenden. Sie gehen vorbei. Warum gehen zwei vorbei und einer nicht? Am Sehen kann es nicht liegen. Alle drei sehen den Notleidenden. Alle drei wissen, dass da ein Mensch liegt, dem es sehr schlecht geht.

Die Geschichte, die Jesus erzählt, nimmt das „und“ in den Blick. Das „und“ zwischen Not sehen und handeln. Irgendetwas muss geschehen, damit aus dem Sehen ein helfendes und heilendes Handeln werden kann. Aber was?

Blenden wir noch einmal zurück. Die Frage war: Wer ist mein Nächster? Und die Frage kam auf, weil Jesus – und mit ihm die ganze jüdisch-christliche Tradition – der Überzeugung ist, dass wahres Leben und liebevolle Beziehungen zusammengehören. Zu Gott, zu mir selbst und zu meinen Nächsten. Wodurch aber wird mir jemand zum Nächsten? Was muss da geschehen?

Die entscheidende Formulierung in der Geschichte kommt nach dem „sehen“. Im Griechischen Text steht da zweimal ein ganz interessanter Begriff: antiparelton. „Parelton “ heißt: sie gingen vorbei. Aber nicht einfach so. Sondern bewusst, aktiv auf Distanz bedacht. Das bedeutet die Vorsilbe „anti“: gegen. Sie sehen die Not – und Ihre Handlung, wenn man so will, besteht darin, aktiv dagegen anzukämpfen, dass sie diese Not rührt. Sie lassen sich diese Not nicht nahe gehen. Sie kämpfen dagegen an, dass ihnen das nahegeht. Sie kämpfen dagegen an – um an dem Notleidenden vorbeizukommen.

Der dritte Mensch hingegen kämpft nicht dagegen an. Er lässt sich diese Not nahe gehen. Das ist das Erste und das Entscheidende. Er wehrt sich nicht. Und deshalb geschieht mit ihm etwas. „Er wurde von Erbarmen erfüllt“, heißt es. Der Samariter lässt zu, von Erbarmen erfüllt zu werden. Und deshalb, weil ihn dieses Erbarmen erfüllt, handelt er schließlich.

Wenn Sie genau hinschauen, dreht Jesus am Ende der Geschichte die Formulierung um: „Was meinst du, wer von den dreien ist der Nächste dessen geworden, der unter die Räuber gefallen ist?“ Nicht mehr: Wer ist mein Nächster? Sondern: Wem werde ich zum Nächsten? Echte Solidarität beginnt damit, dass ich mir etwas – mehr: jemand – nahe gehen lasse. Dass ich mich nicht dagegen wehre, dass mich Mitleid und Erbarmen erfüllt. Und damit beginnt auch Leben und Lebendigkeit, dass es diese Empfindungen in mir gibt und geben darf.

Geht das, werden Sie fragen, in der sozialen Arbeit? Kann es da Nähe geben und Mitleid und Erbarmen? Darf es das geben in der Pflege, in der Beratung, in der Erziehung, in der Begleitung? Wo wir so sehr darauf bedacht sind, Distanz zu wahren zu den Schicksalen, mit denen wir zu tun bekommen? Wo wir die „professionelle Distanz“ einhalten und einfordern zu den Menschen mit diesen Schicksalen? Auch um des eigenen Schutzes willen.

Schwer zu sagen. Eine pauschale Antwort wird es nicht geben auf diese Fragen. Deshalb ist die Geschichte vom Barmherzigen Samariter auch kein einfaches Leitbild für die Arbeit der professionellen Caritas und Diakonie. Aber die Frage bleibt auch: Wodurch wird Leben lebendig? Wodurch werde ich lebendig? Wodurch werde ich in der sozialen Arbeit lebendig? Wenn mir nichts und niemand mehr nahegeht, welche Beziehungen lebe ich dann noch? Wenn ich immer nur darauf bedacht bin, mich zu wehren gegen Nähe, Erbarmen und Mitleid – stirbt dann früher oder später nicht das Leben ab?

Wer ist mein Nächster?

Nähe-kleinWas bisher geschah:

Jesus wird mit der Frage konfrontiert, worum es geht im Leben. Genauer. Er wird gefragt, was ein Mensch tun muss, um das Leben – das volle, ganze, ewige Leben – zu gewinnen.

Es ist dies eine existentielle Frage, weil sie sich nicht auf ein spezielles Lebensfeld oder -thema, sondern auf den Grund und den Sinn des Lebens insgesamt bezieht. Die Frageform „Was soll ich tun, um …“ zeigt an, dass es um eine ethische Diskussion geht. „Was soll ich tun?“ ist – wie Jahrhunderte später der Philosoph Immanuel Kant sagen wird – die Kernfrage der Ethik.

Jesus antwortet auf diese existentielle ethische Lebensfrage anders als man erwarten würde. Er richtet den Blick nicht auf eine Tat, im Sinne von: „du musst das oder das tun, damit du lebendig wirst…“. So würden moralische Lehrbücher oder juristische Gesetze oder vielleicht auch bestimmte Lebensratgeber vorgehen (Prinzip: Tatethik). Jesus richtet den Blick auf die Beziehungen, in denen ein Mensch steht. Das Leben eines Menschen – so die Antwort Jesu – hängt an seinen Beziehungen, an der Art, wie diese Beziehungen sind (Prinzip: Beziehungsethik). Ein Mensch gewinnt das Leben, wenn es ihm gelingt, liebevoll in Beziehung zu sein. Und zwar auf drei Ebenen: zu mir selbst, zu Gott, und zu anderen Menschen. Konkret: zum Nächsten.

Wer aber ist das, mein Nächster? Und wie wird die Beziehung zu ihm liebevoll?

Auf diese Frage antwortet Jesus mit einer Geschichte:

Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

Lassen Sie die Geschichte mal auf sich wirken. Nächste Woche gibt es dazu ein paar Bemerkungen und auch ein paar Bezüge zur sozialen Arbeit.

Für heute nur ein Hinweis zur Übersetzung. Die entscheidende Formulierung bei den drei Männern heißt, genau übersetzt, zweimal „und sehend ihn ging er mit Abstand vorbei“, beim dritten Mal aber „und sehend ihn wurde er von Erbarmen erfüllt und ging hin“.