Schlagwort-Archive: Nahrung

Steh‘ auf und iss! – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (4)

Was lässt Menschen Widerstände überwinden, Krisen durchstehen, neue Kraft und neuen Mut finden? Wie kann man gut mit seinem seelischen Krafthaushalt umgehen? Was schützt und stärkt und belebt in Belastungssituationen? Solche Fragen werden gestellt in Resilienztrainings oder in seelsorglichen Teamgesprächen oder in der spirituellen Krisenbegleitung. Auch jetzt in der Corona-Krise sind diese Fragen wichtig.

Der Glaube bietet hier eine besondere Perspektive an. Viele Religionen, Weltanschauungen, Spiritualitäten verbindet die Überzeugung, dass es Quellen von Kraft und Lebendigkeit gibt, die tiefer liegen als das unmittelbar Sicht- und Machbare. Oder von einem personalen – das heißt: liebesfähigen – Gott her formuliert: Sie rechnen damit, dass Gott für mich zur rechten Zeit etwas bereithält, was mir weiterhilft in Wüsten, Widerständen und Krisen.

Es gibt eine interessante biblische Geschichte, die das in ein existentielles Bild fasst. Sie steht im ersten Königsbuch. Im Mittelpunkt steht der Prophet Elija. Er wird betrachtet im Moment einer schweren Lebenskrise. Szenisch ausgedrückt wird das durch das Bild der Wüste. Die Krise ist so schwer, dass er sich den Tod wünscht. Doch dann passiert etwas:

Elija ging in die Wüste hinein, einen Tagesweg. Wie er so weit gekommen war, setzte er sich unter einen einsamen Ginsterbusch. Er wünschte seiner Seele zu sterben. Er sprach: Nun ist’s genug, Du. (…) Er legte sich hin und schlief ein. Da rührte ein Engel ihn an, der sprach zu ihm: Erheb‘ dich, iss! Er blickte sich um. Da war bei seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und ein Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Aber Sein Engel kehrte wieder, zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Erheb‘ dich, iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf und er aß und er trank und er wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes. (1 Kön 19 )

Das Bild vom Engel ist ein Existenzbild. Es geht da nicht um ein wunderliches Flügelwesen. Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ein Bote, der etwas von Gott zeigen, etwas von seiner Kraft bringen kann. Das kann beispielsweise ein Mensch sein, der mir in einer bestimmten Situation zum Engel wird. Elija begegnet in dieser Szene einem solchen Engel. Und dieser bringt ihn in Kontakt mit neuen Ressourcen.

Der Engel erscheint in dem Moment, wo Elija loszulassen beginnt. Dargestellt wird das durch das Bild des Schlafes. Er hat alles gegeben. Mehr hat er nicht. Nun muss entweder etwas Anderes, Neues kommen – oder er geht zugrunde. Und in diesem Moment, wo er loslässt, sich fallen lässt, kommt das Neue. Der Engel kommt und mit ihm neue seelische Nahrung. Eines allerdings muss Elija dann wieder tun. Er muss aufstehen – erhebe dich, richte dich auf, steh‘ auf. Und er muss essen – iss, trink, nähre dich. Sonst ist der Weg zu weit für dich.“

Auf unseren Lebensalltag – auch auf unser Verhalten in dieser Krise  – übertragen wird das heißen: Schau‘ dich um, vielleicht begegnet dir gerade ein Engel und hat für dich neue Nahrung dabei. Etwas, das deine Lebenskraft, deinen Lebensmut regenerieren kann. Wahrscheinlich ist es keine außergewöhnliche Erbauung, kein besonderes Ereigniss, kein rauschendes Fest, kein gewaltiger Glücksmoment. Sondern spirituelles Schwarzbrot,  eine von den schlichten, alltäglichen Nahrungsquellen. Gerade in der Krise ist es wichtig, diese achtsam wahrzunehmen und wertzuschätzen und auszukosten. Die kleinen Kraft- und Mutspritzen, ein Lächeln, ein gutes Wort, ein schlechter Witz, ein schöner Film, ein tröstendes Augenzwinkern, ein Song, ein Videoclip, ein Abendessen, ein Spiel, ein Vogel am Himmel …

Schau dich um in deinem Leben nach „Brot“ und „Wasser“, nach den großen und kleinen Kraftquellen. Und dann steh‘ auf und iss. Ich – Gott – sorge dafür, dass du seelisch nicht verhungerst. Du – Mensch – musst im rechten Augenblick aufstehen und essen, um Kraft zu bekommen für den nächsten Schritt.

Martha und Maria

Joachim Reber: Martha

Eine andere biblische Geschichte, die in der spirituellen Begleitung von Mitarbeitenden im Sozial- oder Gesundheitswesen gerne eingesetzt wird, ist die Geschichte von Maria und Martha (Lk 10,38-42).  Auch sie zeigt exemplarische Lebensmuster.

[Einmal kam Jesus] in ein Dorf. Eine Frau namens Martha nahm ihn gastlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Martha aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Martha, Martha, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.

In einem Diakonie-Care-Kurs haben wir uns diesem Text zunächst über die Methode des sogenannten Bibliologs angenähert. Dabei versetzen sich die Teilnehmer*innen in die Gestalten des Textes hinein und sprechen das aus, was sie an ihrer Stelle empfinden (würden). Der eigentliche Text wird dadurch kreativ erweitert, weil die eigenen Gedanken und Empfindungen zu Äußerungen der biblischen Figuren werden. Lebensgeschichte und biblische Geschichte treten miteinander in Interaktion und können sich gegenseitig bereichern.

Der Kontext, in dem wir diese Geschichte analysiert haben, war die Frage nach persönlichen Wahrnehmungsmustern. Die beiden Frauen deuten die Situation, die durch den Besuch Jesu geschaffen wird, völlig unterschiedlich. Sie tun dies deshalb, weil sie, wenn man so will, jeweils in einem anderen Lebensmodus sind.

Den einen Modus – Martha – könnte man „Bewährungsmodus“ nennen. Für sie ist es eine Situation, in der sie sich als gute Gastgeberin bewähren will, bewähren muss. Entsprechend werden Fragen wie: Was muss ich tun? Wie mache ich es gut? Was darf auch keinen Fall schiefgehen? etc. zu Leitfragen, die die Situationswahrnehmung prägen.

Den Modus, in dem Maria unterwegs ist, könnte man dagegen „Empfangs- oder Geschenkmodus“ nennen. Für sie ist es vor allem eine Situation, in der sie für ihr Leben etwas Neues bekommen kann, Inspiration, Nahrung, Lebensfreude, Lebendigkeit. Ihre Leitfragen sind: Wie kann ich gut empfangen? Welche Erfahrungen kann ich hier machen? Was will mir diese Situation geben etc.

Ein Anstoß, den diese Geschichte gerade sozial engagierten, verantwortungsbewussten Menschen geben kann, ist: Achte darauf, nicht ständig im „Bewährungsmodus“ zu verharren, sondern immer wieder auch in den „Empfangs- und Geschenkemodus“ umzuschalten. Weil Dein Leben sonst keine Nahrung bekommt. Es kann sein, dass ein Mensch seelisch verhungert. Nicht, weil es keine Gelegenheiten gegeben hätte, sich zu nähren, zu stärken, zu beleben – sondern weil er diese Gelegenheiten nicht auskosten konnte, weil er im falschen Modus war.
Es ist gut und wichtig, dies nicht zu vergessen. Sich immer wieder zu fragen: Wo sind die Situationen in meinem Leben, die mich beleben? Könnte die Situation, in der ich mich gerade befinde, nicht eine sein, die mich beschenken und nähren will? Bin ich dafür empfänglich?

Und es ist recht und richtig, für diese Empfänglichkeit auch zu kämpfen. Sie gegen den oft allgegenwärtigen „Bewährungsdruck“ zu verteidigen und davor zu schützen. Nichts anders macht Jesus ja in dieser Situation. Man kann sich das auch selbst immer wieder sagen, wenn man etwas aufnimmt, annimt, auskostet, genießt: Du hast den guten Teil gewählt. Der soll Dir nicht genommen werden.