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Den Blick heben (1)

Wie im letzten Beitrag angekündigt wollen wir in der nächsten Zeit einmal ein paar dieser existentiellen biblischen Geschichten – von menschlicher Not und Gottes stärkender, tröstender, helfender Kraft -anschauen. Sie können für Menschen in der sozialen Arbeit, so meine ich, inspirierend sein und ermutigend und nicht selten auch entlastend und befreiend.

Die erste Geschichte gehört zu den Klassikern in der theologischen Fortbildung von Seelsorger(inne)n oder Berater(inn)en. In gewisser Weise findet man darin auch das gesamte Programm der Caritas wieder, dieses „Not sehen und handeln“ mit seinen Dimensionen: konkrete Hilfeleistung, Solidaritätsstiftung und Anwaltschaft. Und natürlich, wie bei jeder guten sozialen Arbeit, das Empowerment, die Hilfe zur Selbsthilfe.

Es geht in dieser Geschichte um einen Menschen, der blind ist. „Blindheit“ als Existenzbild meint mehr als ein Augenleiden. Man kann in vielerlei Weise blind sein. Blind in dem Sinne, dass einem ein bestimmtes Blickfeld, eine bestimmte Perspektive fehlt. Blind für etwas. Man sieht etwas nicht, was man eigentlich sehen könnte oder sehen müsste. Liebe kann blind machen. Aber auch Not oder Hass oder Schmerz oder Gram. Oder auch das soziale Umfeld, das bestimmte Wahrnehmungen nicht fördert oder möglicherweise auch nicht duldet.

Um einen blinden Menschen also geht es in der Geschichte. Er wird „Bartimäus“ genannt. Genannt wird er so. Sein Name ist das nicht. Dazu muss man wissen: „Bartimäus“ (eigentlich muss man es auseinander schreiben: Bar Timäus) ist hebräisch und heißt „Sohn des Timäus“. Das heißt: der Mann wird – nur – „Sohn des Timäus“ genannt. Einen eigenen Namen hat er nicht, für sein soziales Umfeld jedenfalls nicht. Er ist, bleibt der „Sohn von…“.

In der Geschichte sind diese beiden Aspekte auf eine gewisse Weise miteinander verbunden. Sie lotet die Frage aus, welchen Zusammenhang es gibt zwischen der Art, wie ich von anderen gesehen werde, und meiner Fähigkeit, selbst etwas zu sehen oder nicht zu sehen.

Soweit die Vorrede. Nun die Geschichte. Zunächst einmal nur der Text, in der sogenannten (neuen) „Einheitsübersetzung“. Später werden wir etwas präziser übersetzen, um noch mehr Feinheiten herauszuholen. Aber als Einstieg reicht es. Die Geschichte steht im Markusevangelium, im zehnten Kapitel.

Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.

Schauen Sie sich die Geschichte mal in Ruhe an. Schauen Sie sehr genau hin, achten Sie auch auf die Details. Was fällt Ihnen auf? Was macht der Mann, was sein soziales Umfeld, was Jesus? Was kommt dadurch wie in Gang? Was ist sonst noch bemerkenswert? Analysieren Sie selbst, treten Sie in den Text ein. Im nächsten Beitrag gibt es dann von meiner Seite noch ein paar Hinweise.

Für die, die schon mal in den originalen Text hineinschauen möchten, hier die griechische Fassung (Mk 10, 46-52):