Grundkurs Christentum (6): diakonische Perspektive

PerspektiveWie liest man nun biblische Geschichten? Wie sind sie zu verstehen?

Ohne groß in textkritische Fragen einzusteigen als Tipp nur soviel: Nehmen Sie bei der Lektüre eine diakonische Perspektive ein. Das heißt: Fragen Sie bei den biblischen Geschichten immer: Was daran ist – für mich, in meiner Lebenssituation – die gute Nachricht? Was wollen mir die Texte sagen, um mich – das meint „diakonisch“ – zu stärken, zu trösten, mir Mut zu machen? Wie wollen mir die Geschichten helfen, mich und mein Leben in einer heilsamen Perspektive zu betrachten?

Und, das ist der zweite Tipp: Fragen Sie immer auch: Was wollen mir die biblischen Geschichten über Gott – über den Beistand Gottes in meinem und für mein Leben – sagen? Denn das ist der rote Faden der ganzen Bibel. Sie erzählt von heilsamen Erfahrungen von Menschen mit Gott. Sie erzählt davon, wie Gott für Menschen etwas tut. Wie Gott Menschen nahe kommt – gerade in Lebenssituationen, wo ihre eigene Kraft nicht reicht.

In der Reihe Refounding haben wir einige biblische Texte zusammengestellt, die für die soziale Arbeit eine besondere Bedeutung haben. Wenn Sie wollen, klicken Sie mal rein und lassen Sie sich davon inspirieren. Und vor allem: Lassen Sie sich davon aufrichten und positiv ausrichten.

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Refounding (4): Bar Timäus

Silver-Stars-mittelIn dieser Serie werden bibische Geschichten ja relativ locker aneinandergereiht. Ausgewählt wird, was in irgendeiner Weise einen Impuls für die soziale Arbeit verspricht. Beispielsweise, auszugsweise, nicht ausschließlich oder vollständig.

Lassen Sie uns mal bei den Wundergeschichten bleiben. Diejenige, die heute vorgestellt wird, gehört so ein wenig zu den Klassikern in der theologischen Fortbildung von Seelsorger(inne)n oder Berater(inn)en. In gewisser Weise findet man darin auch das gesamte „Programm“ der Caritas wieder, dieses „Not sehen und handeln“ mit seinen Dimensionen: konkrete Hilfeleistung, Solidaritätsstiftung und Anwaltschaft. Und natürlich, wie bei jeder guten sozialen Arbeit, das „Empowerment“, die Hilfe zur Selbsthilfe.

Es geht diesmal um einen Menschen, der blind ist. Auch „Blindheit“ meint als Existenzbild mehr als ein Augenleiden. Man kann in vielerlei Weise blind sein: so, dass einem ein bestimmter Blick, eine bestimmte Perspektive fehlt. Und es gibt auch eine Menge Ursachen, weswegen jemand „blind“ wird. Nicht nur die Liebe macht blind. Auch die Not oder der Hass oder der Schmerz oder die Angst. Oder auch das soziale Umfeld, das bestimmte Wahrnehmungen nicht fördert oder möglicherweise auch nicht duldet. Das gibt es auch, dass man etwas nicht sehen will oder nicht sehen darf.

Darum geht es in der Geschichte, um Sehen und Gesehenwerden. In ihrem Mittelpunkt steht ein Mensch, ein „blinder Bettler“. Er wird „Bartimäus“ genannt. Genannt wird er so. Sein Name ist das nicht. Dazu muss man wissen: „Bartimäus“ (eigentlich muss man es auseinander schreiben: Bar Timäus) ist hebräisch und heißt „Sohn des Timäus“. Das heißt: der Mann wird – nur – „Sohn des Timäus“ genannt. Einen eigenen Namen hat er nicht, für sein soziales Umfeld jedenfalls nicht. Er ist, bleibt der „Bub von…“. Um diesen Menschen geht es also. Einen Menschen, der selbst nicht sieht, und der – als eigenständige Person – auch nicht gesehen wird.

Und jetzt beobachten Sie mal den Prozess, der beginnt, als Jesus vorbeikommt. Schauen Sie genau hin, achten Sie auch auf die Details: Was macht Bartimäus, was sein soziales Umfeld, was Jesus? Was wieder Bartimäus und die anderen? Und was kommt dadurch in Gang?

Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler namens Bartimäus. „Bartimäus“ bedeutet „Sohn des Timäus“. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

Refounding (3): Steh‘ auf, nimm deine Bahre und geh!

Wir machen noch ein bisschen weiter mit unserer kleinen Serie. Lernen von Jesus für uns selbst und unsere caritative Arbeit. Eine Rede haben wir schon angeschaut, dann eine Geschichte, die Geschichte einer Begegnung. Heute soll uns ein Wunder inspirieren.

Wunderberichte sind eine eigene Art von Text. Es geht darin nicht so sehr um irgendwelche überirdischen Spektakel. Es geht mehr um innere Vorgänge. Darum, wie es gelingen kann, innere Sperren zu überwinden und der menschlichen Sehnsucht nach Leben Raum zu schaffen und Bahn zu brechen.

In der Wundergeschichte, die ich Ihnen anbieten möchte, geht es um Lähmung. Lähmung – als Existenzbild – meint mehr als eine Erkrankung der Nerven oder des Muskelapparats. Das Bild steht für all das, was einen Menschen daran hindert, in Bewegung zu kommen. Die Sehnsucht nach Aktivität, nach tätigem Leben ist da – aber irgendetwas hemmt den Menschen. Irgendetwas hält ihn im Bann und verhindert, dass die Kräfte, die in ihm vorhanden sind, zur Entfaltung und zur Wirkung kommen. In diesem Fall sind die lähmenden Muster auch schon sehr lange eingefahren. Bis Jesus kommt.

Mehr soll nicht gesagt werden. Schauen Sie sich die Geschichte einfach mal genau an. Schauen Sie, wie Jesus, wie es in der sozialen Arbeit heißt, „interveniert“. Wie die erste Reaktion ist und wie es sich weiter entwickelt. Möglicherweise entdecken Sie bestimmte Muster aus Ihrer Arbeit wieder. Und es könnte sein, vielleicht, dass Sie selbst als Berater(in), Begleiter(in) oder Pflegende sogar selbst schon an einem solchen Wunder mitgewirkt haben.

In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf hebräisch Betesda. In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. Ein Engel des Herrn aber stieg zu bestimmter Zeit in den Teich hinab und brachte das Wasser zum Aufwallen. Wer dann als erster hineinstieg, wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.  Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre und geh! Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre und ging.

Refounding (2): … der werfe als erster den Stein

Wir wollen in unserer kleinen Refounding – Serie Jesus in den Blick nehmen, um von ihm etwas zu lernen für uns selbst und unsere caritative Arbeit. Letzte Woche gab es eine Rede, heute gibt es eine Geschichte. Es geht darin um Schuld, um moralische Empörung, um Richter, Urteile und Strafen. Nein, es geht darin um Menschen. Es geht darin um Menschen und um die Frage: Wer bin ich, dass ich dich und dein Leben verurteilen könnte?

Einmal brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu Jesus: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?(…) Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Schuld ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie? Keiner hat dich verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Darauf zu verzichten, einen anderen zu verurteilen, bedeutet nicht, dass ich alles gutheiße, was jemand tut. Das machen wir in der caritativen Arbeit auch nicht. Wir bewerten Handlungen und Haltungen. Wir bewerten sie, weil wir für ein gutes, menschenwürdiges Leben eintreten und gegen das, was Menschwürde verletzt. Aber wir verurteilen den Menschen nicht. Wir verurteilen den Menschen nicht, ganz gleich, was aus ihm geworden ist.

„Bei euch muss ich mich nicht schämen.“, sagen Klienten oder Bewohner manchmal. „Bei euch kann ich mich zeigen, so wie ich bin, mit meinem Brüchen und Finsternissen“. Das ist mit das Tiefste, was uns jemand an Lob und Dank entgegenbringen kann. Bei uns braucht sich niemand zu schämen, weil wir selbst unsere eigenen Brüche und Finsternisse nicht vergessen. Niemand ist nur stark, niemand ist nur schön, niemand ist nur gut. Ich wäre oft gerne anders. Und habe Angst vor dem Schmutz und der Verachtung und dem Spott. Und bin froh, wenn einer den Stein, mit dem ich so leicht und so schmerzhaft zu treffen wäre, einfach nicht wirft.

Refounding (1): die Antrittsrede Jesu

Beginnen wollen wir unsere Refounding – Serie mit einer Antrittsrede. Antrittsreden sind beliebte Anlässe für eine Rückbesinnung und Rückversicherung. Der Sprecher stellt sich selbst in eine Tradition und erläutert von hier aus sein Programm für die Zukunft. In manchen gesellschaftlichen Kontexten werden Antrittsreden besonders zelebriert und manche solcher Reden sind berühmt geworden. Die Antrittsrede John F. Kennedys zum Beispiel vom Januar 1961 mit ihrem Kernsatz: Ask not, what your country can do for you – ask, what you can do for your country. 

Auch Jesus hält eine Antrittsrede. Das Lukasevangelium berichtet uns davon, wie Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens (im Alter von etwa 30 Jahren) in der Synagoge seiner Heimatstadt das Wort ergreift und Folgendes sagt:

Der Geist Gottes ist auf mir. Er hat mich gesalbt, um den Armen ein Evangelium – eine gute Kunde – zu bringen; geschickt hat er mich, Gefangenen ihre Freilassung zu verkünden, Blinden eine neue Sicht zu geben, Gebrochene aufzurichten, und auszurufen ein Jahr der Gnade Gottes.

Was Jesus hier sagt, ist selbst schon ein Refounding-Text. Es ist ein freies Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja. Im Original heißt es: Der Geist Gottes ruht auf mir. Gott hat mich gesalbt. Gesandt hat er mich, damit ich den Armen eine frohe Kunde bringe, und alle heile, deren Herz zerbrochen ist. Damit ich den Gefangenen Entlassung verkünde und den Gefesselten Befreiung. Damit ich ein Jahr der Gnade Gottes ausrufe, einen Tag, an dem Gott vergilt. Damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt Verzweiflung.

Im Kern steckt in diesem Text alles drin, was das „Lebensprojekt“ Jesu ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was die Berufung und Verantwortung von Christen ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was den Sinn und die Existenzberechtigung von Kirche ausmacht. Und es steckt in ihm alles drin, was die Caritas zur Caritas macht.

Wozu seid ihr da? Wozu gibt es euch – euren Dienst, eure Organisation, euer Unternehmen, euren Verband? Wozu gibt es euch als Caritas und Diakonie? Um Armen – das heißt: Menschen in Not – ein Evangelium – das heißt: etwas Gutes in Wort und Tat – zu bringen. Es gibt uns, um Menschen, die gefangen sind – in eine Sucht, in ihren kranken oder alten Körper, in ihre Schulden, in ihre zerstörerischen Beziehungen – mehr Freiheit zu verschaffen. Es gibt uns, um Trauernden Trost zu sein. Trost zuallererst dadurch, dass jemand da ist, den dieses Schicksal interessiert. Es gibt uns, um Menschen, denen etwas im Leben zerbrochen ist – eine Beziehung, ein Lebensplan, die Selbstachtung, der Lebensmut – zu heilenden Erfahrungen zu verhelfen. Es gibt uns, um Menschen, die sich wie der letzte Dreck fühlen, spüren zu lassen, dass es in ihnen etwas Schönes, Ganzes, Wertvolles gibt, etwas, das Hochachtung verdient.

Die Liste ließe sich unendlich weiterführen. Jede und jeder, die in Caritas und Diakonie tätig sind – unmittelbar oder mittelbar – kann ihres dazulegen. Ihre Art, „Evangelium“ zu tun und zu sein. In der Beratung, in der Begleitung, am Pflegebett, im Wohnheim, im Jugendhaus und und und… Oder im Hintergrund, in den Meetings, politischen Verhandlungen, Struktur- und Finanzprozessen. Das ist alles ja kein Selbstzweck.

Mir tut es gut, diese Sätze immer wieder einmal zu lesen und auf mich wirken zu lassen. Weil sie eine Dimension in meine Arbeit und mein Leben einspielen, die anders ist als die ganzen selbstbezogenen Fragen, die mich umtreiben und quälen. Solange ich nur für mich selbst – für meinen Erfolg, mein Fortkommen, meinen Ertrag – arbeite und lebe, kann ich eine Erfahrung nicht machen: die Erfahrung von Sinn. Eine Sinnerfahrung mache ich dann, wenn ich spüre: genau dafür lohnt es sich, zu arbeiten. Genau dafür lohnt es sich, etwas von mir zu geben, mich – um das antiquierte Wort zu verwenden – „hinzugeben“. In seiner Antrittsrede sagt Jesus, wofür es sich lohnt. Genau dafür, um Armen – Menschen in Not – etwas Gutes zu bringen und sie nicht allein zu lassen.  

Refounding

Beim diesjährigen Forum Caritas und Theologie in Frankfurt trat ein Begriff in den Blick, der derzeit im Kontext von Organisations- und Unternehmensentwicklung neu entdeckt wird und der auch in der Politik eine wichtige Rolle spielt: REFOUNDING.

Impulsgeber war der Theologe und Unternehmensberater Meinrad Bumiller. Ein Interview mit ihm, worin er auf die Idee des „Refoundings“ eingeht, finden Sie hier .

Der Begriff „refounding“ ist zusammengesetzt aus der Vorsilbe „Re“ und „founding“. „Re“ bedeutet auf Deutsch „zurück“. In „Founding“ steckt „Found“: Grund, Fundament.  Refounding beschreibt einen Prozess der Neuausrichtung und Neuformung durch Bezug auf sein eigenes Fundament. Refoundingprozesse fragen an einer bestimmten Stelle der Entwicklung – eines Unternehmens oder einer Partei zum Beispiel – neu nach dem eigenen Grund. Warum wurden wir eigentlich ge-gründet? Welche Idee hatten unsere Gründer? Und was können wir daraus heute lernen? Was können wir daraus lernen für unser Selbstverständnis, unser Qualitätsverständnis, unsere Unternehmenskultur?

Auch der Caritas und ihren Organisationen und Unternehmen tut ein Refounding von Zeit zu Zeit gut. Oft ist die sozialpolitische und unternehmerische Entwicklung und Differenzierung weit fortgeschritten. Gerade dann ist es wichtig und gut, sich an die Gründungsgestalten und Gründungsideen zu erinnern. Was ist der Grund, weswegen es uns gibt? Was ist der Grund, in dem wir unsere Wurzeln haben? Was können wir lernen von unseren Gründerinnen und Gründern mit ihren Ideen und Wertvorstellungen? Was können wir lernen und wie können wir uns neu verwurzeln? Und wie können wir aus unseren Wurzeln neu Kraft schöpfen? Als Organisation, Unternehmen, als Einrichtung, Abteilung und Team? Und auch ganz persönlich als Mitarbeiterin und Mitarbeiter der Caritas?

Um solche Fragen geht es in der neuen Kategorie „Refounding“ in diesem Blog. Sie finden darin verschiedene Auseinandersetzungen mit unserem biblischen Ursprung, mit unserer Gründungsgestalt Jesus von Nazareth und seiner Art, mit Menschen umzugehen, besonders mit denen, die gebrochen sind und ausgegrenzt. Was können wir lernen daraus, heute, für unsere Arbeit in Caritas und Diakonie?