Verdichten und verbinden

Betrachtet man sorgfältig gestaltete Gebetssituationen einmal genauer, sieht man, dass dabei immer zwei Prozess-Schritte stattfinden: Verdichtung und Verbindung. Und beides kann in zwei Existenzrichtungen erfolgen: aufsteigend oder absteigend.

Was bedeutet das?

Verdichtung bedeutet: Meine oder unsere Situation wird in irgendeiner Weise ins Wort gebracht und / oder ins Zeichen. Als Beispiel: Eine Kollegin ist plötzlich verstorben. Das Team gestaltet für sich eine kleine Trauerfeier. Dabei wird vielleicht durch die Teamleitung oder durch einzelne Kolleg(inn)en ein wenig ins Wort gefasst, was dieser Tod in ihnen auslöst. Und es wird – als Zeichen – ihr Bild aufgestellt und eine Kerze davor angezündet.
Zum Gebet wird diese Feier, wenn das, was gesagt und gezeigt wird, auch an Gott adressiert wird. Wenn die Kerze beispielsweise auch entzündet wird als Zeichen – als verdichtetes Zeichen – für die Bitte an Gott, er möge mit seiner Kraft und seinem Trost mithelfen, den Schmerz auszuhalten und den nächsten Schritt zu finden.

Die existentielle Gebetsrichtung wäre hier aufsteigend (der theologische Fachterminus ist: anabatisch). Ich verdichte meine Situation – und schicke sie gewissermaßen gen Himmel.

Absteigend (katabatisch) dagegen bedeutet: Ich verdichte den Beistand Gottes im Wort und / oder im Zeichen. Und bringe ihn mit meiner Situation in Verbindung. Ein Beispiel wäre etwa eine Segnung, in der man der oder dem Gesegneten ein Kreuz auf die Stirn zeichnet oder die Hand auflegt. Im Segen wird einem Menschen der Beistand Gottes zugesprochen (segnen, lat: bene dicere = gut zusprechen). Und man versucht, diesen Zuspruch auch spürbar – körperlich spürbar – werden zu lassen. Durch eine Berührung etwa oder eine Salbung oder durch eine Besprengung mit Wasser oder Ähnliches. Die existentielle Bewegung geht hier von oben aus. Es ist der Beistand Gottes, der im Wort und im Zeichen verdichtet und dann mit meiner Situation in Verbindung gebracht wird. Deshalb absteigend: vom Himmel zur Erde.

Immer aber geht es um das Leben. Es ist mein Leben, unser Leben, das im Gebet verdichtet und mit dem Leben Gottes in Verbindung gebracht wird. Und es ist das Leben Gottes, das im Gebet – im Wort und im Zeichen – verdichtet und mit meinem Leben in Verbindung gebracht wird. Dieser Lebensbezug ist essentiell für das christliche Verständnis von Gebet. Es geht nicht darum, irgendwelche Formeln zu sprechen oder Texte zu rezitieren um ihrer selbst willen. Sondern es geht um Leben, um menschliches und göttliches Leben. Im Gebet verdichtet und miteinander verbunden.

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