Grundkurs Christentum (7): Auferstehung

night lightEin letzter Beitrag in dem kleinen Grundkurs Christentum. Passend zum Osterfest, dem wichtigsten Fest der Christen. In seinem Mittelpunkt steht die Geschichte vom Ende Jesu. Vom Ende Jesu und von dem, was dann kommt.

Ganz kurz: Jesus gerät mit seiner Botschaft mehr und mehr in Konflikt mit bestimmten – politischen und religiösen – Machthabern seiner Zeit. Irgendwann spitzt sich dieser Konflikt so zu, dass ihm nur noch die Möglichkeit bleibt, entweder seine Überzeugungen und seine Verkündigung zu verraten oder standzuhalten – und die Konsequenzen zu tragen, die damit verbunden sind. Die Konsequenz war letztlich der Tod. Jesus hält stand, wird zum Tod verurteilt und auf eine grausame Weise hingerichtet.

Und soweit wäre es nicht besonders erwähnenswert. So etwas geschieht mit Menschen. Leider. Bis heute. Doch dann geschieht noch etwas. Und durch das, was sich dann ereignet, nährt sich bis heute die Hoffnung der Christen, dass es mehr gibt als das, was sich hier abspielt in einem Leben.

Die biblischen Erzählungen betrachten die Jüngerinnen und Jüngern Jesu in der Zeit nach dessen Tod. Wir hören von Menschen, die mit Jesus gelebt und die auf ihn vertraut haben. Wir sehen, wie diese Beziehungen zerbrechen, eine nach der anderen, wie die Frauen und Männer sich verraten fühlen, getäuscht von diesem angeblichen Messias, betrogen um ihr Lebensglück. Wie sie davonlaufen, versuchen, irgendwie an ihr altes Leben anzuknüpfen, an die Zeit vor diesem dreijährigen Spuk. Hier bin ich wieder. Ich habe es nicht geschafft. Der Aufbruch ist nicht gelungen. Verlorene Zeit, verlorene Ehre.

Und dann: Irgendetwas geschieht mit ihnen. Irgendetwas passiert, innerlich und äußerlich. Irgendetwas regt sich, tut sich. Sie sehen etwas, spüren etwas, ahnen etwas. Irgendetwas dringt ein in die Verzweiflung, die Scham, in das Gefühl, betrogen worden zu sein. Und irgendwie, tief innen, beginnt Verwandlung.

Sie machen alle eine Erfahrung, die ihnen – jeder und jedem persönlich und anders – eine neue Perspektive gibt. Sie machen eine Existenzerfahrung, durch die sie irgendwie ihre Erschütterung, ihren Lebensbruch integrieren können. Durch das, was sie erfahren, sehen sie das, was geschehen ist, in einem neuen Licht. Sie schaffen es, so etwas wie eine durchgehende Sinnlinie zu finden. Eine Sinnlinie, die unberührt ist von diesem Scheitern, die nicht einmal der Tod zerstören konnte.

Alle benennen diese Erfahrungen, so unterschiedlich sie im Einzelnen sind, gleich: als Begegnung mit dem auferstandenen Jesus.

An dieser Begegnung hängt letztlich das Christentum. An der Begegnung dieser Menschen mit der Person Jesu nach dessen Tod. An der Erfahrung, dass der Tod nicht das Ende ist, nicht die Grenze dessen, was Leben heißt. Dass es noch etwas Anderes gibt und mehr. Und etwas hilflos nennen die die Christen dieses Andere, diese neue Existenzform „Auferstehung“.

Auferstehung ist möglich: das ist der österliche Subtext, der spirituelle Kontrapunkt, den das Christentum über menschliches Leben legt. Selbst wenn dir alles zerbricht. Am Ende und im Ganzen wird dein Leben gut und heil werden. Weil das Leben, weil Gott stärker ist als der Tod.

 

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Beruf und Berufung

Cappuccino - Schweinchen-klein„Im Dienst an einer Sache und in der Liebe zu einem Menschen kommt der Mensch zu sich selbst.“. Der Satz stammt von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie. Durch seine eigenen Lebenserfahrungen und durch die Begleitung von vielen Menschen ist er zu dieser Überzeugung gelangt. Zum gelingenden Leben gehört nicht nur Freiheit, sondern auch Bindung und Hingabe. Mein Leben wird dann und dadurch erfüllend, wenn ich mich – freiwillig und bewusst – für etwas oder jemand entscheide, wenn ich mich im guten Sinne „in Dienst nehmen“ lasse.

Nicht von jedem und allem freilich. Und jetzt blenden wir die Bindung an Personen einmal aus. Das wäre eine eigene Serie wert. Bleiben wir hier in dieser Betrachtung bei der Arbeit. Wie ist das mit der Arbeit – mit meiner beruflichen Aufgabe, meinem „Dienst“?

Meine Arbeit ist dann erfüllend, wenn ich bewusst und frei „ja“ dazu sagen kann. Wenn ich weiß, wofür zu arbeiten lohnt. Wenn ich überzeugt bin, dass es gut ist, genau dafür meine Kraft, Kreativität, Kompetenz einzusetzen. Wenn ich einen Sinn in dem sehe, was ich tue.

Wir gehen bei Teamgesprächen oder Klausurtagen oft auf die Suche nach Kraftquellen in der Arbeit. Eine der wichtigsten Quellen ist die Arbeit selbst, der Sinn, der in dieser Arbeit liegt. Zur Kunst der Arbeit gehört auch dies: immer wieder nach dem Sinn der eigenen Arbeit zu fragen. Die eigenen Ideale – die Gründe, weswegen ich diesen Beruf ergriffen habe – immer wieder zum Leuchten zu bringen. Und sie in Beziehung zu setzen zur Arbeitsrealität. Ist es das, wofür ich angetreten bin? Bin ich noch auf meinem inneren Weg? Kann ich – weiterhin oder wieder neu – auch mit dem Herzen die Aufgabe tun, die ich übernommen habe?

Manchmal verliert man vor lauter Kleinkram, vor lauter Austarieren der Rahmenbedingungen, vor lauter zwischenmenschlichen Stellungskämpfen, den Blick für das große Ganze. Für das, worum es eigentlich bei all dem geht. Dann ist es gut, zu unterbrechen, durchzuatmen, und zu fragen: Warum mache ich das alles hier eigentlich? In wessen Dienst stehe ich denn, bewusst und frei, mit meiner Kompetenz, meiner Persönlichkeit und meiner Lebenskraft?

Christinnen und Christen sehen die Frage nach dem Sinn ihres beruflichen Tuns noch in einem anderen Zusammenhang. Sie rechnen damit, dass es so etwas gibt wie eine persönliche „Berufung“,  für jede und jeden. Dass, einfach gesagt, Gott mit jedem Menschen etwas vorhat. Dass er selbst mich möglicherweise an einen bestimmten Platz gestellt hat und mich dort, für eine bestimmte Aufgabe, vielleicht besonders braucht. Diese Perspektive kann manchmal von allzu menschlichen Bewertungs- und Erfolgskriterien unabhängig oder ihnen gegenüber freier machen. Es kann sein, dass ich dadurch mein eigenes Tun auch dann als sinnvoll ansehen und erleben kann, wenn es vielleicht gesellschaftlich keine Reputation hat und mir niemand dafür auf die Schulter klopft. Weil ich überzeugt bin: für Gott ist es wichtig und wertvoll, dass ich – genau ich – jetzt an dieser Stelle bin und diesen Dienst verrichte.

„Berufung“ ist allerdings auch kein Blankoscheck, der dazu anhält, alles immer klaglos weiterzumachen. Ich möchte Sie ermutigen, das, was Sie tun und wie Sie es tun, von Zeit zu Zeit wirklich ins Gebet zu nehmen. Nicht nur sich selbst, sondern auch Gott zu fragen, ob es noch das ist, was an der Zeit ist. Im Großen – wenn vielleicht berufliche Entscheidungsschritte anstehen – wie im Kleinen, wenn es um den ganz normalen Arbeitsalltag geht. Auch hier gibt es wieder eine schöne Formulierung im Stundengebet, eine kurze Bitte, die man etwa zu Beginn des Tages – vielleicht beim Hochfahren des Rechners oder beim Anziehen der Dienstkleidung – beten kann: „Gott, schenk‘ mir die Gabe der Weisheit, damit ich den Auftrag dieses Tages erkenne.“

Refounding (1): die Antrittsrede Jesu

Beginnen wollen wir unsere Refounding – Serie mit einer Antrittsrede. Antrittsreden sind beliebte Anlässe für eine Rückbesinnung und Rückversicherung. Der Sprecher stellt sich selbst in eine Tradition und erläutert von hier aus sein Programm für die Zukunft. In manchen gesellschaftlichen Kontexten werden Antrittsreden besonders zelebriert und manche solcher Reden sind berühmt geworden. Die Antrittsrede John F. Kennedys zum Beispiel vom Januar 1961 mit ihrem Kernsatz: Ask not, what your country can do for you – ask, what you can do for your country. 

Auch Jesus hält eine Antrittsrede. Das Lukasevangelium berichtet uns davon, wie Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens (im Alter von etwa 30 Jahren) in der Synagoge seiner Heimatstadt das Wort ergreift und Folgendes sagt:

Der Geist Gottes ist auf mir. Er hat mich gesalbt, um den Armen ein Evangelium – eine gute Kunde – zu bringen; geschickt hat er mich, Gefangenen ihre Freilassung zu verkünden, Blinden eine neue Sicht zu geben, Gebrochene aufzurichten, und auszurufen ein Jahr der Gnade Gottes.

Was Jesus hier sagt, ist selbst schon ein Refounding-Text. Es ist ein freies Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja. Im Original heißt es: Der Geist Gottes ruht auf mir. Gott hat mich gesalbt. Gesandt hat er mich, damit ich den Armen eine frohe Kunde bringe, und alle heile, deren Herz zerbrochen ist. Damit ich den Gefangenen Entlassung verkünde und den Gefesselten Befreiung. Damit ich ein Jahr der Gnade Gottes ausrufe, einen Tag, an dem Gott vergilt. Damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt Verzweiflung.

Im Kern steckt in diesem Text alles drin, was das „Lebensprojekt“ Jesu ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was die Berufung und Verantwortung von Christen ausmacht. Es steckt in ihm alles drin, was den Sinn und die Existenzberechtigung von Kirche ausmacht. Und es steckt in ihm alles drin, was die Caritas zur Caritas macht.

Wozu seid ihr da? Wozu gibt es euch – euren Dienst, eure Organisation, euer Unternehmen, euren Verband? Wozu gibt es euch als Caritas und Diakonie? Um Armen – das heißt: Menschen in Not – ein Evangelium – das heißt: etwas Gutes in Wort und Tat – zu bringen. Es gibt uns, um Menschen, die gefangen sind – in eine Sucht, in ihren kranken oder alten Körper, in ihre Schulden, in ihre zerstörerischen Beziehungen – mehr Freiheit zu verschaffen. Es gibt uns, um Trauernden Trost zu sein. Trost zuallererst dadurch, dass jemand da ist, den dieses Schicksal interessiert. Es gibt uns, um Menschen, denen etwas im Leben zerbrochen ist – eine Beziehung, ein Lebensplan, die Selbstachtung, der Lebensmut – zu heilenden Erfahrungen zu verhelfen. Es gibt uns, um Menschen, die sich wie der letzte Dreck fühlen, spüren zu lassen, dass es in ihnen etwas Schönes, Ganzes, Wertvolles gibt, etwas, das Hochachtung verdient.

Die Liste ließe sich unendlich weiterführen. Jede und jeder, die in Caritas und Diakonie tätig sind – unmittelbar oder mittelbar – kann ihres dazulegen. Ihre Art, „Evangelium“ zu tun und zu sein. In der Beratung, in der Begleitung, am Pflegebett, im Wohnheim, im Jugendhaus und und und… Oder im Hintergrund, in den Meetings, politischen Verhandlungen, Struktur- und Finanzprozessen. Das ist alles ja kein Selbstzweck.

Mir tut es gut, diese Sätze immer wieder einmal zu lesen und auf mich wirken zu lassen. Weil sie eine Dimension in meine Arbeit und mein Leben einspielen, die anders ist als die ganzen selbstbezogenen Fragen, die mich umtreiben und quälen. Solange ich nur für mich selbst – für meinen Erfolg, mein Fortkommen, meinen Ertrag – arbeite und lebe, kann ich eine Erfahrung nicht machen: die Erfahrung von Sinn. Eine Sinnerfahrung mache ich dann, wenn ich spüre: genau dafür lohnt es sich, zu arbeiten. Genau dafür lohnt es sich, etwas von mir zu geben, mich – um das antiquierte Wort zu verwenden – „hinzugeben“. In seiner Antrittsrede sagt Jesus, wofür es sich lohnt. Genau dafür, um Armen – Menschen in Not – etwas Gutes zu bringen und sie nicht allein zu lassen.  

Spirituelles Leben: präsent sein

Der Begriffe „Spiritualität“ oder „spirituell“ sind, darauf wurde hingewiesen, recht vieldeutig und unbestimmt. Deshalb wird versucht, sie mit anderen Begriffen in Verbindung zu bringen. Die Hoffnung ist, dass dadurch das, was ein „spirituelles Leben“ sein soll oder sein kann, klarer und deutlicher herauskommt.

Der erste Begriff, der in den Blick genommen wird, ist „Präsenz“. Spirituelles Leben hat etwas mit Präsenz zu tun, damit, in seinem Leben als Person präsent zu sein.

In den Lexika wird Präsenz meist definiert als „räumliches und zeitliches Gegenwärtigsein“ oder „räumliche und zeitliche Anwesenheit“. Ursprünglich kommt das Wort „Präsenz“ aus dem Lateinischen. Darin steckt das Wort „sensus“: Sinn. „Prae-sens“ bedeutet wörtlich: vor dem Sinn. Mit anderen Worten: präsent bin ich dann und dort, wo ich mit allen meinen Sinnen – den äußeren und den inneren – in einer Situation anwesend bin. Das Gegenteil wäre absent – meine Sinne sind anderswo. Oder dissent – meine Sinne sind zerstreut.

Wirklich präsent zu sein, ist für den Menschen eine schwierige Aufgabe. Für ein Tier ist es wohl einfacher. Aufgrund seiner sogenannten „Umweltpassung“ ist immer es selbst und immer in der Gegenwart. Der Mensch hingegen verfügt über eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft. Und er verfügt über eine Vorstellung vom Raum der Möglichkeiten. Wenn ich an einem Ort bin, kann ich immer dazu denken: Wie wäre es, jetzt an einem anderen Ort zu sein? Wenn ich etwas tue, kann ich immer dazu denken: Warum tue ich jetzt nicht etwas anderes? Immer läuft sozusagen ein Hintergrundfilm, der mir all die Möglichkeiten präsentiert (prae-sentiert), die ich jetzt und hier gerade nicht verwirkliche.

Im alltäglichen Leben erzeugt dieser Hintergrundfilm nicht selten einen erheblichen Druck. Ich beginne mit einer Aufgabe – und sofort leuchtet eine Vielzahl von Lämpchen auf, die andere Aufgaben anzeigen, die ich gerade nicht erledige. „Ich müsste auch noch … und dann ja auch noch…“ Nicht nur, dass dadurch das schlechte Gewissen gefüttert wird – es saugt mir auch einen erheblichen Teil der Kraft ab, die ich eigentlich für das, was ich gerade tue, verwenden könnte. Es kann sein, dass der Schwung und die Tatkraft, mit der ich herangegangen bin, binnen kürzester Zeit erlahmen, und die Freude, die ich eigentlich hatte, plötzlich schal und madig wird.

Auch bei schönen Dingen kann dieser Hintergrundfilm Lebensenergie und Lebensfreude kaputt machen. Weil er mir all das präsentiert, was ich gerade verpasse. Das Smartphone auf dem Tisch im Restaurant ist ein Sinnbild dafür. Ich treffe mich mit Freunden – mit genau diesen Freunden genau in dieser Kneipe – und das Smartphone repräsentiert all jene Menschen, bei denen ich jetzt nicht bin. Es träufelt in die Kommunikation hier und jetzt das Gift der Kommunikation, an der ich gerade nicht teilnehme. Es hält mir all die großen und kleinen Feste vor, die jetzt ohne mich gefeiert werden. Und es kann sein, dass sich langsam tief im Innern die Überzeugung breitmacht: „Du bist nicht am richtigen Ort. Das Leben ist anderswo.“

Zwei Beispiele von vielen. Beispiele mangelnder Präsenz. Nicht als moralische Mahnung. Eher als Ausdruck einer Not, als Ausdruck einer Sehnsucht auch. Sehnsucht nach einem Leben ohne dieses latente Gefühl, stets etwas anderes sein oder machen zu müssen als das, was gerade ist.

„Hier bin ich.“ Das ist die Zauberformel der Präsenz. Präsenz beginnt mit diesem Wort. Hier bin ich! Genau hier, genau jetzt. Genau bei dem, was jetzt geschieht. Genau deshalb bin ich jetzt da. „Hier bin ich“ ist eine Bejahung und eine Absage zugleich. Eine Absage an all das, was ich jetzt und hier nicht bin. Ich bin hier – nicht dort. Aber hier – nicht dort – bin ich wirklich gegenwärtig.

Mir hilft es, besonders wenn es mich hin- und hertreibt, meine Situation – nur für mich – kurz zu beschreiben. Ich bin jetzt hier und mache das. Ich sitze jetzt am Schreibtisch und schreibe diesen Text. Genau deshalb bin ich hier. Um diesen Text zu schreiben. Oft wird es dadurch ein wenig ruhiger in mir. Auf jeden Fall gewinne ich einen besseren Stand. Weil ich dem flimmernden Film der tausend Möglichkeiten etwas entgegensetze: die klare Benennung meiner Wirklichkeit.

„Hier bin ich.“ In den biblischen Geschichten antworten Menschen mit dieser Formel auf den Anruf Gottes. Hier bin ich. Dieser Satz hilft ihnen, inmitten der vielen Ansprüche und Erwartungen und Lockrufe den entscheidenden herauszuhören. Oder wenigstens die vielen Stimmen erst einmal zum Schweigen zu bringen. Hier bin ich. An diesem Ort in diesem Augenblick mit all meinen Sinnen. Wahrhaft präsent.