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Es geht voran – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (5)

Derzeit ist eine Fülle von solidarischen Aktionen zur Corona-Krise zu beobachten. Menschen stellen im Internet Konzerte, Impulse, Videos, Beratungsangebote, Resilienztipps und vieles mehr zur Verfügung. Die ethische Reflexion über das, was die Corona-Krise an Abwägungs- und Konfliktkonstellationen mit sich bringt, läuft auf Hochtouren. Menschen treten anwaltschaftlich für Schwächere ein und stellen engagierte Forderungen. Es wird gelobt und gedankt.

Und das ist gut und richtig und wichtig. Überhaupt keine Frage. Sie haben Lob und Dank verdient die viele großen und kleinen Helden und Solidaritätsstifter. Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich im heutigen Impuls eine andere Gruppe von Menschen in den Blick nehmen.

Die große biblische Wüstenwanderungsgeschichte erzählt von Mose, Aaron, Josua, von ihren Führungsleistungen und großen Taten. Sie erzählen von Gott, von seinem Geleit und seinen Wundern. Und im Gesamt erzählt sie auch vom „Volk“, von „den Leuten“, „den Israeliten“. Was sie nicht erzählt oder nur selten, ist die Geschichte der Einzelpersonen dieses Volkes. Sie erzählt wenig von der Frau, dem Mann, dem Kind, das auf dieser Wüstenwanderung Schritt um Schritt gegangen ist. Jede und jeder Einzelne musste diese Wanderung für sich bestehen. Sie waren zwar Teil einer Weggemeinschaft, einer solidarische Weggemeinschaft, einer geführten und gesegneten Weggemeinschaft – aber jede und jeder Einzelne musste doch jeden Schritt durch die Wüste selbst tun. Jede und jeder Einzelne musste jeden Tag durchhalten, guten Mutes bleiben, irgendwie vorankommen.

In unserer Corona-Krise gibt es viele Menschen, die zunächst einfach mal schauen, wie sie durchkommen durch den Tag. Die schauen, wie sie die Beschränkungen einhalten und die Versorgung aufrecht erhalten können. Die ihren Tageslauf strukturieren und etwas auf den Tisch bringen und die Wäsche waschen, ihr homeoffice zum Laufen bringen, ein paar soziale Kontakte pflegen,  sich bemühen, einigermaßen bei Laune zu bleiben. Frauen, Männer, Jugendliche, Kinder, die einfach ihren Alltag bewältigen und bestehen.

Dadurch aber, dass sie das schaffen – und wir alle sind die, die das derzeit irgendwie schaffen – leisten sie einen Beitrag, dass unsere Weggemeinschaft vorankommt in der Corona-Krise. Jede und jeder, der es schafft, sich an die Corona-Schutzregeln zu halten und seinen Alltag zu bewältigen, leistet einen solidarischen Beitrag auf unserem gemeinsamen Weg durch die Corona-Wüste. Ich glaube, es lohnt sich, sich auch das immer wieder mal bewusst zu machen. Ich muss nicht jeden Tag eine besondere Heldentat vollbringen, um einen Beitrag zu leisten. Den Alltag bestehen, damit es voran geht Tag um Tag, das ist nicht wenig in dieser Zeit.

Weggemeinschaft – spiritueller Impuls zur Corona-Krise (3)

Ein Bild, das diese Zeit gut verdichten kann, ist das der Weggemeinschaft. Menschen sind unterwegs auf einem Weg, der sie durch gefährliches Gelände führt, durch eine Wüste von unbekanntem Ausmaß.

Es sind viele Menschen unterwegs, alle zunächst einmal auf ihrem je eigenen Lebensweg, in ihrer je eigenen Lebens- und Beziehungswelt, mit ihren eigenen Themen, ihren Sorgen, Nöten und Freuden. Alle mit ihrer ganz persönlichen Berufung auch und ihren individuellen Begabungen und Charismen.

Die Chance ist, dass aus der Ansammlung der vielen Einzelnen, die diese Wüste durchqueren müssen, eine Weggemeinschaft wird. Eine Gemeinschaft von Menschen, die sich auf diesem Weg gegenseitig Geleit und Unterstützung geben. Die Chance ist, dass auf diesem Weg Menschen in unterschiedlichen Konstellationen zusammentreffen, ein Stück gemeinsam gehen und sich auf diesem Wegstück gemeinsam bereichern.

Wenn die Weggemeinschaft lebendig und wachsam ist, dann geraten die nicht aus dem Blick, denen die Kraft ausgeht, die nicht mehr können, die gefallen sind. Dann gibt es in diesem Moment andere Wanderer, die ihnen wieder aufhelfen, sie stützen, vielleicht auch ein Stück weit auf die Schulter nehmen und tragen.

Wir können seit Beginn der Corona-Krise eine Fülle beeindruckender Beispiele erleben dafür. Beispiele, wie Menschen, das, was sie dabeihaben auf diesem Weg, mit anderen teilen. Wie sie füreinander da sind, Informationen teilen, Musik machen, ermutigen, trösten, ermahnen auch und Orientierung geben. Beruflich und freiwillig, in vielfältigsten Formen. Alles Beispiele für echte, füreinander sorgende, solidarische Weggemeinschaften

Es ist eine weltweite Weggemeinschaft, auch das wird in diesen Tagen deutlich. Menschen nehmen weltweit aneinander anteil, ermutigen einander, setzen Zeichen der Solidarität. Der emotionale Boden für Solidarität ist in der Tiefe immer ein Gefühl geteilter Identität. In der Corona-Krise können wir dies erleben. Wir können uns als Weltgemeinschaft erleben, als weltweite Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam einen schweren Weg zurücklegen müssen und sich dabei gegenseitig stärken.

Eine Besonderheit dieser Weggemeinschaft ist, dass wir uns auf diesem Weg nicht zu nahe kommen dürfen. Wir sind einander auch Gefahr auf diesem Weg. Es ist eine Weggemeinschaft von Menschen mit dünner Haut, eine Gemeinschaft von Verwundeten und Verwundbaren. Wir brauchen andere, neue Formen von Zartheit und Zärtlichkeit. Formen, uns nahe zu kommen und nahe zu sein, ohne uns zu gefährden und zu verletzen. Auch da gibt es schon berührende – in genau diesem Sinne – Beispiele. Konzerte, die Menschen im Netz geben, gemeinsame Gesänge, virtuelle Gottesdienste und vieles mehr. Auch das Gebet ist eine Weise, sich nahe zu kommen, ohne einander zu verletzen.

Gemeinsam unterwegs. Weggemeinschaft. Pilgerndes Gottesvolk, wenn Sie es theologisch formulieren möchten. Eine Erfahrung hat das biblische Gottesvolk immer gemacht, sie kann uns auch heute auf unserer Wüstenwanderung begleiten. Die Erfahrung, dass über einer sorgenden Weggemeinschaft der Segen Gottes liegt. Dass Gott selbst mitgeht auf einem solchen Weg und das Seine dazu beiträgt, dass die Kraft nicht ausgeht und der Mut nicht niedersinkt.