Wer ist mein Nächster?

Nähe-kleinWas bisher geschah:

Jesus wird mit der Frage konfrontiert, worum es geht im Leben. Genauer. Er wird gefragt, was ein Mensch tun muss, um das Leben – das volle, ganze, ewige Leben – zu gewinnen.

Es ist dies eine existentielle Frage, weil sie sich nicht auf ein spezielles Lebensfeld oder -thema, sondern auf den Grund und den Sinn des Lebens insgesamt bezieht. Die Frageform „Was soll ich tun, um …“ zeigt an, dass es um eine ethische Diskussion geht. „Was soll ich tun?“ ist – wie Jahrhunderte später der Philosoph Immanuel Kant sagen wird – die Kernfrage der Ethik.

Jesus antwortet auf diese existentielle ethische Lebensfrage anders als man erwarten würde. Er richtet den Blick nicht auf eine Tat, im Sinne von: „du musst das oder das tun, damit du lebendig wirst…“. So würden moralische Lehrbücher oder juristische Gesetze oder vielleicht auch bestimmte Lebensratgeber vorgehen (Prinzip: Tatethik). Jesus richtet den Blick auf die Beziehungen, in denen ein Mensch steht. Das Leben eines Menschen – so die Antwort Jesu – hängt an seinen Beziehungen, an der Art, wie diese Beziehungen sind (Prinzip: Beziehungsethik). Ein Mensch gewinnt das Leben, wenn es ihm gelingt, liebevoll in Beziehung zu sein. Und zwar auf drei Ebenen: zu mir selbst, zu Gott, und zu anderen Menschen. Konkret: zum Nächsten.

Wer aber ist das, mein Nächster? Und wie wird die Beziehung zu ihm liebevoll?

Auf diese Frage antwortet Jesus mit einer Geschichte:

Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

Lassen Sie die Geschichte mal auf sich wirken. Nächste Woche gibt es dazu ein paar Bemerkungen und auch ein paar Bezüge zur sozialen Arbeit.

Für heute nur ein Hinweis zur Übersetzung. Die entscheidende Formulierung bei den drei Männern heißt, genau übersetzt, zweimal „und sehend ihn ging er mit Abstand vorbei“, beim dritten Mal aber „und sehend ihn wurde er von Erbarmen erfüllt und ging hin“.

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