Nachklingen lassen

sustainDie heutige Betrachtung zu einer Kunst der Arbeit stellt einen ganz praktischen Tipp vor. Etwas, das eigentlich jede und jeder weiß – und das trotzdem erstaunlich oft in Vergessenheit gerät.

Es geht um das Nachklingen. In der Musik braucht jeder Ton eine gewisse Zeit, um sich zu entfalten. Würde man beispielsweise die Gitarrensaiten nur anschlagen und dann sofort wieder abstoppen, käme kein schönes Stück zustande. Man hätte das Gefühl, die Musik zu ersticken. Und würde man dann gleich den nächsten Ton anreißen ohne dass der vorherige genug Zeit hatte, zu klingen, dann wäre das ein ganz unangenehmes Hörerlebnis. Man hätte das Grundgefühl einer unguten Hektik, den Eindruck, es geht vor allem drum, möglichst schnell „durchzukommen“. Bei Musikschülern, die ein Pflichtvorspiel absolvieren müssen, kommt das zuweilen vor. Man spürt dann, die Hauptsache ist, das Ganze rasch und einigermaßen ohne Fehler hinter sich zu bringen. Und oft geht die Anspannung des Musikschülers auch auf die Zuhörer über, und alle sind erleichtert, wenn es endlich zu Ende ist.

Was hat das mit der Arbeit zu tun? In der Arbeit – in der Begleitung, Beratung, Pflege, Führungsarbeit – geht es nicht um Töne, sondern um Ereignisse. Auch Ereignisse brauchen ihre Zeit, um sich im Inneren, im Erleben entfalten zu können. Besonders gilt dies für Erfolgserlebnisse. In Teamgesprächen gehen wir oft auf die Suche nach großen und kleinen Kraftquellen. Und fast immer wird dabei gesagt: ganz wichtig und stärkend sind Erfolgserlebnisse. Wenn ich spüre, dass ich etwas gut gemacht habe, dass etwas gelungen ist. Wenn ich vielleicht auch gelobt werde dafür, oder jemand mir für meine Arbeit – für etwas ganz Konkretes – dankt. Und solche Erfolgserlebnisse gibt es. In jeder Arbeit gibt es etwas, was gelingt, gibt es Lob und Dank. Damit diese Erlebnisse aber ihre nährende und stärkende und erfreuende Kraft entfalten können, brauchen sie Zeit – Zeit zum Nachklingen.

Lassen Sie ein Lob oder einen Dank mal ein wenig stehen und wirken. Nicht gleich abwinken oder zum Nächsten übergehen. Lassen Sie ein Erfolgserlebnis mal ein wenig Glanz entfalten, lassen Sie sich ein wenig feiern oder feiern Sie sich selbst dafür – zumindest im Inneren. Nicht gleich abwürgen mit Sätzen wie „das ist doch selbstverständlich…“ Lassen Sie diese Ereignisse und Erfahrungen nachklingen in Ihrer Seele, geben Sie ihnen Zeit und Raum. Damit daraus eine schöne Melodie wird, die Herz und Seele erfreut.

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Spirituelles Leben: spüren, was an der Zeit ist

Spirituelles Leben hat etwas damit zu tun, präsent zu sein, hier und jetzt gegenwärtig. Damit zusammen hängt ein bestimmtes Zeitverständnis, eine bestimmte Art, Zeit zu erleben. Das ist der zweite Gedanke dieser kleinen Serie. Spirituelles Leben bedeutet: spüren, was an der Zeit ist.  

Es ist insgesamt ein Kennzeichen eines, wenn man es so nennen will, „spirituellen Erlebens“, dass ein Mensch in dem, was er in seinem Leben erfährt, noch etwas anderes erkennt. Er sieht in dem, was ihm unmittelbar vor die Sinne kommt, eine Bedeutung, die darüber hinausgeht. Das setzt eine innere Offenheit voraus. Eine Haltung, die damit rechnet, dass es so etwas geben kann wie Zeichen; Zeichen, die für mich und mein Leben eine Bedeutung haben.

Hier nun wird die Zeit als bedeutsam erfahren. Ein Mensch, der ein spirituelles Leben pflegt, sieht in den Stunden eines Tages nicht nur Zahlen auf einem Ziffernblatt, die mechanisch ablaufen. Er sieht in der Zeit auch nicht nur eine Art Vorrat, den ich „verbrauche“ wie einen Sack voll Sand. Sondern er rechnet damit, dass die Zeit mir etwas zu sagen, zu künden hat. Er rechnet damit, dass es so etwas gibt wie den „rechten Augenblick“, in dem etwas auf mich wartet, als Chance oder Aufgabe. Das gilt es wahrzunehmen. Es geht darum, zu hören und zu spüren, was – genau jetzt, genau hier, genau für mich – “an der Zeit ist”.

Der amerikanische Benediktiner David Steindl-Rast hat es einmal so ausgedrückt: “Aus der mönchischen Perspektive ist die Zeit immer eine Reihe von Gelegenheiten, von Begegnungen. Wir leben im Jetzt, indem wir uns auf den Ruf eines jeden Augenblicks einstimmen, indem wir hören, was jede Stunde und jede Situation von uns verlangt, und indem wir darauf antworten.” (Steindl-Rast, David: Musik der Stille. Freiburg 2008, 23)

Den „Ruf des Augenblicks“ spüren, das gehört zum spirituellen Leben. Hier sind wir wieder bei der Präsenz. Es geht darum, im Hier und Jetzt wirklich präsent, wirklich gegenwärtig zu sein. Um das zu spüren, was dieses Hier und Jetzt für mich als Chance oder Aufgabe bereit hält. Eine solche Haltung denkt viel weniger von der eigenen To-do-Liste her. Sie spürt viel eher nach: Was ist jetzt dran? Was ist jetzt an der Zeit? Was ist die besondere Chance dieses Moments? Eine solche Haltung lässt sich viel weniger leiten und treiben von der Frage: Was muss ich alles noch tun? Sie nimmt viel stärker wahr: Was ist für mich bereitet, was wartet auf mich, hier und jetzt?

Eine gute Übung, diese offene, empfangende Haltung einzuüben, ist das achtsame Wahrnehmen der Tageszeiten. Die Stunden des Tages haben ja alle ihre besondere Qualität, manchmal auch ihren besonderen Zauber. Die frühe Morgenstunde ist anders als die Stunde, wenn der Tag sich zur Nacht hin neigt. Mittag ist anders als Mitternacht. Nicht nur, weil es einmal hell und einmal dunkel ist. Alle sind Stunden eines – meines – Lebenstages. Ein Lebenstag, den ich am Morgen bewusst annehmen kann. Den ich Laufe des Tages gestalte, mit all dem, was er mit sich bringt. Und den ich am Abend abschließe, den ich gehen lasse, den ich vielleicht auch in Gottes Hand zurückgebe.

Jesus spricht oft vom „Kairos“, vom rechten Augenblick, den es auszuschöpfen gilt. Und er ein Gespür für das, was er „meine Stunde“ nennt. Meine Stunde, das heißt: der rechte Moment, um etwas, das ich in mir trage, zu verwirklichen. Der rechte Moment, um mich einer Aufgabe zu stellen – mit allem, was sie dann von mir fordert. Der rechte Moment auch, um das, was ich brauche an seelischer Nahrung, aufzunehmen. Aus christlicher Sicht sind das alles Momente der Gottbegegnung. Gott kann mir in der Zeit begegnen. Er hält für mich Tag um Tag, Stunde um Stunde, etwas bereit. Und es geht darum, das wahrzunehmen, das zu spüren. Zu spüren, was Gott – genau jetzt – für mich bereithält. Und mich davon inspirieren, beleben und stärken zu lassen.